Jenny Erpenbeck Aller Tage Abend

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Inhaltsangabe zu „Aller Tage Abend“ von Jenny Erpenbeck

Wie lang wird das Leben des Kindes sein, das gerade geboren wird?
Wie lang wird das Leben des Kindes sein, das gerade geboren wird? Wer sind wir, wenn uns die Stunde schlägt? Wer wird um uns trauern? Jenny Erpenbeck nimmt uns mit auf ihrer Reise durch die vielen Leben, die in einem Leben enthalten sein können. Von einer galizischen Kleinstadt um 1900 spannt sie dabei den Bogen über Wien und das stalinistische Moskau bis ins Berlin der Gegenwart. Meisterhaft und lebendig erzählt Erpenbeck, wie sich, was wir Schicksal nennen, als unfassbares Zusammenspiel von Kultur- und Zeitgeschichte, von familiären und persönlichen Verstrickungen erweist.

Kunstvoll konstruiert - sehr besonders

— Corsicana

Sprachmächtiges Was-wäre-wenn vom Ersten Weltkrieg bis zum Mauerfall. Phantasievoll und melancholisch.

— alasca

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    Aller Tage Abend

    Corsicana

    30. January 2017 um 15:36

    In ihrem Roman "Aller Tage Abend" spielt Jenny Erpenbeck mit dem "Was wäre wenn?" , mit den Gedanken, wann ein Leben zu Ende sein kann (eben aller Tage Abend) oder eben nicht - es hängt davon ab, ob dieses oder jenes geschieht. Ein Baby. Tochter einer jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters, stirbt entweder schon im Alter von 8 Monaten im galizischen Brody (da. wo Joseph Roth herkam) - oder das Baby stirbt nicht und zieht mit der Familie ins Wien der K.u.K. Monarchie und stirbt dort - oder das Mädchen wird eine glühende Kommunistin und beendet ihr Leben in einem Sibirischen Arbeitslager - oder sie wird nicht ins Arbeitslager deportiert.... oder ... oder... Insgesamt fünf verschiedene Möglichkeiten des Todes erzählt die Autorin - und entwirft gleichzeitig ein Panorama der Geschichte Europas im letzten Jahrhundert. Angefangen vom Progrom gegen Juden in Galizien über das Ende der K.u.K. Monarchie, über die Hungerzeiten während und zwischen den Weltkriegen, über den aufstrebenden Kommunismus und später die Arbeitslager in der Sowjetunion bis hin zur DDR und deren Ende. Dies alles ist sehr kunstvoll konstruiert und in einer sehr eindringlichen Sprache erzählt. Sogenannte Intermezzi leiten immer über in eine andere denkbaren Variante. Dies ist hohe Erzähl- und Konstruktions-Kunst. Ich muss jetzt unbedingt noch andere Bücher von Jenny Erpenbeck lesen.

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  • Stilsichere Verwirrung der Leserschaft.

    Aller Tage Abend

    Provinzpoet

    03. December 2015 um 18:29

    Die  chronologische Zeitreise einer Familie durch die letzten hundert Jahre deutscher Geschichte - erzählt aus verschiedenen Perspektiven. Nichts ist tatsächlich so, wie es scheint - das jedoch wird dem Leser immer erst im folgenden Kapitel vor Augen geführt. Und: ist das nicht  in unserem realen Leben ebenso? Jenny Erpenbecks Schreibsprache ist beeindruckend - mal poetisch mit sanften Schwüngen, dann plötzlich kurz und knapp, auf den Punkt. Gerade so, wie es der Roman verlangt. Dieses Gespür für die Platzierung des jeweiligen Schreibstils macht die Kunst der Autorin (u.a.) aus. Jenny Erpenbeck versteht außerdem sprachlich elegant zu erzählen, ohne zu schwafeln. Das ist dermaßen angenehm, dass mir der Plot schon mal egal sein kann.

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  • Aller Tage Abend

    Aller Tage Abend

    BlackFire

    25. June 2014 um 21:15

    *** Klappentext *** „Wie lange wird das Leben des Kindes sein, das gerade geboren wird? Wer sind wir, wenn uns die Stunde schlägt?“ *** Inhalt *** Die Geschichte eines Kindes wird aus der Sicht mehrerer Personen erzählt. Das Buch selbst wird in 5 Bücher unterteilt, die bis auf das letzte, mit einem Intermezzo abschließen. Dabei gibt es jeweils einen Erzählstrang, in dem das Kind am Ende aus unterschiedlichen Gründen stirbt, während im Intermezzo die Geschichte einen anderen Verlauf nimmt und das Kind überlebt, um im nächsten Buch in einem anderen Lebensabschnitt zu sterben. Durch das jeweilige Zusammenspiel von Zeitgeschichte sowie familiären und persönlichen Verstrickungen wird das Leben des Kindes dabei eine andere Wendung nehmen. *** Meine Meinung ***  „Aller Tage Abend“ hat mir mein Freund wärmstens empfohlen, der nach dem Lesen des Buches sehr begeistert davon war. Also habe ich es mir als nächstes Buch in meinem immer größer werdenden Stapel vorgenommen und dann innerhalb weniger Tage gelesen. Das Buch ist recht anspruchsvoll und daher nicht ganz leicht zu lesen. Die Personen werden kaum mit Namen benannt und so ist es zu Beginn der Geschichte nicht immer sofort ersichtlich, aus welcher Perspektive der jeweilige Abschnitt geschrieben ist. Nach und nach bekommt man aber ein Gefühl für die Figuren, sodass dies immer leichter wird. Die Sprache ist sehr gewichtig und steckt voller Metaphern, ein stetiges Mitdenken und Interpretieren vonseiten des Lesers ist daher unerlässlich. Gleichzeitig ist die Schreibweise der Autorin aber auch schön und ausdrucksstark. Durch die vielen möglichen Verläufe der Geschichte wird man zum Nachdenken angeregt. Oft sind es die kleinen unscheinbaren Handlungen, die einem Leben einen völlig anderen Weg geben können. Ich fand auch das Ende des Buches sehr traurig und bewegend. Auch wenn es kein Buch ist, das sich mal schnell nebenbei lesen lässt und vielleicht auch keines, dass einen von der ersten Seiten an fesselt, kann ich es wirklich nur empfehlen. „Aller Tage Abend“ hat mich wirklich berührt und auch zum Nachdenken gebracht. Von mir gibt es volle 5 Sterne.

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  • More than just a pretty face

    Aller Tage Abend

    bookscout

    20. February 2014 um 14:22

    Intensiv ist er, der Roman von Jenny Erpenbeck. Über weite Strecken düster und bedrückend, gleichzeitig jedoch lebensbejahend und ironischerweise leichtfüßig.  An der Oberfläche könnte man meinen, die Autorin hätte anhand einer exemplarischen Protagonistin vorrangig die Geschichte des 20. Jahrhunderts nachzeichnen wollen. Lange bleibt sie gesichts- und namenlos, der Leser ein Voyeur, der versteckt hinter dem Vorhang einen verstohlenen Blick auf das Innerste einer Unbekannten erhascht.  Die Leitmotive Entbehrung, Verfolgung und Tod wiederholen sich an unterschiedlichen Schauplätzen: in Galizien gepaart mit Kälte, in Wien mit Hunger und in Moskau mit Verrat.  Insgesamt viermal stirbt die Protagonistin vermeintlich und erhebt sich stets doch wie Phönix aus der Asche.  Eine klassische "Was wäre, wenn.."-Geschichte? Vielleicht. Oder auch viel mehr als das, wer weiß?   Wer kennt es schließlich nicht, dieses Gefühl, alles breche zusammen, man könne nicht mehr weiter, wolle einfach nur sterben? Wofür weiterkämpfen, sich kasteien und abstrampeln, wenn danach doch nur mehr Entbehrungen und mehr Leid warten, fragen wir.  Jenny Erpenbeck zeigt mit ihrer Geschichte - und ich denke, dass genau das die Hauptaussage des Buches darstellt - dass es immer einen Silberstreif am Horizont gibt. Wir wissen nicht wo und wir wissen nicht wann und wir wissen schon gar nicht, worin er schlussendlich bestehen wird, unser persönlicher Silberstreif, auch bekannt als "Sinn des Lebens". Aber es gibt ihn. Wir müssen nur lange genug durchhalten, um ihn zu erreichen...  Fazit: Keine leichte Kost. Ich gestehe, dass ich wiederholt kurz davor war, das Buch aus der Hand zu legen. Warum tue ich mir das eigentlich an, habe ich mich gefragt. Aber wer durchhält, wer sich wirklich auf die Geschichte einlässt, der wird am Ende belohnt. Mit einem Silberstreif. 

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  • nicht überzeugende Umsetzung einer interessanten Idee...

    Aller Tage Abend

    suggar

    15. January 2014 um 19:33

    ...ein wirres Durcheinander einer "Was-wäre-wenn"-Geschichte, in der  zwischen Zeiten und Personen hin und hergesprungen wird. Meist wurde erst nach mehreren Absätzen klar, um wen es eigentlich geht :(

  • Jenny Erpenbeck - Aller Tage Abend

    Aller Tage Abend

    *Arienette*

    18. September 2013 um 15:56

    "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, hatte die Großmutter am Rand der Grube zu ihr gesagt. Aber das stimmte nicht, denn der Herr hatte viel mehr genommen, als da war - auch alles was aus dem Säugling hätte werden können, lag jetzt da unten und sollte unter die Erde" (Zitat) Jenny Erpenbeck lässt gleich zu Beginn die Protagonistin als Säugling den plötzlichen Kindstod sterben - und lässt sie mehrfach wieder auferstehen, verschiedene Leben leben und erzählt dabei nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch Geschichte des 20. Jahrhunderts. Aufgeteilt in 5 Kapiteln widmet sich jedes einem möglichen Leben. Zwischen jedem Kapitel findet sich ein Intermezzo. Der Roman stellt die Frage: "Was wäre wenn? Welche Konsequenzen gibt es?" Im ersten Kapitel, es ist 1902, zerbricht die Ehe der Eltern, nachdem das Kind den plötzlichen Kindstod gestorben ist. Die Ehe sollte die jüdische Mutter vor dem Antisemitismus retten, den Vater vor dem Schuldenberg - keine guten Voraussetzungen für eine glückliche Ehe. Am Ende des ersten Kapitels folgt ein Intermezzo, in dem das Baby mit einer Handvoll Schnee zum Leben erweckt wird und im zweiten Kapitel nun zur jungen Frau geworden ist. Es ist 1919, in Wien herrscht Armut und Hunger. Der erste Weltkrieg ist gerade vorbei. Auch am Ende dieses Kapitels stirbt die junge Frau. Im dritten Kapitel wird das Jahr 1938 geschrieben; die Frau lebt in Moskau in der stalinistischen Zeit und ist politisch engagiert. Doch sie wird verhaftet, landet im Lager und stirbt. Im vierten Kapitel lebt die Frau hochdekoriert in der DDR. Das letzte Kapitel spielt nach der Wende 1992. Die Frau lebt als 90-jährige in einem Heim. Sprachlich ist der Roman anspruchsvoll, gut konstruiert und emotional aufwühlend. Ich empfand den Roman als spannend und interessant zu lesen. Ein gewagtes Experiment ist die Autorin eingegangen und es ist ihr gelungen. Der Roman stand auf der longlist des Deuschen Buchpreises 2012

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  • Dieser Roman spielt literarisch ein grandioses „Was wäre wenn“ durch!

    Aller Tage Abend

    Nil

    21. July 2013 um 20:39

    In Jenny Erpenbecks Roman ‚Aller Tage Abend‘ der 2012 erschien wird das Leben einer Frau mehrmals durchgespielt. Fünf Mal erlebt diese Frau ihr Lebensende. Zu Beginn als Säugling, dann als junge Frau, dann als ältere Frau und als Greisin. Es wird einem vor Augen geführt wie eine Veränderung der Umstände, der Zufälle, der Gegebenheiten dazu führt, dass für sie nicht „aller Tage Abend“ ist und das Leben weiter geht. Hinzu kommt die tolle Verwebung geschichtlicher Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Geboren in einer galizischen Kleinstadt um die Jahrhundertwende als Tochter einer Jüdin, nach Wien gespült und nach Moskau verschlagen um das Ende in der DDR zu erleben. Oder auch nicht…Je nachdem welchem Strang man den Vortritt lässt. Das Ganze ist in Büchern mit einem jeweiligen Intermezzo unterteilt in dem die Umstandsänderung erklärt wird. Ein fein erzählter Roman mit viel Tiefe und vielen Überlegungen. Ich fand dieses Werk sehr einnehmend. Dramatisch und gut. Grandios erzählt mit treffender Sprache wie auf Seite 34: „Zeugt es von Feigheit, wenn man sein eigenes Leben verlässt, oder von Charakter, wenn man die Kraft hat, neu zu beginnen?“ Auf jeden Fall keine Strandlektüre, eher was für einen ruhigen Abend am Kamin. Ich habe den Roman leider in heißen Sommertagen gelesen, dass passte nicht ganz.

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  • Rezension zu "Aller Tage Abend" von Jenny Erpenbeck

    Aller Tage Abend

    walli007

    02. February 2013 um 08:26

    Ein Leben in fünf Akten Ein Kind stirbt nur wenige Monate nach seiner Geburt. Die Eltern wussten sich und dem kleinen Mädchen nicht zu helfen. Die Ehe der Eltern zerbricht am Tod des Kindes. Der Vater wandert zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus nach Amerika. Die Mutter, die nun keine Mutter mehr ist, zieht zurück zu ihrer Mutter, die nun wieder Mutter und nicht Großmutter ist. Die Mutter, die nun wieder Tochter ist, beginnt sich an fremde Männer zu verkaufen. Einen eigenen hat sie ja nicht mehr. Was jedoch wäre gewesen, wenn sie sich doch zu helfen gewusst hätten und das Kind überlebt hätte. Daraus webt die Autorin einen Teppich aus Geschichten, die durch dieses, was wäre wenn, verbunden sind. Denn am Ende einer jeden Geschichte stirbt das Mädchen, die Frau, jedes Mal älter geworden, jedes Leben schwer. Am Ende ein schwere aber gutes langes Leben. Als Erkenntnis bleibt, dass das Leben immer mit dem Tod endet und zuletzt gibt es kein, was wäre wenn mehr. Den irgendwann ist das Leben nun einmal endlich. Und so stimmt die Lektüre eher melancholisch. Man hätte dem Mädchen mehr Fröhlichkeit, weniger Schwere gewünscht. Sie durchwandert das 20. Jahrhundert und scheint, wenn ihr ein, was wäre wenn, gewährt wird, jeweils einen schweren Weg zu nehmen. Hat sie eine Wahl oder ist der Weg vorgezeichnet. Die ärmliche Herkunft auch Galizien, der Umzug nach Wien, die Eltern, bei denen es manchmal kaum fürs Essen reicht. Erster Weltkrieg, Putsch, Kommunismus, Ankommen in der DDR, die Wende. Wo bleiben da die Träume, die Wünsche, die Erfüllung. Des Lebens Bürde ist schwer zu tragen, so dass man sich schließlich fast schon fragt, ob es ohne, was wäre wenn, nicht einfacher gewesen wäre. Ein Buch, auf das man sich einlassen können muss.

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  • Rezension zu "Aller Tage Abend" von Jenny Erpenbeck

    Aller Tage Abend

    Kreisrundes_Quadrat

    17. January 2013 um 16:38

    Warum stirbt ein Mensch? Eingebettet in die Geschichte des 20. Jahrhunderts, verläuft das Leben der Protagonistin in verschiedenen möglichen Szenarien. Mal verstirbt sie bereits als Säugling, mal erst als betagte Greisin im Altersheim. Auch das komplexe Netz der familiären Beziehungen und die Auswirkungen des Todes auf die Mitmenschen werden eindringlich geschildert. Immer bringt der Tod dann eine Frage im Konjunktiv mit sich. Wie hätte sich das Potential dieses Menschen entfaltet, wenn zum Beispiel der Mutter durch irgendeinen äußeren Umstand die erlösende Idee gekommen wäre, wie sie ihr Kind retten kann? Der Roman erkundet die verschiedenen Bahnen, in denen ein Menschenleben verlaufen kann. Völlig ohne den überheblichen Anspruch dies abschließend zu beantworten, fragt er, was wohl geschehen sein mag, dass dieser und nicht jener Weg eingeschlagen wurde.

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  • Rezension zu "Aller Tage Abend" von Jenny Erpenbeck

    Aller Tage Abend

    HeikeG

    03. September 2012 um 17:22

    Grenzüberschreitungen oder Die Zeit und die Ewigkeit . Wie fühlt es sich an, "wenn das Hörbare und das Unhörbare, das Ferne und das Nahe, das Innere und das Äußere, das Tote und das Lebendige gleichzeitig da wären, keines wäre über dem anderen, und dieser Augenblick, in dem alles gleichzeitig da wäre, würde ewig dauern." Dann wäre wahrscheinlich "Aller Tage Abend", so wie es der Titel von Jenny Erpenbecks neuem Roman verkündet. Die Berliner Autorin hat nach ihrem 2009 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman "Heimsuchung" erneut ein literarisches Achtungszeichen gesetzt. Dieses Mal untersucht sie die unzähligen Möglichkeiten eines Lebens. Momente und Verzweigungen, in denen es sich in diese oder aber in eine ganz andere Richtung entwickeln kann. Zufälle bestimmen dabei den Fortgang der Entwicklung. Am Ende steht jedoch immer der Tod. Oder vielleicht doch nicht...? . In fünf Kapiteln, die durch sogenannte Intermezzi getrennt sind und auch in ihrer literarischen Erzählform völlig eigenständig agieren, verlängert Erpenbeck das Schicksal eines Mädchens fünf Mal jeweils um einige Jahre. 90 werden es letztendlich sein, die sie von 1902 bis ins Nachwendejahr 1992 vor dem Leser aufrollt. So wird aus dem plötzlichen verstorbenen kleinen Mädchen, doch noch ein hübscher Teenager im kargen Nachkriegs-Wien. Und auch dessen Selbstmord entspringt nur einer literarischen Fiktion, so dass die junge Frau ihre politischen Aktivitäten ins bolschewistische Russland verlagern kann. Doch dort kann schon mal das sibirische Straflager folgen. Aber vielleicht kommt alles ganz anders und sie zu schriftstellerischen Ehren in der DDR. Oder... Vielleicht... . "Kehrt die Zeit, wenn sie den Weg nach vorn verfehlt hat, einfach um und geht wieder rückwärts?" Oder ist sie tatsächlich "wie ein Dornenstrauch, der sich in Wolle verfangen hat, den man mit aller Gewalt herausreißt und hinter sich wirft." Eines wird bei Jenny Erpenbeck jedenfalls klar: "Am Abend eines Tages, an dem gestorben wurde, ist längst noch nicht aller Tage Abend." Denn ihre Personen "sind zum Zurückbleiben bestimmt, manche zum Gehen, zum Ankommen die dritten." Die Autorin spielt erneut faszinierend mit Unsichtbarkeiten und Grenzüberschreitungen. Zeit ist bei ihr relativ. Lebensgrenzen werden beweglich, verschieben sich unmerklich. Alles hängt mit allem zusammen. Wie Stege baut sie dabei die Sitten der Menschen zum Teil ins Unmenschliche hinein. Ihre Protagonisten brauchen zuweilen nur kurze Zeit um sich ihr Alltagsgewand über- oder abzustreifen, "um irgendetwas aus einem anderen Leben (...) zu Ende zu bringen" und hernach bald schon wieder "dahin zurückkehren, woher sie kamen". Dass sie den abgelebten Alltag mitunter noch einmal einstürzen sehen, ist unkalkulierbares Risiko. . "Aller Tage Abend" entpuppt sich als anspruchsvoller Text, der viele Fragen aufwirft. "Zeugt es von Feigheit, wenn man sein eigenes Leben verlässt, oder von Charakter, wenn man die Kraft hat, neu zu beginnen?" "Wie viele (...) Fronten gab es in einem Leben, die einem das Leben kosten konnten?" Gibt es Momente, in denen man mit sich selbst vergleichbar ist? "Bildet vielleicht die Summe all dessen, was irgendwann einmal irgendwo auf der Welt gesagt wurde und wird, ein lebendiges Ganzes, das nur manchmal nach dieser, manchmal nach der anderen Seite Auswüchse hat, am Ende aber sich wieder ausgleicht?" Und ist vielleicht mitten unter den Menschen das Rätsel des Lebens versteckt? . Erpenbecks "Aufenthaltsraum voll unerzählter Geschichten" erzeugt eine permanente Sogwirkung, eine starke innere Spannung, der sich zu entziehen kaum möglich ist. Nur angedeutet und hingetupft, verdichtet sie ihren Stoff zu fast tiefenpsychologischer Dramatik. Ihre Einzelschicksale stapelt sie neben- und übereinander, verknüpft, dröselt auf und webt wieder zusammen. So lässt sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beinahe gleichzeitig existieren. Nur der Wechsel der Sprach- und Stilebenen markiert das Vergehen der Zeit. Der Text der Autorin entspringt als ein Versuch, Grenzen sichtbar zu machen, "an der Worte aus Luft und Worte aus Tinte sich in etwas Wirkliches verwandeln, ebenso wirklich werden wie eine Tüte Mehl..." Jenny Erpenbeck lotet Entwicklungen von Menschen der verschiedensten Art aus. Die erfolgreiche sozialistische Schriftstellerin, die sie in einem ihrer Kapitel "porträtiert", fasst den Tenor des Buches treffend in Worte: "Vielleicht gelingt es ihr, sich mit dem Schreiben eine Rettung zu schreiben, und den Lauf ihres Lebens, durch ein paar Buchstaben mehr oder weniger, zu verlängern oder wenigstens zu erleichtern, auf nichts anderes kann sie hoffen, als darauf, sich durchs Schreiben ins Leben zurückzuschreiben. Aber was sind die richtigen Worte?" Vielleicht sind es die von Jenny Erpenbeck. Ihr Roman wurde auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2012 gesetzt. . "Ich habe geträumt, dass ich geträumt habe. Und auf einmal war es kein Traum mehr."

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