Cover des Buches Herr Sturm und die Farbe des Windes (ISBN: 9783775157186)JDaizys avatar
Rezension zu Herr Sturm und die Farbe des Windes von Jens Böttcher

bisher mein (Lese-)Highlight 2016

von JDaizy vor 5 Jahren

Review

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JDaizyvor 5 Jahren
"War es in Ordnung, dieses diffuse Glück trotzdem zu ersehnen, wider besseren Wissens? War es o.k., der Illusion Herzensheimat nachzuhecheln wie ein hungriger Hund einem billigen, quietschenden Plastikknochen? War es nicht eh klar wie Bio-Gemüsebrühe, dass eben nur diese aktive Suche zum Sinn und Zweck jedes menschlichen Lebens führen konnte? Ich stellte erneut fest, dass ich genau das mal geglaubt hatte. Früher. Vor Tutu und mit Tutu. War mein Herz mittlerweile nicht weniger hart als das von Mutter? War ich schockgefroren? War die Antwort nicht im genauen Gegenteil all dessen zu finden, was der "Erwachsene" in mir dem "Träumer" einzureden versuchte? Hatten in meinem Herzen eigentlich Träume und Hoffnung noch Platz?
Was ist mit ihm passiert, dem Jungen mit der strahlenden Hoffung in den Augen?"



Als der erfolglose Schriftsteller Richard auf eine undurchsichtige Zeitungsannonce antwortet, ahnt er nicht was er damit in Gang setzen wird.
Ein älter Herr - Herr Bischoff - bittet ihn, sich mit zwölf verschiedenen Menschen zu treffen, um mit ihnen über ihren Glauben zu sprechen. Diese "Rechercheinformationen" soll er dann für ihn in einem ganz besonderen Buch zusammenführen. Richard glaubt, dass Herr Bischoff diese dann als Erinnerungen für seinen Lebensabend "benötigt".
Er zahlt gut und verspricht ihm außerdem noch den Inhalt einer kleinen Schachtel aus einer längst vergangenen Epoche mit handgearbeiteten Schnörkeln und Insignien.
Richard kann dieses Angebot nicht ablehnen, weil er dringend Geld braucht und er beschließt - auch wenn ihm alles etwas komisch vorkommt - das Buch zu schreiben.
Welche zwölf Menschen werden mit Richard ihre Gedanken über den Glauben teilen? Kann sich Richard dabei auf seine Beobachtungsagbe und seine Erinnerungen verlassen? Was steckt wirklich hinter diesem ungewöhnlichen Buchprojekt? Und welcher zusätzliche Lohn verbirgt sich in der kleinen Schachtel, dessen Inhalt er erst erfährt und erhält, wenn er seine Arbeit erledigt hat?

Gleich zu Beginn stellt der Autor eine Frage in den Raum:
"Wenn sie in einem Satz zusammenfassen müssten, was sie im Leben suchen, was sie ersehen, was sie glauben - was würden sie spontan antworten. Ohne Nachzudenken!", die auch Richard nicht spontan zu beantworten vermag. Auch ich habe keine spontane Antwort für mich "gefunden" und habe lange darüber nachgedacht.

Sehr gern habe ich als Leser Richard bei seiner (Glaubens-)Reise begleitet. Jede einzelne Person, die er trifft, hat eine interessante (oft ganz unterschiedliche) Sichtweise auf das Leben und das, was er glaubt. Da das Buch durchaus philosophisch angehaucht ist und nicht moralisiert und (be-)wertet, wird man auch selbst immer wieder zum Nachdenken angeregt. "Herr Sturm und die Farbe des Windes" ist nichts für kurzweilige (Lese-)Stunden, sondern eher ein Handbuch fürs Leben. Ich bin mir sicher, dass man es mehrmals lesen kann und immer wieder etwas Neues für sich darin entdecken können wird.
Für mich persönlich ist dieses Buch nicht ein Buch, sondern ein Geschenk, dass ich jeden der auf der Frage nach dem Sinn des Lebens ist, mit auf den Weg geben möchte. (und natürlich auch allen anderen)

Ich persönlich mochte ganz besonders die bildhaften Gleichnisse, zum Beipspiel mit dem Regen oder mit der Farbe des Windes und Richards Begegnung mit dem obdachlosen Hondo. Wie sehr habe ich mir gewünscht, dass er noch öfter im Buch auftauchen würde.
Auch der charismatische, in sich ruhende Krishnan Sharma infiziert nicht nur Richard mit dem stillen Glück des Vertrauens.
Mit seiner Mutter hingegen tat ich mich bis zum Ende hin schwer. Im Gegenteil zu ihrem Sohn, empfand ich sie leider weder nett, noch warmherzig. Ganz besonders ihre offenen Schuldzuweisungen, ihre erniedrigenden Worte und ständigen Vorwürfe taten mir sogar als Leser weh. Furchtbar egoistich, verbittert und mit einem Herz aus Stein ist und bleibt sie aber trotzdem seine Mutter. "Gekränkte Hochsensibilität im Alter" trifft es da hervorragend. Da musste ich wirklich Schmunzeln.

Das Buch ist in der deutschen Ausgabe als Hardcover 2016 im SCM-Verlag erschienen. Auch wenn man zuerst nicht wirklich viel mit dem Titel anfangen kann, verrät der Untertitel doch um so mehr. Nach dem Lesen versteht man auch die Aussage von "Herr Sturm und die Farbe des Windes" und ich finde der Titel könnte nicht passender sein. Ich mag auch das farbenfrohe und doch zurückhaltende Cover. Es lenkt nicht vom Wesendtlichen ab und hat doch so viel zu sagen.
Das Buch ist hochwertig verarbeitet, überzeugt mit einer angenehmen Schriftgröße und Kapitellänge.
Leider war es trotz seiner 398 Seiten viel zu schnell vorbei.


Fazit:
Begleitet Richard selbst auf seiner fabelhaften Reise durch die Welt des Glaubens, bei dem er auch mit seiner eigenen schmerzhaften Geschichte konfrontiert wird und dabei seinem Ziel tagtäglich näher und näher kommt.
Dieses Buch ist ein Gewinn für jeden der offen mit seinen Gedanken und Beobachtungen umgeht und bereit ist sich inspirieren zu lassen.
Ein Buch das verzaubert, zu Tränen rührt und mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat. Würde es 10 Sterne geben, hätte dieses Meisterwerk sie alle ehrlich und aufrichtig verdient. Mein (Lese-)Highlight in diesem Jahr!
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