Jesus Carrasco

 4.5 Sterne bei 6 Bewertungen
Autor von Die Flucht.

Alle Bücher von Jesus Carrasco

Die Flucht

Die Flucht

 (6)
Erschienen am 21.02.2013

Neue Rezensionen zu Jesus Carrasco

Neu
Wolkenatlass avatar

Rezension zu "Die Flucht" von Jesus Carrasco

Starkes Debüt
Wolkenatlasvor 5 Jahren

Ein starkes Debüt

Jesús Carrascos Debütroman "Die Flucht", der erst im Januar 2013 in Spanien erschienen ist, liegt bereits einen Monat später in der deutschen Übersetzung vor. Weitere neun Übersetzungen sind derzeit in Vorbereitung.

Der 1972 in Badajoz geborene und heute in Sevilla lebende Jesús Carrasco hat bereit hier starke Figuren geschaffen, die seinen extrem eigenwilligen Erstling zu einem starken Stück Literatur werden lassen.

Ein Junge flieht. Versteckt in einer lehmigen Höhle, unter Gebüsch, hört er seine Verfolger, unter denen sich auch sein Vater befindet. Gleich von Anfang an macht der Autor klar, dass es hier keine bzw. keine aufgelegten Erklärungen geben kann. Der Grund für die von extremen Strapazen begleitete Flucht wird nicht näher erläutert. Man weiß als Leser auch nicht, in welcher Zeit diese Verfolgung stattfinden soll. Die Angabe, dass der Polizeiwachtmeister das einzige motorisierte Fahrzeug besitzt, hilft da nicht besonders weiter. Dadurch entsteht ein eigentümlich starker Sog, der zeitunabhängig und ortsunabhängig zupackt und sich auf das Wesentliche konzentriert, nämlich auf die Flucht des Jungen.

Über ein steppenartiges, abgebranntes Gelände quält sich der Junge voran: Hunger, Durst, Angst und Schmerzen sind seine ständigen Begleiter. Die Angst davor, wieder eingefangen und in sein Elternhaus zurückgeworfen zu werden, ist immens und somit auch der Motivationsschub für die Flucht des Jungen. Man wird als Leser Zeuge und Begleiter in diesem spannenden Überlebenskampf, der den Jungen an seine Grenzen führt.

Als der Junge einen alten Ziegenhirten trifft, spürt er, dass er sich an diesen halten muss, auch wenn er sich lange nicht sicher über Loyalität und Sinn der angebotenen Hilfe des Alten ist. Erst in einer prekären Situation kann er sich von der Ehrlichkeit des alten Ziegenhirten überzeugen.

Die unglaubliche Brutalität der Verfolger wird deutlich, als der Polizeiwachtmeister den Ziegenhirten aufspürt und ihn, der das Versteck des Jungen nicht verrät, seine Wut und Macht spüren lässt, indem er seine Schergen wild wüten lässt. Wütende Gesetzlosigkeit, die hier Rache fordernd über den Alten und den Jungen hereinbricht.

Es sind sehr starke Szenen, die Jesús Carrasco hier zeichnet. Besonders stark vor allem dank der Tatsache, dass der Autor sich hier wirklich allen Erklärungsmomenten entzieht und sich nur auf die aus der Zeit und Geografie losgelöste Flucht per se konzentriert.

An dieser Stelle beginnt der Schlussteil dieses Romans, über den der Rezensent hier nicht mehr verraten will, bis auf die Tatsache, dass er die krönende Coda dieses dichten, spannenden Textes ist. In diesem Schlussteil schimmern sehr bald auch die Hintergründe der Flucht durch.

Jesús Carrascos Roman "Die Flucht" erinnert mitunter, obwohl stilistisch und intentionell doch weit von diesem Roman entfernt, ein wenig an Cormac McCarthys Roman "Die Straße". Sehr dichte, teilweise etwas repetitive Prosa, die sich wie fein in Stein gemeißelt liest, komplex und äußerst präzise, macht diesen Roman zu einem wirklichen Lesegenuss.
Absolute Empfehlung.

(Roland Freisitzer; 03/2013)

Kommentieren0
11
Teilen
hundertwassers avatar

Rezension zu "Die Flucht" von Jesus Carrasco

Auf der Flucht
hundertwasservor 5 Jahren

Dunkel, düster und dabei doch so unbarmherzig heiß – das Cover von Jesús Carrascos „Die Flucht“ nimmt eigentlich alles vorweg, was das Buch kennzeichnet.
Von der ersten Seite an ist ein kleiner Junge auf der Flucht – die karge Umgebung und der Zeitrahmen werden nur angedeutet. Er flieht vor seinen Häschern, einem Polizisten und seinen Schergen, doch was ihm zur Last gelegt wird, umreißt Carrasco erst am Ende des Buches.
Zweihundert Seiten zieht sich die Odyssee des Jungen hin, auf der er auf einen alten Ziegenhirten trifft, der sich Segen für den Flüchtling herausstellt. Zusammen kämpfen die beiden wider die Verfolger des Jungen und die unbarmherzige Hitze und Kargheit der Natur, der den Jungen an die Grenzen des Erträglichen bringt.

Das Buch ist eine existenzialistische Parabel und ein Roman, der an anderen großen Autoren wie Cormac MacCarthy oder Daniel Woodrell geschult ist. Durch seine Zeitlosigkeit und das Ungefähre, in dem Carrasco verharrt, gewinnt das Buch ein Stück Universalität und kann als Metapher für Vieles stehen.
Es ist kein Buch, das sich einfach so auf die Schnelle wegschmökern lässt – dazu ist das Buch eindeutig zu vielschichtig und aufgrund seiner Düsternis zu „ungenießbar“.
Jesus Carrasco präsentiert sich mit seinem Debüt als Mensch, der immer noch an das Gute im Menschen glaubt, wenn der Flüchtling in dem alten Ziegenhirten einen Mitmenschen findet, der bedingungslos für das Kind einsteht und es das Überleben lehrt. Das macht „Die Flucht“ erträglich und lässt auf den im Cover angedeuteten Silberstreif am Horizont hoffen.

Kommentieren0
4
Teilen
M

Rezension zu "Die Flucht" von Jesus Carrasco

Auf den Punkt reduziertes, hervorragendes Debüt
michael_lehmann-papevor 6 Jahren


 

Der Junge flieht. Innerlich vorbereitet, aber, dem Alter gemäß, mit keiner guten, ausreichenden äußeren Planung und Versorgung. Er übersteht die erste Suchaktion seiner Leute aus dem Dorf. Er weiß, dass gerade der Polizeiwachtmeister alles daran setzen wird, ihn zu fangen, einzuholen und Schlimmeres.

 

„Genauso wenig hatte der damit gerechnet, jemanden um Hilfe bitten zu müssen. Schon gar nicht so bald“.

 

Die Sonne brennt unbarmherzig, hart sind die Lebensbedingungen in der ausgedörrten Ebene, Angst ist sein Begleiter, Wasser Mangelware. Und er geht. Bis er auf ein paar armselige Schafe, einen Esel, einen Hund und den dazugehörigen, verwitterten, alten Hirten trifft.

 

Sein Hunger und Durst sind drängender als seine Angst und, merkwürdigerweise, nimmt sich der Hirte seiner an. Wie es scheint, eher widerwillig, aber als der Junge in der Sonne einschläft und einen Sonnenstich und Verbrennungen davonträgt, tut der Alte eben, was getan werden muss mit den einfachen bis einfachsten Mitteln, die das Leben, verwurzelt mit der kargen Natur, zur Verfügung stellen. Vielleicht aus einem Glauben heraus, über den er nur einmal kurz spricht? Vielleicht, weil er Mitleid empfindet? Oder vielleicht vor allem, weil in dieser archaischen Lebensweise bei aller Grausamkeit dem Hirten zumindest klar ist, dass Menschen nur gemeinsam eine Chance haben und Zuwendung auch sein Grundbedürfnis ist?

 

Schritt für Schritt, mit nur ein paar wenigen, hier und da hingeworfenen Worten, vor allem aber durch Handlungen, fasst der Junge ein wenig Vertrauen und stellt fest, dass der Alte seine vertrauten Weidegebiete verlässt.

Er weiß vor dem Jungen, dass die Häscher auf der Spur sind. Doch wirklich entkommen können beide auf Dauer nicht. Mit Folgen. Klaren, direkten und brutalen Folgen.

 

Archaisch reduziert erzählt Carrasco seine. Reduziert auf Handlungen, reduziert auf das, was den Kern einer Beziehung ausmacht. Ein Leben wie vor hunderten von Jahren, entfaltet sich so vor den Augen des Lesers. Der sich fragt, warum genau der Junge flieht und erst langsam eine Ahnung erhält, die später zur furchtbaren Gewissheit wird.

 

Um Schutz geht es, um Unversehrtheit, um das zerstörte Grundvertrauen eines Jungen, der von Vater und Mutter unentschuldbar im Stich gelassen wird. Schutz und die Chance auf echtes Vertrauen aber bieten sich bei diesem alten, stinkenden, kaum noch beweglichen Mann. In unbarmherziger Situation.

 

Eine Umbarmherzigkeit, die Carrasco in den entsprechenden Momenten im Buch mit ungeschminkter Härte und Gewalt bildkräftig zu beschreiben versteht. Wie überhaupt dieses Roman-Debüt literarisch hochwertig sich entfaltet, in einer Sprache, die reduziert in fast jedem Satz den Kern der Dinge nach Außen holt und anschaulich zu beschreiben versteht. Mit der die Angst, die Verwirrung, das langsame sich „aneinander gewöhnen“ genauso intensiv in den Raum tritt, wie die schmierige und arrogante Härte des Verfolgers und seiner Schergen.

 

Ein Buch von außergewöhnlicher Kraft in der Sprache und der Darstellung.

Kommentieren0
5
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 11 Bibliotheken

auf 3 Wunschlisten

Worüber schreibt Jesus Carrasco?

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks