Sie hat Schwierigkeiten mit dem gewöhnlichen Leben. Etwas daran hindert sie am Atmen. Es ist nicht das Kind, das sie bald entbinden wird, obwohl es auf ihr Zwerchfell drückt. Sie fürchtet sich davor, sich irgendwo dauerhaft einzurichten, an einem Ort richtig zu leben. Nach mehreren Monaten Südindien folgte sie ihrem Freund nach Chicago. Sie war des Studierens müde und der Chicagoer Campus brachte ihr die Annehmlichkeit eines Tapetenwechsels. Der Professor mit den kleinen Augen und dem verschmitzten Lächeln lässt sie in einer seiner Philosophievorlesungen aufhorchen, als er vom Gewöhnlichen spricht.
Das Gewöhnliche ist nicht das einhellig geschätzte Banale. S. 25
Nach fünf Jahren Studium in Frankreich und einer Atlantiküberquerung hatte das „Gewöhnliche“ Einzug in die Philosophie halten dürfen. Adèle Van Reeth forscht dem schwammigen, unscheinbaren Begriff hinterher, um ihn greifbarer zu machen. Das Gewöhnliche stand im Gegensatz zum Erhabenen, Feinen und Romantischen.
Während sie sinniert und die richtigen Worte zu finden versucht, um sich der Welt mitzuteilen, fühlt sie sich wohl in ihrer Schwangerschaft. Sie hat eine lebenswichtige Aufgabe, ist nicht mehr nur sie selbst. Die Menschen schauen nicht länger auf sie, sondern auf ihren Bauch, sie verschwindet dahinter. Überall, wo sie hingeht, ruhen nun Blicke auf ihr, wohlwollend schaut man auf ihre große Kugel und zwinkert ihr komplizenhaft zu. Sie wird gesehen.
Sie hat drei Stiefsöhne, ihre beaux-fils, schöne Söhne. Es sind die Söhne ihres Partners und jetzt wächst in ihr sein Vierter. Ihre Rolle als Stiefmutter war praktisch für den Vater, weil es kein Kindermädchen gab, doch sie hatte sich diese Aufgabe einfacher vorgestellt.
Fazit: Adèle Van Reeth, französische Moderatorin, Radioproduzentin und Philosophin, hat eine autofiktionale Erzählung geschaffen. Sie gibt Einblicke in ihre Zeit als Studentin und ihre Schwierigkeiten mit der europäischen, dogmatischen Vermittlung schwer zugänglichen Wissens. Die lockere Herangehensweise im Land der unbegrenzten Möglichkeiten brachten ihr die existenzialistischen Fragen wieder näher. Während sie dieses Buch schreibt, blickt sie von der Metaebene auf ihr Leben und gibt klare, ungeschönte Einblicke in ihre Ängste, Befindlichkeiten und Ansichten, aber auch in ihre Beziehung und Schwangerschaft. Die Stimmfarbe ist direkt, präzise und nüchtern, ganz ähnlich dem Stil Annie Ernauxs. Ich muss gestehen, dass mir die Autorin einiges abverlangt hat. Sie hat keinen Schmöker geschrieben, den man fix weglesen kann. Wer ihr zuhören möchte, sollte sich konzentrieren können und Raum für eigene Gedanken lassen. Eine Reise in die Einfachheit des Gewöhnlichen, dessen, was zu leben bedeutet.





