Joanna Bator

 4.5 Sterne bei 23 Bewertungen
Autor von Sandberg, Dunkel, fast Nacht und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Joanna Bator

Sandberg

Sandberg

 (10)
Erschienen am 10.12.2012
Dunkel, fast Nacht

Dunkel, fast Nacht

 (8)
Erschienen am 07.03.2016
Wolkenfern

Wolkenfern

 (5)
Erschienen am 18.08.2014
Lost Words Lost Worlds

Lost Words Lost Worlds

 (0)
Erschienen am 22.05.2013
Rekin z parku Yoyogi

Rekin z parku Yoyogi

 (0)
Erschienen am 01.01.2014

Neue Rezensionen zu Joanna Bator

Neu
haberland86s avatar

Rezension zu "Dunkel, fast Nacht" von Joanna Bator

Toll geschrieben, aber nicht fesselnd
haberland86vor 2 Jahren

Die Journalistin Alicja Tabor reist von Warschau in ihre alte Heimat Wałbrzych, um in der niederschlesischen Großstadt dem Verschwinden mehrere Kinder auf den Grund zu gehen und wird dort mit den Dämonen ihrer Vergangenheit konfrontiert.

So spannend sich die Idee anhört, so langweilig ist sie umgesetzt. Vielleicht war mir die Spannung einfach zu subtil oder sie wurde durch schwülstige Sätze und endlose Rückblenden im Keim erstickt. So genau kann ich das nicht einmal sagen, denn die Ansätze waren da und Joanna Bator bewies mehr als einmal, dass sie großartig schrieben kann.

Trotzdem blieb nach der Lektüre ein undefinierbar dumpfes Gefühl der Unvollständigkeit zurück, was vermutlich daran liegt, dass die Geschichte über hunderte von Seiten vor sich hindümpelt und man das Gefühl hat, zwar alle Familiengeheimnisse der Stadt zu kennen, der Autorin die Auflösung der Entführungen aber nicht so ganz abnimmt, weil sie dann doch eine Spur zu schräg ist.

Vielleicht will die Autorin mit dem Roman auch einfach zu viele Themen unter einen Hut bringen – häusliche Gewalt, Rassismus, Aufarbeitung von Kriegstraumata, Faschismus, Religiösität, Drogenmissbrauch und so weiter. Als wolle sie mit ihrem Buch hauptsächlich ein vollständiges Bild der polnischen Gesellschaft zeichnen und die Rahmenhandlung nur als Vorwand dazu missbraucht.

Dabei sind diese Themen hochaktuell und sehr interessant. Nur trugen sie leider nicht unbedingt dazu bei herauszufinden, was mit den Kindern geschehen ist.

Außerdem stieß mir das ständige Auftauchen von Katzenmenschen (die wohl das Gute verkörpern und Alicja dabei helfen sollen, dem Rätsel näher zu kommen) sauer auf, da nicht wirklich klar wurde, wofür sie gut sind und sie den Lesefluss ungemein störten.

Auch hätte es – für meinen Geschmack – nicht so viele Rückblenden gebraucht, die das Verhältnis zwischen Alicja und ihrer Familie bis ins kleinste Detail breitreten. Im Endeffekt macht es natürlich Sinn, darüber Bescheid zu wissen, was in der Familie der Erzählerin alles vorgefallen ist, aber das hätte man sicherlich ein wenig straffen können.

Alles in allem ein mittelmäßiger Roman von einer tollen Autorin, der mich bis zum Schluss leider nicht so richtig fesseln konnte.

Kommentieren0
1
Teilen
Corsicanas avatar

Rezension zu "Dunkel, fast Nacht" von Joanna Bator

Dunkle Geschichte - mit Sogwirkung
Corsicanavor 2 Jahren

"Dunkel, fast Nacht" heißt der neue Roman von Joanna Bator. Sie hat dafür den polnischen Literaturpreis NIKE bekommen - und vollkommen zu Recht wird sie als eine der wichtigsten Stimmen in der zeitgenössischen europäischen Literatur bezeichnet.

Mir selbst war die Autorin nicht bekannt - bis ich auf der litcologne bei einer Lesung von ihr war - die deutschen Texte hat Corinna Harfouch gelesen. Und daraufhin habe ich mir das Buch gekauft.

Aber ich hatte immer ein wenig Angst vor der Lektüre, denn Buchtitel und Lesung wiesen auf dunkle und traurige Geschichten hin. Und so war es auch. Trotzdem hat dieses Buch eine Sogwirkung auf mich ausgeübt. Ich musste immer weiter lesen - denn das Buch ist auch sehr spannend - es gibt eine eingebaute Krimihandlung - und das Buch ist literarisch sehr hochwertig komponiert. Sprachgewaltig, Bildgewaltig und es gibt viele sprachliche Stilmittel, die sehr gekonnt eingesetzt werden, z.B. seitenweise Sequenzen aus Internetforen in der entsprechenden Sprache und assoziative Aneinanderreihungen von Angst-, Beschwörungs- und Schmähworten.

Insgesamt kann man den Roman wohl am ehesten als "Schauerroman" bezeichnen. Teilweise surreal - manches wird im Nachhinein realistisch erklärt - manches bleibt rätselhaft und mystisch. Es gibt Anlehnungen an Hexengeschichten und an Schatzsucher-Geschichten. 
Im Kern geht es um die Bewältigung von historischer Geschichte, um Bewältigung von Traumata aufgrund von Kriegs- und Gewalterfahrungen, die sich in den Menschen eingenistet haben und die auch in den nächsten Generationen wieder zu Gewalt, Missbrauch von Kindern, Familientragödien  und Einsamkeit führen.

 

Einsam ist auch Alicja Tabor, eine erfolgreiche polnische Journalistin, die in ihre Heimatstadt Walbrzych zurückkehrt, um dort eine Reportage über drei verschwundene Kinder zu schreiben.
Alicja war 15 Jahre nicht mehr in ihrem Elternhaus, sie hat es nach dem Tod ihres Vaters leer stehen lassen und so versucht, vor den Dämonen ihrer unglücklichen Kindheit zu fliehen. Schön waren in ihrer Kindheit nur die Liebe und Fürsorge ihrer älteren Schwester - doch diese hatte sich das Leben genommen, in einer der vielen Höhlen rund um Schloss Fürstenstein. Dieses ehemals deutsche Schloss und das ehemals deutsche Elternhaus von Alicja in der ehemals deutschen Stadt Waldenburg sind mit ihrer geschichtlichen Relevanz der Mittelpunkt des Romans. Grau, trist und düster wirken Stadt und Gegend, als seien die Menschen, die dort leben nie von ihren Traumata genesen, die sie durch Krieg und Flucht erlitten haben. Und seltsam verloren wirken sie, viele wohnen noch in den unverändert von den Deutschen übernommenen Häusern und Wohnungen und schaffen es nicht, sich eine eigene Identität aufzubauen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.
"Uns verband, dass wir kein Zuhause hatten und Ersatz für etwas zu finden versuchten, was sich nicht ersetzen lässt: das richtige Leben"

Es sind viele Geschichten, die noch erzählt werden müssen, damit die Gegenwart verstanden werden kann. Und es werden viele Geschichten erzählt. Von Albert, dem Nachbarn, der fast sein gesamtes Leben in Walbrzych verbracht hat. Und doch heimatlos ist. Von der Suche nach dem Schatz von Schloss Fürstenstein, dem sich Alicjas Vater gewidmet hat - statt sich um seine Kinder zu kümmern. Von den Katzenfrauen, die Katzen und Schloss beschützten und Menschen helfen, sonst aber quasi unsichtbar sind. Es wird erzählt von Ewa, der toten Schwester von Alicja. Und zwischen den Geschichten werden die in der Gegenwart verschwundenen Kinder gesucht.  Und die aufgewühlte Stimmung in der Stadt geschildert, in der die verunsicherten und haltlosen Menschen ihr Heil in Verschwörungstheorien, krudem Aberglauben und Gewalt gegen Fremde suchen.

Das ist spannend, bedrückend und beklemmend. Aber es gibt Lichtblicke. Einige Menschen - bezeichnenderweise gerade die Außenseiter der Gesellschaft - kümmern sich um die Suche nach den Kindern und helfen Alicja, die Geschichte ihrer Familie zu verstehen. Und es gibt schöne, unsentimental erzählte Liebesgeschichten.

Insgesamt ein beeindruckendes, sprachgewaltiges Buch. Keine einfache Lektüre - aber lohnend.


Kommentieren0
11
Teilen
M

Rezension zu "Dunkel, fast Nacht" von Joanna Bator

Die Zerrissenheit zwischen alter und neuer Welt
michael_lehmann-papevor 3 Jahren

Die Zerrissenheit zwischen alter und neuer Welt

Da ist diese kleine, polnische Stadt, Heimat von Alicja Tabor, einer weit gereisten, auf dem „Stand der Zeit““ stehenden Journalistin. Die weiß, wie es auf der Welt aussieht, die in der „Moderne“ aktiv mitmischt.

Und doch, lange war sie nicht mehr hier, doch auch die „alte“ Alicja ist noch in ihr. Aus den einfachen Verhältnissen in dieser Stadt, mit Erinnerungen an ihre Schwester, heißgeliebt, die sich das Leben nahm, vor so langer Zeit.

In der Vertrautheit mit dem Vater, der nach diesem Ereignis nicht mehr der gleiche war, der wieder und wieder diesen enttäuschten Blick hatte, wenn ´die Tür aufging und jene tote Tochter nicht wiederkehrte.

„Bring mich zum Tierarzt und lass mich einschläfern“. Dass die Worte der Schwester, di für Alicja damals als junger Mensch kaum zu fassen, zu verarbeite war, wie das gesamte Geschehen.

Und nun ist sie wieder da. Nutzt den Schlüssel, den sie fast zwei Jahrzehnte überall bei sich getragen und nie benutzt hat, und schließt die Tür zum Elternhaus auf. Und schon mit dieser Handlung beginnt auch, dann stärker werdend, die unheimliche Atmosphäre, der dunkle Aberglaube, die dunklen Ecken am Ort und im Leben lebendig zu werden.

Dies und alte Ressentiments, eine dichte Atmosphäre der Ablehnung des Fremden und dem Fremden, Anderen gegenüber wir immer tiefere Kreise ziehen.

Als Journalistin kehrt sie vordergründig in die Stadt zurück. Kinder sind verschwunden, ein Verbrechen scheint im Raum zu stehen, die Menschen in heller Aufruhr. Und mit diesem Geschehen wird sich Alicja beschäftigen (und einen durchaus anregenden Thriller-Anteil im Buch dafür erhalten.

Doch noch tiefer liegt ihr Motiv.

„Der Plüschbär lag jetzt vergessen und klamm im Keller und sah mich im Schein der Taschenlampe an“.
Was ist damals geschehen? Was trieb die Schwester in den Tod?

Das ist die eigentliche Frage, der sich Alicja stellt. Und mit ihr der Leser durch die bildkräftige, melancholische, Stimmungen auf den Punkt treffende Sprache der Autorin.

In eine Situation eines fast kollektiven „Wegdriftens“, in der Freund und Feind nur schwer auszumachen sind und alte Trauma in neuem Gewand höchst lebendig ihr Unwesen treiben.

Eine Recherche, eine doppelte „Fall-Aufklärung“, die in keiner Form einfache Antworten in sich tragen wird und in der noch ein weiteres, tieferes zum Tragen kommt, sich hervorschält.

Das „Damals und Heute“ (was auf verschiedenen Zeitebenen im Buch erzählt wird), betrifft nicht nur die eigene Familiengeschichte, sondern die gesamte Welt anhand dieser kleinen Stadt in Polen. Wo vordergründig die Zeit stehen zu bleiben scheint, der Nachbar noch genauso fürsorglich um die Ecke schaut und Alicja mit der gleichen Mütze begrüßt, wie sie es aus ihrer Kindheit gewohnt war. Wo alte Regeln, der Versuch, das Leben nach bekannten und überlieferten Formen zu leben versucht wird und doch nur Isolation mehr und mehr hervortritt. Auf diese Stadt gesehen und in dieser Stadt bei den Menschen.

Denn die digitalen Medien sind ja da, diese unmerkliche Verrückung der Mentalität, irgendwo „da draußen“ nun immer einen zu finden, der die eigenen Gedanken und Ansichten stützt und teilt. Womit die enge, soziale Gemeinschaft und auch Kontrolle in der Stadt sich auflöst. Jeder für sich sich seine Bilder und Gedanken macht. Was Bator nicht mit Wehmut bewertet, sondern glänzend einfach nur zu illustrieren, zu schildern versteht. Wie die „moderne Welt“ sich darstellt im Vergleich zur Blaupause der „alten Sitten“ und sozialen Zusammenhänge. Und wie di dunklen Dinge der „alten Zeit“ kräftig überlebt haben in neuem Gewand und weiterhin die Regeln vorzugeben scheinen.

Schon die Fahrt mit dem Zug in die alte Heimat bringt dieses Verwirrte, dieses „aus der Zeit gefallen sei“ sehr realistisch greifbar für den Leser in den Raum, mit dem nicht versiegenden Schwall der Worte der burschikose Mitreisenden inmitten eines modernen Ambientes. Ohne zu zögern wird da geredet. Selbstgewiss, ignorant, auch mit unterschwelliger Aggression.

Ob so die Welt nun ist und bleibt? Gerade angesichts der „neuen“ polnischen Politik der Abgrenzung, des Fremdenhasses fast?

Tiefe Fragen, eine hervorragende Sprache und ein kühler Blick auf mögliche, andere Wege inmitten der Ver-rückheit, eine sehr lesenswerte Lektüre.

Kommentieren0
7
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 57 Bibliotheken

auf 15 Wunschlisten

von 4 Lesern aktuell gelesen

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks