Joachim Unseld

 3,7 Sterne bei 31 Bewertungen

Lebenslauf

Geboren 1953 in Frankfurt, leitet Dr. Joachim Unseld seit 1994 die Frankfurter Verlagsanstalt als Verleger und Geschäftsführer. Nach Studium und Promotion arbeitete er bei renommierten Verlagen wie Gallimard in Paris und war zuvor in der Geschäftsleitung des Suhrkamp Verlags tätig. Als Übersetzer hat er sämtliche Werke Jean-Philippe Toussaints für die FVA ins Deutsche übertragen. Für seine bedeutenden Beiträge zu den deutsch-französischen Kulturbeziehungen wurde er 2024 vom französischen Kulturministerium mit dem »Officier de l'Ordre des Arts et des Lettres« ausgezeichnet.

Quelle: Verlag / vlb

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Neue Rezensionen zu Joachim Unseld

Cover des Buches Das gewöhnliche Leben (ISBN: 9783627003340)
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Rezension zu "Das gewöhnliche Leben" von Adèle Van Reeth

Hyperikum
Existenzialistische Fragen

Sie hat Schwierigkeiten mit dem gewöhnlichen Leben. Etwas daran hindert sie am Atmen. Es ist nicht das Kind, das sie bald entbinden wird, obwohl es auf ihr Zwerchfell drückt. Sie fürchtet sich davor, sich irgendwo dauerhaft einzurichten, an einem Ort richtig zu leben. Nach mehreren Monaten Südindien folgte sie ihrem Freund nach Chicago. Sie war des Studierens müde und der Chicagoer Campus brachte ihr die Annehmlichkeit eines Tapetenwechsels. Der Professor mit den kleinen Augen und dem verschmitzten Lächeln lässt sie in einer seiner Philosophievorlesungen aufhorchen, als er vom Gewöhnlichen spricht. 


Das Gewöhnliche ist nicht das einhellig geschätzte Banale. S. 25


Nach fünf Jahren Studium in Frankreich und einer Atlantiküberquerung hatte das „Gewöhnliche“ Einzug in die Philosophie halten dürfen. Adèle Van Reeth forscht dem schwammigen, unscheinbaren Begriff hinterher, um ihn greifbarer zu machen. Das Gewöhnliche stand im Gegensatz zum Erhabenen, Feinen und Romantischen. 

Während sie sinniert und die richtigen Worte zu finden versucht, um sich der Welt mitzuteilen, fühlt sie sich wohl in ihrer Schwangerschaft. Sie hat eine lebenswichtige Aufgabe, ist nicht mehr nur sie selbst. Die Menschen schauen nicht länger auf sie, sondern auf ihren Bauch, sie verschwindet dahinter. Überall, wo sie hingeht, ruhen nun Blicke auf ihr, wohlwollend schaut man auf ihre große Kugel und zwinkert ihr komplizenhaft zu. Sie wird gesehen. 

Sie hat drei Stiefsöhne, ihre beaux-fils, schöne Söhne. Es sind die Söhne ihres Partners und jetzt wächst in ihr sein Vierter. Ihre Rolle als Stiefmutter war praktisch für den Vater, weil es kein Kindermädchen gab, doch sie hatte sich diese Aufgabe einfacher vorgestellt.

Fazit: Adèle Van Reeth, französische Moderatorin, Radioproduzentin und Philosophin, hat eine autofiktionale Erzählung geschaffen. Sie gibt Einblicke in ihre Zeit als Studentin und ihre Schwierigkeiten mit der europäischen, dogmatischen Vermittlung schwer zugänglichen Wissens. Die lockere Herangehensweise im Land der unbegrenzten Möglichkeiten brachten ihr die existenzialistischen Fragen wieder näher. Während sie dieses Buch schreibt, blickt sie von der Metaebene auf ihr Leben und gibt klare, ungeschönte Einblicke in ihre Ängste, Befindlichkeiten und Ansichten, aber auch in ihre Beziehung und Schwangerschaft. Die Stimmfarbe ist direkt, präzise und nüchtern, ganz ähnlich dem Stil Annie Ernauxs. Ich muss gestehen, dass mir die Autorin einiges abverlangt hat. Sie hat keinen Schmöker geschrieben, den man fix weglesen kann. Wer ihr zuhören möchte, sollte sich konzentrieren können und Raum für eigene Gedanken lassen. Eine Reise in die Einfachheit des Gewöhnlichen, dessen, was zu leben bedeutet.

Cover des Buches Brief an den Vater (ISBN: 9783311230007)
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Rezension zu "Brief an den Vater" von Franz Kafka

holzmair_eva
Ein Brief, der den Vater nie erreicht hat

Im Kafka-Jahr 2024 (Franz Kafka starb vor hundert Jahren) wollte ich wieder mal diesen Autor lesen und habe zu einem Buch gegriffen, das ich noch nicht kannte: „Brief an den Vater“. Dieser Brief, im handschriftlichen Original über 100 Seiten lang, wurde dem Vater nie übergeben. Die Mutter hat ihn zurückgehalten, wohl aus gutem Grund. Der Vater hätte den Sohn erneut nicht verstanden, es wäre womöglich zum endgültigen Bruch zwischen den beiden gekommen. Dabei versucht Franz Kafka, keine Schuld zuzuweisen, vielmehr versucht er, das gestörte Verhältnis zum Vater und seine Angst vor diesem Vater auf zwei unvereinbare Charaktere zurückzuführen, womit er zwar recht hat, doch das Quälende, das dieser Gegensatz im „schwachen“ Kind, Jugendlichen und später Erwachsenen hervorruft, das hätte dieser „starke“ Vater, „der alles aus Eigenem geworden ist“ (zitiert aus dem Nachwort von Max Brod), nicht begreifen können, wie auch wir als Lesende manche Argumentationsstränge nur schwer nachvollziehen können. Zum Werkverständnis trägt dieser Brief allerdings viel bei, etwa ein Zitat, in dem Kafka sich selbst, in Abgrenzung zum Vater unter Einbindung der aus der Familie Löwy stammenden Mutter, beschreibt:

„Vergleich uns beide: ich [...] ein Löwy mit einem gewissen Kafkaschen Fond, der aber eben nicht durch den Kafkaschen Lebens-, Geschäfts-, Eroberungswillen in Bewegung gesetzt wird ... Du dagegen ein wirklicher Kafka an Stärke, Gesundheit, [...] Ausdauer, Geistesgegenwart, Menschenkenntnis, einer gewissen Großzügigkeit, natürlich auch mit allen zu diesen Vorzügen gehörigen Fehlern und Schwächen, in welche Dich Dein Temperament und manchmal Dein Jähzorn hineinhetzen.“ Wenn es dann an anderer Stelle heißt, dass sich Kafkas mütterlicher Erbteil durch „Trotz, Empfindlichkeit, Gerechtigkeitsgefühl, Unruhe“ auszeichnet, wird klar, warum Sohn und Vater nicht miteinander konnten und gegen Ende des Briefes auch, warum dieser Franz Kafka Menschen in Käfer verwandelte, vergeblich ein Schloss aufsuchen oder unschuldig einem Prozess aussetzen ließ.

Cover des Buches Nackt (ISBN: 9783442713639)
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Rezension zu "Nackt" von Jean-Philippe Toussaint

Sanne54
Vom Ende der Liebe zu Marie: Toussaints „Sich lieben“

Aus meinem Bekanntenkreis weiß ich, dass Toussaints „Sich lieben“, das letzte der vier Bücher über Marie, spaltet. Ich selbst finde Toussaints Stil großartig, genau in der Beschreibung von Objekten und Lichtverhältnissen, trotzdem sehr leicht durch den parenthetischen Stil. Es ist anders als drei anderen Marie-Bücher, greller und „künstlicher“ ausgeleuchtet. 

Inhaltlich geht es um die Trennung der hier ewig weinenden Modeschöpferin Marie und des namenlosen Ich-Erzählers, die eigentlich schon beschlossene Sache ist. Mich hat das irritierende Gefühl, das Toussaints Roman durchzieht ein bisschen an „Lost in Translation“ erinnert, aber viel verzweifelter, gnadenloser und mit mehr Sex.

Sicherlich ist es kein Roman für nebenbei im Zug …

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