Jenny Erpenbeck Gehen, ging, gegangen

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Inhaltsangabe zu „Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck

Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die zufällige Begegnung mit den Asylsuchenden auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei jenen jungen Flüchtlingen aus Afrika, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind.
Jenny Erpenbeck erzählt auf ihre unnachahmliche Weise eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, von Tod und Krieg, vom ewigen Warten und von all dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt.

lesenswert. guter & emotionaler Ansatz sich mit dem Flüchtlingsthema auseinanderzusetzen.

— Gwenliest

Wichtig und berührend. Schöne Stilistik. Informativ und aufrüttelnd mit guter Message.

— Naibenak

Beeindruckendes und wichtiges Buch. Leseempfehlung.

— ulrikerabe

Hat mich tief beeindruckt.

— Claudia_Späth

Ein hochaktueller und wichtiger Roman, der uns zeigt, wie wichtig es ist, nicht vorschnell zu urteilen, sondern sich dem Fremden zu nähern.

— Julino

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    Gehen, ging, gegangen

    Gwenliest

    27. July 2017 um 08:25

    Ich bin sehr beeindruckt von diesem Buch. Jenny Erpenbeck beschäftigt sich in Gehen, Ging, Gegangen mit einem sehr ernsten und wichtigen Thema, der Flüchtlingskrise. Dublin Verfahren, Behördendramen und einige sehr persönliche Einzelschicksale. Richard, ein emeritierter Professor trifft auf eine Gruppe von Flüchtlingen, sein Interesse ist geweckt und was als Studienprojekt beginnt, wird immer mehr zu einer Herzenslebensaufgabe. Nach und nach lernt der Leser gemeinsam mit Richard, aus dessen Perspektive erzählt wird, die Flüchtlinge kennen, mit ihren Alltagsproblemen im hier und jetzt aber auch ihre Schicksale, die zu ihrer Flucht geführt haben. Nach und nach verändert Richard das Leben der Flüchtlinge, mindestens genauso sehr wie diese seins verändern.Wenn ich was kritisieren müsste, wäre es, dass mir starke Frauen mit eigener Geschichte in dem Roman fehlen. Jedoch hätte das wahrscheinlich vom Grundthema abgelenkt. Sprachlich hat es mich nicht ganz überzeugt, Wiederholungen füllen das Buch, die mir den Lesefluss immer wieder störend unterbrochen haben. Bruchstückhafte Sätze, gerade am Anfang empfand ich diese nicht so angenehm, auch dass lyrische und mysthische Elmente eingeflochten wurden mochte ich nicht so gern (wenngleich auch nur ganz fein gestreut). Dafür hat es mich thematisch auf ganzer Linie überzeugt. ich habe häufig die Kiritk gelesen, dem Leser wird von der Autorin viel vorgegeben an Themen, die nicht selbst erarbeitet werden müssen. Ja, das hat auch etwas den Anschein, aber gerade die ganzen Fragen und Vorurteile, mit denen man in Alltagsgesprächen konfrontiert wird (wie können Sie sich ein Handy leisten, keiner will arbeiten, ...) kennen wir ja alle, nichts davon ist neu. Seit Jahren aktuell, aber häufig sieht man das Thema als ein großes Ganzes, aber nicht mehr die einzelnen Menschen als Individuen mit ihrer jeweils eigenen besonderen Geschichte. Diese hat uns Jenny Erpenbeck aber hier anhand von sehr persönlichen Schicksalen "visible" gemacht, ohne dabei das System und die Gesellschaft zu verteufeln. Das hat sie aus meiner Sicht gut hinbekommen.Ganz viele Leute sollten das Buch lesen.

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    • 2
  • Buchraettins SuB-Aufbau mit Niveau - Leserunde zu "Gehen, ging, gegangen" von Jenny Erpenbeck

    Gehen, ging, gegangen

    aba

    Und es geht weiter mit Buchraettins Leserunden im Rahmen ihres "SuB-Aufbaus mit Niveau".

    Leider schon wieder ganz schön verspätet lesen wir im Juni "Gehen, ging, gegangen" von Jenny Erpenbeck.

    Jede/r, die/der mitmachen möchte, ist herzlich willkommen!

    Ich wünsche uns viel Spaß!

    • 124

    aba

    23. July 2017 um 16:41
    Gwenliest schreibt hm ich könnte mir vorstellen, das die Autorin eben mehr auf die Situation der Flüchtlinge jetzt in Deutschland eingehen möchte und den Leser gar nicht zuviel in die Eigenarbeit zu den ...

    Ja, das denke ich auch. Ich denke, die Situation dieser Flüchtlinge in Berlin ist sogar noch spezieller. In anderen Orten leben sie auch anders. Die Behörden handeln in jeder Stadt auch etwas ...

  • Rezension zu "Gehen, ging, gegangen" von Jenny Erpenbeck

    Gehen, ging, gegangen

    aba

    14. July 2017 um 16:42

    Die Erweiterung des HorizontesAktuell ist das Thema Nummer 1 in Deutschland die Flüchtlinge und die Probleme, die sie allein mit ihrer bloßen Präsenz verursachen. Vielen Menschen, die sich ausschließlich negativ darüber äußern, würde ich gerne nur eine einzige Frage stellen: Was hat sich in deinem Leben seit dem letzten Flüchtlingsansturm verändert? Bestimmt haben die meisten von ihnen keine Antwort auf diese Frage. Nicht aber Richard. Er hat viel zu erzählen. Denn sein Leben hat sich in der Tat verändert, dank der Existenz der Flüchtlinge."Gehen, ging, gegangen" von Jenny Erpenbeck ist sozusagen Richards Antwort auf die Frage, ob sich etwas in seinem Leben verändert hat, seitdem die Flüchtlinge die Straßen Deutschlands bunter und exotischer machen.Am Anfang könnte man den Eindruck haben, dass Richards Interesse für die Flüchtlinge wissenschaftlicher Natur ist. Als Universitätsprofessor, der gerade in die Rente eingetreten ist, geht er erstmals mit diesem Interesse wie mit einem Forschungsprojekt vor, bis er eines Tages merkt, wie sein Leben sich in der Tat verändert hat. Wegen der Flüchtlinge.Wer mit Menschen aus anderen Ländern zu tun hat, egal aus welchem Grund, hat die wertvolle Gelegenheit, das eigene Leben, das eigene Land und die eigenen Gewohnheiten aus einer anderen Perspektive zu betrachten, und zwar durch die Augen der Fremden. Flüchtlinge sind auch nicht nur Fremde, sondern sie haben einen besonders traumatischen Weg hinter sich, die sie in ferne Gegenden geführt hat. Für diese Erfahrungen interessiert sich Richard auch und muss im Rahmen seiner "Forschungsarbeit" feststellen, dass das Leben in Deutschland für die Flüchtlinge kein Zuckerschlecken ist.Bald lernt Richard etwas, das eigentlich von vornherein selbstverständlich sein sollte: Auch Flüchtlinge sind Menschen, ganz normale Menschen. Und mit ganz normalen Menschen erlebt man oft schöne Momente, aber auch hin und wieder Enttäuschungen. Trotzdem gibt es Momente, in denen Richard diese Menschen und deren Geschichten leicht zu idealisieren tendiert. In seiner Fantasie werden sie fast zu mythologischen Helden. Nach und nach merkt er, dass die Realität sie bereits zu Helden gemacht hatte, aber auf eine traurige und meist traumatische Art und Weise.Richard macht mit Flüchtlingen dieselben Erfahrungen, die alle anderen gemacht haben, wenn sie den Kontakt zu ihnen suchen, mit ehrlichen Absichten und ohne Erwartungen. Auch ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Mir hat gefallen, diese zu vergleichen, und ich habe mich gefreut, wenn Richard Schönes und Positives erlebt hat, auch so wie ich. Besonders gefreut habe ich mich, als jemand Richard beschrieben hat, wie das Ende des islamischen Fastenmonats gefeiert wird, denn das entsprechende Kapitel habe ich im Bus gelesen, nachdem ich die Ehre hatte, zusammen mit einer afghanischen Familie und deren Freunden genau dieses Fest zu feiern.Insgesamt hat mir "Gehen, ging, gegangen" gut gefallen, auch wenn ich die Atmosphäre rund um Richard immer wieder zu betrübt fand. Natürlich ist dieses Thema kein generell fröhliches, aber auch wenn sich Richard im Laufe der Zeit immer mehr engagierte und auch Emotionen investierte, habe ich gehofft, dass er dennoch ab und zu weniger melancholisch wirkt."Gehen, ging, gegangen" zeigt außerdem, wie absurd Gesetze sein und wie schnell sie Helfer frustrieren können. Trotzdem beweist Richards Geschichte, dass es sich lohnt, etwas dafür zu tun, damit es Menschen in einer Ausnahmesituation besser geht. Sie zeigt auch, dass, auch wenn man Gutes tut, ohne eine Belohnung zu erwarten, bekommt man dabei automatisch das Beste, was die Begegnung mit anderen Kulturen bieten kann: die Erweiterung des eigenen Horizontes.

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  • Wichtiges, berührendes Zeitdokument

    Gehen, ging, gegangen

    Naibenak

    28. June 2017 um 21:57

    Richard, kürzlich emeritierter Professor für alte Sprachen und bereits Witwer, möchte in seinem neuen Dasein einen Sinn finden. Er strukturiert sein Leben durch, wohnt allein in einem großen Haus in ehemals Ost-Berlin an einem See, in dem letzten Sommer jemand ertrunken ist und noch immer nicht gefunden wird. Als er am Berliner Oranienplatz mit Flüchtlingen aus Afrika in Berührung kommt, wächst in ihm eine Idee, ein Auftrag. Fein säuberlich erstellt Richard einen Fragenkatalog, um damit zur neuerlichen Unterkunft der Flüchtlinge zu gehen und diese zu befragen. Schon bald ist Richard fast täglich dort, freundet sich mit einigen an, hört sich ihre Geschichten an und versucht zu helfen. Sein Blick ändert und erweitert sich. Und immer wieder schweift Richard in Gedanken zu seiner verstorbenen Frau und auch zur Wendezeit in Berlin, die er durchlebt hat. Zieht Parallelen zur Situation der Flüchtlinge, merkt aber bald, dass deren Vergangenheit viel komplexer ist, als er es sich je erträumt hätte. Ebenso die aktuelle Situation.Als Leser begeben wir uns in Richards Gedankenwelt, die sehr authentisch und sprachlich passend dargestellt wird. Mal sind es lange verschachtelte Gedankengänge, dann wieder unvollständige Sätze oder aber Einwortsätze. In diesen etwas ungewöhnlichen Sprachrhythmus hineinzufinden, der außerdem gänzlich ohne wörtliche Rede auskommt, hat mich einige Seiten gekostet. Dann jedoch fließt es wie von selbst. Man merkt die Entwicklung von Richard im Verlauf der Geschichte. Oft sind Gedanken zur Menschheit, zum Lebenssinn, zur aktuellen Flüchtlingssituation oder auch zu ganz eigenen Reaktionen sehr eindrücklich und berührend beschrieben. „Er ärgert sich, aber worüber eigentlich? Dass der Afrikaner nicht so glücklich und dankbar ist, wie er es von ihm erwartet? Dass der Afrikaner ihn, den einzigen Deutschen von draußen, der, wie es scheint, jemals dieses Heim hier freiwillig betritt, einfach vergisst? Vielleicht auch darüber, dass der Afrikaner nicht verzweifelt genug ist, um seine Chance zu erkennen? Oder eher darüber, dass er ihm, Richard, durch seine Achtlosigkeit beiläufig klarmacht, dass das Angebot mit dem Klavierspielen keine Chance darstellt, sondern allenfalls einen geringfügig besseren Zeitvertreib als das Schlafen? Damals, in den Diskussionen, die der Trennung seiner Geliebten von ihm vorausgegangen waren, hatte sie mehrmals gesagt, nicht das Ausbleiben dessen, was er erwarte, sei das Problem, sondern seine Erwartung.“ (S.145)Abwechselnd mit diesen – Richards – Gedanken, die manches Mal durchaus etwas (zu) gefühlsduselig wirken, erzählen die Flüchtlinge ihre Geschichten, was wiederum sehr reduziert und telegrammartig dargestellt wird. Hier sprechen die nackten Tatsachen für sich. Aber selbst das ist teilweise an der Grenze des Erträglichen. Hinzu kommt der Bürokratiewahnsinn, der einfach nur frustriert und ebenso die allgegenwärtigen Berührungsängste der Berliner, der Hass und die Aggression, die Richard beim Durchstöbern einiger Internetforen entgegenschlagen...„ Führt der Frieden, den sich die Menschheit zu allen Zeiten herbeigesehnt hat und der nur in so wenigen Gegenden der Welt bisher verwirklicht ist, denn nur dazu, dass er mit Zufluchtsuchenden nicht geteilt, sondern so aggressiv verteidigt wird, dass er beinahe schon selbst wie Krieg aussieht?“ (S.298)Jenny Erpenbeck zieht in diesem hochaktuellen Roman einen großen Bogen über die Themen: Veränderung/Angst vor dem Unbekannten/ Erinnerung & Trauerbewältigung. In unterschiedlicher Ausprägung treffen nämlich diese Kernthemen auf alles zu: auf das Altern von Richard als Witwer im Ruhestand, auf die Wendezeit im ehemals geteilten Berlin, auf die Flüchtlingssituation. Ich hätte mir manches Mal gewünscht, dass die Autorin auch einen Blick aus einer anderen Perspektive wagt. So wirkt der Roman stellenweise doch sehr einseitig und „vorgesetzt“, teilweise auch ein wenig kitschig und unrealistisch. Doch will ich ihr dies verzeihen, denn dieser Roman ist meiner Meinung nach ein wichtiges deutsches Zeitdokument zum einen und außerdem eine berührende Geschichte eines alternden Mannes.Fazit: Sollte man lesen! Wichtig und berührend. Schöne Stilistik. Informativ und aufrüttelnd mit guter Message.

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    • 4
  • „…immer ist im Zuhören die Frage enthalten..."

    Gehen, ging, gegangen

    StefanieFreigericht

    26. June 2017 um 22:24

    „…immer ist im Zuhören die Frage enthalten: Was soll man verstehen, was will man verstehen, und was wird man nie verstehen, will es aber bestätigt bekommen.“ Ich wollte das Buch unbedingt toll finden angesichts des wichtigen aktuellen Themas – doch leider gelang mir das immer nur im steten Wechsel mit ziemlichem Genervtsein. Worum es geht? Rentner Richard redet mit Flüchtlingen, so der Grundplot dieses Buches. Man könnte noch ergänzen: und verlässt seine Komfortzone oder und erweitert seinen Horizont, aber das liegt vielleicht schon im Auge des Betrachters bzw. Lesers. Ohne Leserunde hätte ich wohl nicht durchgehalten, ich war zwischen Gegensätzen auf der Skala zerrissen. Da ist zum einen die Sprache, oft wunderbar treffend: S. 174 „Sich vom Wünschen zu verabschieden, ist am Alter wahrscheinlich das, was man am schwersten lernt.“ oder „…immer ist im Zuhören die Frage enthalten: Was soll man verstehen, was will man verstehen, und was wird man nie verstehen, will es aber bestätigt bekommen.“ S. 95 (ich hoffe dabei nicht, dass DAS mein Problem ist?!). Auf der anderen Seite sind da verschachtelte Sätze und das Stilmittel der häufigen Wiederholungen, die teils schlicht nerven, hier zu „Freude“: „Die Freude an dem, was am richtigen Platz ist, was nicht verlorengeht, was auf die richtige Weise gehandhabt wird und nicht verschwendet, die Freude an dem, was gelingt, ohne ein anderes am Gelingen zu hindern, ist, so sieht er das, in Wahrheit die Freude an einer Ordnung, die nicht von ihm errichtet, sondern von ihm nur gefunden werden muss, die außer ihm liegt, und ihn gerade deshalb verbindet mit dem, was wächst, fliegt oder gleitet, ihn dafür zwar von manchen Menschen entfernt, aber das ist ihm gleich.“ S. 25 Und dann ist da, viel wichtiger, das Thema, zum einen Flüchtlinge, zum anderen aber wohl auch das Altern, die Auseinandersetzung mit der DDR/deren Ende und, etwas diffuser vielleicht, so etwas wie Ziele, Lebensgrundsätze. Die Leserunde rettete mir hier ein wenig den Zusammenhang, alles sind Wendepunkte, dennoch: Mir gerät das Ganze zu überladen – schon sprachlich, dann in der Ausweitung des Haupt-Themas um weitere, zuletzt beim eigentlichen Thema selbst. Ja, natürlich ist das Thema Flucht manifest, relevant und drängend, wobei Erpenbeck ihr Buch bereits VOR der Kulmination 2015 geschrieben hatte. Aber VOR ALLEM durch die Ereignisse seit 2015 finde ich ihr Buch schlicht zu wenig, zu theoretisch: sie erzählt brilliant-einfühlsam von Kriegsflüchtlingen – aber nichts an „Widerhaken“ sonst in der Geschichte: keine Einwände bei Richards Freunden (von einem idiotischen Spruch abgesehen), nur lauter sympathische Flüchtlinge (von einem eher angedeuteten Ereignis abgesehen), selbst die Behörden sind vielleicht teils hilflos, aber ebenfalls irgendwie farblos nett (abgesehen von Überforderungen, Bürokratie). Realistisch? Die Erzählung selbst stellt die nacherzählten Flucht- und Heimatgeschichten dar, den Kampf im Behördendschungel in Deutschland. Das hat Stärken, so wenn Richard den Bezug sieht zwischen griechischer Mythologie und der Historie Libyens, oder bei der grandiosen Gegenüberstellung von Richards Einkaufszettel mit einer Art Wunschzettel der Flüchtlinge je nach Herkunftsland. Und dann liefert Autorin Erpenbeck Fakten, die man eher in einem Sachbuch erwarten würde, einer der Presserezensenten spricht hier von einem „Tatsachenroman“ (FAZ 27.08.2015). Für mich ist der Bruch zum Rest zu stark. Woran soll ich mich da als Leser reiben? Es wird reichlich viel erklärt, fast vorgegeben durch die Autorin – da bleibt wenig, dass ich mir selbst zusammen-lesen kann (Gegenbeispiel eines aktuellen Jugendbuchs, "The Hate U Give", ein schwarzer Teenager wird von einem Polizisten in den USA erschossen: hier wird der Leser durch verschiedene Phasen geschoben von rein der Sicht seiner Jugendfreundin als unbeteiligter Zeugin, über seine Drogendeals – war er selbst mitschuldig? – bis hin dazu, was denn das bitte rechtfertigen dürfe).  Wie auch hier die Flüchtlinge, fühlte sich wohl schon jeder genervt von deutschen Verwaltungen, jedoch fehlen mir im Buch Ideen für Alternativen zu den bemängelten Behördenprozessen. Es gibt „nur“ Opfer von Kriegshandlungen als Flüchtlinge, keine Frauen, keine alleinreisenden Jugendlichen, keine Opfer sexueller Gewalt – niemanden, der kriminell ist oder radikal auf beiden Seiten. Natürlich werden gerade die letzteren beiden gerne instrumentalisiert, doch wiederum ist mir insgesamt die Darstellung da zu wenig. Und: ALLES wird nicht in einem Buch erfassbar sein, aber doch vielleicht "mehr". Für mich erfasst "Exit West" das Thema besser, demnächst auch in deutscher Übersetzunghttps://www.lovelybooks.de/autor/Mohsin-Hamid/Exit-West-1434705719-w/rezension/1448860545/https://www.lovelybooks.de/autor/Mohsin-Hamid/Exit-West-1445989486-w/

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  • Beeindruckendes und wichtiges Buch

    Gehen, ging, gegangen

    ulrikerabe

    26. June 2017 um 12:16

    „Wohin geht ein Mensch, wenn er nicht weiß, wo er hingehen soll?“Gehen, ging, gegangenWas hat Konjugation deutscher Verben mit dem Leben eines Flüchtlings zu tun?Ist es, dass Verben in der Vergangenheitsform einen "Freund" haben und in der Gegenwart alleine dastehen, so wie die Geflohenen auch ihre Familie und Freunde von früher zurücklassen mussten und jetzt alleine sind?Richard, frisch emeritierter Professor für alte Sprachen, seit einigen Jahren verwitwet, lebt alleine in einem Haus an einem See am Berliner Stadtrand. Er hat seine festen Gewohnheiten, lebt viel in seiner Gedankenwelt und Erinnerung, an früher, noch zu DDR Zeiten. Ankommen muss er erst in seinem Leben nach der Universität. Oft quält ihn die Frage, wie er seine Zeit ausfüllen soll.Bis nahezu zufällig ein Thema für ihn immer präsenter wird, die Flüchtlingsproblematik. Richard schließt Bekanntschaft mit einigen Afrikanern, deren Anliegen ist, sichtbar zu sein, wahrgenommen zu werden.Richard beginn in seiner fundierten wissenschaftlichen Methode einen Fragenkatalog zu erstellen, begibt sich regelmäßig in die Asylunterkunft und befragt die Männer, die allesamt aus ihren Heimatländern in Afrika fliehen mussten, Familie und Freunde zurücklassen mussten. Schon bald verlässt Richard seine Wohlfühlzone, involviert sich immer mehr in die Geschichten und Schicksale der Männer. Zunächst gibt Richard für sich den Männer Namen aus der Mythologie oder Kunst, nennt sie den Blitzeschleuderer, Tristan oder Apoll - nur Karon heißt tatsächlich so – doch mit der Zeit kann er zu jedem eine individuelle Beziehung aufbauen, hilft mit Deutschunterricht, Begleitung zum Anwalt, finanziell.Doch die Wirklichkeit heißt, Bürokratie, Abschiebung, Duldung, Dublin II, Vorschriften, Gesetze, Machtlosigkeit, das Einzelschicksal ist unbedeutend.Jenny Erpenbeck hat mit „Gehen, ging, gegangen“ ein aktuelles, wichtiges und nahegehendes Buch vorgelegt. Drei Themen geht sie an, das Altern und die Sinnfindung im Alter, die Wende und natürlich das Flüchtlingsthema. Auf den ersten Blick sehr viel auf einmal. Aber näher betrachtet geht es immer um Veränderung, Zurücklassen von alten Gewohnheiten, Verlust und Neuanfang, in unterschiedlichen Ausprägungen. Ich mochte das Eintauchen in Richards Gedankenwelt. Die schonungslosen Erzählungen der Flüchtlinge waren manchmal kaum auszuhalten. Gelegentlich musste ich das Buch beiseitelegen und durchatmen. Auch wenn nicht immer alles ausgesprochen wurde, war doch zu denken, was passiert ist. Im Gegenteil dazu präsentiert Erpenbeck Fakten, Gesetze wie eine Dozentin.Mich hat dieses Buch stark beeindruckt.

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  • Lesenswertes, zum Nachdenken anregendes Buch zur Flüchtlingsproblematik

    Gehen, ging, gegangen

    Federfee

    02. September 2016 um 15:33

    Wir nehmen an den Gedankengängen Richards teil, ein Professor alter Sprachen im Ruhestand, Witwer, der alleine in einem schönen Haus an einem See lebt, in Berlin. Er ist noch nicht ganz sicher, was er mit der vielen Zeit anfangen soll, er hält Haus und Garten in Ordnung und wir nehmen an seinem Alltag und seinen Gedanken teil. Das spiegelt sich im einfachen, nüchternen Schreibstil wider, auch in den Wiederholungen. So ist es eben, wenn man denkt.Und dann schleicht sich leise und unmerklich die Flüchtlingsproblematik in das Leben dieses saturierten Wohlstandsbürgers, der die Flüchtlinge im Hungerstreik auf dem Potsdamer Platz zuerst gar nicht bemerkt hat. Er will mehr wissen und geht das in üblicher wissenschaftlicher Manier an. Er erstellt einen Fragenkatalog und begibt sich in ein Flüchtlingsheim, wo er einige Männer befragen darf. Richard will mehr wissen, vertieft sich in Rechtliches und erforscht, wo diese Männer herkommen. Es bleibt nicht aus, dass er eine menschliche, freundschaftliche Bindung zu ihnen aufbaut und ihnen hilft, wo er nur kann.Der Leser erfährt nicht nur, wie schrecklich sich die Bürokratie auswirkt, sondern das gleiche wie ich auch gerade: Jeder Flüchtling ist ein Mensch für sich, ein Einzelschicksal, jeder hat seine Geschichte.Wie oft muss wohl einer das, was er weiß, noch einmal lernen, wieder und wieder entdecken, wie viele Verkleidungen abreißen, bis er die Dinge wirklich versteht bis auf die Knochen? (S. 154)

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  • Auf der Suche nach einem neuen Leben

    Gehen, ging, gegangen

    Xirxe

    19. August 2016 um 19:28

    Richard, frisch emeritierter Professor, fällt wie so viele vor ihm zu Beginn dieses neuen Lebensabschnittes in eine Leere, die er versucht mit Sinn zu füllen. Da seine Arbeit ihm das einzig Sinngebende scheint, entschließt er sich zu einem neuen Projekt: Was ist Zeit? Die richtigen Gesprächspartner dazu sieht er in den Flüchtlingen, die in der Nähe seines Hauses untergekommen sind. Denn wer wenn nicht sie, die 'Aus-der-Zeit-Gefallenen', könnten ihm am besten erklären, was Zeit ist? Immer wieder besucht er sie und lässt sich ihr Leben erzählen; ihre Kindheit; ihre Flucht; ihr Ankommen; ihre Wünsche; ihre Träume. Je mehr er zuhört, umso mehr beginnt er zu verstehen, was diese Leute antreibt und überleben lässt. Richards Vorstellungen von der Welt und den Menschen beginnen sich zu ändern, langsam, Stück für Stück...Die ersten 50 Seiten war ich kurz davor, das Buch zur Seite zu legen. Nichts als die selbstmitleidigen Gedanken eines Pensionärs, der nicht weiß wie er seine Tage füllen soll. Doch dann beginnt er mit seinem Projekt und nach und nach nimmt die Geschichte an Fahrt auf. Nicht in Form von Spannung und Action - der emeritierte Professor lässt sich auf die Geschichten der Flüchtlinge ein und man kann ihm buchstäblich dabei zusehen, wie sich seine Gedanken und seine Einstellungen ändern. Es ist nicht nur die Vergangenheit der Befragten, die so erschütternd ist, sondern auch die Aussichtslosigkeit des Lebens, das den Meisten bevorsteht. Keine Anerkennung als Flüchtling, keine Arbeit, Abschiebung wer weiß wohin, nirgendwo ein Leben mit Perspektive. Und alles nur, weil sie zur falschen Zeit im falschen Land geboren wurden.Es ist kein mitleidheischendes Buch, der Ton ist vielmehr so sachlich-kühl, dass es mir fast schon wieder zu viel war. Und mit noch einem Punkt hadere ich ein bisschen: Fast Alle waren gut, niemand hatte böse Absichten und/oder kriminelle Energien. Selbst die einzige Person mit einer vielleicht nicht so weißen Weste blieb im Vagen und verursachte mehr schlechtes Gewissen als alles Andere. Schön, wenn es wirklich so wäre - für überzeugend halte ich es nicht.

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    • 5
  • Topaktuell und geht unter die Haut!

    Gehen, ging, gegangen

    Pippo121

    11. May 2016 um 20:21

    In ihrem Roman „Gehen, ging, gegangen“ gelingt es Jenny Erpenbeck in einer klaren und sehr präzisen Art und Weise auf ein brandheißes Phänomen unserer Zeit hinzuweisen: die steigende Zahl Asylsuchender. Die Medien befassen sich fast rund um die Uhr mit dem Thema FlüchtlingsKRISE und schon allein dieser Begriff macht mich immer wieder wütend. Genauso geht es auch Richard, dem Hauptprotagonisten des Buches. Er ist emeritierter Universitätsprofessor, Witwer und kann auch in seinem wohlverdienten Ruhestand nicht abschalten. Immer wieder kreisen seine Gedanken um alle möglichen Dinge, bis er plötzlich auf das Schicksal junger, afrikanischer Flüchtlinge aufmerksam wird. Richard beschließt, die jungen Männer zu treffen und arbeitet sogleich einen Fragenkatalog aus: Wo kommen sie her? Haben sie Familie? Wie sah ihr Alltag vor der Flucht aus? Er ist fest entschlossen, diese Menschen und ihre Hintergründe besser kennenzulernen um sich in ihre Situation hineinversetzen zu können. Schon nach kurzer Zeit entsteht eine zerbrechliche Freundschaft zwischen dem sensiblen Professor und den Flüchtlingen, die sich in Deutschland total verloren fühlen. Die Bande dieser Freundschaft wird immer stärker und die Schicksale der verschiedenen Männer werden sehr anschaulich beschrieben. Richard versucht die Situation zu verstehen und hilft wo er kann. Er klopft nicht nur hohle Sprüche, sondern greift den Menschen unter die Arme, versucht ihnen eine Perspektive aufzuzeigen und verschenkt auch ganz nützliche, materielle Dinge. Richard sieht die Menschen hinter den Flüchtlingen und nicht nur das Etikett, das ihnen hier verpasst wurde. Während ich dieses extrem wichtigen Buches las, wechselte meine Gefühlslage oft von sprachlos über fassungslos bis hin zu richtig wütend. Sprachlos angesichts der harten, unmenschlichen Schicksale, die die Menschen in ihren Heimatländern erdulden mussten. Fassungslos gegenüber der Ignoranz, der Gleichgültigkeit und leider manchmal sogar dem Hass, der diesen Menschen in Europa entgegenschlägt. Wütend vor allem auf eine Politik, die sich vor lauter Angst hinter ihren Gesetzen verkriecht anstatt anzupacken und zu helfen. Leere Versprechungen sind schnell gegeben, die Umsetzung konkreter Hilfeleistungen erweist sich aber leider oft als unzureichend und zu unbequem. Wir leben in einer Gesellschaft des Überflusses und dennoch urteilen viele über Menschen, die alles aufgeben mussten, nur um ihre eigene Haut zu retten. „Was in der Welt wächst und fließt, reicht längst schon für alle, und dennoch findet hier, das sieht Richard an den zwanzig Mannschaftswagen, offenbar ein Überlebenskampf statt. Sollte die Polizei hier tatsächlich für diejenigen Deutschen im Einsatz sein, die so arm sind, dass sie zum Fest nur gestohlene Gänsebraten auftischen können? Eher doch nicht, denkt Richard, denn sonst hätte er längst schon vor der oder jenen Bankfiliale 20 Mannschaftswagen sehen müssen und Polizisten in voller Montur, um die Manager, die Milliarden veruntreut haben, herauszutragen. Ja, denkt er, was hier vor sich geht, sieht wie Theater aus, und es ist auch Theater – ist eine künstliche Front, die eine andere, wirklich existierende Front verdeckt. Das Publikum brüllt aufs Stichwort nach Opfern, und die Gladiatoren tragen aufs Stichwort ihr wirkliches Leben in die Arena. Hatte man ausgerechnet in Berlin schon wieder vergessen, dass eine Grenze sich nicht nur an der Größe des Gegners bemaß, sondern ihn auch erschuf?“ (S.361 f ) Richard ist keineswegs ein Übermensch, sondern viel mehr ein „Durchschnittsbürger“, der mit offenen Augen durch die Welt geht und Situationen mit gesundem Menschenverstand einschätzt. Er vollbringt auch keine Wunder, sondern hilft bei den alltäglichen Dingen, die für die jungen Afrikaner leider häufig unüberwindbar sind. Dieser Roman ist ein Appell an die Menschlichkeit und an die Hilfsbereitschaft, Werte, die leider immer mehr durch Egoismus und Wegschauen ersetzt werden. Unsere Politik muss mit der Zeit gehen und kann sich nicht hinter Gesetzestexten verschanzen, die aus einer völlig anderen Zeit stammen… Denn es ist noch gar nicht so lange her, denkt Richard, da war die Geschichte der Auswanderung und der Suche nach Glück eine deutsche Geschichte. (S. 222)

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  • Challenge: Literarische Weltreise 2016

    Euphoria

    Ginevra

        Liebe Lovelybookerinnen und –booker, habt Ihr Lust, im Jahr 2016 auf Weltreise zu gehen – literarisch gesehen? Dann begleitet mich durch 20 verschiedene Lese- Regionen! Die Aufgabe besteht darin... -  12 Bücher in einem Jahr zu lesen;-   Mindestens 10 verschiedene Regionen auszuwählen (zwei Regionen dürfen also doppelt vorkommen);-   Autor und/oder Schauplatz und/oder eine bzw. mehrere der Hauptfiguren müssen zu dieser Region passen.-   Bitte postet Eure Rezensionen und Beiträge bei den passenden Regionen;-   Auch Buchtipps ohne Rezension sind jederzeit willkommen;-   Am Ende des Jahres zählen Eure 12 Rezensionen - bis zu zwei Kurzmeinungen sind erlaubt!-   Eure Beiträge werde ich verlinken;-   Einstieg und Ausstieg sind natürlich jederzeit möglich;-   Genre und Erscheinungsjahr sind egal:-   Hörbücher, Graphic Novels, Biographien, Krimis, Literatur – bei dieser Challenge ist alles erlaubt!Gut geeignet sind z.B. die Bücher verschiedener Literaturpreise oder Empfehlungslisten (Booker- Preis, Preis des Nordischen Rats, ZEIT- Liste zur Neuen Weltliteratur, usw.).Diese Challenge eignet sich also auch hervorragend dazu, den SuB abzubauen, oder um andere Challenges damit zu kombinieren.Unter den TeilnehmerInnen, die die Challenge erfolgreich beenden, verlose ich am Ende des Jahres drei Bücher aus meinen Beständen - natürlich passend zum Thema!Ich freue mich sehr auf Eure Beiträge und werde zu jeder Region ein Unterthema erstellen, so dass es etwas übersichtlicher wird. Einige Tipps und Empfehlungen werde ich schon mal vorab anhängen - Ihr müsst davon natürlich nichts lesen. Dann wünsche ich uns allen...Bon voyage – Buon viaggio - Have a nice trip - Tenha uma boa viagem - Приятной поездкиСчастливого пути - ¡Qué tengas un buen viaje! -旅途愉快!- すばらしい旅行をなさって下さい。-Gute Reise! TeilnehmerInnen:abaAberRushAmayaRoseAriettaArizonaarunban-aislingeachBellastellaBellisPerennisBibliomaniablack_horseBonniereadsbooksBuchraettinBücherwurmBuchinaCaroasCode-between-linesConnyMc CorsicanaCosmoKramerDaniB83DieBertaDunkelblauElkeelmidiGelindeGinevraGingkoGruenentegstGwendolinahannelore259hexepankiInsider2199IraWirajasbrjeanne1302kopikrimielseKruemelGizmoleiraseleneleseratteneuleseleaLeonoraVonToffiefeelesebiene27leucoryxLexi216189lieberlesen21LibriHollylittleowllouella2209MaritaGrimkeMinnaMminorimiss_mesmerizedmozireadnaninkaNightflowerOannikiOrishapardenPetrisPMelittaMPostboteRyffysameaSchlehenfeeschokolokoserendipity3012Sikalsnowi81StefanieFreigerichtstefanie_skysursulapitschiSvanvitheTalathielTanyBeeTatjana89Thaliomeevielleser18wandablueWanderdueneWedmawerderanerWollywunderfitz

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    Gehen, ging, gegangen

    parden

    BERÜHRUNGEN... Richard ist seit kurzem emeritierter Professor für Altphilologie und bewohnt seit dem Tod seiner Frau am Rand von Ostberlin allein ein Haus an einem See. Richard hat eine Menge Zeit, und stellt sich zunehmend Fragen über das Vergehen derselben sowie über den Verlust von geliebten Menschen. Als er zufällig Asylsuchenden auf dem Berliner Oranienplatz begegnet, kommt ihm die Idee, bei genau ihnen nach Antworten zu suchen - bei jungen, afrikanischen Flüchtlingen. Immer häufiger und entschlossener nimmt er Kontakt zu ihnen auf, mischt sich unter die Asylbewerber, lässt sich auf die Afrikaner und ihre Schicksale ein, lädt einige zu sich nach Hause ein, kümmert sich, gibt Deutschunterricht – ein Pionier der 'Willkommenskultur'. "Über das sprechen, was Zeit eigentlich ist, kann er wahrscheinlich am besten mit denen, die aus ihr hinausgefallen sind. Oder in sie hineingesperrt, wenn man so will." Je intensiver Richard Einblick in die Welt der Flüchtlinge erhält, aus deren Alltag jede Selbstverständlichkeit gekippt ist, desto aktiver wird er: Einerseits versorgt er die Flüchtlinge mit Notwendigkeiten wie Kleidung und Nahrungsmitteln und begleitet sie zu anstehenden Behördenterminen; andererseits arbeitet er sich, zunehmend fassungslos, durch den europäischen Paragrafendschungel: "Es geht in dieser Verordnung gar nicht darum zu klären, ob diese Männer Kriegsopfer sind. Zuständig für den Inhalt ihrer Geschichte ist einzig das Land, in dem sie zum ersten Mal europäischen Boden betreten haben. Nur dort dürfen sie um Asyl bitten, nirgends sonst ... Mit Dublin II hat sich jedes europäische Land, das keine Mittelmeerküste besitzt, das Recht erkauft, den Flüchtlingen, die übers Mittelmeer kommen, nicht zuhören zu müssen. Ein sogenannter Asylbetrüger ist also auch jemand, der eine wahre Geschichte dort erzählt, wo man sie nicht anhören muss." Neben dem bürokratischen Hindernisparcours, der letztlich oftmals auf ein großes 'Nein' hinausläuft, versucht Jenny Erpenbeck, der Masse von Flüchtlingen hier ein Gesicht zu geben. Stark ist das Buch in den dialogischen Passagen, wenn Richards Begegnungen und Unterhaltungen mit den Flüchtlingen dargestellt werden, das Berühren und Aufeinanderprallen der Kulturen, dieses Crossover von Freundlichkeit und Befremden. Die Gedankengänge Richards dagegen zu den verschiedensten Themen geraten oft ein wenig langatmig und wirken angesichts der dringlichen Problematik oft eher nebensächlich. Überhaupt ist Richard keine besonders tief herausgearbeitete Romanfigur. Er bleibt weitestgehend blass, hat jedoch die Aufgabe, in oftmals kindlich anmutender Naivität nachzufragen, damit der Leser an seiner Stelle die Antworten bekommt. „Ist nun der schon so lange andauernde Frieden daran schuld, dass eine neue Generation von Politikern offenbar glaubt, am Ender der Geschichte angekommen zu sein, glaubt, es sei möglich, all das, was auf Bewegung hinausläuft, mit Gewalt zu unterbinden? Oder hat die weite räumliche Entfernung von den Kriegen der anderen bei den unbehelligt Bleibenden zu Erfahrungsarmut geführt, so wie andere Menschen an Blutarmut leiden? Führt der Frieden, den sich die Menschheit zu allen Zeiten herbeigesehnt hat und der nur in so wenigen Gegenden der Welt bisher verwirklicht ist, denn nur dazu, dass er mit Zufluchtsuchenden nicht geteilt, sondern so aggressiv verteidigt wird, dass er beinahe schon selbst wie Krieg aussieht?“ Die Autorin konnte beim Schreiben noch nicht wissen, dass all diese Dinge nun in der breiten Öffentlichkeit diskutiert werden. Umso erstaunlicher ist es, wie sehr bereits in ihrem Buch genau jene Vorurteile zum Tragen kommen, die auch jetzt immer wieder zu hören sind - z. B. jenes, dass es ein widersinnig sei, dass arme Flüchtlinge sich teure Smartphones leisen können. Durch die Zuspitzung der Flüchtlingsproblematik in Europa gerät 'Gehen, ging, gegangen' zu einem überaus dokumentarischen Roman dieser Zeit und dieser Tage. Kein flammender Aufruf zur Weltverbesserung, kein vordergründiger Appell an das Mitleid des Lesers. Sondern ein literarischer Versuch des Verstehens, dass das Eigene und das Fremde zwei Seiten eines Zusammenhangs sind. Beeindruckende Berührungen. © Parden

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  • Gehen, ging, gegangen - die Grammatik des Überlebens

    Gehen, ging, gegangen

    Girl56

    Wie soll man dieses ganz besondere Buch besprechen? Eine rein literarische Betrachtung verbietet sich in meinen Augen, weil in diesem Roman so viel aktueller, tagespolitischer Sprengstoff steckt.   Jenny Erpenbecks neuer Roman spielt in Berlin ,  die Handlung beginnt in etwa im Spätsommer des Jahres 2012. Richard, frisch pensioniert und ohne richtigen Plan , wie das künftige Leben ohne Universität und Lehrveranstaltungen und Kontakten zur akademischen Welt aussehen kann, gerät durch Zufall auf den Oranienplatz in Berlin und sieht eine Reihe  Afrikaner , die auf diesem Platz eine Art Camp aufgeschlagen haben. Er beobachtet die Szenerie eine Weile, trifft dann seinen Freund, der Stadtarchäologe ist und ihn zu eine Grabung in der Nähe eingeladen hat. Wieder zuhause, in einer schönen Gegend an einem der vielen Seen in Berlin, beginnt Richard  zu recherchieren, was es mit diesem Afrikanern mitten in Berlin auf sich hat. Als kurze Zeit später, nach Hungerstreik und vielen Aktionen, das Afrikaner-Camp geräumt wird und die Menschen von der Stadtverwaltung in verschieden  Quartieren untergebracht werden (man hat ihnen zu diesem Zeitpunkt auch eine Prüfung ihrer persönlichen Lage zugesagt), macht sich Richard spontan auf den Weg an einen dieser Orte, der nicht weit weg von seinem Haus liegt. Richard will in Einzelgesprächen mit den afrikanischen Menschen erfahren, wer sie sind , woher sie kommen und weshalb sie ihre Heimat verlassen haben. Zu Beginn gewinnt man den Eindruck, das der pensionierte Professor einfach ein neues wissenschaftliches Projekt beginnt, gibt er doch seinen Gesprächspartnern Namen aus der griechischen Mythologie, um sie besser charakterisieren zu können (der Altphilologe in seinem Metier), doch im Verlauf der Zeit, die  Richard mit diesen Menschen verbringt, verändert sich etwas bei ihm und er lässt sich immer mehr in das Leben und Los der einzelnen Männer hineinziehen.. Die Schicksale der einzelnen Männer, die uns Jenny Erpenbeck durch ihre literarische Figur Richard dann erzählt, sind wirklich sehr bewegend und hallen lange nach. Man erfährt über den Lebensalltag der Menschen im Tschad, in Niger, in Ghana, ihre hoffnungslosen Situationen und weshalb sie sich auf den gefährlichen Weg nach Europa gemacht haben. Und genau an diesem Punkt muss ich los werden, wie schrecklich es ist, dass wir kein Einwanderungsgesetz haben, wie unerträglich die Lage für solche Menschen ist, die in den europäischen Ankunftsländern (Italien in diesem Fall) nichts zu erwarten haben und mehr oder weniger wie heimatlose Landstreicher von Land zu Land wechseln. Keiner will sie und niemand will sehen, was in ihren Heimatländern los ist (und heute haben die Afrikaner noch weniger Chancen, weil der Krieg in Syrien und diese Flüchtlinge alle Kapazitäten erschöpfen ).   Ich bin froh, dieses Buch von Jenny Erpenbeck gelesen zu haben. Mir hat es, bis auf das Ende, sehr gut gefallen, besonders „Richard“ mochte ich mit all seinen Facetten sehr gerne , und auch die Afrikaner haben wunderbar Gestalt und Individualität bekommen. Nicht zu vergessen, Richards diverse Freunde , die im Verlauf der Geschichte immer mehr einbezogen wurden, ohne das die ganze Chose in Friede, Freude, Eierkuchen versunken ist.        

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  • Erpenbeck zeigt uns die Gesichter hinter der "Flüchtlingskrise"

    Gehen, ging, gegangen

    Lilli33

    28. February 2016 um 15:16

    Gebundene Ausgabe: 352 Seiten Verlag: Albrecht Knaus Verlag (31. August 2015) Sprache: Deutsch ISBN-13: 978-3813503708 Preis: 19,99 € auch erhältlich als E-Book und als Hörbuch Erpenbeck zeigt uns die Gesichter hinter der „Flüchlingskrise“ Inhalt: Richard, frisch emeritierter Professor für Alte Sprachen, hat plötzlich viel Zeit. Zufällig sieht er die afrikanischen Flüchtlinge, die auf dem Berliner Oranienplatz campieren. Sie wecken seine Neugier. Anfangs noch etwas unsicher und ganz sachte wagt er einen Schritt nach dem anderen auf sie zu, lernt die einzelnen Personen und ihre Geschichte kennen, bis sein Leben schließlich eng mit dem der Flüchtlinge verzahnt ist. Meine Meinung: Sprachlich ist der Roman vielleicht nicht gerade ein Highlight, ist die Sprache doch eher einfach gehalten mit vielen kurzen Sätzen. Allerdings spiegelt das die einfachen Gedanken und Gespräche wider, die beschrieben werden. Leider verzichtet die Autorin auch nicht auf diese neumodische Sitte, bei der wörtlichen Rede die Anführungszeichen wegzulassen. Und doch hat mich Jenny Erpenbeck mit ihrem Roman sehr beeindruckt, gibt sie doch den Menschen, die wir im Allgemeinen nur als die „Flüchtlingskrise“ wahrnehmen, ein Gesicht, eine Vergangenheit, eine Persönlichkeit. Sie pickt einzelne Menschen heraus und bringt sie uns näher. Dabei verarbeitet sie die Geschichten, die sie in zahlreichen Interviews erfahren hat. So wirkt der Roman sehr authentisch. Richard ist dabei ein einfacher Mensch. Über Flüchtlinge hat er sich vorher noch nie viele Gedanken gemacht – wie wohl die meisten von uns. Doch als er die einzelnen Menschen in natura vor sich hat, ändert sich sein Blickwinkel ganz automatisch. Schnell wird ihm klar, dass diesen Menschen Schlimmes widerfahren ist und vor allem, dass man ihnen helfen muss. Und so geht Richard weiter seine kleinen Schritte. Er begleitet den Einen zum Rechtsanwalt, geht mit dem Nächsten zum Deutschunterricht, hört sich ihre Sorgen und Probleme an. Es ist nicht genug, was er als Einzelner bewirken kann, und doch so viel. Einfach nur, weil er menschlich handelt. Denn weder können die Flüchtlinge etwas dafür, dass in ihrer Heimat Krieg herrscht noch dass es keine Arbeit oder einfach zu wenig Nahrung für alle gibt. Sie haben einfach nur Pech, dass sie im falschen Land geboren sind. [ … ] ebenso wüsste keiner von ihnen [Richards Freunde] eine Antwort auf die Frage, wessen Verdienst es in Wahrheit war, dass selbst die Ärmeren aus ihrem Freundeskreis einen Geschirrspüler in ihren Küchen hatten, Weinflaschen im Regal und doppelt verglaste Fenster. Wenn es aber nicht ihr eigenes Verdienst war, dass es ihnen so gut ging, war es andererseits auch nicht die Schuld der Flüchtlinge, dass es denen so schlecht ging. (S. 120) Und noch etwas sollte man bedenken: Es ist noch gar nicht so lange her, denkt Richard, da war die Geschichte der Auswanderung und der Suche nach Glück eine deutsche Geschichte. (S. 222) Fazit: „Gehen, ging, gegangen“ ist ein Plädoyer für Menschlichkeit, eingebettet in einen ernsten, aber doch unterhaltsamen Roman. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung! ★★★★★

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  • Sichtbar werden?

    Gehen, ging, gegangen

    Sikal

    Als Richard in den Ruhestand geht, fällt er in ein Loch der Untätigkeit. Er, der Professor der Altphilologie, der sein Leben lang enthusiastisch seinen Forschungen und Projekten nachging, muss sich plötzlich mit einem Leben ohne Termine auseinandersetzen. Die Tage werden ihm zu lang und die fehlenden Aufgaben lassen ihn etwas wunderlich werden. Als er plötzlich in Berlin auf afrikanische Flüchtlinge aufmerksam wird, beginnt er sich für deren Geschichten zu interessieren. Die Flüchtlinge erzählen ihren Wunsch vom „Sichtbar werden“, ihre Beweggründe für die Flucht und ihre Hoffnungslosigkeit. Anfangs notiert sich Richard noch Fragen, strukturiert seine Interviews und begibt sich letztendlich doch auf die Beziehungsebene und bringt ein Stückchen Hoffnung in das Leben der Flüchtlinge. Seine Hilfestellungen sind breit gestreut, reichen vom Klavierunterricht, Landkauf, Hilfe durch den Bürokratiedschungel bis hin zu Deutschstunden. Er beginnt viel zu hinterfragen, versteht die Gesetze nicht, die ständig Steine in den Weg der jungen Männer werfen. Als die Situation immer verfahrener wird und die jungen Männer beinahe auf der Straße landen, organisiert Richard Schlafgelegenheiten in seinem Bekanntenkreis – und stößt nicht nur auf Verständnis und Toleranz. Die Autorin Jenny Erpenbeck hat das Flüchtlingsthema in Romanform gepackt und damit auch den Leser gefangen. Das Buch fesselt ab der ersten Seite, zu gerne möchte man erleben, dass es zu einem Happy End kommt – doch wenn man die Nachrichten verfolgt, weiß man ja, dass es (noch) keines gibt. Besonders hervorheben möchte ich noch die vielen Verweise auf Seneca u.ä., die mir sehr gut gefallen haben und sich natürlich inhaltlich gut einfügen. „Zwinge dich ständig daran zu denken, dass der, den du deinen Sklaven nennst, gleichen Ursprungs ist wie du, dass er sich an demselben Himmel erfreut, dass er wie du atmet, lebt und stirbt …“ Dass es die Autorin auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2015 geschafft hat, ist mehr als verständlich. Sie hat mit viel Empathie ein tolles, berührendes Buch über ein aktuelles Thema geschrieben. Schön, dass es noch Menschen wie Richard gibt, der unvoreingenommen fremden Menschen und Kulturen gegenübertritt.

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    • 2

    Code-between-lines

    28. February 2016 um 08:23
  • Tolle Idee, aber...

    Gehen, ging, gegangen

    TanteGhost

    Die Idee war ja nicht schlecht, aber die Umsetzung hätte man dann doch um Längen besser machen können. Inhalt: Richard, pensionierter Professor, hat nun plötzlich viel Zeit im Leben. Er wird auf die Asylbewerber, welche auf dem Oranienplatz gegen ihre Situation protestieren. Als sie von dort in ein Heim einquartiert werden, sucht er den Kontakt zu ihnen. Er möchte ihren Alltag kennen lernen, möchte ihre Fluchtgründe wissen. Er geht mit zum Deutschunterricht und ist am Ende sogar Lehrer für zwei Menschen, die schon vortgeschritten sind. Doch dann eskaliert die Situation. Die Männer sollen in ein anderes Heim ziehen. Das bedeutet, dass man mit vielem von vorne anfangen muss. - Eine Windpockeninfektion kann den Umzug verhindern. Doch dann bekommen die Männer ihren Antrag abgelehnt. Sie sollen die Heimreise wieder antreten, müssen aus dem Heim ausziehen und verlieren sämtlichen Anspruch auf staatliche Unterstützung. - Der Professor und seine Freunde versuchen so viele Menschen wie möglich in Deutschland unterzubringen. Dem einen jungen Mann kauft er sogar von seinem Ersparten ein Stück Land in seinem Land... Der erste Satz ¨Vielleicht liegen noch viele Jahre vor ihm, vielleicht nur noch ein paar.¨ Der letzte Satz: ¨Ja, im Prinzip genauso wie auf dem Meer.¨ Fazit: Oh man... Ich war so gespannt auf dieses Buch und dann war ich so enttäuscht. Zum einen war es der Schreibstil grottenschlecht. Gespickt mit Schachtelsätzen und schwer verständlich. Und dann ist die ganze Story, hinter der eigentlich eine gute Idee steckt, total verkorkst geschrieben. Absolut unpackend, gar nicht fesselnd und wenn man ehrlich ist, sterbenslangweilig! Ich kann und will über dieses Buch nicht mehr viel sagen. Meine Bewertung spricht ja wohl Bände... Lasst die Finger davon. Ist sein Geld absolut nicht wert.

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    KarinFranke

    27. February 2016 um 22:52
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