Gerade gestern las ich in einem Essay von Lukas Bärfuss, dass es nicht die Wut ist und auch nicht der Mut, die am Anfang der Kultur stehen, sondern die Trauer. Ohne Trauer keine Kultur, ohne das Gefühl des Verlusts keine Kunst. Schon im Gilgamesch-Epos ist es das zentrale Gefühle, so in den Geschichten von Orpheus und Eurydike, Romeo und Julia und nicht zuletzt in den meisten Lebensgeschichten um uns herum, and so on.
Fast immer ist Trauern die Kehrseite des Liebens und im Verbund sind sie das einzige nachhaltige Antidot gegen die Willkür des Daseins (sofern man sich von ihnen nicht verschlingen lässt). Doch das ist leicht gesagt, vor allem von denen, in deren Leben Liebe und Trauer sich die Waage halten – schlägt der Verlust, ist der Gleichgewichtsverlust unausweichlich.
Vom Verlieren und Suchen des Gleichgewichts handelt Joanna Lisiaks zehnter Lyrikband "in wellen dunkler zuversicht". Ein schiffbrüchiges Ich kämpft darin ums über Wasser-bleiben, ums Fassung wahren/finden. Des langjährigen Lebenspartners beraubt, stemmt es sich gegen "war" und "wäre wenn" , gegen Gutgemeintes und Nichtverstehen, Wiedersehn-Süchte und das Jammern, das Jammern.
Dabei ist der Band trotzallem gar kein Jammer-, höchstens ein Kammerspiel. Das lyrische Ich setzt sich rückhalthaltlos mit sich selbst auseinander, wird sich selbst zur Ansprechperson, bespricht mit sich das Glück, den Schmerz, die Hoffnung.
Joanna Lisiak
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Joanna Lisiak
Trauerrituale – in neuer Form verbunden
in wellen dunkler zuversicht
Die Kresse tanzt Tango
Klee composé
Lenis Märchen
Theatertexte, Hörspiele, Szenen, Dramolette Teil 2
Wann bist du glücklich
W najlepszym wypadku... usmiech
Neue Rezensionen zu Joanna Lisiak
‚Die Trauer bringt alles durcheinander. Alles ist anders. Nichts kann je wieder so sein, wie es war. Vieles ist infrage gestellt. Die Strukturen zerfallen. Die Zukunft sieht ohne den geliebten Menschen unwirklich und düster aus. Das Lebensgefühl ist das eines verlorenen Kampfes, einer persönlichen Niederlage. Man fühlt sich so allein wie der letzte Mensch auf Erden. Ein Mensch, der untröstlich bleibt und dem nichts und niemand helfen kann. Außer, wenn die Umkehrung des Unumkehrbaren sich vollzöge.‘ (Seite 11)
Joanna Lisiak setzt sich in ihrem Buch mit verschiedenen Trauerritualen auseinander. Dazu gehören ‚Rituale in der Natur‘, zum Beispiel mit Blättern und Bäumen, ‚Rituale im Kleinformat‘, zum Beispiel mit einem Handschmeichler, einer Feder oder einem bestimmten Ort, den man mit dem Verstorbenen assoziiert.
Es gibt zudem ‚Rituale, die nach innen gehen‘, zum Beispiel bestimmte Farben oder Tees, ‚Rituale, die in die Tiefe gehen‘, zum Beispiel um Vergebung zu bitten oder Bedauern auszusprechen, ‚Rituale zur Stärkung der Erinnerung und des Nicht-Vergessens‘, zum Beispiel im Namen des Verstorbenen etwas spenden, ‚Rituale, die einfach umzusetzen sind‘, zum Beispiel mit Blumen, sowie ‚Rituale, die über das rein Physische hinausgehen‘, zum Beispiel mittels Dankbarkeit.
Ich bin jemand, die sehr gut mit Trauer umgehen, sie zulassen und gut regulieren kann. Für meine psychotherapeutische Arbeit wünsche ich mir jedoch mehr Ideen zum Umgang mit Verlust und Trauer, weshalb ich dieses Buch gelesen habe.
Ich empfand die Vorbereitungen, die die Autorin für jedes Ritual beschreibt, als etwas zu ausufernd und nicht ganz nach meinem Geschmack. Zu Beginn der Lektüre dachte ich deshalb, dass das Buch etwas anderes ist, als das, was ich erwartet hatte. Im Verlauf habe ich aber auch sehr gute Impulse bekommen, die ich gerne mit Trauernden ausprobiere, sodass ich das Buch letztendlich sehr empfehlen kann - auch wenn ich denke, dass knappere Ausführungen ausreichend gewesen wären.
‚Der Mensch ist auf einmal nicht da. Und doch ist er hier. [...] Physisch ist die Person nicht mehr zugegen, kann nicht mehr auf mich zukommen und mich umarmen. Doch sie ist umso anwesender in dieser vermeintlichen Abwesenheit. [...] Der geliebte Mensch ist nicht mehr, aber die Liebe, die Verbindung, das Band und die Beziehung: Sie bleiben bestehen. Mehr noch: Sie können wachsen, sich entwickeln, sich fortsetzen.‘ (Seite 14)
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