Jenny Nordberg

 4.8 Sterne bei 4 Bewertungen

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Afghanistans verborgene Töchter

Afghanistans verborgene Töchter

 (4)
Erschienen am 11.03.2015
The Underground Girls Of Kabul

The Underground Girls Of Kabul

 (0)
Erschienen am 01.01.2015

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Rezension zu "Afghanistans verborgene Töchter" von Jenny Nordberg

Der heimliche Widerstand in Afghanistan - bacha poch
Bellis-Perennisvor einem Jahr

Die schwedische Journalistin Jenny Nordberg geht einem Phänomen in Afghanistan nach: Nämlich dem Kuriosum der „bacha posh“. Das sind  Mädchen, die bis zur Pubertät als Jungen verkleidet aufgezogen werden – mit allen Freiheiten, die Männer in diesem Land haben, Frauen jedoch nicht.

Was ist nun die Ursache für dieses ungewöhnliche Verhalten mancher Familien?

Die Autorin spricht mit vielen Frauen, die einerseits selbst ihre Kindheit als Junge verbracht haben und andererseits als Mütter ihre Töchter verkleiden.

Eine Frau, die keine Söhne zur Welt bringt wird verachtet, der dazugehörige Ehemann verlacht und bemitleidet. Die Frauen werden hier unglaublich unter Druck gesetzt. Von der eigenen Familie, von der Öffentlichkeit.

„Über meine Familie wird viel getratscht. Wenn man keine Söhne hat, ist das ein großes Manko, und man wird von allen bemitleidet.“ (Azita, Politikerin)

Es hat sich eingebürgert, nach mehrfachen Mädchengeburten, eines davon als Knaben auszugeben. Das soll einerseits als „Magie“ wirken und das nächste Kind wird „garantiert“ ein Junge. Andererseits kann so der Druck von den Frauen genommen werden. Diese Täuschung ist allgemein bekannt, so dass dies auch in den diversen Vorschriften der Imame und Mullahs Niederschlag findet.

Die als Jungen aufgezogenen Mädchen haben in dieser Zeit alle Freiheiten. Viele davon geben sich betont männlich, laufen mit Waffen herum und benehmen sich entsprechend.
Die Rückverwandlung dieser Pseudo-Männer in eine fügsame und unterwürfige Frau bei einsetzen der Menarche ist häufig nicht konfliktfrei. Denn wer will schon seine Freiheit, überall hingehen zu dürfen, mit dem Kerker der Konventionen tauschen?

In 22 Kapiteln stellt uns Jenny Nordberg höchst unterschiedliche Frauen vor.

Azita ist die gewählte Vertreterin einer armen Provinz Afghanistans, die alles versucht, das Los der Bewohner zu verbessern. Azita, Tochter von gebildeten Eltern und selbst Absolventin einer höheren Schule, unterzieht ihre jüngste Tochter dieser Prozedur. Sie wächst als „Mehran“ auf. Niemand nimmt Rücksicht auf die betroffenen Mädchen. Bei Mehran kündigen sich die Probleme, die bei der Rückverwandlung in ein Mädchen auftreten können, bereits an. Mehran will ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben.

Auch Nader ist eine bacha posh. Sie ist Fahrerin und verzichtet wegen ihres Rollentausches auf Familie und eigenen Kinder. Doch das gelingt den wenigsten Frauen. Die Konventionen, die Vorurteile, die Gesellschaft lassen es kaum zu, dass eine Frau alleine lebt.

Viele Mädchen müssen sich auch als Jungs verkleiden, weil es keinen männlichen Verwandten gibt, der die Frauen auf ihren täglichen Lebenswegen, z.B. zum Einkaufen begleitet. So helfen basha posh in den kleinen Läden, um die Familie vor dem Hungertod zu retten.

Leider ist kein Happy End in Sicht. Als die Politikerin Azita ihre politische Funktion verliert und ihren arbeitslosen Ehemann nicht mehr mit Geldsummen (die er übrigens verspielt, obwohl auch Glücksspiele verboten sind) bestechen kann, driftet sie ebenfalls in das Elend der, von der Schwiegerfamilie unterdrückten Frauen ab. Mit „großem Make-up“ kaschiert sie die blauen Flecken, die sie von den Schlägen durch den Ehemann davonträgt.

Meine Meinung:

Die Autorin geht mit diesem Thema sehr behutsam um. Obwohl in Afghanistan jeder darüber Bescheid weiß, wird kaum öffentlich über diese Tatsache gesprochen.
In einer Kultur, die ihre Frauen in kleinen, dunklen Zimmern einsperrt, ihnen jedes Recht auf Selbstbestimmung abspricht ,macht Diskriminierung kreativ.

Die Bemühung diverser Eroberer bzw. Befreier wie Briten, Russen oder Amerikaner die Vorherrschaft der Traditionen zu brechen, ist immer wieder schief gelaufen. In einem Land, in dem die größte Mehrheit der Menschen Analphabeten sind, tut Aufklärung not. Ehen werden nach wie vor den Eltern organisiert. Töchter werden nur nach ihrem Nutzen betrachtet – hübsch, fügsam und natürlich unberührt sollen sie sein, dann sind sie auf dem Heiratsmarkt viel wert. Oft reicht ein Gerücht, ein Mädchen hätte nicht sittsam den Blick gesenkt aus, um den „Wert“ des Heiratsgutes zu mindern. Häusliche Gewalt bis zum Ehrenmord sind die Folge.
Da ist es grundsätzlich verständlich, Mädchen als Jungen aufzuziehen. Doch an die Folgen dieser zweimaligen Geschlechtsumwandlung denkt hier niemand.

Gleichzeitig ist das die einzige Möglichkeit des heimlichen Widerstandes, den Frauen haben. Deshalb gefällt mir der englische Titel des Buches besser: „The Underground Girls of Kabul: In Search of a Hidden Restistance in Afghanistan“

Fazit:

Ein beeindruckendes Buch über ein Thema, das berührt und eher unbekannt ist. Gerne bewerte ich dieses Buch mit 5 Sternen und gebe eine ausdrückliche Leseempfehlung ab.

Kommentare: 7
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S

Rezension zu "Afghanistans verborgene Töchter" von Jenny Nordberg

...wenn Mädchen als Jungen aufwachsen müssen
schattensuchervor einem Jahr

Bereits der Titel des Buches macht deutlich, worum es geht. Die Schwedin Jenny Nordberg hört, zuerst nur Gerüchte, über Jungen, sogenannte Bacha Poshs, die doch keine Jungen sind. Mit Hilfe mehrerer Dolmetscher macht sie sich auf, ein paar dieser Mädchen zu finden, deren einzige Aufgabe es zu sein scheint, den, oftmals fehlenden, Sohn zu ersetzen. Nach und nach findet sie ein paar dieser Mädchen und erhält so Einblick in ihr Leben, die Gründe warum sie als Jungen aufwuchsen und in einigen Fällen ebenso, wie ihr Leben verlief, als sie sich wieder in eine Frau zurück verwandeln mussten.


Schon der Anfang des Buches verheißt hierbei nichts gutes. Die Autorin steigt in die Geschichte ein, als sie Afghanistan wieder verlässt. Ein letztes Telefonat am Flughafen, durchzogen von ihren Gedanken mit der amerikanischen Armee eine dieser Frauen zu befreien, ein Gedanke der letztendlich wieder verworfen wird und von dem ich mir, am Ende des Buches wünsche, er wäre doch Wirklichkeit geworden.

Ich hatte in einer Dokumentation das erste Mal von diesen Bacha Poshs gehört und gehofft, ein wenig Einblick in das Leben dieser Mädchen zu bekommen. Wenn man das Wort Afghanistan und Frau in einem Atemzug hört, weiß man schon, auf Grund von Vorurteilen und aus Dokumentationen & Nachrichtensendungen, was diese Menschen dort erwartet. Unter dem Taliban-Regime durften sie das Haus nicht verlassen, mussten sich verschleiern und wurden früh verheiratet, etwas, was sich auch heute nicht alles zum besseren zugewandt zu haben scheint. Noch heute gelten Frauen als Besitz ihrer Ehemänner, für alles was sie tun, tun wollen, benötigen sie seine Erlaubnis. Wer keinen Sohn und Erben zur Welt bringt, ist nichts und hat in seiner Aufgabe versagt, die Familienlinie zu erhalten. Einige scheinen sich ihrem Schicksal zu fügen, andere, wie in dem Buch beschrieben, tun es nicht und begehren auf, zum Teil mit schrecklichen Folgen.


Das Buch lässt mich ein wenig Sprachlos zurück, auch wenn ich inhaltlich etwas anderes erwartet hatte. Nordberg pickt ein paar Einzelschicksale heraus, erklärt auf Grund von Traditionen Gegebenheiten und Gründe für das Vortäuschen des wahren Geschlechts. Auch wenn es mir, mitten in Europa, seltsam vorkommt, dass es wichtig ist einen Sohn zu haben, um als Familie und Ehemann angesehen zu sein, ist dies immer noch in manchen Ländern der Welt gang und gäbe. Ich habe, was sicherlich auch an meiner mangelnden Konzentrationsfähigkeit liegt, hin und wieder ein wenig den Faden verloren, wenn es um die Gründe und Erklärungen für das Verhalten der im Buch vorkommenden Familien ging. Dennoch bietet das Buch einen, wie ich finde guten, Einblick in das Leben Afghanischer Frauen und Mädchen und ihrer Familien, ebenso des Zwanges „Einen Sohn haben zu müssen“, was nicht selten darin endet, dass sich der Mann eine Zweitfrau nimmt, sehr zum Ärger der ersten Frau. Das Buch selbst ist gespickt mit Hinweisen (zum Leben der Mädchen), die am Ende des Buches erklärt werden, ebenso mit einigen kurzen Absätzen, wie die Geschichten der einzelnen Frauen weiter ging (Soweit zur Veröffentlichung bekannt). Wie bereits am Anfang des Buches erwähnt, gab und gibt es kein Happy End.


Und ich bin immer noch sprachlos.

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