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Rezension zu "Ich bin voller Hass - und das liebe ich" von Joachim Gaertner

Ein tragischer Blick hinter die Kulissen
LeseBlickvor 4 Monaten

Inhaltsangabe
Joachim Gaertner erzählt die innere Geschichte des Attentats an der Columbine Highschool anhand von Originaldokumenten, Tagebüchern, Interneteinträgen, Verhörprotokollen und Aussagen von Beteiligten. Die Dramaturgie seiner literarischen Montage öffnet den Blick für das Ungeheuerliche einer Tat, die von den Tätern bis ins kleinste Detail in der Fantasie, in literarischen Szenen, Tagebüchern, auf Internetseiten und in Videos ausgebildet wurde, bis sie schließlich katastrophale Realität wurde.

Meine Meinung
„Das letzte Schuljahr kommt auf die Klasse von 1999 zu. Wie die meisten meiner Mitschüler bin ich mir unsicher, was ich davon erwarten soll. Aber ich nehme an, dass ich mehr Spaß haben werde als in allen Schuljahren bisher.
Auf jeden Fall mehr Freiheit.“
(Dylan Klebold, 18.08.1998, Zitat S. 7)


Mit diesen Worten startet dieser Tatsachenbericht.
Selten rolle ich eine Rezension von hinten auf, hier soll dies aber der Fall sein.
Im Nachwort stellt der Autor einen Vergleich der USA mit Deutschland an.
Vergleichspunkt ist der Umgang mit Informationen nach solch einem Vorfall, wie zum Beispiel dem hier beschriebenen Amoklauf.
In den USA ist es der Bevölkerung durch den Freedom of Information Act möglich, unheimlich viele Informationen zum Vorfall zu erhalten. Die Öffentlichkeit steht nicht im Dunkeln, wie es zum Beispiel in Deutschland der Fall ist.
Solch ein Buch würde nach einem Vorfall in Deutschland meines Erachtens nicht zu Stande kommen.
Diesen Punkt befürworte ich nicht aufgrund von Neugierde und Nervenkitzel, sondern es sollte ein Schutz darstellen. Vergleicht könnten angestellt werden und Schicksalsschläge eventuell vermieden werden.

1999 war ich noch keine 10 Jahre alt und habe an den 20.04.1999 keine nennenswerten Erinnerungen. Für die Stadt Littleton im Bundesstaat Colorado bedeutet dieses Datum ein Schreckensszenario.
Zwei Schüler der Columbine High School stürmen die Schule und töten Menschen.

In dem dokumentarischen Roman „Ich bin voller Hass – und das liebe ich“ versucht der Autor uns das Innenleben der zwei Jungs, deren Umfeld und Situation genauer zu erklären. Kann man diese Tat nachvollziehen?
Nein, dass denke ich nicht, aber dennoch fand ich die Tagebucheinträge und andere verwendete Tatsachenberichte sehr interessant, spannend und gleichzeitig verstörend.
„Für die meisten Leute mag das irgendein Computerspiel sein, aber für mich ist es ein Ventil für meine Gedanken und Träume.“
(Eric Harris über das Ego-Shoot-Spiel Doom, S. 24)


Eric Harris, damals 18 Jahre alt und Dylan Klebold, damals 17 Jahre alt, bezeichneten sich als „Natural Born Killer – NBK“.
Beim Lesen war ich förmlich entsetzt, in wie weit sich ihre spätere Tat schon angedeutet hat. Schularbeiten und auch Interneteinträge waren meiner Meinung nach angsteinflößend und hätten Lehrer und Mitleser der Internetseiten hellhörig werden lassen. Hier hoffe ich, dass dieser Vorfall ein Mahnmal war.

Beide Jungen würde ich als Ausgegrenzte bezeichnen.
Weder Eric, noch Dylan hatten eine Unzahl an Freunde. Sobald es jemanden gab, spielte beiden Jungs das Schicksal mies mit.

„Es dauert nicht lange, einen Freund zu finden, aber es braucht nur drei Wörter, einen zu verlieren: >>Wir ziehen um.<<“
(Eric Harris, S. 94)


Jedoch fanden sie durch Computerspiele, durch Interesse an Filmen und Musik zu einander. Eine feste, innige Freundschaft konnte ich in diesem Roman nicht herauslesen, aber beide hatten die gleichen Wünsche, Ängste und Ziele.

„Ich kann gar nicht warten, bis ich euch alle töten kann.“
(Eric Harris auf seiner Website)

„Behaltet das im Kopf, ich will die Welt verbrennen, ich will jeden töten bis auf ungefähr 5 Leute.“
(Eric Harris, S. 129)


Auch wenn dieses Buch viele Eindrücke liefert, fragt man sich beim Lesen immer wieder WARUM?
Für mich verlaufen sich die Ursachen im Sand.
Den Jungs aufgrund ihres natürlichen Wesens die Schuld zu geben, wäre zu einfach.
Es ist dieses große Ganze.
Aber jegliche fördernde Faktoren, welche zu dieser Tat führten, zu erläutern, würde diese Meinung zum Buch sprengen.

Mein Fazit
Ich bin froh, dieses Buch nun endlich gelesen zu haben.
Einige Passagen werden mir in Erinnerung bleiben und ich bin interessiert weitere Literatur zu diesem Vorfall zu lesen.
Jedem Jugendlichen auf dieser Welt, der von ähnlichen bösen Geistern begleitet wird, wünsche ich einen anderen, gewaltfreien Umgang mit Ängsten und Sehnsüchten zu finden.
Für Interessierte ganz klare Leseempfehlung.

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angi_stumpfs avatar

Rezension zu "Ich bin voller Hass - und das liebe ich" von Joachim Gaertner

Es wird wohl immer wieder passieren ...
angi_stumpfvor 3 Jahren

Viele von euch werden sich an den schrecklichen Amoklauf an der Columbine Highschool in Littleton am 20.04.1999 noch erinnern können. Die traurige Bilanz: 13 Tote, 24 Verletzte und ein anschließender Selbstmord der beiden Täter Dylan Klebold (17) und Eric Harris (18).
Dieses Buch ist ein dokumentarischer Roman, der ausschließlich aus Original-Dokumenten besteht, die die Polizei dem Autor überlassen hat. Vor Herausgabe dieser Akten wurden die Eltern der Opfer darum gebeten, darüber abzustimmen, ob sie diese Veröffentlichung befürworten. Die Mehrheit sprach sich dafür aus, da sie der Meinung waren, es könnte anderen Eltern, Lehrern etc. vielleicht helfen, ähnliche Verhaltensweisen bei ihren Kindern, Schülern oder Freunden frühzeitig zu erkennen. Sie hatten die Hoffnung, andere Attentate dieser Art damit verhindern zu können.

Wie wir inzwischen wissen, ist dies nicht ganz gelungen: es gab seither zahlreiche Amokläufe an weiteren Schulen, 2009 sogar in meiner Heimatstadt (allerdings glücklicherweise ohne Todesopfer). Viele der späteren Täter bezogen sich explizit auf Klebold und Harris, nannten sie als Vorbilder oder wollten sie noch übertrumpfen.
Was viele vielleicht nicht wissen: damals hatten alle Beteiligten noch sehr viel Glück im Unglück, denn zwei Propangasbomben mit Zeitzünder sind nicht wie geplant explodiert. Hätten die Täter hier keinen Fehler gemacht, wäre die Opferzahl in der Columbine Highschool wohl in einen dreistelligen Bereich gestiegen.

Der Autor veröffentlicht in diesem Buch natürlich nicht alle Dokumente, sondern er verwendet verschiedene Ausschnitte und kombiniert spätere Zeugenaussagen mit Auszügen aus Notizbüchern, Kalendereinträgen, Schulaufsätzen, Projektarbeiten, Briefen, Chatprotokollen, Videomitschnitten, Websiteinhalten und vielem mehr. So entsteht ein lebendiges Bild der beiden späteren Amokläufer Eric und Dylan.
Manche denken vielleicht, die beiden Jugendlichen stammten aus unterprivilegierten Familien, wären etwas dumm gewesen und hätten sich von stupiden Ballerspielen oder anderen Dingen inspirieren lassen. Doch die Wahrheit sieht ganz anders aus: Eric und Dylan waren sehr intelligent, konnten sich sprachlich überaus gut ausdrücken und sie quälten in ihrer Freizeit auch keine Tiere. Im Gegenteil: sie liebten Tiere und die Natur und betrachteten viel mehr die Menschen als Plage auf diesem Planeten, vor allem die Dummen und Fremdbestimmten – wie sie oft in ihren Aufzeichnungen schrieben.
Es war auch mitnichten so, dass sie sich den Folgen ihrer Tat nicht bewusst gewesen wären: sie haben sich im Vorfeld per Videobotschaft sogar dafür entschuldigt, vor allem bei ihren Eltern. Eric und Dylan waren keine gefühllosen Soziopathen, sondern in vielen Dingen ganz normale Teenager mit entsprechenden Problemen. Sie planten ihre Tat viele Monate vorher, haben sogar manchmal darauf hingewiesen, aber niemand konnte die Zeichen im Vorfeld deuten.

Mir wurde beim Lesen dieses eindrucksvollen Buches bewusst, dass wir ähnliche Taten wohl niemals wirklich verhindern werden können. Menschen sind so unterschiedlich, manche können ihre Gefühle nach außen hin perfekt verbergen. Und wir werden niemals Mobbing oder Ausgrenzung abschaffen können, nicht einmal zu echter Gleichberechtigung werden wir Menschen es jemals bringen. Das ist traurig, aber es scheint nicht grundsätzlich in der Natur der Menschen zu liegen. Und so wird es auch immer wieder Leute geben, bei denen eines Tages die Toleranzgrenze überschritten wird. Die dann nicht in Depressionen verfallen oder sich selbst etwas antun, sondern die ihren Hass auf diejenigen richten, die ihrer Meinung nach daran Schuld haben.

Fazit:
Ein sehr eindrückliches Buch, das gleichermaßen interessant und bewegend ist. Man erlebt das Auf und Ab der Gefühle von Dylan und Eric, wie es für Teenager eigentlich normal ist, allerdings gepaart mit deutlichen Tendenzen in eine gefährliche, tödliche Richtung. Der Autor bewertet und kommentiert nicht, er äußert sich erst in einem Nachwort und schildert uns seine eigenen Eindrücke, die meinen nicht unähnlich waren.

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Cadizs avatar

Rezension zu "Ich bin voller Hass - und das liebe ich" von Joachim Gaertner

Das wahre Gesicht eines Amoklaufs...
Cadizvor 5 Jahren

„Bei mir ist es o.k., wenn ich ein Heuchler bin,

aber nicht bei jemand anderem.

Denn ich stehe über euch, egal, was ihr sagt.

Wenn ihr nicht einverstanden seid, erschieße ich euch.“

########################

Inhalt: Im Jahr 1999 sorgte an der Columbine Highschool in Littleton ein Schul-Massaker für weltweites Entsetzen. Zwei junge Männer schossen in der Schule um sich und töteten mehrere Menschen und sich selbst. Die Amokläufer haben ihre Tat genauestens geplant. Und in diesem Buch kann man in den Original-Aufzeichnungen der beiden lesen. In Tagebuch-Einträgen, Chats, Schul-Aufsätzen usw. werden sie beleuchtet- bis zum Tage, an dem das Grauen begann…

Zum Buch: Da das Thema Amoklauf mich seit langem fasziniert, wollte ich dieses Buch unbedingt genauer anschauen. Das interessante daran ist ja, dass es kein Roman im klassischen Sinne ist, sondern aus echten Sätzen der Amokläufer der Columbine High besteht, die damals sowas wie die „Vorläufer“ einiger Amokläufe waren, die danach kamen. Auch in Deutschland. In dem Buch werden die beiden Täter gezeigt, wie sie wirklich waren, oder eher gesagt: wie sie sich zeigen wollten. In sehr persönlichen Einträgen von ihnen selbst, die teilweise für niemanden zugänglich sein sollten, erfährt man als Leser die Gedanken und Gefühle von Eric Harris und Dylan Klebold.

Das Buch ist anstrengend zu lesen, da viele Notizen und Aufzeichnungen auf den Leser total verwirrend wirken. Nach und nach kommt aber schon heraus, dass die beiden besonders gewaltverherrlichend waren, den Amoklauf ziemlich genau planten und bewusst die Menschen in ihrer Umgebung manipulierten. Dabei liest man auch darüber, dass Eric und Dylan im Grunde recht intelligente Menschen waren. Vor allem Eric war sehr begabt- im kreativen Schreiben. Trotzdem entwickelten die beiden einen Hass auf die Menschen. Und man fragt sich immer nur: warum? Was ist schief gelaufen?

Nach dem Lesen weiß ich es immer noch nicht so genau. Und das ist tragisch wie interessant zugleich. Es kommt schon heraus, dass die Verschmelzung zwischen Realität und Fiktion (sie waren etwa auch große Computer-Spiel-Freaks) bei ihnen eine Weile vor dem Amoklauf stattfand. Zugleich aber waren sie sich natürlich bewusst, was sie tun würden- Menschen töten. Selbstmord begehen. Diese ganzen Aspekte sind schwer zu fassen, schwer zu verstehen, schwer zu verarbeiten.

„Ich bin voller Hass—und das liebe ich“ hat mir einerseits gar nicht gefallen, weil es so schwierig und unverständlich war, andererseits denke ich, dass das Buch schon sehr direkt und ergreifend ist. Weil es wahr ist. Und zugleich so unwirklich erscheint.

Schwierig, dieses Buch überhaupt zu bewerten. An sich ist es schon empfehlenswert. Aber nur für jene, die sich wirklich fürs Thema interessieren.

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