Jens Wonneberger Himmelreich

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Inhaltsangabe zu „Himmelreich“ von Jens Wonneberger

Robert, ein Mann um die dreißig, kehrt ins Dorf seiner Kindheit zurück, „irgendwo am Schienenstrang zwischen Neustadt und Himmelreich“.
Die Mutter ist schon eine Weile tot, nun begraben sie Rudi, den Vater. Der war ein verschlossener Mann, dessen Vater einst nicht aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und für den Jungen ein Fremder geblieben war. Und Fremdheit und Schweigen sind auch, die Roberts Beziehung zu diesem Vater geprägt haben. Das Beredtste, was dem Sohn von Rudi bleibt, ist die Bastelarbeit auf dem Dachboden: das Dorf in Miniaturformat, mit der Eisenbahn, die in der Wirklichkeit hier nicht mehr hält.
Mit dieser zauberhaften Erfindung gelingt es Jens Wonneberger, die Beziehung zwischen Vater und Sohn, über der so viel Ungesagtes, Ungelöstes liegt, spielerisch zu poetisieren. Mit Lakonie bringt er dieses Museum der verlorenen Zeit sprachlich zum Klingen. Auch das Dorf jenseits der Familie bekommt seine Physiognomie. In meisterhaften Miniaturen haben die Absonderlichen ihren Auftritt, die auch die DDR nicht zu domestizieren vermochte: Schlendermax, der Dorftrottel, Birnstein, der Chrysanthemen- und Gurkenzüchter, oder Kretschel, der Kutscher, der einmal samt seinem Gespann in einem Schlammloch versank.
In „Himmelreich“ errettet Jens Wonneberger sie alle in eine deutsche Prosa, die zum Besten gehört, was derzeit geschrieben wird.

Ein Autor, der meiner Meinung nach noch viel zu unbekannt ist!

— MarinaB

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  • Dichte, bilderreiche Sprache - Himmelreich

    Himmelreich

    MarinaB

    02. January 2016 um 17:41

    “Der Zug fährt schon lange nicht mehr von Neustadt nach Himmelreich. Der Zug fährt von der Großstadt in das Dorf der Kindheit. Die Fahrt geht durch Jahre, obwohl der Fahrplan nur von Minuten weiß.” Jens Wonnebergers kleiner Roman “Himmelreich” ist ein ganz wunderbares Stück Literatur. Mich erstaunte und berührte die Geschichte mit seinen durch dichteste Sprache erzeugten Bilderfolgen, etwas was ich sonst vor allem von Lyrik kenne. Und manche Zeilen sind dann auch wie aus einem Gedicht entsprungen. Trotzdem fehlt es nicht an Inhalt, das Thema ist gewichtig. Die Geschichte wird in Zeitsprüngen erzählt. Das ist passend und gut vom Autor inszeniert, so vermischen sich Zeiten, verwischen Grenzen. Manchmal weiß man nicht sofort, wo man sich eigentlich gerade befindet, allerdings immer im Dorf Himmelreich, wobei sich manches auch im Modelleisenbahndorf auf dem Dachboden abspielen könnte. Wonneberger schickt seinen Protagonisten Robert ins Heimatdorf zurück, ins Elternhaus, in die Kindheit zurück. “Das Haus hat den Kopf voller Erinnerungen. Der Zug fährt mit den Erinnerungen von Neustadt nach Himmelreich. Die Bettlaken, die zum Trocknen auf dem Wäscheboden hängen, saugen sich mit ihnen voll. Nachts in den Betten beginnen die vollgesaugten Laken zu flüstern und geben ihre Geheimnisse Preis.” Es ist eine Kindheit in einem DDR-Dorf. Anfangs begegnen wir so manchem Original des Dorfes, wie etwa dem Kohlenhändler, der passend in einem schwarzen Sarg beerdigt wird oder Kretschel mit dem runden Kopf, dem Besitzer des letzten Pferdegespanns und Schäfers Gertrud, die immer bei allen Weihnachtsmann spielte. Wir hören vom wortkargen Birnstein mit seiner erfolgreichen Chrysanthemenzucht, aus der schließlich eine Gurkenzucht wird und von Konrad Kleinschmidt, der so manchen Spartakiadesieger hervorbrachte, aber lebenslang davon träumte Eiskunstläufer zu trainieren. Doch der Hauptstrang ist die Geschichte von Roberts Vaters Rudi, dessen Leben geprägt wird durch den im Krieg gefallenen Vater und die enge Beziehung erst zur Mutter später zur Ehefrau. “Rudi ist vierzehn, als er die Arbeit in der Tischlerei beginnt. Er riecht den Leim, der an den Fingern klebt und die Schürze mit einem dicken Schorf überzogen hat. Ein beißender Geruch, der allmählich die Träume zerfrisst. Manchmal stellt er sich vor, wie die Schürze mit den Jahren schwerer wird von immer neuen Schichten aus getrocknetem Leim, wie sie seinen Kopf immer tiefer zieht  und den Rücken krümmt. Wie die Späne zu seinen Füßen zu einem Haufen anwachsen, der ihm irgendwann bis ans Kinn reicht und auch dann noch weiter wächst. Bis er versinkt in einem Meer von Spänen.” Wenige Zeit nach dem Tod der Mutter, die an einer schweren Krankheit starb, findet Robert, der inzwischen längst in der Stadt lebt, seinen Vater tot auf dem Dachboden des Elternhauses. Er hat sich erhängt. Der Ort, an dem die Modelleisenbahn steht, die Rudis vielleicht einzige Passion war und die ihn mit dem Sohn verband, wird zum Erinnerungsort. Jedes Jahr vor Weihnachten zieht sich Roberts Vater zurück auf den Dachboden und es ist klar, dass er neue Ideen für die Modelleisenbahn umsetzt. Am Heiligabend wird dem Sohn dann das Geschenk in Form des Schlüssels zum Dachboden überreicht. Der Vater, der Unberührbare, der Sturkopf, wie in die Leute im Dorf nannten, der gerne studiert hätte, aber ohne Parteibuch nicht durfte, später dennoch in die Partei eintrat, damit zumindest der Sohn nicht darauf verzichten musste. Der Vater, der ein einziges Mal verreiste, als Belobigung für das erreichte Planziel, ans schwarze Meer, doch ohne seine Frau gar nicht fahren wollte. Der Vater, der der Mutter in den Tod folgte… Das Haus der Kindheit hat ein trauriges Gesicht. Die Fenster der Bodenkammer sind schwarze, blinde Flecken. Diesmal sind die Linden nicht verschnitten worden, sie sind ein Schandfleck für die ganze Straße. Wie lange wird es dauern, bis aus den Fingern der Nachbarn Sägen wachsen und alles wieder seine Ordnung hat?” Bereits Wonnebergers voriger Roman “Goetheallee”(in dem es unter anderem auch um die Schreibblockaden eines Schriftstellers geht), ebenfalls erschienen im österreichischen Müry Salzmann Verlag, gefiel mir ausgesprochen gut. Der Autor ist für mein Empfinden noch viel zu wenig bekannt. Ich wünsche ihm ganz viele Leser!

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