Jessica J. Lee

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Mein Jahr im Wasser

Mein Jahr im Wasser

 (3)
Erschienen am 03.04.2017

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Rezension zu "Mein Jahr im Wasser" von Jessica J. Lee

Eine Perle unter den Büchern.
wandabluevor einem Jahr

Eine Perle unter den Büchern.
Bei dem Buch „Mein Jahr im Wasser“ von Jessica J. Lee handelt es sich nicht um eine Biografie im klassischen Sinne, dafür ist die Verfasserin zu jung, obwohl das Buch biografische, das heißt persönliche Anteile hat. Die Autorin gibt sehr wohl einige intime Details über ihr Leben preis. Diese Intimität ist genau bemessen, der geneigte Leser kommt der schreibenden Person nah, angenehm nah, aber nicht zu nah. Peinliche Ergüsse über Seelen- oder Sexualleben, wie es andere junge Schreiber naiverweise manchmal zumuten, gibt es nicht. Jedoch darf man ein paar Einblicke in Jessicas psychische Verfassung tun. Gleichzeitig ist es ein Sachbuch über die Seenlandschaft der Mark Brandenburg. Eigentlich sogar eine Liebeserklärung an Brandenburg.

In wunderschöner, lyrischer Sprache beschreibt die junge Autorin die brandenburgische Landschaft, ganz ähnlich und doch ganz anders als es einst Fontane mit seinem vierbändigen Werk „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“  tat. Aus jeder Zeile spricht ihre Naturverbundenheit, ihre Stärke, ihre Liebe zur Stille, zur Einsamkeit und zum Du. Und ihre Intelligenz und Feinheit, Belesenheit. Manchmal ist eine Freundin auf den Wanderungen, Streifzügen zum Wasser mit dabei, häufiger ist sie alleine, mal sinniert sie über verlorene Lieben nach, über ihre Ängste vor dem tiefen Wasser, über ihre Familie und immer will sie sich den Kopf frei radeln, wandern und schwimmen, weil sie als angehende Umwelthistorikerin an ihrer Dissertation über die „Hampstead Heath“ sitzt.

Um ihre Selbstheilungskräfte zu aktivieren, erlegte sie sich das Projekt zweiundfünfzig Seen der momentan bewohnten Gegend zu beschwimmen, auf, analog zu den zweiundfünfzig Wochen des Jahres, in allen Jahreszeiten. Dabei erfährt der schaudernde Leser, wie man es anstellt, im eiskalten Wasser keinen Atemstillstand zu bekommen, nachdem man sich mit dem Hammer eine Wasserinne frei haute, und wieviel genau bemessene Schwimmzüge man machen darf, bevor man wieder zurück an das Ufer muss, um nicht zu ertrinken. Es ist der Endorphinausstoss nach dem Schwimmen, wonach die Spezie der Eisschwimmer süchtig ist.

Man merkt, Jessica J. Lee ist der sportliche Typ. Unerschrocken, denkt man und „kanadisch“ halt, wenn man ihrem Stapfen durch dunkle Wälder folgt, mutterseelenallein oder ihrem stundenlangen Radeln zum Tagesziel, dessen Monotonie sie sich mit Singen vertreibt. Aber unerschrocken stimmt nur bedingt, Mut ist eine Sache der Gewohnheit, der Einlassung und der Disziplin.

Wunderschöne Zitate lassen mich mehr und mehr Jessicas Unbedingtheit, ihre Hingabe an das Projekt begreifen. „Liebe ähnelt der Angst, sie verschlingt einen mit Haut und Haar wie Wasser" ist nur eines davon. Und das dem Buch vorangestellte Zitat von Margaret Atwood gefällt mir sehr: „Um uns ist die Illusion unendlichen Raumes, es gibt nur uns und das in Dunkel gehüllte Ufer, das wir scheinbar mit der Hand berühren können, das Wasser dazwischen wie nicht vorhanden.“

Völlig unverkrampft lernt man auch einiges. Über die Geschichte der Gegend, über die Landschaft, über die Pflanzen des Waldes, über die Schönheit des unscheinbaren Mooses und seine Bedeutung „evolutionsgeschichtlich irgendwo zwischen Algen und Landpflanzen angesiedelt, bilden Moose das Verbindungsglied zwischen dem Wasser und den umliegenden Landschaften“, über die Schichtungen des Wassers, über Limnologie, die Wissenschaft von den Seen. Die Autorin ist Akademikerin und das merkt man, in diesem Falle, im günstigsten Sinne, sie stiefelt nicht gedankenlos durch Flora und Fauna, um sich irgendwo ins Wasser zu stürzen, nein, sie betreibt vorher umfassende Feldforschungen.

Die ungewöhnliche Mischung von regionalem Bezug, Sport, Disziplin und Reflexion, Lyrik und Naturverbundenheit hat mich bezaubert vom ersten bis zum letzten Wort. Sicher ist „Mein Jahr im Wasser“ ein Buch für Wasserratten und für Menschen mit Bezug zur Region Berlin und Brandenburg, aber nicht nur; es ist ein langsames, lyrisches Buch zum Atemholen, das Mut zum Leben macht. Diese Mischung muss man mögen: Ich liebte sie.

Schon in der Inhaltsangabe sind alle Seen aufgeführt, die dem Leser begegnen werden, im Nachgang ist eine Kartenskizze angefügt samt jeweiliger genauer Anfahrtsbeschreibung, eine Kurzbeschreibung zum jeweiligen See liest sich wie eine Ausweiskarte!

Fazit: Eine Leseperle für Leser, die das Langsame und Zeitlose und Naturbeschreibungen lieben.

Mein bisheriges Lesehighlight 2017.


Kategorie: Sachbuch,
Verlag: Berlin Verlag, 2017

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