Joan Didion

 4.1 Sterne bei 124 Bewertungen
Autorin von Das Jahr magischen Denkens, Blaue Stunden und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Joan Didion

Ein fester Bestandteil der amerikanischen Literatur: Joan Didion, geboren am 5. Dezember 1934 in Sacramento, ist eine US-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin. Sie studierte Literatur an der University of California und fing nach ihrem Abschluss an für die Vogue zu arbeiten. Darüber hinaus schrieb sie zusammen mit ihrem Eheman zahlreiche Drehbücher für Theaterstücke und Fernsehfilme. 

Ihr literarisches Schaffen umfasst berühmte Verschwörungstheorien und Soziopathen der Geschichte. So wurde sie, dank ihrer erfolgreichen Werke schnell zu einem festen Bestandteil der amerikanischen Literatur-Szene. Für ihre herausragenden Werke wurde sie bereits mit dem National Book Award ausgezeichnet. 

Heute schreibt sie regelmäßig für renommierte Zeitschriften und Zeitungen, wie den New York Review of Books und den New Yorker. Heute lebt sie zusammen mit ihrer Familie in New York.

Alle Bücher von Joan Didion

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Cover des Buches Das Jahr magischen Denkens (ISBN: 9783548612799)

Das Jahr magischen Denkens

 (56)
Erschienen am 11.09.2015
Cover des Buches Blaue Stunden (ISBN: 9783548061719)

Blaue Stunden

 (16)
Erschienen am 31.05.2019
Cover des Buches Süden und Westen (ISBN: 9783548060170)

Süden und Westen

 (6)
Erschienen am 29.03.2019
Cover des Buches Woher ich kam (ISBN: 9783550050213)

Woher ich kam

 (4)
Erschienen am 29.03.2019
Cover des Buches Im Land Gottes (ISBN: 9783548607900)

Im Land Gottes

 (3)
Erschienen am 12.06.2008
Cover des Buches Das Letzte, was er wollte (ISBN: 9783550200502)

Das Letzte, was er wollte

 (3)
Erschienen am 29.11.2019
Cover des Buches Demokratie (ISBN: 9783548608631)

Demokratie

 (2)
Erschienen am 01.10.2008
Cover des Buches Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben (ISBN: 9783548608914)

Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben

 (2)
Erschienen am 11.03.2009

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Rezension zu "Blaue Stunden" von Joan Didion

Mehr Wut als Trauer
Xirxevor einem Monat

Joan Didions geliebter Ehemann verstarb 2003 völlig überraschend und keine zwei Jahre später musste sie ihre Adoptivtochter Quintana Roo mit nur 39 Jahren zu Grabe tragen. In ‚Blaue Stunden‘ erzählt sie von der Zeit danach, von den Fragen die sie sich stellte, den Gedanken, aber auch von den Erinnerungen an ihre Tochter. Doch es ist nicht nur der Schmerz über den erlittenen Verlust über den sie berichtet, sondern auch die Feststellung, dass sie nicht nur älter, sondern alt wird.

Alt werden und sterben – die Meisten schweigen lieber über diese Themen, obwohl sie zu den wenigen Dingen im Leben gehören, die zweifelsfrei eintreffen werden. Wäre es also nicht sinnvoll, sich schon frühzeitig damit auseinanderzusetzen, um möglichst gut damit klar zu kommen, wenn der Fall eintritt? Joan Didion hat sich bereits mit dem Tod ihres Mannes literarisch auseinandergesetzt und nun ist es der Tod ihrer Tochter und ihr eigenes Altwerden. Doch statt, wie zumindest von mir erwartet, ein besonnenes und vielleicht schmerzerfülltes Ringen um Worte fand ich eine beinahe wütende und verletzte Autorin jener Zeit vor, die mit sich und dem Lauf der Dinge hadert.

Natürlich hadert man mit dem Tod des eigenen Kindes, keine Frage! Aber warum mit dem eigenen Altwerden? Ja, die Kräfte lassen nach, Krankheiten nehmen zu und der Tod ist keine ferne Erscheinung mehr. Es ist der Lauf der Dinge, der nicht zu ändern ist. Doch es scheint für eine erfolgreiche, schöne Frau wie Joan Didion schwer zu akzeptieren zu sein, dass auch sie nicht von diesem Prozess verschont bleibt.

Eigentlich habe ich mein ganzes Leben bis heute nicht ernsthaft daran geglaubt, dass ich alt werden würde.
Ich will den Notfall noch nicht einmal in Erwägung ziehen. Notfall, glaube ich noch immer, ist das, was jemand anderem passiert.

Weil mich Manches in diesem Buch gestört hat (dieses ständige Namedropping beispielsweise), habe ich noch ein paar weitere Artikel über Joan Didion und ihre Familie gelesen. Fakt ist, sie hat bis zum Tod ihres Mannes ein bemerkenswert privilegiertes Leben ohne größere Dramen geführt, was sie auch offen anspricht. Doch trotz dieses Bewusstseins scheint sie jeden Schicksalsschlag als persönliche Kränkung zu empfinden. Kaum eine Spur von Dankbarkeit für das, was ihr bisher vergönnt war – was wohl mehr war und auch noch ist, als die meisten Menschen je erreichen können. Auch ihr selbstkritisches Denken über die Zeit mit ihrer Tochter Quintana Roo hinterlässt einen faden Nachgeschmack: Offensichtlich war diese seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten schwer alkoholkrank, was letztendlich zum Tod führte. Doch darüber verliert Joan Didion kaum ein Wort, statt dessen gibt es beschönigende Worte zum vielleicht allzu lockeren Umgang mit Alkohol.

Alkohol mag als Medizin gegen Deprimiertheit seine Mängel haben, aber niemand hat je auch nur angedeutet – fragen Sie jeden Arzt -, dass er nicht das wirksamste bekannte Mittel gegen Beunruhigung ist.

Es ist mein erstes Buch von dieser Autorin gewesen und leider habe ich keinen allzu guten Eindruck von ihr. Ja, sie hat einen besonderen, eigenwilligen Schreibstil mit bemerkenswert guten Gedanken, aber als Persönlichkeit wirkt sie auf mich recht selbstherrlich und ohne jede Spur von Demut. Schade für sie, denn vermutlich werden ihre letzten Jahre so keine guten werden.

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Rezension zu "Woher ich kam" von Joan Didion

California Dreamin' oder vielleicht doch nicht?
Brivor 5 Monaten

Identität – Wurzeln – Herkunft: Drei Worte, die häufig miteinander verbunden werden. Heutzutage, so sagt man gemeinhin, leben wir in einer mobilen Gesellschaft. Doch sieht man genauer hin, woher man kommt, wird klar, dass diese Herkunft schon immer schwer zu greifen war. Von meinem Großvater väterlicherseits weiß ich, dass sowohl er als auch seine beiden Schwestern jeweils in einer anderen Stadt zur Welt gekommen sind. Der Grund dafür war der Beruf meines Urgroßvaters, der als sogenannter Herrschaftskutscher entweder immer mit der Familie, für die er arbeitete mitzog oder aber sich regelmäßig eine Neuanstellung suchen musste, die dann offensichtlich nicht in der gerade zur Heimat erkorenen Stadt zu finden war. Die Familienlegende schwört darauf, dass ersteres der Fall gewesen sei. Auch Joan Didion hat sich Gedanken darüber gemacht, woher sie kam und hat, ganz wie sie es so großartig vermag, ihre Nachforschungen, durch die sie auslotet, wo ihre eigenen Wurzeln liegen und was das heißt, in einem weitgefassten Bogen angestellt. Dabei ist ein erstaunliches Buch entstanden, das ausgehend von Didions Familiengeschichte – die sie vor allem anhand der weiblichen Linie erzählt – auch die Geschichte und das Wesen des US-Amerikanischen Staates erfasst, in dem sie geboren wurde: Kalifornien.


Joan Didions Familie ist schon lange in Kalifornien ansässig. Sie selbst wurde in Sacramento geboren. Sie beginnt ihre Geschichte allerdings mit ihrer Urururururgroßmutter Elizabeth Scott:

„[…] wurde 1766 geboren, wuchs im Grenzland zwischen Virginia und Carolina auf, heiratete im Alter von sechzehn Jahren einen Achtzehnjährigen, der an der Revolution und den Cherokee-Expeditionen teilgenommen hatte und Bejamin Hardin IV hieß, zog mit ihm nach Tennessee und Kentucky und starb in einem anderen Grenzland, dem Oil Trough Bottom am Südufer des White River in der Gegend des heutigen Arkansas, die damals zu Missouri gehörte.“

Leben in einer immobilen Gesellschaft sieht meiner Meinung nach anders aus – und somit zeigt Didion schon zu Beginn, dass unsere Gesellschaft heute wie damals davon geprägt war beziehungsweise ist, dorthin zu ziehen, wo es bessere Lebensgrundlagen zu geben scheint. Zeugnisse dieser Lebensgeschichten sind häufig Überlieferungen, von Generation zu Generation weitergereichte Gegenstände – im Fall Didions eine Schöpfkelle und in ihrer weiteren Familie ein Kartoffelstampfer – und natürlich Geschichten, die uns heutigen Menschen kaum mehr nachvollziehbar erscheinen. 

„Sonst weiß ich nichts über Elizabeth Scott Hardin, aber ich habe ihr Rezept für Maisbrot und India-Würze: Ihre Enkelin brachte diese Rezepte mit nach Westen, als sie 1846 mit dem Donner-Reed-Treck bis zum Humboldt-Sink reiste, um dann nach Norden in Richtung Oregon weiterzuziehen, weil sich ihr Ehemann, Reverend Josephus Adamson Cornwall. entschlossen hatte, der erste Wanderpfarrer der Cumberland-Presbyterian-Kirche in einer Gegend zu werden, die damals Oregon hieß.“

Zwei Dinge zeigt Didion so schon zu Beginn: Landschaften und ihre Benennungen änderten sich im Laufe der Zeit – auch durch Menschenhand – immer wieder, und Reisen wie die beschriebenen erforderten gewisse Eigenschaften: Mut, Unerschrockenheit, Tatkraft und auch Glück, um überhaupt ans Ziel zu kommen. Eigenschaften, die dem Bild Kaliforniens in der Welt auch heute noch zugrunde zu liegen scheinen. Kalifornien, das zeigt Didion anhand verschiedener Beispiele und einer an den großen Entwicklungslinien des Staates orientierten Chronologie, wurde durch die Besiedlung stark geprägt. Die Worte Binsenland, Sickergräben, Sammelkanäle, Staudamm oder auch Drainage wären mir nie im Traum in Bezug auf diesen Landstrich eingefallen – zu sehr hat sich mir das „It never rains in California“ eingebrannt. Und tatsächlich wurde die kalifornische Landwirtschaft auch im Jahr 2003, als „Woher ich kam“ erschien, stark subventioniert, gerade weil dort wasserintensiver Anbau stattfand, der ohne staatlichen Eingriff nicht hätte stattfinden können. Zum Beispiel der Anbau einer Klebreissorte, die in den USA unbeliebt, in Japan und Korea zwar bevorzugt wurde, aber deren Einfuhr aus Kaliforniern dort untersagt war. Widersprüche und Abhängigkeiten, die, wie Didion weiter aufzeigt, nie aufgehört und sich auf viele Bereiche des Lebens dort ausgeweitet haben.

Während die örtliche Herkunft einen Teil der eigenen Identität ausmacht, besteht ein anderer Teil aus dem familiären Hintergrund. Häufig bahnen sich Fragen an die eigene Verbindung mit sowohl dem einen, wie auch dem anderen – örtliche wie familiäre Prägungen – nach dem Tod eines oder beider Elternteile. Und so denkt auch Joan Didion nach dem Tod ihrer Mutter vermehrt über das nach, was sie als kalifornisches Wesen erkennt. Der Tod der Eltern wirft einen auf sich selbst zurück – egal, in welchem Alter – da das, woher man kommt nur noch einem selbst bekannt ist:

„[…] wer wird auf mich aufpassen, wer wird sich an die erinnern, die ich war, wer wird wissen, was jetzt aus mir wird, woher werde ich nun kommen.“

Und dabei wird ihr klar, dass ihre Mutter viele der Widersprüche Kaliforniens für sie verkörperte, vor allem die leidenschaftliche Meinung ohne wahre Überzeugung zu vielen Themen, die Sinnlosigkeit mancher Dinge oder Tätigkeiten, die sie mit einem „was macht es für einen Unterschied“ wegwischte, die Verteidigung eines uneingeschränkten Individualismus bei gleichzeitiger absoluter Ausdehnung individueller Rechte. Ambivalenzen, die vielen heutigen Menschen große Probleme bereiten und sich dennoch nicht einfach auflösen lassen.

Nach dem Tod ihres Vaters, so schreibt Didion, machte sie weiter. Nach dem Tod ihrer Mutter war ihr das nicht möglich. Zu nah war der Verlust und die daraus erstehende Erkenntnis

„Es gibt keinen Weg, wirklich mit allem fertig zu werden, was wir verlieren.“

Doch aus der Suche nach ihrer Herkunft entstand ein kluges, sehr persönliches und gleichzeitig generell umfassendes Buch. Sprachlich präzise und einnehmend, wunderbar von Antje Rávik Strubel ins Deutsche übertragen. Spannend, investigativ, gesellschaftskritisch und warmherzig. Eine Bestandsaufnahme ohne Wertung aber mit deutlichem Standpunkt.

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Rezension zu "Das Letzte, was er wollte" von Joan Didion

Wir hätten es wissen müssen
Brivor 7 Monaten

Das Letzte, was er wollte ist die Geschichte einer jungen Frau, die Dingen zu sehr auf den Grund gehen musste. So sehr, dass es anderen Menschen auffiel. Menschen, deren Aufgabe es ist, Dinge unter Verschluss zu halten und diejenigen, die sie ans Tageslicht befördern wollen kalt zu stellen. Auf welche Weise auch immer. Erzählt wird die Geschichte von einer anderen jungen Frau, die Dingen ebenso auf den Grund gehen muss, früher gemeinsam mit der zuerst Genannten. Und weil sie beide von dieser Wahrheitsliebe infiziert und furchtlos waren, übersahen sie Dinge, trauten den falschen Menschen und haben Einsichten gewonnen, die hoch komplex und schwer zu verdauen sind. Das Letzte was er wollte ist die Geschichte von Elena McMahon, früher Elena Janklow und später Elise Meyer – die eine unwägbare Komponente, die die Gleichung nicht mehr aufgehen lassen konnte.


„Da denkt man, man hätte alles voll im Griff, und dann muss man feststellen, dass man verdammt noch mal nichts im Griff hat.
Denn glauben Sie mir, was dabei herausgekommen ist, war wirklich verdammt schlimm.“

Joan Didion ist eine der großen Schriftstellerinnen, die auch ihren Romanen ihr außerordentliches journalistisches Gespür und Können einfließen lassen. Ihr luzider und genauer Stil treibt die Lektüre voran, obwohl der hochkomplexe Inhalt, der sich aus den Informationen, die Elena McMahon erhält, ergibt, teilweise dazu zwingt, innezuhalten und zurück zu blättern, will man der Triebkraft, die dazu führt, dass Elena die Geschäfte ihres Vaters, über die sie als Kind schon nicht allzu viel wissen wollte, zu einem Abschluss führen will. Anfänglich als einfache Bitte eines Vaters an die Tochter, ihm bei dem großen Geschäft seines Lebens zu helfen, weil er nicht mehr dazu fähig ist, an Elena herangetragen, entpuppt sich die ihr gestellte Aufgabe als etwas völlig anderes, als sie zu sein scheint.

Schon frühzeitig fragt man sich als Leser*in, wer diese nicht allwissende, aber doch äußerst gut informierte Erzählerin ist, die Didion auf die Spur tatsächlicher Ereignisse und Verstrickungen des Präsidentschaftswahlkampfes, der die USA 1984 beschäftigte, setzt. Sie besitzt offensichtlich mehr Information, als es 1984 sein kann, was sich aus der Tatsache erklärt, dass sie Jahre lang recherchiert hat, bevor sie Mitte der 1990er Jahre mit ihren Erkenntnissen an die Öffentlichkeit geht. Doch inwiefern man ihr trauen kann, wie zuverlässig sie ist, bzw. wem man tatsächlich in welchem Kontext vertrauen kann, das ist für mich die zentrale Frage, die Joan Didion äußerst geschickt durch die Konzeption ihres Romans und die Einbindung journalistischer Techniken von der inhaltlichen auf die strukturelle Ebene hebt. Denn dazu kommt noch ein Spiel mit Identitäten, das nicht nur für die Hauptprotagonistin gilt.

Zeitlich siedelt Didion die Geschehnisse um Elena McMahon also 1984 an. McMahon ist nach investigativen Recherchen plötzlich dem Wahlkampftross um die Präsidentschaftskandidatur zugewiesen worden. Eine Tatsache, die ihr nicht gerade positiv auffällt, sie aber in die Lage bringt, bei offiziellen Anlässen, wie Pressekonferenzen, unangenehme Fragen zu stellen. Das fällt natürlich auf. Didions realer Hintergrund dazu sind die Ungereimtheiten der Iran-Konteraffäre, die nie tatsächlich aufgeklärt wurden. Und so wie die Erzählerin versucht, die Ereignisse um McMahon aufzudecken, so liegt das Interesse Didions auf struktureller Ebene begründet. McMahons Fragen gleichen einem Dominostein, der hochkomplexe, absolut schnelle und dennoch kühl geplante Ereignisse in Gang setzt, die kaum durchschaubar sind.

Wie Didion die inhaltliche Komponente auf den strukturellen Aufbau des Romans überträgt ist meisterhaft. In der Lektüre mag das das eine oder andere Mal den Lesefluss zwar kurzzeitig unterbrechen, führt aber gleichzeitig dazu, sich tiefer gehend mit den beschriebenen Verbindungen zu beschäftigen. Das ist grandios und mir ist nicht klar, weshalb dieses Können so wenig Niederschlag innerhalb der literarischen Szene hierzulande erzeugt. Mag sein, dass es daran liegt, dass man diesen Roman schon kennt – ich kannte ihn nicht und so geht es sicher vielen anderen Leser*innen auch – aber das schmälert doch die Güte dieses Werkes nicht. Vielleicht ist es auch das Etikett „moralischer Thriller“, das auf dem deutschen Buchmarkt ganz offensichtlich andere Signale aussendet, als auf dem amerikanischen und die Rezeption somit eher negativ beeinflusst. 

Die Netflixproduktion, die zugegebenermaßen inhaltlich etwas von der Romanvorlage abweicht und dabei ein wenig zu deutlich macht, worum es Didion genau geht, könnte für viele Leser*innen einige Aha-Effekte aufweisen. Danach noch einmal das Buch zur Hand zu nehmen, würde weitere Lesarten möglich machen und das ein oder andere Urteil revidieren. Ich jedenfalls finde es sehr schade, dass solch ein brillant strukturierter und geschriebener Roman, so wenig Aufmerksamkeit erhält, wie es mir zumindest scheint. Die Autorin sogar mit der Empfehlung „Schuster bleibt bei deinen Leisten“ in die journalistische Schublade zurückgesteckt wird. Brillanz in Sprache, Stil und Struktur schließen Spannung und damit Unterhaltung ja nun einmal nicht aus.

Ob sich damit andere Zielgruppen erschließen ließen, weiß ich nicht, da Joan Didion es ihrer Leserschaft insofern nicht leicht macht, als dass sie nichts auf dem Silbertablett präsentiert. Hier ist aktives Mitdenken angesagt und wer lieber alles auserzählt bekommt, der wird hier wohl nicht ganz glücklich werden. Aber die Leerstellen, die Didion lässt, sind gewollt und versetzen uns Leser*innen automatisch in die gleiche ungewisse Lage, in der sich Elena McMahon befindet. Das muss man aushalten. Denn im Grunde ist es das größte Kompliment, das eine Autorin ihren Leser*innen machen kann, wenn sie sie für fähig hält, eigene Schlüsse zu ziehen, sich über den Text hinaus mit den präsentierten Inhalten zu beschäftigen. 

Und gleichzeitig schafft Didion mit dem Zutrauen in die Leserschaft und dem gebotenen Setting eine auf viele Geschehnisse übertragene Zeitlosigkeit und Allgemeingültigkeit, die eben nicht im Aufzeigen einzelner Situationen stecken bleibt, sondern im Verborgenen gedeihende Strukturen herausstellt. Und das ist es doch, was wir uns von Literatur erwarten!

„Es gab die ganze Zeit über Hinweise, Anzeichen, die wir hätten zur Kenntnisse nehmen, auswerten, überprüfen müssen: hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Lage im Allgemeinen. Nehmen wir nur einmal den Tag, an dem uns auffiel, dass die Banken ihre Kredite für sämtliche Einkaufszentren gekündigt hatten, nehmen wir den Tag, an dem uns auffiel, dass jemand seine Kredite für sämtliche Banken gekündigt hatte. Nehmen wir den Tag, an dem uns auffiel, dass wir, wenn wir eine gebührenfreie 800er-Nummer wählten, um Geschäfte in Los Angeles oder New York zu tätigen, nicht mehr mit Los Angeles oder New York telefonierten, sondern mit Orlando oder Tucson oder Greensboro, North Carolina. […] All das hätte uns alarmieren müssen, hätte ausgewertet werden müssen, aber wir mussten schnell weiter. Wir reisten mit leichtem Gepäck. Wir waren jünger. Auch sie war jünger.“

Absolute Leseempfehlung, auch für Joan Didions andere Texte.

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Joan Didion wurde am 05. Dezember 1934 in Sacramento geboren.

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