Rezension zu "Saltwater: Winner of the Portico Prize (English Edition)" von Jessica Andrews
Ein LovelyBooks-NutzerJessica Andrews' Romandebüt "Saltwater" bietet so viel: Die Sprache ist oftmals höchst poetisch und vermag es, die geschilderten Sinneseindrücke lebendig werden zu lassen - ich rieche und schmecke die Worte, das titelgebende Salz in der Luft und im Meer.
Die Erzählstruktur ist experimentell, springt zwischen den Ereignissen und lässt dabei überraschende Verbindungen zwischen den jeweiligen Zeitebenen entstehen.
Und auch die Themen selbst erscheinen vielversprechend: die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, Alkoholismus und Depressionen, der Kontrast zwischen der Metropole London und dem Leben in Hafenstädten abseits des schillernden Zentrums sowie auch die Erfahrungen einer Arbeiter*innentochter als Literaturstudentin an einer Elite-Universität.
Trotzdem: Überzeugen kann mich dieses Werk nicht, vielleicht gerade wegen der vielversprechenden Startvoraussetzungen und Rahmenbedingungen, des dadurch meiner Meinung nach kaum genutzten Potenzials. Ich habe beinahe das Gefühl, es wird sich auf der Wirkung der zunächst sehr soghaften Sprache ausgeruht, sodass die Handlung im Laufe des Buches immer weiter im Belanglosen, gar Beliebigen versandet. Die beim ersten Mal noch existenziell klingenden Überlegungen, während die Protagonistin über das Leben sinniert, unterscheiden sich kurz darauf stilistisch und inhaltlich kaum noch von gewollt tiefgründigen Instagram-Captions (ohne die Bedeutung dieser Plattform für innovative lyrische Formen untergraben zu wollen).
Auch die Konflikte, die sich aus der spannenden Themenwahl ergeben, werden für meinen Geschmack kaum ausgestaltet. Daraus ergeben sich große Widersprüche, die der Lebenswelt der Protagonistin die Authentizität nehmen, obwohl dort ein großes Identifikationspotenzial für viele Leser*innen vorhanden gewesen wäre. Ja, es fehlt an Geld für das Leben in der Großstadt, für das teure Studium, das alle anderen durch ihre ebenfalls akademischen Eltern finanziert bekommen - und doch finden wir uns kurz darauf wieder in bestimmt nicht günstigen Eskapaden des Nachtlebens. Problematische Verhaltensweisen wie ein gestörtes Essverhalten sowie Alkoholmissbrauch erscheinen eher als stilistische Mittel, die immer wieder kurz angerissen werden, um eine bestimmte Atmosphäre hervorzurufen, ohne letztlich, ebenso wie die finanziellen Probleme, weitreichende Konsequenzen zu haben. Somit wird sich vor der Schwere der Themen eher gescheut, als dass sich ihrer angenommen wird. Und damit meine ich keine notwendige Lösung oder moralische Einordnung, sondern einfach viel mehr literarische Komplexität.
Möglicherweise verliere ich allein durch diese enttäuschende Bearbeitung irgendwann das Wohlwollen, um den übrigen Handlungssträngen und Gedankengängen zu folgen. Vielleicht liegt es aber auch einfach an der zunehmenden Redundanz und letztlich auch Oberflächlichkeit.
"Saltwater" wurde in der Kritik hochgelobt und u.a. mit Sally Rooneys Werken verglichen. Doch für mich ist dieser Roman weit davon entfernt: Dafür mangelt es an Tiefe, der sprachlichen Direktheit, mit der es gelingt, ohne große Verschnörkelungen komplizierte Zusammenhänge aufzudecken sowie allen voran an der Rooney so eigenen Beobachtungsgabe für zwischenmenschliche Atmosphären, die zunächst nur subtil zu bemerken sind, und überhaupt am Mut, sich an alledem detailliert abzuarbeiten.
Auf kommende Arbeiten von Jessica Andrews bleibe ich trotzdem gespannt. Denn trotz meiner fehlenden Begeisterung für ihre erste Prosaveröffentlichung habe ich, siehe oben, große Hoffnungen, was künftige Werke anbelangt.






