João Ricardo Pedro

 3.6 Sterne bei 34 Bewertungen
João Ricardo Pedro

Lebenslauf von João Ricardo Pedro

João Ricardo Pedro, 1973 in der Nähe von Lissabon geboren, arbeitete nach einem Ingenieursstudium einige Jahre in der Telekommunikationsbranche. Im Zuge der Wirtschaftskrise wurde er arbeitslos und erfüllte sich einen Traum, indem er zu schreiben begann. "Wohin der Wind uns weht" ist sein preisgekröntes Debüt.

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Wohin der Wind uns weht

Wohin der Wind uns weht

 (34)
Erschienen am 07.06.2015

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Rezension zu "Wohin der Wind uns weht" von João Ricardo Pedro

Ein besonderes Gewebe aus den Erlebnissen dreier Generationen in Portugal.
Sommerregenvor 3 Jahren

João Ricardo Pedros Debütroman “Wohin der Wind uns weht” umfasst die Erlebnisse dreier Generationen. Die Geschichte beginnt mit der Nelkenrevolution am 25. April 1974, durch die Portugal von der 40 Jahre andauernden autoritären Diktatur befreit wird.

Doktor Augusto Mendes, der als Arzt auf dem Land lebt, sitzt mit anderen Dorfbewohnern bei Tisch; die Politik wird zum Thema gemacht. Als er das Verschwinden seines alten Freundes Celestino bemerkt, begibt er sich auf die Suche nach diesem und wird fündig. Celestinos Überreste- die ihn umschwirrenden Fliegen haben kaum mehr als sein Glasauge und den von Kugeln zerlöcherten Schädel übrig gelassen- liegen auf einem herrenlosen Brachland.
Doch wird nicht nur seine Geschichte und die seiner Frau Laura erzählt, sondern umspannt das Buch noch zwei weitere Generationen. Antonio Mendes, der Sohn des Dorfarztes, muss während des Kolonialkrieges 1961 bis 1973 zwei mal nach Angola ausrücken, weswegen er, wie viele andere, traumatisiert zurückkehrt. Bei dem ersten Treffen mit seiner Frau erkennt er zu Beginn zum Beispiel seinen eigenen Sohn nicht mehr wieder.
Doch auch in der Zukunft lassen sich immer wieder Verknüpfungen zu seinen Erlebnissen herstellen, Auslöser für weitere Erlebnisse auffinden.

Sein Sohn, um den es in dem Buch zentral geht, erfährt nur nach und nach als er älter wird von einzelnen schockierenden Geschichten seines Großvaters und seines Vaters. Duarte selbst begibt sich erst nach dem Tod Augusto Mendes’ auf die Suche nach den Spuren der Vergangenheit, möchte etwas über die Geschichte seiner Vorfahren erfahren. Diese Handlung setzt jedoch erst am Ende des Buchs ein, sodass man Duarte auf diesem Weg nur in seinen Anfängen begleiten kann.
Duarte selber ist ein sehr begabter Pianist. Er wird dafür bewundert, dass seine Finger unaufhaltsam über die schwarzen und weißen Tasten huschen und dabei die Werke berühmter Komponisten aufblühen lassen. Doch als er droht, sich in der Musik zu verlieren beendet er seine vielversprechende Karriere als Pianist plötzlich, was in seinem Umfeld zunächst Unverständnis hervorruft.

Beim Lesen des Buchs begleitet man Augusto, Antonio und Duarte immer abwechselnd bei besondern Episoden ihres Lebens, welche oftmals mit der politischen Lage Portugals verbunden sind. Zu Beginn ist dies noch sehr undurchschaubar, doch je mehr man liest, desto häufiger erkennt man Personen wieder, entdeckt Zusammenhänge oder versteht den Grund für eine gewisse Handlung. Dennoch hilft es sehr, wenn man einige Passagen mehrfach liest, um so dieses Gewebe an Handlungen genau erfassen zu können.
Man erfährt von der Entwicklung Portugals, aber auch von dem Heranwachsen und Älterwerden der Charaktere. Duarte wird erwachsen, verändert sich.

Doch auch der Schreibstil erfährt einen Wandel. Zu Beginn sind die Sätze noch sehr lang, in gewisser Weise verspielt, wenn sie auch einen melancholischen oder brutalen Inhalt vermitteln. Je weiter die Geschichte dann jedoch voran schreitet, desto kürzer und einprägsamer werden die Sätze. Häufig werden sogar Ellipsen eingesetzt, sodass einige Passagen nicht nur inhaltlich sondern auch sprachlich ein befremdliches oder auch unbehagliches Gefühl hervorrufen, welches stets zu der Handlung passt.
Meistens ist der Schreibstil sehr ansprechend, beinahe poetisch, doch dann wird das ganze plötzlich, was mir ehrlich gesagt nicht ganz so sehr gefallen hat, durch eine vulgäre Erzählweise gebrochen. Sicherlich kann man dies als Ausdruck des starken Unmuts, der Verzweiflung und der Wut oder den vielen anderen Gefühlen der Hauptcharaktere erklären, dennoch gefällt mir der klingende Schreibstil wesentlich besser.

Beim Beenden des Buchs blickt man auf ein Gewebe der Geschichten dreier Generationen die, ohne dass man es zu Beginn vermutet hätte, alle mit einander verbunden sind. Man sollte sich für dieses Buch aber definitiv Zeit nehmen und auch nach Beenden des Buchs braucht es noch etwas, bis man das Gelesene richtig geordnet und verstanden hat.
Um die in diesem Buch beschriebenen Episoden verstehen zu können musste ich nebenbei immer wieder andere Texte zu Portugals Geschichte lesen und ich kann dies wirklich jedem empfehlen, da sonst wohl deutlich mehr Fragen offen blieben und die Bedeutungen verschiedener Episoden im Unklaren blieben.
Ich denke auch, dass ich dieses Buch noch ein weiteres mal lesen werde, da ich glaube, dass man dann noch viele neue Details entdecken kann und sich noch weitere Fragen klären lassen, denn mit der letzten Seite des Buchs bleiben noch ein paar Fragen offen, deren Antworten im Vorangegangenen versteckt sein könnten.

Alles in allem handelt es sich bei João Ricardo Pedros Debütroman “Wohin der Wind uns weht” um ein besonderes Buch, für das es Zeit braucht. Auf die Struktur des Buchs, sprich den sprunghaften Wechsel zwischen den Generationen, muss man sich einlassen, außerdem muss man sich beim Lesen konzentrieren. Wegen der vulgären Unterbrechungen im Schreibstil, die mir persönlich nicht ganz zugesagt haben, mache ich in meiner Bewertung Abstriche.

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HarIequins avatar

Rezension zu "Wohin der Wind uns weht" von João Ricardo Pedro

Anspruchsvolles und grandioses Debüt
HarIequinvor 4 Jahren

„Geräuschlos wie Spinnenbeine glitten seine Finger darüber, mal in sehnsuchtsvollen Adagios, mal in schnellen Vierundsechzigstelnoten, ganz nach den Vorgaben der Partitur, die nur Duarte zu kennen schien.“ (Seite 32)

Es ist schwer den Inhalt wiederzugeben, aber grob gesagt geht es um die Generationen der Familie Mendes und den jüngsten Duarte. Sein Großvater ist Arzt auf dem Lande, sein Vater geprägt vom Krieg und er selbst besessen von Musik. Er ist talentiert und spielt unermüdlich Klavier – bis er eines Tages einfach aufgibt, weil die Gefahr sich selbst zu verlieren zu groß ist. Langsam muss Duarte lernen, was es heißt seine Kindheit hinter sich zu lassen und dass sich Vergangenes auch immer auf die Gegenwart auswirkt.

Ich habe im Vorfeld schon viele Lobpreisungen über den Roman gehört und dementsprechend hoch waren meine Erwartungen. Und trotzdem hat er es mit Leichtigkeit geschafft, diese bei weitem zu übertreffen.

Der Schreibstil ist anspruchsvoll, bildlich und hat mich vom ersten Augenblick gefangen genommen. Ich wollte den Roman gar nicht mehr aus der Hand legen und gleichzeitig doch nicht, dass er ein Ende findet. Er ist unheimlich klug konzipiert, man bekommt als Leser immer wieder kleine Puzzle-Teile, die sich am Ende zu einem Gesamtbild fügen.

Dabei ist die Geschichte so spannend wie melancholisch. Es passieren immer wieder unerwartete Dinge, teilweise schon absurd bis komisch - allerdings im positiven Sinn.

Ich bin allein vom Buch schon sehr beeindruckt, aber noch mehr, dass es ein Debüt ist. Ich hoffe sehr auf weiteres von Joao Ricardo Pedro, zumindest in diesem Jahr ist hat er eines meiner Buchhighlights geschrieben.

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Thalas avatar

Rezension zu "Wohin der Wind uns weht" von João Ricardo Pedro

Ein Mensch so zerrissen wie das Land
Thalavor 5 Jahren

Klappentext: Dem Pianisten Duarte fallen die vergilbten Briefe seines Großvaters in die Hände. Und was mit der zaghaften Lektüre der eigenen Familiengeschichte beginnt, verwandelt sich augenblicklich in Duartes drängende Suche nach einer Heimat- für sich, seine Musik und seine Erinnerungen.

Mit einem magischen Gespür für die Schönheiten und Widrigkeiten des Lebens gar J.R. Pedro ein eindringliches kleines Epos geschrieben, das drei Generationen umspannt. Einen Roman über Musik und Gewalt, über die Liebe und das Schicksal: ein poetisches Meisterwerk-bewegend, kraftvoll und rätselhaft.


Ich frage mich, ob der Klappentext-Schreiber den Roman überhaupt gelesen hat. Denn ein Brief vom Großvater fällt Duarte erst so ziemlich am Ende in den Schoß. Vielmehr würde ich den Roman als Zeitzeugnis dreier Generationen beschreiben, für das Verständnis der Handlung sind zumindest grundlegende Kenntnisse der portugiesischen Geschichte unverzichtbar. Die Geschichte wird nicht chronologisch erzählt, sondern in fragmentarischen Einzelpassagen ohne genaue Zeitangaben stellt der auktoriale Erzähler einzelne Personen vor. Die Hauptfigur Duarte findet sich wie ein roter Faden immer wieder in der Geschichte wieder, er ist ihr Dreh- und Angelpunkt, Stolz und Schicksal der vorherigen Generationen, „unser Duarte“. Duarte ist ein Pianist mit außergewöhnlicher Begabung, welcher jedoch sein Talent nicht mehr nutzt. Warum er kein Klavier mehr anrührt, dass wird oft thematisiert und angerissen, aber nie vollkommen geklärt. Zahlreiche Theorien sollen den Leser zu einer eigenen Lösung bringen.

Im Laufe des Buches hätte ich mir vielleicht ein Schaubild gewünscht, damit ich auch visuell die Verbindungen zwischen den einzelnen Personen nachempfinden kann. Teilweise war es für mich auch recht schwierig, herauszufinden, um welche Person es sich gerade handelte und in welchem Zeitrahmen ich die Figur ansiedeln sollte. Zwar geht es immer wieder um Duarte, eine Altersangabe war jedoch nicht zu finden.


Fazit: Ein großartig erzählter, poetischer Debütroman, welcher dem Leser einiges an Konzentration, Kombinationsgeschick und Gedächtnisleistung abfordert. Für Leser, welche über die drei genannten Fähigkeiten verfügen und die sich nicht von unglaublich langen Sätzen mit unzähligen Kommata abschrecken lassen, eine literarische Perle sonder gleichen.

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Gespräche aus der Community

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DieBuchkolumnistins avatar

Der erfolgreichste portugiesische Roman der letzten Jahre!

Duarte wächst auf umgeben von fremden Erinnerungen. Jeder Weg, jedes Haus im Ort hat schon längst seinen Platz in der Familiengeschichte. Kein Blick, ohne Spuren zu erkennen – die seines Vaters, gebrochen zurückgekehrt nach einem einzigen Abenteuer, die seines Großvaters, beseelt von dem einfachen Glück auf dem Land. Allein am Klavier kommt Duarte zu sich selbst und einer Geschichte. Doch nach und nach entpuppt sich die Verheißung der Musik als Gefahr, und Duarte droht zu verlieren, was ihm lieb ist. Erst als er die vergilbten Briefe seines Großvaters entdeckt, scheint sich eine letzte Chance zu bieten – auf Läuterung und ein still leuchtendes Lebensglück. LESEPROBE

Mit einem magischen Gespür für die Schönheiten und Widrigkeiten des Lebens hat João Ricardo Pedro mit "Wohin der Wind uns weht" ein eindringliches kleines Epos geschrieben, das drei Generationen umspannt. Einen Roman über Musik und Gewalt, über die Liebe und das Schicksal: ein poetisches Meisterwerk – bewegend, kraftvoll und rätselhaft. Gemeinsam mit dem Suhrkamp Verlag vergeben wir 25 Leseexemplare. Wer Lust und Zeit auf eine gemeinsame Leserunde inklusive Diskussion und eine abschließende Rezension hat, der kann sich bis einschliesslich 02. März für den Roman bewerben!

João Ricardo Pedro, 1973 in der Nähe von Lissabon geboren, arbeitete nach einem Ingenieursstudium einige Jahre in der Telekommunikationsbranche. Im Zuge der Wirtschaftskrise wurde er arbeitslos und erfüllte sich einen Traum, indem er zu schreiben begann. Wohin der Wind uns weht ist sein preisgekröntes Debüt.
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