Die Zweisamkeit der Einzelgänger

von Joachim Meyerhoff 
4,2 Sterne bei46 Bewertungen
Die Zweisamkeit der Einzelgänger
Bestellen bei:

Neue Kurzmeinungen

Zeilenendes avatar

Dichte Atmosphäre, schillernde Charaktere, die ohne viele Worte, nur durch ihre Taten charmant portraitiert werden.

L

witzige Satire

Alle 46 Bewertungen lesen

Auf der Suche nach deinem neuen Lieblingsbuch? Melde dich bei LovelyBooks an, entdecke neuen Lesestoff und aufregende Buchaktionen.

Inhaltsangabe zu "Die Zweisamkeit der Einzelgänger"

Endlich verliebt! In Hanna, Franka und Ilse.
Eine blitzgescheite Studentin, eine zu Exzessen neigende Tänzerin und eine füllige Bäckersfrau stürzen den Erzähler in schwere Turbulenzen. Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse ist physisch und logistisch kaum zu meistern, doch trotz aller moralischer Skrupel geht es ihm so gut wie lange nicht.
Am Anfang stand eine Kindheit auf dem Anstaltsgelände einer riesigen Psychiatrie mit speziellen Freundschaften zu einigen Insassen und der großen Frage, wer eigentlich die Normalen sind. Danach verschlug es den Helden für ein Austauschjahr nach Laramie in Wyoming. Fremd und bizarr brach die Welt in den Rocky Mountains über ihn herein. Kaum zurück bekam er einen Platz auf der hochangesehenen, aber völlig verstörenden Otto-Falckenberg-Schule, und nur die Großeltern, bei denen er Unterschlupf gefunden hatte, konnten ihn durch allerlei Getränke und ihren großbürgerlichen Lebensstil vor größerem Unglück bewahren.
Nun ist der fragile und stabil erfolglose Jungschauspieler in der Provinz gelandet und begegnet dort Hanna, einer ehrgeizigen und überintelligenten Studentin. Es ist die erste große Liebe seines Lebens. Wenige Wochen später tritt Franka in Erscheinung, eine Tänzerin mit unwiderstehlichem Hang, die Nächte durchzufeiern und sich massieren zu lassen. Das kann er wie kein Zweiter, da es der eigentliche Schwerpunkt der Schauspielschule war. Und dann ist da auch noch Ilse, eine Bäckersfrau, in deren Backstube er sich so glücklich fühlt wie sonst nirgends. Die Frage ist: Kann das gut gehen? Die Antwort ist: nein.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783462049442
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:416 Seiten
Verlag:Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum:09.11.2017

Rezensionen und Bewertungen

Neu
4,2 Sterne
Filtern:
  • 5 Sterne17
  • 4 Sterne21
  • 3 Sterne7
  • 2 Sterne1
  • 1 Stern0
  • Sortieren:
    Kleine8310s avatar
    Kleine8310vor einem Monat
    Die Zweisamkeit der Einzelgänger

    Lesegrund:

    Zu den Büchern von Joachim Meyerhoff hatte ich schon einige begeisterte Stimmen gelesen und daher wollte ich auch selbst mal zu einem Werk von ihm greifen. Was etwas unglücklich war die Tatsache, dass mir nicht bewusst war, dass dieses Buch ein vierter Band ist. Es lässt sich durchaus auch ohne Vorwissen lesen, aber ich mag es meist lieber die Charaktere von Anfang an kennenzulernen.

    Handlung:

    In dieser Geschichte geht es um den jungen Protagonisten, der sich erfolglos weiter als Jungschauspieler versucht und schließlich in der Provinz landet. In diesem Buch bekommt es der Held mit der Liebe zu tun, aber nicht auf eine “normale” Art, bei der er sich in eine Person verliebt, nein er verliebt sich gleich in drei und dazu auch noch ganz unterschiedliche Frauen. Da gibt es Hanna, eine intelligente Studentin, Franka, eine zu Extremen neigende Tänzerin und dann auch noch Ilse, eine Bäckerin, bei der er sich so wohl fühlt, wie nirgends sonst. Der Held hat also ein kleines Problem und muss sich schließlich der Wahrheit stellen, dass die Liebe mit und zu drei Frauen auch schwierig werden kann …

    Schreibstil:

    Der Schreibstil von Joachim Meyerhoff hat mir gleich zu Beginn richtig gut gefallen. Der Autor schreibt anschaulich und sehr bildhaft, sodass das Kopfkino direkt in Gang gesetzt wird. Die vielen Details führen allerdings in manchen Passagen auch dazu, dass die Story und die Gedankengänge des Protagonisten etwas langatmig wurden, was schade war. Erzählt wird die Geschichte in Ich – Form aus der Sicht des besonderen Helden.

    Charaktere:

    Die Ausarbeitung der Charaktere hat mir leider nicht ganz so gut gefallen. Ich fand viele der Eigenschaften, die einigen von ihnen zugeschrieben wurden leider viel zu übertrieben und extrem. Etwas weniger wäre hier, in meinen Augen, vielleicht mehr gewesen. Die Entwicklung der Charaktere hat mir besser gefallen und dies lies mich auch über Dinge, die mich nicht so überzeugten, etwas mehr hinwegsehen.

    Spannung:

    Den Spannungsbogen hat Joachim Meyerhoff recht gut gehalten, wenn einem bewusst ist, dass das Buch halt vorwiegend unterhalten soll. Etwas schade fand ich, dass der Autor sich ab und an etwas zu sehr in eher nebensächlichen, füllenden Details verloren hat, was einige Passagen leider zäher werden liess, als ihnen guttat.

    Emotionen:

    Die Emotionen hat Herr Meyerhoff, teils mit Ironie und Witz, aber ab und an auch mit einem Hauch Ernsthaftigkeit schön dargestellt. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt und war gespannt auf die emotionale Entwicklung des Helden und seine Entscheidungen.

    “Die Zweisamkeit der Einzelgänger” ist eine Geschichte, die auf Unterhaltung setzt. Der Plot hat mich ebenso wie manche Charaktere nur teilweise überzeugt, was etwas schade war. Für Fans der Reihe bestimmt ein Muss, für mich eher ein Kann.

    Kommentieren0
    1
    Teilen
    L
    LenaSilbernaglvor 4 Monaten
    Kurzmeinung: witzige Satire
    Die Zweisamkeit der Einzelgänger

    Joachim Meyerhoffs neustes Werk „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ gehört zur Reihe „Alle Toten fliegen hoch“. Dabei kann dieses Buch jedoch für sich alleine stehen. Obwohl Meyerhoff eigentlich ein bekannter Schauspieler ist, verfügt er doch auch an erzählerischem Talent. Er lässt einen Ich-Erzähler in seinen Werken sprechen, der gleichfalls witzig wie auch komisch daherkommt. In seinem neuesten Buch geht es nicht nur um einen jungen Schauspieler, der die Liebe findet, sondern um viel Mehr. Der Autor versuchte sich an einer Art Erinnerungsprojekt. So fließen viele von Meyerhoffs tatsächlichen Erlebnissen in dieses Buch ein und bilden einen autobiographischen Roman. Das Erzähler Ich verliebt sich in der Geschichte zuerst in Hanna, die ihm nicht mehr aus dem Kopf geht. Als nächstes dated er jedoch schon eine Tänzerin, die er ebenfalls zu lieben glaubt. Dazwischen finden sich großartige Wortgebilde und bildreiche Beschreibungen. Meyerhoff erzählt von Dortmund, einer Celan-Lesung und dem Provinztheater lebendig und vor allem satirisch angehaucht. „Sobald ich in Dortmund frei hatte, fuhr ich zu Hanna nach Bielefeld. Sobald ich in Dortmund wieder Proben oder Vorstellungen hatte, fuhr ich zurück zu Franka nach Dortmund.“ heißt es dort einmal.

    Doch nicht nur die Orte sind genau beschrieben, Meyerhoff führt den Leser auch durch die Neunziger. Dieses Buch gleicht somit einem literarischen Streifzug durch Deutschland und Österreich.

    Meyerhoff versteht es dabei, immer wieder mit literarischen Erfindungen zu brillieren.

    Der Leser wird dabei nicht in einer ruhigen, idyllischen Atmosphäre gelassen, sondern muss sich zusammen mit dem Protagonisten in ein Liebesabenteuer sondergleichen stürzen. Man erlebt, wie der Erzähler von Aushilfsjobs zum Theater kommt. Dazwischen kommen immer wieder die Beziehungen zu Hanna, Franka oder auch Ilse. Der Leser erlebt einen jungen Schauspieler, der auf der Suche nach einem besseren Leben, aber auch nach der großen Liebe, ist.

    Die Figurengewalt eines Familienromans hat dieses Werk zwar eindeutig nicht, kann jedoch auch mit verschiedensten Frauengestalten punkten. Von der liebenswerten und sensiblen Hanna, über die sexbesessene Franka bis hin zur Bäckersfrau Ilse, die einer Art Mutterfigur gleichkommt.
    Meyewrhoff versteht es, simpel erscheinende Komik mit Melancholie zu verbinden. Aber auch das Hauptthema – die Erinnerung an die Toten nämlich – flicht Meyerhoff geschickt in das Werk ein, so dass dem Leser niemals langweilig werden kann. Eine Weltgewandtheit also, die nicht zu wünschen übriglässt. Außerdem vollführt Meyerhoff einen Akrobatikakt wenn es um Gefühle geht. Man könnte gar von einem Drahtseilakt sprechen. Auch an Drastik und Körperlichkeit fehlt es nicht in diesem Werk. Wer an einen biederen Roman denkt, ist hier falsch. Dabei sind die geschilderten Situationen so punktgenau getroffen. Einzelne Szenen werden hier lebendiger als das echte Leben, wobei auch die Geister nicht vergessen werden dürfen, die der Protagonist heraufbeschwört. Durch diese erlangt das Werk eine vollkommen neue Dimension hinzu, die ins Paranormale übergeht.
    Alles in allem ist das Werk „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ der letzte Band von Meyerhoffs Erinnerungsprojekt, welches mit „Alle Toten fliegen hoch“ anfing und nun nach fünf Jahren seinen Abschluss findet. Wer Meyerhoff als wortgewandten Redner kennt, sollte unbedingt eine seiner Lesungen besuchen, denn dort kommen seine Werke noch besser als im eigenen Kopf. Der Bachmann-Preis-Teilnehmer konnte schon 2014 mit seiner Vorlesetechnik brillieren. Jedoch auch im geschrieben Wort kann man schon fast seine Stimme hören, die einem zuflüstert: „Ich mochte die Zeilen. So als hätte der Schrecken des vorherigen Tages neue Resonanzräume freigesprengt, klang meine Stimme an diesem Morgen warm und rund, lässiges Frank-Sinatra-Timbre.“


    Kommentare: 1
    1
    Teilen
    N
    ninaliestvor 5 Monaten
    Endlich! Der ersehnte vierte Band!

    ENDLICH ein neuer Meyerhoff und wir erfahren wie es mit dem jungen Schauspieler Joachim weitergeht. Er zieht zunächst nach Bielefeld. Dort begegnet er Hanna und ist sofort in ihren Bann gezogen. Auch wenn sie äußerlich fast schon hässlich ist, brilliert sie durch ihren Verstand und ihre Diskussionsfreudigkeit. Joachim ist hin und weg und lässt sich auf das Abenteuer einer Beziehung mit ihr ein. Und das ist es, ein Abenteuer. Hanna ist sehr ehrgeizig, diskussionsfreudig, anstrengend und unberechenbar. Als er an das Theater in Dortmund wechselt, lernt er dort die Tänzerin Franka kennen. Sie ist das krasse Gegenteil von Hanna: wunderschön, wortkarg, eine ausgelassene Partymaus und Joachim weiß eigentlich nichts von ihr. Er lässt sich auf zwei Beziehungen ein und stellt fest, dass beide Beziehungen eigentlich nur deswegen so schön sind, weil sie gleichzeitig stattfinden. Weil Franka alleine oder Hanna alleine wäre quasi nicht auszuhalten, weil der Ausgleich fehlt. Es beginnt ein anstrengendes Leben zwischen zwei Frauen - beziehungsweise drei. Denn es gibt da auch noch eine Bäckerin, der er jeden Morgen ab vier Uhr in der Backstube hilft und die er auf gar keinen Fall Hanna oder Franka vorstellen möchte, da er Ilse für sich alleine möchte.

    Ich mag die Art und Weise wie Meyerhoff erzählt einfach sehr gerne. Er schafft es all die verrückten Dinge, die er erlebt hat in einem wunderbar trockenen Tonfall zu beschreiben. Trotzdem muss ich ehrlicherweise sagen, dass dieses Buch das schwächste aus der Reihe der vier Bände bisher ist, da es hauptsächlich die Dreier-Beziehungen beschreibt und damit manchmal etwas stockt.

    Trotzdem würde ich es empfehlen und bin voller Vorfreude auf den nächsten Band!

    Kommentieren0
    0
    Teilen
    sabatayn76s avatar
    sabatayn76vor 9 Monaten
    ‚Schleichende Katastrophen sind ja viel schwerer zu erkennen [...].'

    ‚Schleichende Katastrophen sind ja viel schwerer zu erkennen als diejenigen, die Hals über Kopf über uns hereinbrechen.‘ (Seite 84)

    Der 23-jährige Joachim (Alter Ego des Autors Joachim Meyerhoff) hat sein Schauspielstudium abgeschlossen und danach ein Engagement am - seiner Meinung nach recht lausigen - Bielefelder Theater bekommen. Dort lernt er nach einer Premierenfeier die eigenwillige Hanna kennen, die ihm von Anfang an die (nicht immer wohlgesonnene) Meinung bezüglich seiner schauspielerischen Leistung geigt, ihm eine Menge Lügen auftischt, in die er sich aber trotzdem unsterblich verliebt.

    Weil er mit der Situation am Bielefelder Theater unzufrieden ist, bewirbt sich Joachim an anderen Theatern und erhält schließlich ein Engagement in Dortmund. Von da an führen Hanna und er eine Fernbeziehung, und Joachim lernt bald die quirlige, unkomplizierte und Drogen konsumierende Franka kennen, mit der er sich von da an die Nächte um die Ohren schlägt.

    Joachim führt ein Doppelleben mit einer Beziehung in Bielefeld und einer in Dortmund, und schließlich schleicht er sich auch noch in den frühen Morgenstunden zur korpulenten Bäckerin Ilse.

    Ich habe vor einer Weile den ersten Teil von ‚Alle Toten fliegen hoch‘ (‚Amerika‘) als Hörbuch gehört, was mir gut gefallen hat. Den zweiten und dritten Teil kenne ich noch nicht. Der vierte Band war zwar teilweise unterhaltsam, aber insgesamt deutlich weniger gelungen als der erste Teil der Reihe.

    Ich empfand das Buch anfangs als amüsant, auch wenn ich den Humor bisweilen etwas zu bemüht und krampfig fand. Ich wusste beim Lesen lange nicht, was ich von ‚Die Zweisamkeit der Einzelgänger‘ halten soll, und auch nach dem Auslesen bin ich mir unsicher. Einerseits war das Buch stellenweise unterhaltsam, ließ sich flüssig lesen und war bisweilen witzig, bisweilen tragisch und berührend. Andererseits habe ich viele Seiten quer gelesen, weil ich die Ausführungen zu langatmig und die Schilderungen belanglos fand.

    Ich denke, mein größtes Problem mit dem ist war die Tatsache, dass die Protagonisten unglaublich unsympathisch sind, so dass ich beim Lesen oft genervt war und sie als unangenehm empfand.

    Kommentieren0
    3
    Teilen
    V
    Vielhaber_Juergenvor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Leider die Erwartungen der Lücke nicht erfüllt...
    frühe Neunziger

    Es gibt einen schönen,kleinen Film von 1992,Kleíne Haie mit noch sehr jungem Jürgen Vogel und Meret Becker.Der spielt im Millieu der Schauspielschulen, und seine Bilder blitzten manchmal bei mir auf als ich nun Mayerhoffs vierten Band las.
    Als blutiger Anfänger wecselt er vom Theater Bielefeld nach Dortmund...Und wer schon mal an Provinztheatern festhing,der schmunzelt nicht nur einmal...
    Gewohnt pointenreich erzählt,jedoch bei einigen Gelegnheiten trägt er einfach zu dick auf,namentlich die Todesfuge -das glaub ich einfach nicht!
    Ob seine Lebe zu Hanna,die ehre sexuelle Beziehung zuFranka und die platonische,weil kulinarische zu Bäckerin Ilse exakt so gelaufen sind,weiß nir der Autor selbst,
    Er versteht es großartig,die so unterschiedlichen Frauen zu schildern.
    Auch wenn der vierte Band im Ganzen etwas schwächelt,hoffe ich sehr sehr stark,das es nicht der letzte dieser Reihe war....Ein schönes Geschenk allemal....

    Kommentieren0
    0
    Teilen
    Buecherschmauss avatar
    Buecherschmausvor einem Jahr
    Leicht enttäuschte Liebe

    Joachim Meyerhoff ist ein begnadeter Plauderer und Geschichtenerzähler. Wer ihn einmal live oder auch nur auf dem Bildschirm erlebt hat, wird dies begeistert bestätigen. Auch seine autobiografischen Romane (auf diese Fiktionalisierung legt der Autor viel Wert) waren ursprünglich als Bühnenprojekt konzipiert und auch in der Bühnenfassung am Wiener Burgtheater ein großer Erfolg. 2011 erschien dann der erste Band der Romanfassung, „Amerika“.
    „Alle Toten fliegen hoch“ ist der Titel des Projekts, in dem der Autor in seinem nun typischen „Meyerhoff-Sound“ von sich und seiner Familie plaudert. Er tut das mit einer Leichtigkeit und Lässigkeit, einer Selbstironie und einem teils slapstickartigen, mitunter brüllend komischen Witz, dass man fast, zeitweise zumindest, die tieftraurige Motivation dahinter vergisst. Aber sie ist allgegenwärtig, die Melancholie, die Traurigkeit. „Alle Toten fliegen hoch“ ist, laut Meyerhoff, die Familienvariante des beliebten Kinderspiels, in der seine Tante mit ihm die Verwandten durchging – noch lebend, schon gestorben. Der Anteil an letzteren wuchs beständig.
    So war „Alle Toten fliegen hoch“ auch ein Anschreiben, zunächst ein Anreden gegen den Verlust, gegen den Tod, das Vergessen, die eigene Trauer. Bei all den teils grotesken, komischen Episoden aus dem Leben der Meyerhoffs, die der Autor mit großer Lust und Wortwitz ausbreitet, sind diese Leerstellen im Familiengefüge – zunächst der verunglückte mittlere Bruder, dann der an Krebs sterbende Vater und schließlich die verlöschenden Großeltern – die dunkel glimmenden Zentren der Romane. Es gibt wenige Bücher, die mich so oft und so laut zum Lachen gebracht haben wie die ersten drei Bände der Reihe, und mich gleichzeitig so traurig berührten. Joachim Meyerhoff hat sich damit bei mir wie bei unzähligen anderen Lesern tief ins Herz geschrieben.
    Wobei wir beim jüngst erschienenen vierten Band „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ sind. Ihm fehlt nicht nur der genialische Titel der beiden vorangegangenen Werke („Wann wird es endlich wieder so wie es nie war“ und „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“), das wäre zu verschmerzen, „Amerika“ macht ja nun auch nicht viel her, sondern eigentlich fast alles, was ich an den drei anderen Büchern so geliebt habe. Das liegt nicht am Erzähltalent, er ist gleich zu Beginn wieder da, dieser „Meyerhoff-Sound“, den man so liebt. Es ist mehr das was und wie erzählt wird, was diesmal nicht so recht verfangen will.
    Nach seinen Kindheits- und Jugendjahren auf dem Gelände der Schleswiger Psychiatrie, dem unbeholfenen Auslandsjahr in Amerika, das durch den Tod des Bruders eine so traurige Prägung erhielt, und die chaotisch-liebenswerten Jahre auf der Münchner Schauspielschule im Haus seiner trinkfesten, kultivierten Großeltern, steht nach einem ersten Theaterengagement in Kassel die Bewährungsprobe auf den Provinzbühnen in Bielefeld und Dortmund auf dem Erzählprogramm. Beides von Meyerhoff tief verachtete Ensembles. Und hier kommt schon der erste Punkt zum Tragen. Waren die Erzählungen von der Münchner Schauspielschule (oder auch davor aus der Psychiatrie oder der amerikanischen Gastfamilie) auch oft voller Spott, Indiskretion und Ironie, berichtet Meyerhoff hier eigentlich nur mit Häme und Verachtung von seinen Kollegen. Das liegt daran, dass ihm die Zuneigung, die er bisher dem Geschilderten entgegenbrachte, hier ganz zu fehlen scheint. Das tut dem Ton des Buches nicht gut.
    Der zweite, viel entscheidendere Punkt scheint mir zu sein, dass Meyerhoff in diesem vierten Band und Lebensabschnitt einfach von viel weniger charmanten Menschen berichtet als in seinen vorangegangenen Büchern. Das sind in erster Linie die Frauen, mit denen der bisher in Liebesdingen eher unerfahrene Joachim es hier gleich dreifach zu tun bekommt. Weder Hanna, die durchgeistigte, rebellische, unberechenbare Studentin aus Bielefeld, noch die sexhungrige, feierfreudige Tänzerin Franka aus Dortmund, und noch weniger die bodenständige, fürsorgliche, aber auch ein wenig ordinäre Bäckersfrau Ilse (als hätte Meyerhoff die Damen aus dem Baukasten), mögen wirklich zu fesseln. Die für ihre Charakterisierung aufgebrachte Seitenzahl ist eindeutig zu hoch. Sicher vermögen sie und die mit ihnen verbundenen Liebesabenteuer den jungen Meyerhoff zu faszinieren (seines Organisationstalents beim Managen dieser drei Beziehungen an zwei Standorten und seiner nicht unbeträchtlichen Manneskraft, bis sich die Mitmieter über die nächtlichen Lustschreie beschweren, rühmt sich der Autor vielleicht ein bisschen zu intensiv), für die Leserin war das Ganze eher uninteressant. Sie blieb leicht genervt zurück.
    Auch wenn im Verlauf zwei weitere Tote zur Galerie hinzukommen, scheint auch das hinter dem Romanprojekt stehende Konzept ein wenig in Vergessenheit geraten. Dann erinnert sich der Autor plötzlich wieder. Das gelingt ihm nicht immer so anrührend wie in der Schlussszene, wo sie alle noch einmal versammelt sind im Innenhof von Ilses Café.
    Sicher, da ist sie noch, die spielerische Leichtigkeit beim Erzählen, die Selbstironie, mit der auch noch das größte Missgeschick erzählt wird, die genaue Beobachtungsgabe, das perfekte Erzähltiming. Und es sind nicht umsonst die Momente, in denen sich der Erzähler an Episoden aus der Vergangenheit, beispielsweise einen Urlaub auf Elba erinnert, die den alten Zauber und den alten Witz wieder hervorzaubern. Da gerät man ins Träumen und möchte noch einmal von vorn beginnen mit „Alle Toten fliegen hoch“. Es ist wie mit der enttäuschten Liebe. Mit der Zeit verblasst die Enttäuschung und man erinnert sich umso leuchtender an die vielen schönen gemeinsamen Stunden. 

    Kommentare: 1
    45
    Teilen
    Sigismunds avatar
    Sigismundvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Schade, nicht mehr so gut wie die "Lücke".
    Schade, nicht mehr so gut wie die "Lücke".

    Nach seinen mehrfach ausgezeichneten autobiographischen Romanen "Alle Toten fliegen hoch" (2011), "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" (2013) und "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (2015) ist der heute gefeierte Autor und Wiener-Burg-Schauspieler Joachim Meyerhoff in seinem vierten Band "Die Zweisamkeit der Einzelgänger", erschienen im November bei Kiepenheuer&Witsch, nun als "fragiler und stabil erfolgloser Jungschauspieler" in der Provinz gelandet. In Bielefeld begegnet der Mittzwanziger der ehrgeizigen und überintelligenten Studentin Hanna, später in Dortmund der exzentrischen Theatertänzerin Franka. Schließlich fühlt er sich auch noch in der Bäckerei der prallen Ilse wohl. Und keine Frau weiß von den zwei anderen. Der Verlag stellt im Klappentext die Frage: "Kann das gut gehen?" Ich meine NEIN, meine damit aber Meyerhoffs viertes Buch insgesamt und kann mich den allgemeinen Lobeshymnen nicht oder nur bedingt anschließen. Liegt es am außergewöhnlichen und völlig berechtigten Erfolg seines dritten Bandes? Oder ist es die unweigerlich ermüdende Folge der Serienschreiberei? Hat man alle drei Vorgängerbände gelesen, kennt man Meyerhoffs humoristische Art zu schreiben, seine intelligente Formulierungskunst, seine vortreffliche Ironie, mit der er nicht nur seine Angehörigen und andere beschreibt, sondern vor allem sich selbst. Doch in Band 4 kommt kaum Neues mehr. Erinnerungen an seine Brüder und Großeltern - Repliken an die drei Vorgängerbände - haben noch Witz, auch die Beschreibungen seiner Arbeiten an den Provinztheatern. Aber: Seine privaten Alltagsszenen werden im vierten Band verbal plattgewalzt, die kurzgefasst noch durchaus amüsant gewesen wären. Die unzähligen und ausführlich beschriebenen Bettgeschichten mit Hanna und Franka wirken spätestens nach der dritten ebenfalls ermüdend, zumal man diese in Meyerhoffs sonst so intelligent geschriebener Buchreihe nicht erwartet und vor allem nicht braucht. Ergebnis? Als Meyerhoff-Fan, der alle drei Vorgängerbände kennt, habe ich in diesem vierten Band hin und wieder Seiten überschlagen oder andere quergelesen. Schade drum! Meyerhoff hätte nach dem dritten Band "Ach, diese Lücke ...." aufhören sollen. Oder im vierten stark kürzen und streichen müssen. Dieser vierte Band erscheint irgendwie, vom Verlag dem Autor abgerungen. Meine bisherige Begeisterung für Meyerhoffs Bücher hat dadurch leider gelitten. Wer aber die drei Vorgängerbände noch nicht kennt, mag an diesem Buch seine Freude haben, wie ich an den vorigen.

    Kommentieren0
    3
    Teilen
    buchstabensammlerins avatar
    buchstabensammlerinvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Kein Wort ist hier einsam....
    Kein Wort ist hier einsam....

    Rund ums Buch:
    Titel: Die Zweisamkeit der Einzelgänger
    Autor: Joachim Meyerhoff
    Verlag: KIWI Verlag www.kiwi-verlag.de
    ISBN: 978-3-462-04944-2
    Preis: 24,00 €

    Cover/Inhalt:
    Hat Joachim Meyerhoff am Schreibtisch gesessen und seinen Namen auf ein Blatt gekritzelt und dann bei jedem weiteren Buch auch wieder den Titel? So sieht nämlich wieder – auch in diesem 4. Teil seiner halb autobiografischen halb fiktiven Erzählung das Cover aus. Auch ein persönliches Foto finden wir wieder auf dem Titel und diesmal sehen wir den Protagonisten nackt am Strand... in Rückansicht selbstverständlich, aber da kommen wir dann auch schon zum Inhalt: 

    In diesem Buch geht es um die Liebe, um das Leben, weniger um die Toten. Es spielt zu der Zeit, als Joachim seine erste Theaterrolle in Bielefeld bekommt. Dort lernt er Hanna kennen, eine komplett durchgeknallte Studentin, die zu viel liest, extrem rotzig ist, immer an ihm und allem rummeckert und den Bezug zur Realität ein wenig verloren hat. Aber Hanna hat auch eine nahbare Seite und das Gefühl zu ihr lässt ihn die Welt neu erleben.
    „Wo Hanna war, waren Wunder nicht weit. Ihr Zusammengewürfeltsein aus Wirrnis und Intelligenz war ein intensiv duftender Köder für das Unerwartbare.“ (S. 117)

    Irgendwann wechselt Joachim nach Dortmund, lernt dort Franka kennen, eine exaltierte Tänzerin, mit der er die Nächste durchfeiert, Nacktheit lebt und eine andere Seite der körperlichen Liebe erlebt. „Jetzt kommt sie gleich zu mir, wusste ich, in zwanzig Sekunden legt sie sich in mein Bett, küsst mich mit ihrer durchtrainierten Zunge, schlingt und knotet ihre Arme und Beine um mich und pulverisiert jegliches Oben und Unten. Ihre Haut, ihre Muskeln, ihre Knochen, jede Frankaschicht war anders....“ (S. 197)

    Als ob das nicht genug wäre, kommt noch die dickbusige, von der Arbeit in ihrer Bäckerei ziemlich geschundene Ilse hinzu, zu der er morgens schleicht, sich bei ihr sichtlich wohl fühlt. „Ilses herzliche, immer zupackende aber niemals plumpe Liebenswürdigkeit justiert die Wippe zwischen Hanna und Franka und hielt mich in der Schwebe.“ (S. 315)

    Klar wird, dass das ein Spektakel des Timings, der Lügen und der Anstrengung wird, drei Frauen gleichzeitig zu erleben. Hier hilft nur HALLOO-WACH.


    Darstellungsweise/Schreibstil:
    Der Ich-Erzähler Joachim ist sicherlich nicht der Siegertyp, aber auf der Suche nach sich selbst. Der Autor schafft es durch seine unglaubliche Erzählweise, ihn zu mögen. Joachim Meyerhoff ist für mich der König der Adjektive, der Maler des geschriebenen Wortes, wahnsinnig gut, wie er den Leser durch seine bildhaften Beschreibungen mitreißt. Nein, es gibt nicht einfach einen Nachthimmel, es gibt einen „laternenhellen Nachthimmel“. Die Vögel verstummten nicht, nein „... die Vögel waren schlagartig verstummt so als hätten ein ornithologisch versierter Dirigent die Symphonie beendet ..(S. 45). Meyerhoff beschreibt einfach alles mit einem Wortschatz, der unerreicht ist. Beispielsweise als er beschreibt, wie er die Arbeiten von Hanna liest, aber direkt scheitert: „Zeichensalat mit Affirmationsdressing“. (S.114)
    Ich könnte unendlich weiter zitieren, denn es gibt so wunderbar viele Textstellen, die einem quasi ins Auge springen.
    Genialst sind auch die kaum merkbaren Übergänge in Erinnerungen, die während einer Geschichte plötzlich hereinkriechen und eine neue Geschichte eröffnen.
    Auch, wenn ein wenig viel Eier, Schwanz und auch Erektion thematisiert wird, das geht vorbei und ist wiederum stellenweise hochamüsant. Manchmal fragt man sich: ist das wirklich so gewesen? Und das ist die Kunst, dieses Fließende zwischen Erlebtem und Hinzugedichtetem. Joachim Meyerhoff macht daraus Figuren und Geschichten, die einmalig sind.


    Meine Meinung:
    Ich habe mich extrem unterhalten und amüsiert gefühlt, obwohl das Buch sicherlich zu einem Teil ein Männerbuch ist. Doch genau das macht dieses Buch so spannend. Wie der Mann Joachim die Welt der Frauen erlebt.


    Fazit:
    Ich gebe voller Begeisterung 5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung, auch wenn man ggf. die ersten drei Bücher nicht gelesen hat.

    Kommentieren0
    7
    Teilen
    Zeilenendes avatar
    Zeilenendevor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Dichte Atmosphäre, schillernde Charaktere, die ohne viele Worte, nur durch ihre Taten charmant portraitiert werden.
    Kommentieren0
    diewortklauberins avatar
    diewortklauberinvor 4 Monaten
    Kurzmeinung: voller witz, mit einem hang zum abstrus-skurrilen. besonders die szenen des katastrophal auf der bühne scheiterns - zum mit-leiden schön.
    Kommentieren0

    Gespräche aus der Community zum Buch

    Neu

    Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach

    Hol dir mehr von LovelyBooks