Joachim Helfer Du Idiot

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Inhaltsangabe zu „Du Idiot“ von Joachim Helfer

Das Abitur ist bestanden. Florian sitzt ein letztes Mal auf der Schultreppe, den Blick nicht auf die Zukunft, sondern auf eine ziemlich unerfreuliche Schulzeit gerichtet. Schauplätze sind die Trabantenstädte bei Frankfurt am Main, die Zeit der siebziger und frühen achtziger Jahre. Die Personen: eine alleinerziehende Mutter, zwei ältere Geschwister, Nachbarn, Mitschüler, Freunde und wohlmeinende Lehrer. Und Florian, der dazugehören möchte, der lernt, dass nur der durchkommt, der sich verstellt: Florian, der Klassenkasper, der Brandstifter, der Selbstmordkandidat, der sich in Mutproben beweist, der sich zögernd seiner Homosexualität bewußt wird.

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  • Rezension zu "Du Idiot" von Joachim Helfer

    Du Idiot
    Rat_Krespel

    Rat_Krespel

    23. June 2009 um 20:14

    Florian - frischgebackener Abiturient - hat das, was man in der Literatur immer wieder gerne hat: eine Identitätskrise. Allerdings gelingt Joachim Helfer mit seinem Roman „Du Idiot“ eine zumindest in Teilen interessante Version dieses Themas. Florian nutzt den Weg nach Hause am letzten Tag in der Schule und den Weg zu einer Party (danach will er dann nach Nizza) zu einem Gang in seine Vergangenheit. Er versucht, sich seiner selbst bewusst zu werden, sich selbst in dem Florian, der er bisher war zu finden. Doch das gelingt ihm kaum. Er kann von sich nur in der Du- Form sprechen, er steht im wahrsten Sinne des Wortes neben sich, betrachtet sich wie einen Außenstehenden. Sofort erinnert man sich an das klassische Doppelgänger- Motiv (z.B. bei Dostojewskij), mit dessen Elementen Helfer geschickt arbeitet. Doch wer seiner selbst nicht sicher ist, kann auch nichts über sich mitteilen. Florians langen Erinnerungen und Reflexionen über sein bisheriges Leben, die er in einem großen inneren Monolog be- und verarbeitet, steht seine beinahe völlige Sprachlosigkeit gegenüber, wenn er zu anderen von sich sprechen soll. Von welcher seiner Seiten soll er denn reden, wenn er selbst nicht weiß, wer er eigentlich ist? Wohltuend liest man aus Florians Perspektive - also eines distanzierten, in dieser Beziehung emotionslosen Betrachters - einiges über eingefahrenes linkes Denken, die Startbahn West oder die aufkommende Biobewegung. Aufhänger dieses Prozesses des Sich- Bewusstwerdens ist der lange Weg des Protagonisten, zur eigenen Homosexualität zu stehen. Sie anzunehmen und zu verstehen wird ein wichtiger Aspekt in Florians Leben. Erst ganz am Ende gelingt es ihm endlich, sich selbst anzunehmen, seine Doppel- oder Mehrpersönlichkeit zusammenzubringen und (als letztes Wort des Romanes) ein lang erwartetes "Ich" hervorzubringen. "Ich bin nicht ich, sondern jemand ganz anderer, der mir verblüffend ähnlich ist" - das könnte in Helfers Roman stehen, stammt aber aus Dostojewskijs "Der Doppelgänger". Soweit so gut, doch leider verschenkt Helfer viele Sympathien gleich wieder. Florians Problem, sich und damit auch die ihn umgebende Welt ohne Brechung zu erkennen, zeigt sich an seinem "Glaspanzer aus Sprache, der seit jeher zwischen dir und der Welt gestanden hatte". Ärgerlicherweise liegt dieser Panzer auch um den Roman und auch an den Stellen, an denen man eine klarere Sprache erwarten würde, bleibt vieles diffus. Die Sprache folgt der Entwicklung der Person nicht konsequent, sie verlässt den Boden, verliert den Bezug zum Inhalt, wird Selbstzweck - wohlgemerkt: nur stellenweise, denn unbestritten kann Helfer mit Sprache umgehen. Wenn allerdings erotische Stimmung mit den Bildern des Fliederbusches, der "Sturzfluten duftender Dolden", mit schwerem, süßlichen Parfum und "Schauern von Wollust" hervorgerufen werden soll, so ist das so neu und interessant wie empfindsame Lyrik vergangener Jahrhunderte. Daneben werden misslungene Sprachspiele wie "eine weiße Made made in Germany" zu fast verzeihlichen Fehlern. Doch Helfer fehlt es auch an Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit seines Textes: Florian, vaterlos aufgewachsen, Mutter linke Kinderpsychologin, die alle versteht, nur den eigenen Sohn nicht, bis 14 Bettnässer, jahrelang in der Schule geschlagen, ohne geringste Reaktion der Lehrer, völlig renitent gegenüber der Schule, homosexuell, blonde, langhaarige Alibifreundin, Verhältnis mit einer Lehrerin, die auch noch schwanger wird…. Dies sind sicher im einzelnen nachvollziehbare Verhaltens- und Lebensumstände. Ihre Konzentration auf eine Person allerdings wirkt dann doch nur gewollt und lässt sie zu abrufbaren Stereotypen verkommen. Hier wäre tatsächlich weniger mehr gewesen. "Du Idiot" bleibt eine gute und interessante Entwicklungsgeschichte, die man getrost lesen kann – es aber genauso gut auch lassen kann.

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