Jessica Keener Schwimmen in der Nacht

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Inhaltsangabe zu „Schwimmen in der Nacht“ von Jessica Keener

In diesem Roman, an dem Jessica Keener 18 Jahre geschrieben hat, erzählt sie bewegend und in einer schönen, atmosphärisch dichten Sprache von einer durch ein tragisches Unglück heimgesuchten Familie, der Sehnsucht, der Einsamkeit zu entkommen, und dem Aufbruch ins Leben. In der Rückschau erzählt die Hauptfigur Sarah Kunitz von den 70er-Jahren, als sie fünfzehn war und mit ihrer jüdischen Familie in einer wohlhabenden Vorstadt von Boston lebt. Ihr Vater Leonhard unterrichtet englische Literatur, die Mutter Irene ist schon zu Lebzeiten eine ätherische Gestalt. Beide trinken gern und zu viel. Bildung wird großgeschrieben, Gehorsam ebenso. Regelmäßig stattfindende Dinner-Partys, Country-Club-Bekanntschaften und der herrliche Rosengarten beschwören den Schein eines glücklichen Lebens, können aber nicht über die innere Zerrüttung der Familie hinwegtäuschen. Die Ehe der Kunitz?, belastet von der Cholerik des Vaters und den Depressionen der Mutter, ist ein zuweilen liebevolles, aber explosives Gemisch. Die Kinder suchen in Musik, Literatur und Fantasiewelten Schutz. Als die Mutter bei einem ungeklärten Autounfall ums Leben kommt, drohen Vater und Kinder an diesem Verlust zu zerbrechen. Doch das Leben setzt sich durch. Sarah erlebt ihre erste Liebe und zunehmend befreien sich die Kinder aus der Isolation und den Fangarmen ihres Vaters. Ein berührender und mit traumähnlichen Bildern durchzogener Roman über die Liebe und das Überleben.

Wunderbar geschriebenes Buch über die Fähigkeit, nach einem schweren Verlust in der Jugend doch noch ins Leben zu finden

— Corsicana
Corsicana

Über Mangel-/Verlusterfahrung und die Hoffnung, in ein anderes Leben zu schwimmen - überzeugend durch sprachliche Reife und Stimmungsbilder.

— Literatur
Literatur

Kann ich mich besoffen dran lesen. Eine dichte Story, plausibel und authentisch, dreidimensionale Figuren und obendrein noch Zeitgeschichte.

— IngeLuett
IngeLuett

ein tolles Buch voller Melancholie und, so gegensätzlich es auch ist, voller Hoffnung darauf, dass alles besser wird!

— Kleines91
Kleines91

Gut geschriebene coming-of-age Geschichte mit vielen Song-Zitaten aus den 70ern, die viel zu einer dichten, stimmigen Atmosphäre beitragen.

— Ein LovelyBooks-Nutzer
Ein LovelyBooks-Nutzer

amerikanische familiengeschichte um tabl- u alk.abhängige mutter, die verunglückt..familie zerbricht..findet aber ins leben zurück..

— orchidee25
orchidee25

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Spannende, bedrückende Geschichte, gut erzählt, doch ohne das gewisse Etwas, das mich völlig vom Hocker gehauen hätte.

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    Schwimmen in der Nacht
    Looony

    Looony

    11. December 2014 um 14:33

    Jessica Keener - Schwimmen in der Nacht ***** Inhalt Boston in den 70er Jahren. Aus der Perspektive der 15 Jährigen Sarah wird der Leser mitgenommen an diesen Ort, in diese Zeit und in die Lebenwelt von Sarah und ihrer Familie. Eine Mutter, die an Depressionen leidet, liebevoll und bewundernswert, aber für Ihre Familie nie ganz greifbar ist, bis sie bei einem ungeklärten Autounfall stirbt. Ein Vater, Literaturprofessor, cholerisch, der viel Wert auf Außenwirkung, Regeln, Gehorsam und Bildung legt. Ein großer Bruder, der mit Hilfe der Musik einen Weg in die Freiheit und Selbstständigkeit sucht. Zwei kleine Brüder, - der Eine still, phantasievoll, sensibel, scheinbar unerschütterlich, der Andere aufbrausend, jähzornig, zerbrechlich - die mit ihren Eigenarten eine Niesche zum (Über)Leben in der Familie suchen. Und mitten drin und doch alleine Sarah, auf ihrem holprigen Weg zum Erwachsenwerden. Sie geht zur Schule, sie trauert, sie rebelliert, sie verliebt sich, macht große und kleine Fehler. Voller Trauer, Angst und Zweifel. Aber auch mit Hoffnung und Zuversicht. Meine Meinung Schwimmen in der Nacht ist ein Zeitportrait, Entwicklungsroman und Familiendrama zugleich. Jessica Keener hat mich von der ersten Seite hineingezogen und mitgenommen in die Welt der 70er Jahre des gehobenen amerikanischen Bürgertums, in die Welt von Sarah, in die Welt ihrer jüdischen Familie. Ihre einfachen, klaren und doch sehr poetischen, bildhaften Worte und Sätze haben Bilder in schwarz-weiß in meinem Kopf entstehen lassen. Farbe haben bei mir nur die Melodien von Peters und Sarahs Musik und die Rosen, die Sarahs Mutter mit leidenschaft im Garten pflegt und züchtet erzeugt. „Die Metallsaiten schenkten dem Weaver’s-Folk-Song einen wunderschönen, runden Klang. Peter griff kräftiger in die Saiten und unsere Harmonien fügten sich zu einem *I’d hammer out love-* zusammen bis unsere Stimmen und Peters Gitarrenklang weit oben in den Bäume ein Versteck schuf, unerreichbar für alle, solange ich sang (…)“ (S. 44) Das zeigt: Das Buch ist kein einfaches. Die Stimmung ist oft düster und bedrückend. Die Themen oft schwer. Doch wie ein Hoffnungsschimmer stiehlt sich hier und da ein Satz, ein Gedanke, eine Melodie dazwischen, die den Leser wissen lässt, dass es nicht so einsam ist, dass es nicht so bleiben muss, dass Sarah ihren Weg finden und gehen kann, wenn sie nicht aufhört zu suchen. Fazit Schwimmen in der Nacht ist ein berührender Roman ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Er hat mich länger begleitet, auch über die Lesezeit hinaus. Ein besonderer Roman - sprachlich und inhaltlich. Eine eindeutige Leseempfehlung für alle, die es nicht bunt und laut brauchen, sondern die Botschaft auch gerne zwischen den Zeilen und hinter den Melodien suchen! „Mein jüngster Bruder kam mit der unsichbarsten aller Gaben auf die Welt: Glauben. Er kam weise auf die Welt. Elliot konnte mit den emotionalen Strömungen, die die Wogen in underen Zusammenleben hochgehen ließen, von Geburt an mitschwimmen. Und zwar ganz intuitiv und unschuldig, als ob jeder Sturm in unserem Familienmeer ganz natürlich wäre.“ (S 191)

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  • Das Weiterleben nach einem Verlust

    Schwimmen in der Nacht
    Corsicana

    Corsicana

    08. October 2014 um 20:42

    Dieses Buch von Jessica Keener ist eigentlich ein Debüt - der erste Roman der Autorin. Aber sie hat vorher schon viel geschrieben - das merkt man. Die Sprache ist ausgefeilt, die Beschreibungen wunderbar poetisch und es liest sich alles sehr flüssig - obwohl schwierige Themen behandelt werden. Sarah, die Protagonistin, ist zwischen 15 und 16 und wächst in einem sehr kultivierten, intellektuellen Haushalt auf. Mit Dienstmädchen, Vater College Professor, Mutter musisch begabt und aktiv im Country Club einer Stadt in New England. Alles soweit sehr gediegen - aber der Jähzorn des Vaters und die Krankheiten und Depressionen der Mutter erschweren das Leben. Themen wie Tablettensucht, Alkoholsucht usw. werden angeschnitten. Die Mutter stirbt schließlich - freiwilig? - bei einem Autounfall und die vier Kinder und der Vater müssen weiterleben. Und dieser Kampf ums Überleben und weiterleben wird sehr schön und liebevoll beschrieben. Jeder geht anders damit um und jeder sucht seinen eigenen Weg, mit dem Verlust umzugehen. Der Roman ist quasi als Rückblende geschrieben, wenn auch nur wenig über das heutige Leben von Sarah berichtet wird. Aber es wird sehr drastisch und plastisch beschrieben, wie die einzelnen Familienmitglieder Wege finden, weiterzuleben, seien es die leicht prollige neue Freundin des Vaters oder die recht leichtfertigen Liebschaften von Sarah oder die Flucht eines Bruders nach Kalifornien. Besonders berührt hat mich, wie liebevoll die einzelnen Charaktere der Kinder beschrieben wurden. Sehr kunstvoll. Fazit: Ein Debüt - aber eine reife Leistung.

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  • Einsamkeit in der Familie

    Schwimmen in der Nacht
    czytelniczka73

    czytelniczka73

    "...reise auf der Suche nach Antworten zurück in die Vergangenheit,springe in Gedanken,was bei so vielen angesammelten Jahren leicht ist,in der Zeitenfolgen zurück,an einem Ort,den es nicht mehr gibt.Ganz so,als würde ich auf ein Fürimmer  zuschwimmen,nur rückwärts."(Seite 11)   Eine schlaflose Nacht voller Kindheitserinnerungen. Von außen betrachtet ist Familie Kunitz perfekt-wohlhabend und gebildet.In Wirklichkeit ist es gar keine "Familie" sondern eine Gruppe von Menschen,die zwar zusammen wohnen,aber doch jeder für sich den Weg sucht,einsam und auf sich alleine gestellt.Obwohl die Mutter krank und Tabletten und Alkoholabhängig ist,"ätherisch" und nicht richtig da,ist sie auch das einzige Bindungsglied in der Familie.Mit ihrem tragischen Tod nimmt der Zerfall endgültig den Lauf und die Familie zerbricht.Ein Trauma das nie ganz überwindet wurde. Eine traurige und berührende Familiengeschichte,die gleichzeitig eine wunderbare Zeitreise in die 70 Jahre bittet.Ich fand die Sprache sehr schön und ansprechend,der Schreibstil bildhaft und stimmungsvoll,sehr angenehm zum Lesen.Mir hat das Buch auch gefallen und ich hab es gerne gelesen,aber sehr beeindruckt bin ich leider nicht.Dafür war mir die Geschichte einfach zu ruhig und zu monoton.Ganze Zeit hab ich auf Etwas gewartet,das leider nicht gekommen ist.Ein "WOW" oder "AHA" Moment,das eine Geschichte besonders und unvergesslich macht.Leider hab ich so etwas für mich in diesem Buch nicht gefunden,deswegen hinterlässt die Geschichte eh blassen Eindruck.   Fazit: Auf jeden Fall berührend,bleibt aber auch nicht lange im Gedächtnis.  

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  • Leserunde zu "Schwimmen in der Nacht" von Jessica Keener

    Schwimmen in der Nacht
    Literatur

    Literatur

    Herzliche Einladung zur Leserunde "Schwimmen in der Nacht" Bei der Aktion "Buch-Assoziationen - Bücher passend zu Substantiven, Adjektiven und Verben lesen" (http://www.lovelybooks.de/autor/Ursula-Poznanski/Die-Verratenen-973199320-w/leserunde/1091156024/) ist in der Woche vom 21.-27.6.2014 "Schwimmen" zum Thema erklärt worden, sodass ich gerne während dieses Zeitraums eine Leserunde zu "Schwimmen in der Nacht" anbieten möchte. Ich habe dieses Buch bereits in der "Romane-Challenge: Die Challenge mit Niveau" (http://www.lovelybooks.de/thema/Romane-Challenge-Die-Challenge-mit-Niveau-1070411652/1091357612/) als anspruchsvollen Roman vorgeschlagen, sodass wir im Rahmen dieser Leserunde diskutieren können, ob der Roman in die Challenge passt. Die bisherigen Rezensionen und Buchbesprechungen klingen sehr vielversprechend, hier eine kleine Zusammenstellung: - http://www.lovelybooks.de/autor/Jessica-Keener/Schwimmen-in-der-Nacht-1080667747-w/ - http://www.deutschlandradiokultur.de/roman-kleinbuergerliche-hoellenqualen.950.de.html?dram:article_id=277267 - http://www.hr-online.de/website/radio/hr-info/index.jsp?rubrik=60959&key=standard_rezension_51680961 Inhalt: In diesem Roman, an dem Jessica Keener 18 Jahre lang geschrieben hat, erzählt sie bewegend und in einer schönen, atmosphärisch dichten Sprache von einer durch ein tragisches Unglück heimgesuchten Familie, von der Sehnsucht, der Einsamkeit zu entkommen, und dem Aufbruch ins Leben. In der Rückschau erzählt die Hauptfigur Sarah Kunitz von den 70er-Jahren. Sarah ist fünfzehn und lebt mit ihrer jüdischen Familie in einer wohlhabenden Vorstadt von Boston. Ihr Vater Leonhard unterrichtet englische Literatur, die Mutter Irene, eine ätherische Gestalt, ist für ihre vier Kinder nie so ganz greifbar. Beide Eltern trinken gern und zu viel. Bildung wird großgeschrieben, Gehorsam ebenso. Regelmäßig stattfindende Dinner-Partys, Country-Club-Bekanntschaften und der herrliche Rosengarten beschwören den Schein eines glücklichen Lebens, können aber nicht über die Probleme in der Familie hinwegtäuschen. Die Ehe der Kunitz’, belastet von den cholerischen Ausbrüchen des Vaters und den Depressionen der Mutter, ist ein zuweilen liebevolles, aber explosives Gemisch. Die Kinder suchen in Musik, Literatur und Phantasiewelten Schutz. Als die Mutter bei einem ungeklärten Autounfall ums Leben kommt, drohen Vater und Kinder an diesem Verlust zu zerbrechen. Doch das Leben setzt sich durch. Sarah erlebt ihre erste Liebe und zunehmend befreien sich die Kinder aus der Isolation und der Umklammerung durch ihren Vater. Ein berührender und mit traumähnlichen Bildern durchzogener Roman über die Liebe und das Überleben. Der C.H.Beck Verlag stellt freundlicherweise 15 Leseexemplare für die Leserunde zur Verfügung, die ich hier vergeben darf. Wenn Ihr mitmachen möchtet, beantwortet mir bitte bis zum 31.05.2014 folgende Fragen unter dem Unterpunkt "Bewerbung": Welche Assoziationen habt Ihr beim Titel "Schwimmen in der Nacht"? Welche Erwartungen habt Ihr an den Roman? Die aktive gemeinsame Lesephase wird vom 21.6.-27.6.2014 stattfinden. Bedingung für den Erhalt eines Leseexemplares ist die Teilnahme an der Leserunde im genannten Zeitraum und das Verfassen einer Rezension bis zum 11.07.2014. Ich werde die Gewinner der Leseexemplare am 01.06.2014 verlosen und hier abends bekannt geben. Ihr könnt natürlich auch gerne mit Eurem eigenen Exemplar teilnehmen. Außerdem besteht die Möglichkeit, im Rahmen der Leserunde Fragen an den Verlag zu stellen. Ich werde die Fragen sammeln und nach Ende der Leserundenwoche gesammelt an den Verlag weiterleiten und die Antworten nach Erhalt veröffentlichen, sodass nach dem gemeinsamen Lesen noch die Möglichkeit einer anschließenden Diskussion besteht. Herzlichen Dank an den C.H.Beck-Verlag für die Unterstützung dieser Leserunde! Ich freue mich über eine rege Teilnahme und einen interessanten Austausch! Liebe Grüße, Literatur

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  • Schwimmen in der Nacht

    Schwimmen in der Nacht
    mecedora

    mecedora

    18. August 2014 um 16:40

    „Wenn das das Erwachsenwerden war, wäre ich gern Kind geblieben, aber ich sah keinen anderen Weg, als mich weiter zu entwickeln und etwas Besseres zu suchen.“ (322) Sarah Kunitz erinnert sich, erinnert sich an das Erwachsenwerden, das schmerzhafte, die Entwicklung vom Mädchen zur Frau, an Verzweiflung, Schmerz und leeren und an all das, was in ihrer Jugend, in ihrer Familie, so passierte, als sie an dieser Schwelle stand. Denn passiert ist so einiges. Eine unter der glatten, auf Hochglanz polierten Oberfläche einer perfekten amerikanischen Familie der oberen Mittelschicht brodeln Depressionen und Verleugnung, Sucht und Verlust, Übergriffe und vor allem ganz viel Verschwiegenes, Verborgenes, eine vielschichtige Welt voller Krater und Wunden, Risse und Narben. Ordnung, Bildung, Erfolg und gutes Benehmen charakterisieren die Familie Kunitz, selbst ernannte Gelegenheitsjuden, nach außen hin. Doch das ist alles Fassade und Schein, die im Verlauf des Buchs, im Verlauf der Ereignisse, Momentaufnahmen und Erinnerungen, die Sarah auf ihre Jugend rückblickend beschreibt, tiefe Risse bekommen. Die Stimme, die Jessica Keener ihrer jugendlichen Sarah in "Schwimmen in der Nacht" gibt, ist das, was diesen Roman auszeichnet. Erwachsen und dennoch angemessen für das erzählte Alter, ein wenig altklug und ab und an rotzig, oft schmerzhaft distanziert, vor allem in den verletzendsten Momenten, kontrolliert und scharf beobachtend skizziert Sarah ihr Leben und ihr Umfeld - so plastisch und in aller Schlichtheit und Distanz anschaulich, dass die Atmosphäre bei der Lektüre des Buchs auf den Leser übergreift und ihn spüren lässt, was meist unausgesprochen bleibt, ganz unterschwellig und dennoch eigentümlich intensiv. Lange hat Jessica Keener an ihrem Roman gearbeitet. Diese lange Zeit, die Arbeit an und das Ringen um jedes Wort ist spürbar - und macht "Schwimmen in der Nacht" für mich zu einem so besonderen Buch. Stilistisch stark und kraftvoll, mit einer ganz eigenen Stimme, zieht dieser Roman den Leser in seinen Bann. Trotz meiner Begeisterung, was sprachlichen Ausdruck und die vermittelte Atmosphäre in "Schwimmen in der Nacht" angeht, scheue ich mich, die vollen fünf Sterne zu vergeben. Ein sehr persönliches Buch ist der Autorin gelungen, ein sehr eindringliches Buch - aber auch ein sehr beklemmendes Buch, das an einigen Stellen in der Übersetzung nicht zu überzeugen vermochte, das ab und an Brüche in den Charakteren und der Handlung zeigte. Einen kleinen Stern möchte ich in der Gesamtbewertung abziehen, dem Roman aber dennoch eine ganz klare Leseempfehlung aussprechen. Es ist kein Buch, das glücklich stimmt - aber eines, das sehr real anmutet und stilistisch wie literarisch überzeugt.

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  • Vom Fallen, Schweben und Schwimmen in ein anderes Leben

    Schwimmen in der Nacht
    Literatur

    Literatur

    "Meine Tante versuchte uns aufzulesen wie auf dem Boden verstreute Äpfel. Aber das war unmöglich. Die Bitterkeit des Lebens hatte alles zerstört, oder würde alles zerstören, wenn ich es zuließ." (S. 141) "Ausgelöscht schwamm sie mit kräftigen Zügen durch ein anderes Universum und kämpfte sich an die Oberfläche. Das war das genaue Gegenteil von ihrem Leben auf der Erde". (S. 146) In einem mittleren, vielleicht auch schon höheren Lebensalter erinnert sich die inzwischen erfolgreiche und im Leben "angekommene" Protagonistin Sarah Kunitz, angeregt durch einen flüchtigen, fast schon zufälligen Kontakt mit einem früheren Nachbarsjungen, an ihre Kindheit und Jugend in einer amerikanischen, wohl situierten, "gelegenheitsjüdischen" Familie. Die Kernfamilie, bestehend aus einem strengen, prinzipientreuen, belehrenden Vater, einer depressiven, von Medikamenten abhängigen und in ihrer Rolle nach außen hin funktionierenden, jedoch in ihrer mütterlichen Rolle überforderten Mutter, vier Kindern mit ganz unterschiedlichen Charakteren und Fluchtwegen aus der Realität sowie einer Vielzahl wechselnder Hausmädchen, ist geprägt von Ordnung, Bildung und Erfolg - Liebe und ehrliche Zuneigung finden nur wenig Raum im Familienleben. Die jedoch untergründig lodernden Spannungen spitzen sich zu, bis der ungeklärte Unfalltod der Mutter alle Familienmitglieder in ein großes Nichts zu reißen scheint und das Leben aller tiefgreifend verändert. Es wird deutlich, dass trotz der dysfunktionalen Beziehungsmuster eine gewisse Nähe zwischen den Familienmitgliedern vorhanden war und dass jeder seinen eigenen Weg gehen muss, um trotz des Verlustes überleben, leben und lieben zu können. Die im Roman "Schwimmen in der Nacht" vermittelten Stimmungen wechseln rasch, wobei die Autorin Jessica Keener diese nüchtern, anschaulich und authentisch einfängt: z.B. die Strenge und Starre des gemeinsamen Familienessens, das Lähmende und Erdrückende ausgehend von der an Schmerzen leidenden, depressiven Mutter, die Beschwingtheit und Ausgelassenheit des Sommerfestes, das Verstörende und Zerstörerische des "Unfalls", um nur wenige Beispiele zu nennen. Sehr passend finde ich die von der Autorin gewählten Beschreibungen, die das Aussehen, die Mimik, die Gestik und das Agieren der Personen, den Duft oder die Stimmung einfangen. Der Schock des Unfalls und die geballte Trauer haben mich stark ergriffen. Ich finde es höchst anspruchsvoll, für ein so differenziertes und erschütterndes Gefühl wie Trauer die "richtigen" Worte zu finden, der Autorin ist dies meines Erachtens nicht nur sehr gut gelungen, sondern in dieser verdichteten unfassbaren Gefühlslage schwingt doch etwas Hoffnungsvolles mit. So beschreibt sie nach der Phase der akuten Trauer auch den Beginn eines Lebens nach der Verlusterfahrung, das für jeden Einzelnen sich anders gestaltet. Die Bedeutung von Musik nimmt im Laufe des Romans zu, wobei Jessica Keener musikalische Begriffe und Songs in ihre bildhafte und doch weiterhin nüchtern-kernige Sprache integriert. Der Roman selbst und seine Bezüge zu Musik und Literatur ergeben ein in sich stimmiges Bild. Das schlichte, auf das Wesentliche reduzierte Titelbild, das dennoch so vieles gleichzeitig beinhaltet - schwimmen, schweben, fallen, sich treiben lassen, sich fallen lassen -, hat mich stark beeindruckt und wurde passend zum Titel und Roman gewählt. Jessica Keener gelingt mit der Deskription einer Familie, einer Generation, einer bestimmten Zeit, der Darstellung der Charaktere, der dynamischen Konstellationen zwischen den Charakteren, der Gegenüberstellung von Sein und Schein, den feinen Stimmungswechseln sowie aufgrund des nüchternen Erzählstils, der dennoch so viel Emotionalität beinhaltet, und der sprachlichen Feinheiten ein außergewöhnlicher Roman.  Diese Vielfältigkeit, Wandlungsfähigkeit und sprachliche Reife haben mich überzeugt.

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    • 2
    Gruenente

    Gruenente

    04. August 2014 um 11:25
  • Kinder und Arthritis

    Schwimmen in der Nacht
    Buecherschmaus

    Buecherschmaus

    Es sind die Siebziger, ein gepflegter Vorort Bostons, eine wohlsituierte Familie. Nach außen hin sieht alles perfekt aus, aber wie so oft bröckelt es im Inneren. Vor allem die Mutter hadert mit ihrem Leben als Hausfrau und Mutter, leidet unter Schmerzen und trauert einer Karriere als Musikerin nach. Auf die Frage, warum sie ihr Violinspiel aufgegeben habe, antwortet sie "Kinder und Arthritis", ein Ausspruch, den sie unbedacht tut, der ihre Tochter Sarah doch zutiefst verletzt. Aber zu weit hat sich die Mutter innerlich schon von ihren Kindern entfernt, zu sehr zurückgezogen in ihre Depressionen und ihre Einsamkeit. "Wir waren Wesen, deren Lebensfäden mit etwas Amorphem verbunden waren, zu dem wir Mutter sagten." "Liebe war etwas, das sich in einen Raum im zweiten Stockwerk zurückzog". Der Vater ist keine Hilfe. Er flüchtet sich in seine Arbeit als Literaturprofessor, in Strenge, Wutausbrüche und, genau wie die Mutter, in außerordentlichen Alkoholkonsum. Es wird eigentlich ständig, zu jeder Tageszeit, in jeder Lebenslage, getrunken. Obwohl die Ehe nicht zerrüttet ist, die Eltern sowohl sich als auch den Kindern in Liebe zugetan sind, finden sie keine Möglichkeit der Annäherung, über Gefühle und Probleme wird zu keiner Zeit geredet, alles permanent unter den Teppich gekehrt. Dabei wird der Standesdünkel beim Umgang mit dem Personal, bei Dinnerpartys und im Countryclub fleißig gepflegt. In dieser schwierigen Atmosphäre wachsen vier Kinder auf, die verzweifelt nach der Liebe ihrer Mutter suchen. Sie sind sich zwar gegenseitig ein Halt, aber den Umständen natürlich nur bedingt gewachsen. Besonders nach dem ungeklärten Unfalltod der Mutter scheint die Familie auseinanderzubrechen. "Meine Tante versuchte uns aufzulesen wie auf dem Boden verstreute Äpfel. Aber das war unmöglich. die Bitterkeit des Lebens hatte alles zerstört, oder würde alles zerstören, wenn ich es zuließ." Die so spricht, ist die Ich-Erzählerin Sarah. Aus ihrer Perspektive wird die Familie geschildert, ihr Vater, ihre drei Brüder. Und das gelingt der Autorin Jessica Keener ausnehmend gut. Besonders die drei Brüder entwickeln sich zu wunderbaren Charakterporträts. Auch die Stimmung in der Familie wird sehr schön deutlich. Keener verwendet dafür eine klare, schnörkellose Sprache, versetzt die melancholische, zuweilen düstere Stimmung mit hellen Lichtpunkten der Musik, die Sarah und ihrem älteren Bruder Peter immer wieder Trost und Momente des Glücks bringen. Und so endet das Buch auch äußerst hoffnungsvoll. Trotz einiger Ungenauigkeiten, die, so vermute ich, der Übersetzung geschuldet sind, ein gut zu lesender, stimmungsvoller Entwicklungsroman.

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    • 3
  • Die Erinnerung braucht keine E-Mails

    Schwimmen in der Nacht
    IngeLuett

    IngeLuett

    11. July 2014 um 22:24

    Es ist spät. Nur noch schnell die Mails checken und dann bald schlafen gehen, so hat sich Sarah das wohl gedacht. Morgen ist ein großer Auftritt und sie will sich ablenken. Aber dann wird es wohl doch eine lange Nacht, denn eine Mail bringt nicht nur Grüße aus der Vergangenheit, sondern lässt sie tief abtauchen in das Damals. Damals, das war in den 60-ern. Damals, als Sarah ein Teenager war und die Welt noch heil zu sein hatte. Damals, als die Welt alles andere als heil war und Sarah die einzige Erwachsene im Haus. Wer erwartet von einem Kind, dass es die Familie zusammen hält? Nicht Sarahs drei Brüder, nicht ihre Mutter, nicht ihr Vater. Alle sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt um den Eisberg wahrnehmen zu können, auf den das Familienschiff trotz mancherlei Warnungen unbeirrbar zusteuert. Mit Alkohol halten sich die Eltern über Wasser, die Brüder haben längst ihre eigenen Welten gefunden, in die sie abtauchen. Wechselnde Haushaltshilfen können nur beobachten und sich das ihre denken – sie sind schwarz und damit noch unsichtbarer, als es Personal ohnehin schon ist. Lange, bevor die Mutter durch einen vielleicht selbst verschuldeten Autounfall stirbt, sind Katastrophen im Hause Kunitz daheim: Sei es der gescheiterte Lebensplan der Mutter, die im Bermudadreieck zwischen Rosenzucht, Tabletten und Alkohol ihrer Karriere als Geigerin nachtrauert, sei es die Ohnmacht des Vaters, der zwischen cholerischen Wutausbrüchen, erstaunlicher Nähe zu einer Kollegin und ebenfalls Alkohol sich den Weisungen der Fakultätsleitung beugen muss. Wie in einem solchen Haus vier völlig verschiedene Kinder heranwachsen, erfahren wir aus der Perspektive von Sarah. Und diese Sarah schont niemanden, schon gar nicht sich selbst. Sie müsste uns nicht erzählen, dass sie einen antisemitischen Angriff in der Schule durch Ladendiebstahl kompensiert. Aber sie tut es. Und wie sie es tut, ist ein Lesegenuss sondergleichen. Sarah erzählt in einer gleichzeitig lakonischen und doch bildreichen, poetischen Sprache. Sie erklärt kaum etwas und rechtfertigt noch weniger. Sie zeigt nur und lässt uns unsere eigenen Schlüsse ziehen. Diese sehr persönliche Schilderung birgt natürlich auch eine gewisse Gefahr in sich. Es ist ein Leichtes zu glauben, die Autorin erzähle aus ihrer eigenen Familiengeschichte und habe sich nur eben ein bisschen umbenannt. Wenn jemand achtzehn Jahre Lebenszeit an ein einziges Buch aufgewendet hat, dann muss es auch persönlich sein – die naheliegende Schlussfolgerung lässt allerdings außer Acht, dass wir ja nicht wissen können - und es vielleicht auch gar nicht erfahren wollen -, was alles sonst noch geschrieben, getan, gelebt wurde. "Schwimmen in der Nacht" oder Der Aufstieg und Fall der Kunitz‘ ist meiner Meinung nach packend genug, ohne ein weiteres Drama noch in die gleiche Schleife mit einzubinden. Ob es eine wahre Geschichte ist oder eine Reihe von anekdotischen Episoden dahinter stehen, was hat das mit der Qualität des Buchs zu tun? Eines ist Jessica Keener mit Sicherheit gelungen: Eine plausible Story, die außerordentlich authentisch „rüberkommt“ mit ihren dreidimensionalen Figuren, die mich so schnell nicht loslassen. Trotz einiger Flüchtigkeiten in der Übersetzung: „Schwimmen in der Nacht“ hat mich so überzeugt, dass ich mir gleich anschließend Jessica Keeners Kurzgeschichtenband „Women in Bed“ beschafft habe. Auch diesen habe ich mit großem Genuss gelesen und freue mich darauf, wieder etwas von dieser Autorin zu lesen. Hoffentlich dauert es nicht wieder achtzehn Jahre. 

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  • Wenn eine Familie zerbricht

    Schwimmen in der Nacht
    Scheherazade

    Scheherazade

    10. July 2014 um 00:14

    Sarah Kunitz erzählt in einer Rückschau über ihr Leben in den 70er Jahren, als sie 15 Jahre alt war. Sie lebt mit ihrer jüdischen Familie in der Vorstadt von Boston und sie führen nach Außen das perfekte Leben. Aber nach Innen ist die Familie zerrüttet und hat Probleme. Als dann die Mutter bei einem Autounfall stirbt droht die Familie daran zu zerbrechen. Die Geschichte wird von Sarah als Rückblick erzählt. Dabei werden immer kurze Sequenzen aus dem Leben geschildert. Diese sind zwar chronologisch geordnet, allerdings sind die Zeitsprünge unterschiedlich lang, sodass man als Leser nicht immer gleich weiß, wann dieser Ausschnitt jetzt stattfindet. Sarah ist 15, also mitten in der Pubertät und man verfolgt ihre Entwicklung und ihr Verhältnis zur Familie. Ihre Gefühle, Träume und ihre Welt werden hier sehr anschaulich geschildert. Die anderen Familienmitglieder werden natürlich auch nur aus der Sicht von Sarah charakterisiert und man weiß natürlich nicht, ob ihre Einschätzung der Wahrheit entspricht. Aber es ist natürlich ihre Wahrheit. Die Entwicklung von Sarah im Laufe der Geschichte hat mir persönlich allerdings nicht gefallen. Ich hatte es mir, durch den tragischen Unfall der Mutter eigentlich anders vorgestellt. So wurde Sarah mir danach sehr unsympathisch und ich hatte keinen trauerden Teenager vor Augen, sondern ein sehr egoistisches Mädchen. Aber die Entwicklung war durchaus nachvollziehbar und alle ihre Handlungen passten ins Bild. Sprachlich hat mich der Roman sehr überzeugt. Es sind ein paar sehr schöne Bilder darin enthalten und die Autorin beschreibt die Familie sehr anschaulich und einfühlsam. Man merkt auch sprachlich die Veränderung die Sarah durchmacht, auch wenn mir ihre Entwicklung nicht gefallen hat. Hier ist alles sehr stimmig und auch die Auswahl der Sequenzen, die erzählt werden, ist gut durchdacht. Insgesamt ein sprachlich sehr überzeugender Roman, bei der mir die Entwicklung der Protagonistin nicht gefallen hat. Ich kann ihn jedem empfehlen, der sprachlich dichte Romane mag und die Entwicklung einer Familie nach einem Unglück verfolgen möchte.

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  • Schwimmen in der Nacht

    Schwimmen in der Nacht
    Emili

    Emili

    08. July 2014 um 07:35

    Der Roman wird aus der Sicht der Sara, Hauptprotagonistin der Geschichte, erzählt. Bei dem Roman "Schwimmen in der Nacht" handelt es sich um eine Familiengeschichte: tragisch, bewegend, emotional. Tiefgründig zeichnet die Autorin die Charaktere, die den Leser auf die Reise über mehrere Jahre mitnehmen. Jessica Keener verfügt über psychologische Raffinesse im Zeichnen von Protagonisten und Ereignisse. Ihre Erzählung trägt melancholische Note und wirkt mitunter beklemmend und eindringlich. Die Tatsache, dass der Roman biographische Züge aufweist, macht die Geschichte um so lebendiger und interessanter. Ein Roman der leiser Töne, aber großer Wirkung. Würde ich gerne weiterempfehlen.

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  • Wie heilt man die Wunden der Kindheit?

    Schwimmen in der Nacht
    CHRISSYTINA

    CHRISSYTINA

    28. June 2014 um 11:24

    Sarah wächst augenscheintlich wohlbehütet auf, in einer "ganz normalen" Familie. Doch das ist nur das, das sich dem Außenstehenden auf den ersten Blick darbietet. Das Buch wird aus Sarahs Sicht erzählt. Wir erhalten eine Innenschau ihrer Selbst und einen tieferen Einblick in ihre Familie. Es handelt sich um eine jüdische Familie, die ihren Glauben allerdings nur bei besonderen Anlässen zur Schau trägt. In der nichts ist, wie es scheinen möchte. Nach und nach öffnet sich ein dramatischer Abgrund, der jedes Familienmitglied unweigerlich in eine Abwärtsspirale stürzt. Der Vater, ein Universitätsprofessor, entpuppt sich als cholerisch und unfähig, die emotionalen Bedürfnisse anderer wahrzunehmen, vor allem die seiner nächsten Angehörigen. Er regt sich furchtbar auf, dass sein Sohn eine Viertelstunde zu spät zum Abendessen kommt, weil dieser noch bei einer wichtigen Bandprobe gewesen ist. Er interssiert sich nicht im Geringsten für das, was seinem Sohn wichtig ist. Aber auf dem Konzert, bei dem alle von dem grandiosen Auftritt seines Sohnes begeistert sind, mimt er plötzlich den stolzen Vater. All diese kleinen Falschheiten treten erst nach und nach zutage. Die Mutter, der ein makelloses Äußeres und auf Hochglanz polierte Möbel wichtiger sind als Beziehungen, geht in dieser Familie langsam zugrunde. Früher war sie professionelle Geigenspielern gewesen, aber seit der Geburt ihrer Kinder sieht sie sich als Opfer, das von nun an die eigenen Bedürfnisse den Bedürfnissen anderer immer hintenan stellen muss. Sie hat Arthritis, nimmt Schmerztabletten und trinkt zu viel Alkohol. Sie lebt in ihrer eigenen Welt, die für die Kinder unerreichbar bleibt. Sie ist nicht zu fassen, weder für ihren Mann noch für ihre Kinder. So kommt es dazu, dass jedes Kind eigene Wege findet, mit dem Dilemma umzugehen - damit, dass es von seinen eigenen Eltern weder gehört noch richtig wahrgenommen wird. Der Älteste, Peter, ist in einer Rockband, raucht und nimmt Drogen. Er begehrt gegen seine Eltern auf. Robert, der Zweitälteste, flüchtet sich in eine Fantasiewelt aus Büchern. Er wird zusehends aggressiv und seine einzigen Freunde scheinen seine sechs Fische zu sein, die in einem Aquarium in seinem Zimmer leben. Sarah, unsere Hauptprotagonistin, ist ein aufgewecktes und sehr intelligentes Mädchen mit einem vielschichtigen Innenleben. Wie auch ihrem ältesten Bruder, ist ihr die Musik und der Gesang sehr wichtig. Aber auch sie schafft es nicht, sich dem zerstörerischen Einfluss ihrer Familie zu entziehen. Sie geht sexuelle Beziehungen ein, die nichts mit Liebe zu tun haben, denn sie hat nie gelernt zu lieben. Gleich darauf vergisst sie diese jungen Männer wieder, sie bedeuten ihr nichts. Die einzige, die ihre Probleme wirklich zu erfassen vermag, ist ihre schwarze Haushälterin Dora. Aber auch ihr kann Sarah sich nicht wirklich anvertrauen. Sie verlässt sich nur auf sich selbst und verliert sich zusehends. Nur die Musik bleibt ihr als einziger Halt. Der Jüngste, Elliot, ist gleichmütig gegenüber fast allem. Die einzigen, mit denen er reden kann, sind seine Plastik-Tierfiguren. Ich fand diesen Roman wirklich ergreifend. Man taucht nach und nach in das Leben einer längst zerrütteten Familie ein, der es auf erstaunliche Weise gelingt, einen Schein von Erhabenheit aufrecht zu erhalten. Auf einer sehr subtilen Ebene erfährt man von allen Ungereimtheiten, die vor allem an den Kindern nagen und sie zerfressen. Dieser Roman ist insofern lehrreich, als er zeigt, wie wichtig es ist, echt zu sein, erreichbar für seine Nächsten. Nicht zu viel Wert darauf zu legen, wie man wirkt, sondern darauf, was man ist. Insgesamt hat er mir ausgesprochen gut gefallen. Ich finde, dass man einige psychologischen Besonderheiten an der ein oder anderen Stelle noch genauer hätte herausarbeiten und noch deutlicher hätte darstellen können. Aber auch so entfaltet dieser Roman seine eindringliche, durchschlagende Wirkung.

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  • Melancholischer Coming-of-Age Roman

    Schwimmen in der Nacht
    bookgirl

    bookgirl

    27. June 2014 um 14:08

    Wenn das das Erwachsenwerden war, wäre ich gern Kind geblieben, aber ich sah keinen Weg, als mich weiter zu entwickeln und etwas Besseres zu suchen Inhalt Sarah Kunitz nimmt uns mit auf eine Zeitreise in die 70er Jahre, als sie 15 Jahre alt war und mit ihrer wohlhabenden Familie in Boston lebte. Ihr Elternhaus war davon geprägt, dass ihr Vater regelmäßig cholerische Anfälle hatte und ihre Mutter an einer Depression litt, die es ihr unmöglich machte für ihr vier Kinder da zu sein. Auch wenn die Familie nach außen ein perfektes Bild abgab, war das Zusammenleben durch Probleme bestimmt. Als die Mutter dann auch noch bei einem ungeklärten Autounfall ums Leben kommt, bricht das Konstrukt der heilen Familie vollends zusammen. Doch wie heißt es so schön, wenn man einen geliebten Menschen verliert: das Leben geht weiter und so geht auch Sarah ihren Weg, bei dem die Musik eine immer größere Rolle spielt. Meine Meinung "Schwimmen in der Nacht" ist ein Roman, dessen Grundthema nicht nur das Erwachsenwerden ist, sondern auch den Umgang mit dem Verlust in den Fokus rückt. Denn es ist wohl nie leicht einen geliebten Menschen zu verlieren, aber gerade in der Pubertät, braucht man die Mutter, die da ist, wenn man Probleme und Sorgen hat. Sarah muss jedoch schon früh lernen auf eigenen Beinen zu stehen und hat keine Bezugsperson in ihrer Familie, in der jeder seinen eigenen Weg geht. Jessica Keener hat an ihrem Buch 18 Jahre lang gearbeitet. Wenn man die Geschichte liest, die autobiographische Züge aufweist, dann ist auch verständlich wieso sich der Prozess so lange hinzog. Denn ihr Buch ist keine Feel Good-Geschichte, sondern ein melancholisch und teilweise beklemmender Roman, der eindringlich und schnörkellos erzählt wird. Vom Tenor her ist es eher eine traurige Handlung, zu der man schon ein wenig in der Stimmung sein muss, um das Buch genießen zu können. Denn es ist absolut lesenswert und macht in wunderbarer Weise die Musik zum Bestandteil, sodass die eher dunkle Geschichte dadurch ein wenig heller wird. Einziger kleiner Kritikpunkt ist, dass die Autorin trotz der Tatsache, dass sich der Roman in den 70ern abspielt, aktuelle technische Errungenschaften integriert hat, die es damals noch gar nicht gab. Fazit "Schwimmen in der Nacht" ist ein Coming-of-Age-Roman über eine junge Frau, die es lernt sich ihren Weg frei zu schwimmen und erwachsen zu werden

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  • Ja, sie wird singen.

    Schwimmen in der Nacht
    freiegedanken

    freiegedanken

    26. June 2014 um 21:12

    Die Amerikanerin Jessica Keener schrieb mit „Schwimmen in der Nacht“ ihren ersten Roman und sie brauchte 18 Jahre lang, um ihn fertig zu stellen. Allein schon dieser Umstand hat mich sehr neugierig auf das Buch gemacht. Die 15jährige Sarah Kunitz erzählt, in die 70er Jahre rückblickend, von einer Tragödie ihrer Kindheit. Sie lebt mit ihren Eltern, den drei Brüdern und wechselnden Hausmädchen in einem wohlsituierten Bostoner Vorort. Bereits im 1. Kapitel wird deutlich, dass diese Familie nicht harmonisiert und Konflikte unausgesprochen bleiben. Vater Leonard erzieht seine Kinder mit aller Strenge und offenbart dabei sein herrisches Wesen. Mutter Irene, einst eine Virtuosin an der Violine, macht einen entrückten Eindruck. Sie ist depressiv, konsumiert Alkohol und Tabletten und sie scheint auch mit Selbstmordgedanken zu leben. Es ist erschreckend wie wenig Liebe und Aufmerksamkeit den Kindern entgegen gebracht wird. Trauriger Höhepunkt des Romans ist der ungeklärte Unfalltod der Mutter, an dem die Familie zu zerbrechen droht. Bei der Trauerbewältigung sind Sarah und ihre Brüder auf sich allein gestellt, Leonard lebt mit seiner Trauer wie in einer Seifenblase isoliert von seinen Kindern. Als Leser fragt man sich wie ein so junges Mädchen mit einem derartigen Verlust umgeht. Sarah ist ein taffes und kluges Mädchen, ihre weise Sicht auf die verschiedensten Dinge haben mich sehr beeindruckt. In den Monaten nach dem Tod der Mutter geht ihr Leben irgendwie weiter. Sarah erlebt ihre erste Liebe, die auf mich wie ein Befreiungsschlag aus der väterlichen Enge wirkt. Man bekommt sogar den Eindruck sie ist in gewisser Hinsicht glücklich mit einer neuen Unabhängigkeit. Dennoch bleibt immer das Fehlen der Mutter, das das Mädchen als „lebenslängliche Freiheitsstrafe“ empfindet. Es ist erschütternd, wie sehr sie sich nach ihrer Mutter sehnt, ihren Geist zu beschwören versucht, sie sucht, sie ruft, wenn sie allein auf ihrem Zimmer ist. Keener beschreibt diesen Schmerz sehr einfühlsam, ohne Pathos oder Überschwang. Diese Trauer sprang beim Lesen auf mich über und hat mich sehr bewegt. Doch Sarah entdeckt in der Welt der Musik endlich einen Trost. Beim Singen hat sie das Gefühl ihrer Mutter zu begegnen, ihr nahe zu sein. Und so steht am Ende dieses Buches die Hoffnung darauf, dass alles irgendwann besser werden kann. Jessica Keener hat einen großartigen, leisen Roman geschrieben. Ihre Sprache ist präzise und schnörkellos, das war für mich zu Beginn der Lektüre etwas enttäuschend, da ich mir mehr Poesie erhofft hatte. Aber inzwischen bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass genau dieser Erzählstil zu Sarahs Geschichte passt.

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  • Verlust

    Schwimmen in der Nacht
    buecherwurm1310

    buecherwurm1310

    26. June 2014 um 15:41

    Sarah Kunitz, 15 Jahre alt, lebt mit ihren drei Brüdern und den Eltern in einer Vorstadt von Boston. Der Vater ist Professor für Literatur, sehr streng und reagiert cholerisch, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen läuft. Die Mutter scheint über dem Ganzen zu schweben, ihr Interesse gilt den Rosen im Garten und ihrem Club. Beide trinken zu viel, die Mutter nimmt außerdem Tabletten gegen ihre Schmerzen. Die Kinder flüchten in ihre eigenen Welten, weil sie spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist. Den ersten Unfall überlebt die depressive Mutter, beim nächsten Unfall stirbt sie. Keiner redet mit den Kindern über die Hintergründe. Die Familie droht auseinander zu brechen. Peter flüchtet aus dem Haus, um Musik zu machen. Robert versinkt in seinen Fantasybüchern. Elliot das Nesthäckchen ist ein abgeklärtes, liebenswertes Kind, das mit seinen Spielzeugtieren redet und von ihnen Antwort erhält. Sarah kümmert sich um die kleineren Brüder so gut sie kann, aber sie kann die Mutter nicht ersetzen. Sie brauchte ihre Mutter ja selbst dringend. Die Musik spielt auch für Sarah eine immer größere Rolle. Es ist eine autobiographische Geschichte, die sehr eindringlich ist. Der Schreibstil ist voller Metaphern und Bildern. Eine bewegende Geschichte und ein empfehlenswertes Buch.

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  • Schwimmen in der Nacht

    Schwimmen in der Nacht
    solveig

    solveig

    26. June 2014 um 15:23

    „Liebe war etwas, das sich in einen Raum im zweiten Stockwerk zurückzog…“ So erlebt die 16jährige Sarah Kunitz ihre Mutter, zart und liebenswert, aber distanziert. Sehr lebendig und anschaulich beschreibt die Autorin Jessica Keener das Leben einer „upper middleclass“ Familie in den 70er Jahren. Sie schildert den Alltag und besondere Ereignisse aus Sarahs Sicht, bis hin zu dem tragischen Tod der Mutter, den Sarah und ihre Geschwister verwinden müssen, ohne viel Unterstützung von Seiten des Vaters zu erfahren. Sarah sucht in der schwierigen Phase des Erwachsenwerdens Anerkennung und Liebe bei Mitschülern, macht ihre ersten Erfahrungen mit Jungen, fühlt sich aber mit ihren Problemen allein gelassen. Doch sie liebt die Musik und findet Trost und Erfüllung im Gesang. Hier hat sie die Möglichkeit sich auszudrücken und ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Musik als Mittel für Vergessen und Trost zieht sich durch den gesamten Roman. „ Harmony and understanding … golden living dreams of vision!“ - danach sehnen sich Sarah und ihre Generation. Keener versteht es wunderbar, den Leser in die Stimmung jener Zeit zu versetzen. In einem schönen, poetischen Schreibstil fängt sie die Atmosphäre der 70er Jahre ein und schildert authentisch auf der einen Seite Konservatismus und Autorität, auf der anderen die (beginnende) Auflehnung der Jugend gegen die einengende Lebensweise. Einfühlsam erzählt sie von Sarahs schmerzhafter Entwicklung zur jungen Frau und ihrer Erkenntnis, dass ihr Leben stets aus einem „Davor und Danach“ besteht. Es gibt sicher viele Szenen in dem Buch, die den Leser berühren und Erinnerungen an die eigene Jugend wachrufen. Sarahs Schicksal und ihre Art, damit umzugehen, hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck.

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