Jens Steiner Carambole

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Inhaltsangabe zu „Carambole“ von Jens Steiner

Unser Leben – ein absurdes Spiel? 'Ein Sommernachmittag nahm seinen Verlauf, munter und träge zugleich, sorglos und zaudernd. Nichts passierte. Alles passierte.' So lauten die letzten Sätze von Jens Steiners wunderbarem Roman, der sich ganz unterschiedlichen Menschen eines Dorfes zuwendet. Zwar explodiert in der sommerlichen Welt dieses Dorfes eine Fabrik und es wird ein Toter gefunden. Aber die Menschen bleiben merkwürdig unberührt und allein. Alles scheint immer so weiterzulaufen – wie in einem endlosen, absurden Spiel. ›Carambole‹ ist ein lebenskluger Roman über die tragische Komödie unserer Existenz, ein beglückendes Buch voller Verzweiflung und Gelassenheit. Schweizer Buchpreis 2013 Longlist Deutscher Buchpreis 2013

Interessante Eindrücke vom Dorfalltag und den Schicksalen der Bewohner.

— LillianMcCarthy

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  • Das Dorf als Mikrokosmos

    Carambole

    PaulTemple

    Sie kommen nicht weg. Die drei Jugendlichem, die sich vor den Sommerferien regelrecht fürchten, da sie mit der vielen freien Zeit nichts anzufangen wissen, die überforderte Mutter - von ihrer Familie entfremdet -, die es nicht schafft, den Schritt Richtung Freiheit zu machen oder die zwei Brüder, die seit Jahrzehnten kein Wort mehr miteinander wechseln, sich jedoch jeden Tag über den Weg laufen. Steiner erzählt Geschichten aus einem schweizerischen Dorf, dessen Einwohner nicht aus dem Wirkungskreis der Gemeinde herauskommen. Der Blick hinter die Fassade der Einwohner offenbart psychische und physische Schwächen, die einem Neuanfang abseits des Dorflebens im Wege stehen. Sprachlich auf sehr hohem Niveau, berichtet der Autor anhand von zwölf kurzen Geschichten über den düsteren, kalten Alltag einer Dorfgesellschaft. Definitiv lesenswert!

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    • 3
  • Haben Sie schon einmal Carambole gespielt?

    Carambole

    wandablue

    Der Autor entwickelt analog zu den zwölf Phasen des Brettspiels Carambole zwölf lose zusammenhängende Szenen aus dem Dorfleben. Wieviel Spielrunden hat man bis man sein (Lebens)Ziel erreicht – oder daran vorbeischießt und wie viele Runden hat man bis man ins Aus katapultiert wird ? Jede Szene wird von einem anderen Dörfler erzählt, der sich nie sofort zu erkennen gibt. Der Autor vermag eine Ehe mit einem einzigen Satz erschöpfend zu skizzieren, „Seit Jahren gingen meine Frau und ich uns aus dem Weg“, er findet freundliche Worte für einen gut bezahlten Job, „die allabendlichen Tunichtgute am Ende der Tagesschau“ (Meteorologen) und schreibt überwiegend in frischer ungezwungener Weise „wir prügelten dem Haus meiner Eltern neues Leben ein“, etc. wobei er auch mal über das (Sprach)Ziel hinausschießt, Carambole eben. Kein Klischee, keine Phrasen. Braucht er nicht. Diese Fähigkeit und die Beobachtungsgabe des Autors machen das Werk lesenswert. Unter der fachkundigen Regie des Autors entsteht eine Atmosphäre von Langwierigkeit, Morbidität, Absurdität und desolater Beklemmung, unterstrichen durch tragische Familienverflechtungen und Verkettungen, einer Vergewaltigung samt unterlassener Hilfeleistung und einem Toten. Manches bleibt einfach Durcheinander, krude, Zufallstreffer, Zufall. Die rote Queen, ein besonderer Spielstein, mag die Explosion einer Fabrik sein (Brandstiftung), die das Dorfleben erschüttert. Steiners Sprache ist modern, sachlich, probt den neuen Ausdruck, was die Absurdität mancher Ereignisse und innerer Dialoge noch mehr hervorhebt. Dieser Roman ist ein Kunstwerk, raffiniert aufgebaut, ein Buch, dessen Ideen carambolieren, mal hierhin mal dorthin schießen, das ist gewollt und auf alle Fälle einmal etwas anderes. Nie langweilig, doch öfter unverständlich, denn immer mehr gehen Plausibilität und Kausalität verloren. Jens Steiners „Carambole“ bildet keine Story im üblichen Sinne ab, sein Roman ist ein Probestück der Literatur. Was ist machbar? Dem Leser wird einiges abverlangt. Kunst? Mir wäre allerdings etwas weniger Kunst zukunsten(!) von mehr Verständlichkeit lieber. Schöner Bonus: eine erhellende(re) dreizehnte Szene auf Jens Steiners Homepage. Fazit: Ziemlich cooles Experiment. Jedoch am Rande des Ertragbaren.

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    • 2
  • „Ein Tableau von der Trägheit des Herzens und der Trübung des Willens“

    Carambole

    Poesiesoso

    Es ist ein Spiel mit Identitäten und Möglichkeiten, das Jens Steiner seinen Lesern in seinem neuen Roman "Carambole" präsentiert. In jedem einzelnen der insgesamt zwölf Kapitel lässt er einen anderen Bewohner des namenlosen Dorfes, in dem die Handlung angesiedelt ist, zu Wort kommen. Doch das Wort "Handlung" greift für diesen Roman eigentlich nicht richtig, da vielmehr die Gedanken der Figuren im Fokus der Buches stehen. Fast alle Dorfbewohner belastet Verdrängtes oder sie fühlen sich in ihrer Schuld gefangen, doch immer herrscht ein enormer Druck in ihnen, den sie nicht nach Außen tragen wollen. Manche Figuren sind mit ihren Kräften am Ende und scheinen die komplette Welt nur auf ihr eigenes Ich zu begrenzen. Diese Anspannung überträgt sich auf die gesamte Atmosphäre des Romans und lässt ihn teilweise sehr melancholisch wirken. Der Schreibstil ist prägnant, jedes Wort hat seinen festen Platz und keines ist zu viel. Die Struktur des Romans scheint ähnlich wie die Beziehungen der Figuren zu funktionieren; auf den ersten Blick werden Klischees präsentiert: eine pubertierende Tochter, die das Gespräch verweigert, ein Alkoholiker, Jugendliche, die die Frau lediglich als Ding ansehen, der Dorftrottel und gescheiterte Ehepaare. Wenn man jedoch einen weiteren Blick wagt, öffnet sich eine zweite Ebene und alles wird tiefgründiger und verständlicher. Das Wichtigste aber ist, dass es glaubwürdige Schilderungen sind, die Jens Steiner hier liefert. Er dringt tief in die Psyche der Figuren ein und versucht dem Unaussprechlichen Raum zu geben. Für mich steht dieser Roman eindeutig zu recht auf der Longlist des deutschen Buchpreises 2013 und ich habe jede einzelne der zwölf Runden genossen. Es wirkt fast so, als würden die Figuren absichtlich verzweifeln wollen, weil sie nicht recht wissen, wohin mit sich und ihren Gedanken. Aber wer zweifelt, hofft immer auch ein bisschen auf Rettung und Verzweiflung bedeutet noch nicht aufgeben. Genau dieser Hoffnungsschimmer kommt immer wieder vor in dem Roman, manchmal muss man genauer hinschauen, aber er ist da und das hat mir sehr gefallen.

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    • 2
  • Carambole

    Carambole

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    18. November 2013 um 08:36

    Das Buch "Carambole" von Jens Steiner erzählt in zwölf kurzen Episoden vom Leben der Menschen in einem Dorf, von Verwicklungen, Tragödien, Freundschaft, Liebe, Verlassensein und Träumen. Der Grundton der Episoden ist eher melancholisch und traurig, doch es gibt auch Episoden, die auf ihre Art komisch und humorvoll sind. Nach dem lesen alles Kapitel ergibt sich ein Gesamtbild und die einelnen Passagen fügen sich zusammen, beim ersten Lesen und vor allem beim Lesen der ersten Kapitel ist es schwierig, sich "einzulesen". Doch grade das ist die Herausforderung und schnell wird man mit dieser ausergewähnlichen Geschichte belohnt, die an den Leser Herausforderungen stellt und über das eigene Leben, Träume, Hoffnungen und Hoffnungslosigkeit und Entäuschungen nachdenken lässt. Ein lesenswertes fasziniedendes Buch! Alle Fans werden auf der Homepage von Jens Steiner mit einem Bonuskapitel belohnt, zu dem man nur Zugang erhält, wenn man die vorherigen 12 Kapitel gelesen hat und eine Frage richtig beantwortet. Tolle Idee!

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  • Triumph der Resignation

    Carambole

    progue

    28. October 2013 um 15:10

    Nichts passierte. Alles passierte. So endet dieses Buch und das könnte ein steinstarkes (!) Finale sein. Doch "nichts passierte". Full stop. Finde ich. Und das ist das Problem, das ich allgemein mit diesem Buch habe. Es ist bestimmt klug und weise und interessant und - meine Güte! - mit Worten umgehen kann er ja, der Jens Steiner. Er berichtet in 12 Runden vom Leben in einem Dorf, welches sich außerhalb der Zivilisation zu befinden scheint. Nicht, dass sie primitiv wären, die Bewohner dort, aber sie leben auf einem eigenen Planeten, könnte man meinen. Und dieser Planet ist dabei zu sterben, denn sie haben alle aufgegeben. Da sind die drei Jungs Igor, Manu und Fred, die sich nicht auf die Ferien freuen können, weil sie nicht wissen, was sie mit all der freien Zeit anfangen sollen. Sie hängen auf ihrem Lieblingsplatz ab, starren in die Gegend, träumen, träumen, träumen immer nur. Ab und zu reden sie mit Schorsch, einnem seltsamen Kerl, von dem keiner so richtig weiß, wo er herkommt oder wer er wirklich ist, und der immer seltsame Geschichten erzählt. Da ist eine überforderte Mutter, die keinen Plan hat, wie es in ihrem Mann und in ihrer Tochter aussieht, die gerade noch so erkennt, dass es ihrer Tochter nicht gut geht, die sich jedoch nicht aufraffen kann nachzuhaken. Da sind die Brüder, die seit gefühlten hundert Jahren nicht mehr miteinander reden, weil sie sich verstritten haben, da ist der alte Mann, der alles mit seinen Ferngläsern beobachtet, und der mit eben diesen Brüdern tragisch verbunden ist. In 12 Kapiteln lässt uns Steiner teilhaben an ihrem Schicksal, und das tut er in außergewöhnlichen Worten. Wer Freude daran hat, gleichzeitig nüchtern und außergewöhnlich von Worten betrunken gemacht zu werden, der wird großen Spaß an "Carambole" haben, denn Steiner arbeitet mit seinem Wortschatz, wie es große Künstler mit ihren Geigen tun. Da schluchzt es an allen Ecken und Enden, doch immer in Moll, immer und immer wieder in Moll. Es gibt keine Hoffnung, keinen Ausweg, keinen Aufbruch oder Ausbruch. Alles resigniert und findet sich mit einem hoffnungslosen Leben ab, das diesen Namen kaum verdient. Nichts passierte? Nichts passierte.

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  • 12 Ansichten eines Dorfes

    Carambole

    MitAussicht

    Carambole verbindet Gegensätzliches: Eine Vielzahl von Figuren, ein Querschnitt durch die Gesellschaft in Form einer Dorfgemeinschaft trifft auf psychologische Betrachtung. Jedes Kapitel hat einen anderen Erzähler und es unsere Aufgabe als Leser aus dem Gelesenen ein sinnvolles Ganzes zu konstruieren. Genau genommen gibt es in Carambole nicht sehr viel Handlung, denn der Raum des Romans steckt voller Gedanken, voller Überlegungen und voller Verzweiflung dieser Figuren, deren Stimmen wir vernehmen. Da ist der Unbekannte, der die Eltern zweier verfeindeter Brüder in einem Autounfall getötet hat und im Verborgenen bleibt. Da sind drei Jungen, deren Leben bei genauer Betrachtung so facettenreich und unterschiedlich ist, wie man es gar nicht vermutet hätte ob der großen Trägheit, die noch im ersten Kapitel herrscht. Am meisten beeindruckt aber vielleicht der "klandestine Altherrenklub", die "Troika" aus drei Männern, die sich hinter italienischen Namen und Philosophie verschanzen und im Denken zusammengefunden haben. Allen Figuren gemeinsam ist auch, dass es in ihrem Leben Ereignisse gegeben hat, die zu großer Verzweiflung, zu Resignation, Wut und Trauer geführt haben, aus denen sie sich nicht befreien können - oder wollen. Die Resignation vor dem Leben ist spürbar, sie spiegelt sich in der Zersplitterung des Romanaufbaus und in den kleinen Details der Szenengestaltung. Aber obwohl sie so zentral erscheint, ist sie natürlich nicht das einzig auffindbare Gefühl. Jede der Figuren in Carambole hat ihre Eigenarten, ihre Marotten, die sie auszeichnen und von den anderen unterscheidet. Manchmal eröffnen sich so Einsichten in das Innenleben, die man aus den Handlungen nicht erwartet hätte. Figuren, die bis dahin verwirrt, aggressiv oder desorientiert erschienen stellen sich als Philosophen, Pessimisten, Optimisten, Naturwissenschaftler heraus. Und wir Leser sind wieder erstaunt, blättern zurück, lesen noch einmal und überlegen, ob wir dieser Figur schon einmal begegnet sind. Mit jedem Kapitel fügt sich wieder etwas zusammen und nach dem 12. Kapitel "Aus" sehen wir dieses Schweizer Dorf in vielen bunten Facetten, die sich zu einem stimmigen Gesamtbild verbinden.

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    • 2
  • Das dörfliche Leben in zwölf Runden

    Carambole

    bookgirl

    02. October 2013 um 15:47

    Inhalt Jens Steiner beschreibt in zwölf Geschichten oder wie er selber sagt, Runden, das dörfliche Leben aus den unterschiedlichsten Sichtweisen. Jedes seiner Kapitel ist gleichzeitig eine neue Geschichte, teilweise jedoch auch mit Protagonisten, die man aus vorherigen Kapiteln kennt und die mit einem hauchdünnen Faden eine Verbindung zu diesem aufzeigen. Meine Meinung Ich habe mich zunächst sehr schwer mit dem Buch getan. Die einzelnen Geschichten und die Erzählart des Autors waren teilweise so traurig, so sehr geprägt von gebrochenen Gestalten und einsamen Protagonisten, dass ich "Carambole" erst zur Seite legen musste. Als ich dem Buch jedoch eine zweite Chance gab, habe ich dies nicht bereut und würde auch jedem, der vielleicht zunächst Schwierigkeiten hat in die Geschichte zu finden, empfehlen, das Buch nicht gänzlich abzuschreiben, sondern einfach später nochmal in die Hand zu nehmen. Ja, Jens Steiner hat kein Wohlfühlbuch geschrieben, aber das war auch nicht seine Absicht. Vielmehr wollte er aufzeigen, dass jeder seiner Protagonisten, egal, an welchem Punkt in seinem Leben er sich befindet, genau diese Situation auch jederzeit ändern kann. Die dafür gewählte Erzählweise ist in all seiner auf den ersten Blick wirkenden Schlichtheit dennoch auch wortgewaltig. Der dörfliche Alltag und das Leben seine Bewohner werden aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und dabei kommen teilweise erschreckende Geschichten zu Tage. Manche haben eine unglaublich Intensität, man kann die Verzweiflung einzelner Charaktere förmlich spüren und leidet mit ihnen mit. Gleichzeitig möchte man sie aufrütteln und dazu ermuntern etwas zu verändern und nicht wie eine Marionette andere über ihr Leben handeln zu lassen. Hierbei haben mich ganz besonders die Kapitel "Bredouille" und "Patt" ungemein berührt und bewegt. Eine Erklärung auch noch zu dem Buchtitel. Carambole ist ein billardähnliches Brettspiel, das vor allem in der Schweiz große Beliebtheit hat. Bei diesem werden die Spielsteine mit einem „per Finger geschnippten Puck“ eingelocht. Dieses Spiel wird im Buch von drei älteren Männern, die eine besondere Freundschaften teilen, bei ihren regelmäßigen Treffen gespielt. Fazit "Carambole" ist ein außergewöhnliches und anspruchsvolles Leseerlebnis, wenn auch manchmal am Rande des erträglichen.

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  • Spiel des Lebens in zwölf Zügen

    Carambole

    TochterAlice

    29. September 2013 um 12:45

    ...oder vielmehr Runden, wie der Autor sie nennt. Der Titel des Buches ist "Carambole", ein altes Spiel, das im Buch von drei Männern, drei älteren Herrschaften, als welche sie bezeichnet werden, regelmäßig gespielt wird - doch ist es das Spiel des Lebens, um das es hier geht. Das Leben der Dorfbewohner, die tagein, tagaus in einem kleinen Dorf ihre Tage verbringen - und doch so viele Sichtweisen auf dieselben Dinge haben, wie es Einwohner gibt - oder sogar mehr. Einige fliehen auch, sind verschwunden. Sie lassen andere zurück und nehmen etwas mit - das gemeinsame Vermögen, das gemeinsame Kind. Die Verlassenen trauern nur bedingt - sie finden sich ab und fügen sich ein in die veränderten Strukturen... etwas passiert mit ihnen - eher, als dass sie selbst agieren. Das sind die Gebliebenen, die Romanhelden, die Steinchen der Carambole, die mit ihnen gespielt wird. Es gibt ein Ende für einen Akteur, alle anderen machen weiter - genau wie bisher? Wir wissen es nicht, denn Jens Steiner präsentiert uns lediglich einen Ausschnitt, eine Art Blitzlichtaufnahme über ein paar Tage im Dorf.  Das tut er sparsam, aber trotzdem wortgewaltig. Wie das gehen soll? Nun, er ist einer dieser Autoren, die mit Worten malen, aber er braucht nur wenige: ein Satz und ein Charakter, eine Beziehung, eine Situation wird erfasst, der Leser kann ihn/sie in ihrer Gänze begreifen. Hier sitzt jedes einzelne Wort. Steiner präsentiert, nein, er entlarvt den dörflichen Alltag dadurch, dass die Bewohner aus verschiedenen Perspektiven dargestellt werden - mal aus der eigenen, mal wieder aus anderen. Eine Milieustudie der Normalität - oder auch gerade nicht, denn wie einer der Protagonisten verkündet "war ich schon damals längst der Normalität abhanden gekommen." (S, 160) Dieses kurze Buch beinhaltet eine Reihe einprägsamer Sätze, die zumindest ich nicht so schnell gergessen werde - so bin ich bspw.  "überzeugt davon, dass jedes Alter seine eigene Ernsthaftigkeit hat" (S.112), ich wußte es bisher nur nicht! Wie auch vieles andere, eigentlich Selbstverständliche, das der Autor mir hier plastisch vor Augen geführt hat. Lesenswert!

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  • Ein Dorf und seine Bewohner

    Carambole

    Grandville

    28. September 2013 um 21:41

    Ein ungenanntes Dorf, irgendwo in der Provinz. Es ist ein paar Tage vor den Sommerferien und der Leser begegnet den Einwohnern und begleitet sie kurz durch ihre Leben. Den Anfang machen drei Jungs im Teenageralter: Fred, Manu und Igor. Groß ist die Sehnsucht, dass endlich mal etwas passiert - im Leben, im Dorf. Am Ende passiert alles... und nichts. "Carambole" ist der zweite Roman von Jens Steiner. Sein erster heißt "Hasenleben" und stand, wie "Carmbole" dieses Jahr, auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Das Dorf im Allgemeinen eine Gemeinschaft in der jeder jeden kennt. Ein Ort in dem Mann miteinander lebt und erlebt, leidet und durch die Jahre geht. Doch stimmt das überhaupt? Die Stimmung im Dorf ist drückend, gelähmt, negativ und deprimierend. Jeder steckt in seinem eigenen Leben fest, achtet nicht groß auf die anderen. Doch manchmal prallen diese Leben aufeinander und werden wieder weggestoßen. Kleine Chancen tun sich auf: ein Gespräch, eine Begegnung oder eine Handlung. Doch die Bewohner bleiben in sich gefangen, unfähig sich anderen zu öffnen. Der Roman ist in Anlehnung an das Spiel Carambole in 12 Runden anstatt Kapitel unterteilt. In jeder dieser Runden begleitet der Leser einen anderen Einwohner. Erlebt Momente aus verschiedenen Blickwinkeln und mit jeder weiteren Runde ergibt sich ein Blick auf das große Ganze, Verbindungen werden erkannt und die Beziehungen untereinander erschließen sich. Ich bin zwiegespalten, es fällt mir schwer ein Urteil über das Buch zu fällen. Es ist nicht einfach zu lesen, es ist anstrengend. Dabei liest es sich aber recht flüssig und flott weg. Man muss Geduld haben und zur Not auch mal zurückblättern. Keine einfache Lektüre. Wie der Einstieg war, ist auch der Schluss: plötzlich verlässt man das Dorf und denkt aber noch eine Weile über die Bewohner nach. Es werden nicht alle Fragen und Handlungsstränge beendet und man fragt sich, was aus ihnen noch wird. Ob wirklich etwas in diesen Leben passiert und sie aus der Routine und der Sprachlosigkeit ausbrechen können. Ein Buch für den anspruchsvolleren Leser.

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  • "Nichts passierte. Alles passierte."

    Carambole

    19angelika63

    26. September 2013 um 14:39

    Klappentext Da sind die drei Jugendlichen, die Pläne aushecken für die bevorstehenden Schulferien und dabei genau wissen, dass auch dieses Jahr nichts geschehen wird, da ist die Troika, die sich regelmäßig zum Carambole-Spiel trifft, da ist Schorsch, der immer dann auftaucht, wenn man ihn nicht erwartet, und da sind die beiden verfeindeten Brüder, die seit jenen Erbschaftsstreitigkeiten nie mehr miteinander gesprochen haben. Im Dorf verharren die Menschen in ihrem Alltag wie gelähmt, während sich um sie herum alles verändert: Restaurants schließen, neue Wohnviertel entstehen, soziale Netze zerbrechen, Familien fallen auseinander. In zwölf Runden nähert sich Jens Steiner diesem sozialen Gefüge an, lässt die Dorfmenschen in ihrer Hilflosigkeit erstarren und öffnet ganz kleine Lücken, durch die hindurch ein Schritt in eine - wenn auch unsichere - Zukunft möglich wäre. In zwölf Geschichten erzählt der Autor Begebenheiten aus dem Leben einzelner Dorfbewohner. Ein Dorf, das eigentlich eine Gemeinschaft sein sollte, aber jeder irgendwie sein eigenes Süppchen kocht. Nichts und Niemand scheint sich für den anderen oder gar dessen Probleme zu interessieren. Jeder einzelne lebt in seinem eigenen einsamen Kosmos. Und das ist ein springender Punkt dieses Buches. Dadurch, dass jede Person scheinbar für sich alleine lebt wirken die Geschichten düster, melancholisch, ausweglos sogar traurig und deprimierend. Doch trotz all der scheinbaren Ausweglosigkeit lässt der Autor jedem Protagonisten ein kleines Loch um einen Neuanfang wagen zu können. Ein nicht uninteressantes Buch, das dem Leser jedoch viel abverlangt. Am Anfang habe ich dieses Buch als sehr traurig und deprimierend empfunden. Die Protagonisten haben mir in ihrem so angeblichen sinnlosen und einsamen Leben leid getan. Doch je weiter ich gelesen habe, desto mehr begriff ich, dass die Protagonisten jede Möglichkeit haben um aus ihrem Kosmos auszubrechen, dass sie es nur wagen müssen diesen einen mutigen Schritt zu gehen. Ein Buch, dessen beide letzten Sätze alles über dieses Buch sagen … „Nichts passierte. Alles passierte.“ (S. 221) Für mich ein absolut lesenswertes Buch, dem man jedoch Zeit geben muss!!!

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  • Nichts und Alles

    Carambole

    Himmelfarb

    23. September 2013 um 20:25

    In seinem zweiten Roman "Carambole" erzählt der Schweizer Schriftsteller Jens Steiner die Geschichte eines Dorfes, und wie er das macht, ist großartig! Wie durch ein Kaleidoskop gesehen, splittet er die Dorfgemeinschaft auf, und jedes kleine Teil kann auf die eine, oder die andere Weise zum großen Ganzen beitragen. Die Schicksale der Protagonisten gehen einem zu Herzen, wirken sie doch in den meisten Fällen traurig und aussichtslos. Doch Jens Steiner läßt seine Figuren, für die er große Empathie zu haben scheint, und die ausnahmslos wunderbar gezeichnet sind, immer auch Hoffnung haben und eine Zukunft. Diese Dorfgemeinschaft ist keine "Gemeinschaft" im eigentlichen Wortsinn, denn jeder hat seine ganz eigene Tragödie, ist verschlossen, verhärtet. Man gräbt ein Loch, um darin zu verschwinden; geht in den Schuppen, um zu weinen; verkriecht sich in einem Rohr, um zu erleben, wie erbarmungslos das Leben sein kann. Menschen lösen sich scheinbar in Luft auf, geben sich Phantasienamen, oder leben ein ganzes Leben mit einer falschen Identität (oder ist es am Ende gar die Richtige?). Und weil Jens Steiner so ein wunderbarer Schriftsteller ist, verwebt er alle Geschichten mit winzigen Hinweisen, so daß am Ende das Mosaik des Romans vor uns liegt, und alle Personen und Ereignisse schlüssig werden. Steiner schreibt das alles in einer klaren, reduzierten, brillanten Sprache. Ich habe diesen "Roman in zwölf Runden " genossen, weil er so klug und lebensweise ist. "Nichts passierte. Alles passierte" lautet der letzte Satz, und genau so ist es mit diesem Roman. Es passiert wenig, aber das reicht für viele Leben und viele Geschichten und ein großes Lesevergnügen!

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    • 2
  • In zwölf Runden durch´s Dorf

    Carambole

    freiegedanken

    23. September 2013 um 09:05

    Jens Steiner skizziert in seinem Buch unterschiedliche Lebensentwürfe, die in „zwölf Runden“ vor­gestellt werden. Der Roman verdankt seinen eingängigen Titel dem in der Schweiz beliebten Brett­spiel Carambole. Das Spiel, im Buch auch leidenschaftlich gespielt von drei älteren Herren, wird zum Symbol: Wie die Steine auf dem Spielbrett kollidieren sowohl die verschiedenen Protagonisten als auch deren Schicksale miteinander. Manchmal prallen sie hart aufeinander, manchmal streifen sie sich nur. Steiner beschreibt menschliche Schicksale, zoomt dabei seine Figuren nah heran und lässt uns Teil haben an ihren intimen Gedanken. Schauplatz seiner Beobachtungen ist ein sommerliches Dorf ohne Namen. Immer wieder tauchen drei Jungs auf, Freunde kurz vor den Sommerferien. Unter ihnen Igor, der von einer quälenden Langeweile gestraft, permanent auf eine Sensation hofft, sie zu erahnen scheint und damit die Spannung des Buches aufrecht hält. Oder Schorsch, das Rätsel um seine wahre Identität, die selbst seinen engsten Freunden nicht ganz klar zu sein scheint, beschäftigt bis zum Schluss. Einigen Figuren hat das Leben einiges abverlangt: Eine Ehefrauen, gefangen im Schweigen ihrer kleinen Familie klagt: „In meinem Kopf eine Horde von Fragen, die sich gegensei­tig herumschubsen. Wiewarumwaswerwo?“ Ein Anderer ist Verursacher eines schrecklichen Ver­kehrsunfalls. An den Rollstuhl gefesselt, beobachtet er tagein tagaus das Dorfgeschehen. Steiner skizziert all das in schnörkellosem, präzisem Ton mit meisterhafter Beobachtungsgabe. Seine Geschichten ziehen mit und lassen nicht los, jede Einzelne macht Lust auf eine Neue. Es dürfte schwer fallen bei diesen vielen Hauptpersonen, Schauplätzen und kleinen und großen Katastrophen den Überblick zu behalten. Aber das stellt auch die Herausforderung an diesen unkonventionellen Roman dar und schließlich erfährt der Leser bei zunehmender Lektüre einige Aha-Erlebnisse. Der Autor steht mit „Carambole“ sehr verdient auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Sein Werk ist ein absolutes Muss für Jeden, der außergewöhnliche Roman mag.

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  • Kein Anfang, kein Ende

    Carambole

    alasca

    23. September 2013 um 01:10

    Kein Anfang, kein Ende "Carambole" ist ein Buch ohne Anfang - der erste Satz katapultiert einen in die dörfliche Welt, als hätte man sich mitten in einen laufenden Film geschaltet. Überhaupt hat der Roman etwas sehr Filmisches - beim Lesen hatte ich das Gefühl, durch den Sucher einer Kamera zu schauen, die die Figuren heranzoomt, ohne jemals ganz in die Totale zu öffnen. Jede der 12 "Runden", wie der Autor die Kapitel nennt, wird aus einer anderen Perspektive erzählt. Steiner zoomt auf eine Gruppe halbwüchsiger Jungen, springt zu deren Schule, Familien, Bekannten, Nachbarn. Sukzessive werden Verbindungen zwischen den Figuren sichtbar, Kausalitäten treten zutage; ein Puzzle, für das Teil auf Teil zusammen kommt. Alle Figuren quält ein Gefühl von Stagnation; mancher hat sich in seinem Unglück häuslich eingerichtet. Das Personal des Buches mutet an wie eine Studie in existenzieller Einsamkeit und resignierter Sprachlosigkeit. Jeder im Dorf hat seine eigene Strategie, damit zurecht zu kommen. Einer rettet sich in ein Trinkritual, das ihm zweimal täglich ein Bier erlaubt. Ein Anderer taucht ab in die geordnete Insektenwelt, in der jede Handlung eindeutigen Sinn hat. Ein Dritter zieht sich, anrührend poetisch, einmal in der Woche in den Gartenschuppen zurück, um die Welt zu beweinen. Ein Vierter gräbt ein Loch in seinem Garten, als wolle er sich sein Grab schaufeln. Manche der Seelenzustände kommen so intensiv rüber, dass man sie kaum ertragen kann. Ein Kosmos einsamer Planeten - und doch treffen die Planeten, sprich Lebensläufe, aufeinander und wechseln beim Aufprall die Richtung oder enden im Aus, womit wir die Verbindung zum Titel haben. (Carambole, auch Carrom, ist ein Brettspiel, bei dem es ähnlich wie beim Billard darum geht, mittels eines Spielsteines die gegnerischen Steine im Eck zu versenken.) Die Explosion der Gastanks einer Fabrik am Dorfrand ist so etwas wie das Metronom, das den Kapiteln zeitlichen Rhythmus gibt. Denn auch wenn alle meinen, dass im Dorf nichts passiert, so geschieht doch unter der Oberfläche eine ganze Menge. Einiges davon hat zu der Explosion geführt, manches wird davon angestoßen, für anderes dient sie als Soundtrack oder das Äquivalent eines Tuschs. Das alles wird uns in einer ebenso knappen wie kreativen Sprache erzählt, die jeder der 12 Runden und Figuren einen typischen Ton verleiht. Der Autor beobachtet genau, skizziert mit wenigen Strichen komplexe Bilder und verflicht die Ebenen mit spinnwebfeinen Fäden. Aber Vorsicht: Auch wenn es sich hier eindeutig um einen Roman handelt und nicht um eine Reihe von eigenständigen Erzählungen, wird die Erwartung einer linearen Handlung im klassischen Sinne nicht bedient. Es gibt zwar so etwas wie einen Erzählfortschritt, der durchaus Spannung erzeugt; es gibt Teilauflösungen mit Aha-Effekt, aber ein Gefühl von Verwirrung bleibt die ganze Lektüre über bestehen. Denn: "Alles ist zugleich sichtbar, nichts wird deutlich." Das gilt es, als Leserin auszuhalten. Am Schluss steht eine der Protagonistinnen auf einer Wegekreuzung und blickt in alle Richtungen. Ihr Mann hat sie verlassen, ihre Tochter braucht sie nicht mehr. Bleiben? Gehen? Anfang oder Ende? Das bleibt offen. Freysinger, der Gärtner, formuliert es ebenso treffend wie bodenständig: "In jedem Kleeblatt steckt schon der nächste Kuhfladen." Mir hat dieses sehr zeitgemäße Leseabenteuer in 12 Runden sehr gut gefallen. Und die dreizehnte Runde auf Steiners Homepage, deren Passwort man nur knackt, wenn man das Buch gelesen hat, ist der Glückskeks nach dem Menü.

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