Jobst Mahrenholz

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Neue Bücher

Tullio

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Neu erschienen am 08.05.2020 als Taschenbuch bei Main Verlag.

Tullio

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Neu erschienen am 08.05.2020 als E-Book bei MAIN Verlag.

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Cover des Buches Yep - warum nicht anders?: AnthologieB00OTPG2U4

Yep - warum nicht anders?: Anthologie

 (14)
Erschienen am 22.10.2014
Cover des Buches Der linke Fuß des GondoliereB00UARXWGW

Der linke Fuß des Gondoliere

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Erschienen am 04.03.2015
Cover des Buches Haus aus Kupfer9783945934784

Haus aus Kupfer

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Erschienen am 01.03.2016
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Eine Ahnung von Pan

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Erschienen am 26.06.2017
Cover des Buches Il Gusto di Lauro9783944737379

Il Gusto di Lauro

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Erschienen am 06.03.2014
Cover des Buches Tullio9783959493864

Tullio

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Erschienen am 08.05.2020
Cover des Buches Il Gusto di Lauro: Herzberührer9783944737546

Il Gusto di Lauro: Herzberührer

 (3)
Erschienen am 20.06.2014
Cover des Buches Jasper Acri9783849570880

Jasper Acri

 (1)
Erschienen am 05.11.2013

Neue Rezensionen zu Jobst Mahrenholz

Neu

Rezension zu "Tullio" von Jobst Mahrenholz

Der Weg des Lebens
dia78vor 16 Tagen

Das Buch "Tullio" wurde von Jobst Mahrenholz verfasst und erschien 2020 im Main Verlag.


Der Autor zeigt uns Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zum einen gibt es die gut situierte Familie Dessi, bestehend aus Kindern, Eltern und Großvater. Zum anderen gibt es die Familie rund um Tullio. Die Entwicklung, die man hier mitbekommt ist einerseits erschreckend, andererseits aber doch erschreckend real.

Er fängt die Einsamkeit der beiden Kinder Davide und Tullio ein. Zunächst geht man davon aus, dass es sich die selbe Einsamkeit dreht, doch beide Familien sind von Grund auf verschieden. Wo man bei Tullio sofort merkt, dass er  einfach vernachlässigt und ignoriert wird von seiner Familie. Ist es bei Davide genau umgekehrt. Es wird eine heile Welt vorgegaukelt, in der jeder für sich alleine lebt, man kann es fast eine Wohlstandsvernachlässigung nennen. 

Man merkt bei jedem Kapitel, dass sich irgendwas in der Geschichte vorwärts bewegt und trotzdem hat man das Gefühl, dass man durch gewisse Handlungen der Protagonisten am Fleck stehen bleibt. Die Charaktere, wo es einige in dem Buch gibt, kann man auf keinen Fall über einen Kamm scheren. So gibt es die, die die Handlung weiterbringen und auch die, wo man sich denkt, warum haben die überhaupt eine Stelle in dem Werk erhalten. Und doch ist alles ein in sich greifendes Zahnrad, wo man erst später merkt, dass die noch so unscheinbaren Personen, tatsächlich für das Verständnis von der Welt von Tullio nötig waren.

Die Charaktere entwickeln sich ohne Zweifel weiter, aber es gibt auch diese, wo man sich nur an den Kopf greift und die Handlungen einfach nicht nachvollziehen kann, auch wenn man später eine Erklärung dafür bekommt. Man merkt eine Reduktion und den Wunsch, alles nebensächliche zu streichen und doch hat man das Gefühl, als ob genau dadurch, an gewissen Stellen, es dann an Tiefe oder Erklärungen fehlt.

Die Wortwahl und der Sprachstil sind dem Buch sehr zuträglich und trotzdem hatte man ab und an mit den Redewendungen zu kämpfen. Man kann diese Problematik auf den regionalen Unterschied schieben und deshalb macht es auch nicht viel aus. Aber manches unterbrach leider maßgebend den Lesefluss.

Manche Charaktere und Szenen waren sehr gut nachvollziehbar und auch greifbar, wohingegen andere einfach nur nerven. Dies kann aber auch von daher kommen, da man als Leser tatsächlich in manchen Szenen hautnah dabei sein kann und in anderen nur als Zuseher fungiert.

Es ist ein Buch, das den Werdegang zweier Buschen und deren Familien beschreibt. Man kann darüber streiten, ob manches nötig oder manches unnötig erscheint, aber jeder empfindet beim Lesen anders und dadurch kann es auch dazu kommen, dass man den einen liebt oder vergöttert und den anderen nur als gegeben annimmt, der das Geschehen durch gewisse Handlungen verlangsamt oder vertieft.


Jeder, der gerne tiefgründige, exzentrische Charaktere und Bücher über Liebe, Hass, Vereinsamung, Familie, Weiterentwicklung, Verwahrlosung und noch viele weitere Themen gerne liest, der ist mit dem Buch bestens beraten. Allerdings sollte man nur zu dem Buch greifen, wenn man nicht zu sehr die Stimmungen aufsaugt, die im Buch vorkommen, denn manches kann tatsächlich Energie verbrauchen.

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B

Rezension zu "Tullio" von Jobst Mahrenholz

Kein One-Night-Read
bayrisches-hexerlvor 16 Tagen

„Tullio“ von Jobst Mahrenholz,


ein Buch, das man wohl mehrmals lesen muss, um alle Details wahrzunehmen. Eines, in das man sich fallen lässt und genießt, das einen jedoch nicht zum faulen Zuseher werden lässt, sondern von der ersten bis zur letzten Seite zum Erspüren und Mitfühlen zwingt. Ja, zwingt, denn so manches Gefühl, dass sich einem hier aufdrängt, ist nicht unbedingt angenehm.


Vieles ist nur zwischen den Zeilen zu erahnen, für jeden Leser unterschiedlich interpretierbar. Und selbst beim dritten oder vierten Mal lesen wird man wohl nochmal einen leicht veränderten Blick auf die Situationen, auf die Protagonisten bekommen. Vielleicht sogar dem ein oder anderen Charakter für frühere zu harsche Kritik Abbitte leisten? Wer weiß...


Der Sommer, in dem Tullio und Davide sich treffen, wirkt fast ein wenig aus der Zeit gefallen, obwohl er ja in heutiger Zeit spielt. Ich fühlte mich in höchst angenehmer Weise zurückgebeamt in meine eigene Kindheit. Die Erinnerung an die trägen, scheinbar endlosen Sommertage, an denen es ab und zu kurz regnete und wo es dann so herrlich nach feuchter Erde und Freiheit gerochen hat. Tage, die ich zu einem guten Teil in meiner eigenen Fantasiewelt verbrachte und in der die Welt da draußen viel weniger wichtig war als meine Gedanken.


Im Verlauf der Geschichte begleiten wir Tullios und Davides Entwicklung vom Jugendlichen bis zum Erwachsensein, die mit Erkenntnis und damit einhergehender Ernüchterung, Schmerz und Abschied verbunden ist, ähnlich dem Schlüpfen eines Falters aus seinem Kokon, der nur für begrenzte Zeit Schutz bieten kann. Raus ins Leben und ordentlich mit den Flügeln schlagen, das ist zum Ende des Buches für die beiden angesagt.


Doch das ist im Grunde nur ein Strang der Erzählung. Da verweben sich mehrere Einzelschicksale zu einem großen Ganzen. Tullio und Davide sind auf den ersten Blick natürlich die Hauptpersonen, je nachdem wie man die Geschichte liest, wie man sie wirken lässt, drängen sich aber auch immer wieder andere Charaktere in den Vordergrund.

Carla, Davides Schwester, Cecilia, seine Mutter, Umberto, der Großvater, Andrea, der Vater und nicht zuletzt, Ilario, sein Befreier. Jeder dieser vermeintlichen Nebenprotagonisten wurde von Jobst Mahrenholz liebevoll zum Leben erweckt, besitzt Tiefe und ein unverwechselbares Gesicht.


Die Gemengelage in Davides Familie ist eigentlich nur mit „verzwickt“ zu umschreiben. 6 Individuen, die zwar zu einer Familie gehören, aber sonst nicht viel miteinander gemeinsam haben. Von denen jeder, zumeist unerkannt von den anderen, sein eigenes Päckchen trägt.  Dazu stößt dann noch Tullio, der nicht nur ein Päckchen, sondern quasi eine ganze Vergangenheitswagenladung mit sich herumschleppt...


Freundschaft, Vertrauen, Mut, Freiheit, Vergangenheit, unsichtbare Fesseln... das alles sind Themen, die einem beim Lesen begegnen und bei denen man oft nicht umhin kann, kurz inne zu halten und einen Blick auf das eigene Leben zu werfen.


Ich liebe Jobst Mahrenholz´ Schreibstil, ruhig, unaufgeregt, dafür umso präziser, wenn es darum geht, den Leser Gefühle spüren zu lassen, reduziert und doch wunderbar farbig und abwechslungsreich. Hier stört kein halbseitenlanger Schachtelsatz den Lesefluss, dafür werden mit Zielsicherheit teils skurril anmutende Szenen auf das (virtuelle) Papier gebannt, von denen man sich wünschen würde, sie irgendwann einmal in einem kleinen aber feinen Programmkino zu sehen.


Fazit: Absoluter Lesegenuss – weniger Mainstream geht kaum...



 



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M

Rezension zu "Tullio" von Jobst Mahrenholz

Wir passen nicht zusammen
Manafivor 19 Tagen

Selten ist es mir so schwergefallen, zu einem Buch eine Rezension zu schreiben, bzw. meine Leseempfindungen in Worte zu fassen. 

 

„Tullio“ ist das erste Buch, das ich von Jobst Mahrenholz, den ich bisher nur durch Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien kannte, gelesen habe. 

 

Erzählt wird aus dem Leben von Davide und Tullio, zwei Jugendlichen, deren Wege sich kreuzen und die im Leben des jeweils anderen einen wichtigen Platz einnehmen.

 

Was beide vereint ist, in meinen Augen eine gewisse Sprachlosigkeit. Sie handeln nach dem, was in ihren Augen das Richtige, das Beste für den Freund, zu sein scheint.  Allerdings tauschen sie sich - nach meinem Empfinden- aus falsch verstandener Rücksichtnahme, nicht wirklich aus, was die, durch verschiedene Spannungen mit Davides Familie ohnehin schwierige Situation noch verschärft.

 

Jobst Mahrenholz deutet viele Dinge nur an, lässt Beweggründe sowie Empfindungen offen und bietet so dem Leser die Möglichkeit, zu beobachten und seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Wer sich in diesem Lese-Bereich zu Hause fühlt findet in „Tullio“ sicherlich ein Buch Anspruch und Tiefe. Eine Geschichte, deren Protagonisten interpretiert werden müssen um lebendig zu werden.

 

Leider bin ich kein Leser, der diese Möglichkeit genießen kann bzw. sie zu würdigen weiß. Für mich sind Unterhaltung und klare Darstellung wichtiger. Ich möchte, dass mein Kopfkino anspringt, ich die Welt durch die Augen der Protagonisten sehen und in mir lebendig beschriebene Emotionen eintauchen kann. In „Tullio“ habe ich das nicht gefunden.

 

Das Buch erfüllt nicht meine Anforderungen und ich nicht die, die nötig sind, um die Geschichte wertschätzen zu können. Wir sind so weit von einander entfernt, dass ich auch nicht von „gefallen“ oder „nicht gefallen“ sprechen kann. Aus diesem Grunde habe ich mich für eine neutrale Wertung entschieden und gebe „Tullio“ 3 Sterne.

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Gespräche aus der Community

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Cover des Buches Yep - warum nicht anders?: AnthologieundefinedS
Liebe Lovelybooks-Gemeinde,

sieben AutorInnen haben sich zusammengeschlossen, um den 15. Geburtstag des Dead Soft-Verlags zu feiern. Herausgekommen ist eine Anthologie mit 7 Gay Romance-Kurzgeschichten.
Der Erlös dieses Buches geht an die Initiative Rosa-Lila in Neubrandenburg. Alle Mitwirkenden verzichten auf ihr Honorar.

Wir laden nun euch ein, dieses Buch mit uns zusammen zu genießen und stellen dafür 10 eBooks zur Verfügung.

Ich (Sandra Gernt) bin lediglich die Initiatorin dieser Leserunde. Alle anderen Autoren, ausgenommen Simon Rhys Beck, der Dead Soft-Chef, werden nach Zeit und Möglichkeit mitmischen, Fragen beantworten und auf eure Kommentare eingehen.

Damit ihr eine Ahnung bekommt, was euch erwartet, hier eine Leseprobe aus meiner eigenen Geschichte "Wahre Christen":

Wahre Christen

„Ich will da nicht hin!“

Sven wusste selbst, dass er wie ein trotziges Kleinkind klang. Ändern konnte und wollte er das nicht. Denn nein, er wollte unter gar keinen Umständen zur Hochzeit seiner älteren Stiefschwester fahren. Was nicht an Steffi und auch nicht an ihrem liebenswerten Langzeitverlobten lag. Und auch nicht am Rest seiner Familie. Ein Teil von Sven sehnte sich danach, wieder nach Hause zu fahren. Jenem Ort, an dem er seit zwei Jahren nicht mehr willkommen war. Nicht mehr seit dem Tag, an dem Ben in sein Leben getreten war und alles auf den Kopf gestellt hatte. Jener Ben, der ihm gerade mit verschränkten Armen gegenüberstand und ihn skeptisch betrachtete. Das war unfair, was der verflixte Kerl selbstverständlich ganz genau wusste. Denn in dieser Haltung kam das große Drachentatoo zur vollen Geltung, das sich vom rechten Bizeps bis zum Handgelenk zog und Sven vom ersten Moment an fasziniert hatte. Genau wie diese blauen Augen, die je nach Lichteinfall in unterschiedlichen Nuancen von Himmelblau bis Türkis schimmerten. Oder der Wust von dunkelblonden Haaren, die mit Gel und ein bisschen Eitelkeit stets sorgfältig in perfekter Wuschelfrisur gehalten wurden.

Dazu hatte Ben sich heute Morgen nicht rasiert und machte ihn mit seinem verboten gut aussehenden Stoppelbartlook an. Sven unterdrückte mühsam den Impuls, seine Müslischale nach ihm zu werfen und sich damit vollends der Lächerlichkeit preiszugeben. Ben brauchte nicht ein Wort zu sagen, still an den Rahmen der Küchentür zu lehnen reichte für die klare Botschaft: Das ist deine Familie, sei ein Kerl und erdulde es schweigend!

„Ich kann da einfach nicht hin“, murmelte Sven und schob die Müslischale von sich. Lieber auf Nummer sicher gehen war die Devise. Außerdem hatte er keinen Krümel davon angerührt und er wusste genau, dass sich das nicht ändern würde, gleichgültig, wie lange er auf diesem Stuhl hocken blieb.

Er war fünfundzwanzig, genauso alt wie sein Schnuffel. So nannte er Ben nur, wenn er ihn ärgern wollte. Kennen gelernt hatten sie sich in einem VHS-Kochkurs für Singles, da sie beide fest daran glaubten, dass Ernährung mehr sein musste als Fertigpizza in den Ofen schieben und Raviolidosen öffnen. Ihre Mütter hatten ihnen dieses mehr nicht beigebracht, darum versuchten sie in dem Kurs hinter das Geheimnis von frisch blanchiertem Gemüse und Pasta al dente zu gelangen. Das war lediglich mit mäßigem Erfolg geglückt. Dafür aber waren sie sich näher gekommen, als Ben beim Zwiebelschneiden in Tränen zerflossen war und Sven ihm freundlich grinsend ein Schnuffeltuch angeboten hatte.

„Steffi braucht dich, Dickerchen.“ Ben hatte inzwischen seinen Beobachtungsposten an der Tür aufgegeben und setzte sich auf die Platte des Küchentischs.

Dickerchen war der Kosename, den wiederum er nur benutzte, um ihn zu ärgern. Seit dem Tag, an dem Sven unvorsichtig laut darüber nachgedacht hatte, sich im Fitnessclub anzumelden, bevor er gänzlich verweichlichte und fett wurde. Er war der Typ „lang und hager“ und eher zu schlank, während Ben mittelgroß und von Natur aus athletisch gewachsen war. Einmal die Woche joggen und am Wochenende beim Squash auspowern reichte, um seine Muskeln in höchst ansehnlicher Form zu halten. Beneidenswert.

„Du sollst mich nicht ansabbern, Schatz, du sollst an deine Schwester denken.“ Ben strubbelte ihm grinsend durch die kurz geschorenen Haare. Die waren langweilig braun, genau wie seine Augen, und lästig, weil sie wie Unkraut wucherten. Ständig musste er zum Friseur, um sie genau daran zu hindern. Etwas, was er dringend hätte tun müssen, bevor er quer durch die Republik reiste. Jetzt war es zu spät.

„Ich kann einfach nicht. Wenn ich meinen Erzeuger noch einmal sehen muss, wird ein Unglück geschehen. Dann ist Steffis Hochzeit mit absoluter Garantie versaut.“

Bevor sein Schnuffel irgendetwas einwenden konnte, womit er zweifellos Recht haben würde, zog Sven ihn zu sich auf den Schoß und gab ihm einen verzweifelten Kuss.

Jahrelang hatte er seiner Familie verschweigen können, dass er Jungs statt Mädchen mochte. Silke hatte ihm geholfen, indem sie seine Alibi-Langzeitfreundin spielte. Zumindest bis sie jemanden fand, der mit ihren dreißig Kilo Übergewicht und Neigung zu unreiner Haut keine Probleme hatte. Sven war im erzkatholischen bayrischen Hinterland aufgewachsen. In einem dieser Nester, in dem jeder jeden kannte und man sich schriftlich beim Dorfältesten entschuldigen musste, wenn man sonntags von vierzig Grad Fieber am Kirchgang gehindert wurde. Es war besser geworden, nachdem seine Eltern sich scheiden ließen. Seine Mutter war fortgelaufen, als er acht Jahre alt war. Sie hatte als „Zugezogene“ aus München die wenig idyllische Enge dieser neunzig-Seelen-Gemeinde nicht ertragen. Sein Vater hatte wieder geheiratet und war in ein etwas größeres Kaff in der Nähe von Nürnberg umgezogen. Svens Stiefmutter hatte Steffi mitgebracht, mit der Sven sich gut verstand, und zwei Jahre später war Christian geboren worden. Er mochte seinen jüngeren Bruder. Genau deswegen graute ihm davor, was der Kurze wohl inzwischen von ihm hielt. Von diesem schwulen Perversling, dieser entarteten Kreatur, Kinderschänder, von Gott gehasst, von der Bibel verdammt, vom Teufel … Wie hatte sein Vater es stets genannt?

„… vom Teufel geschickt, um die wahren Christen zur Sünde zu verführen!“

Sein Outing hatte er neun Jahre lang vor sich hergeschoben. Seit ihm mit vierzehn im Schwimmbad auf peinlichste Weise klar wurde, dass ihn das Gerangel mit seinem besten Freund trotz der eisigen Wassertemperaturen nicht kalt ließ. Er war verzweifelt gewesen. Hatte wochenlang Albträume davon, was geschehen würde, wenn es raus käme. Dieses anders sein, er wollte es nicht. Schwule waren anormal. Nicht richtig. Das sagte ihm der Pfarrer, dem er sich bei der Beichte vor der Firmung versucht hatte anzuvertrauen. Diese Meinung hatte sein Vater auch lautstark in der Öffentlichkeit vertreten, wenn im Fernsehen oder zufällig im Gespräch die Rede auf Homosexualität kam. „Solche Leute sollen tun, was sie wollen, solange sie unter sich bleiben und die Finger von Kindern lassen.“

Solche Leute. Das klang nach Cholera-, Pest- und Leprakranken. Aussätzige, die man bedauern und möglichst weit fern halten sollte. Sven wollte kein Aussätziger sein, er liebte seine Familie. Seine Stiefmutter Corinna, die ihm eher eine Tante war, seine eigene Mutter, die regelmäßig mit ihrem neuen Mann und ihrer kleinen Tochter zu Besuch kam. Seine ganzen Geschwister, seinen Vater. Sie waren eine richtige Patchworkfamilie, in der jeder für jeden da war. Sven hatte das nie riskieren wollen und darum geschwiegen. Geleugnet, was und wer er war.

Seine ersten sexuellen Erfahrungen hatte er mit Frauen. Vollgesoffen und anschließend kaum fähig, sich an irgendetwas zu erinnern. Sich bitterlich geschämt, weil er sie belogen hatte. Sich selbst belog. Nicht sein wollte was er war, in ständiger Furcht gelebt hatte, jemand könnte es ihm ansehen. Oder er könnte es im betrunkenen Zustand laut aussprechen.

Er war Optiker geworden, was ihn nie interessiert hatte. Es war die Alternative zu Automechaniker und Bäckerfachgehilfe. Das waren nach der Schule die einzigen drei Ausbildungsangebote in der näheren Umgebung, die überhaupt in Frage gekommen wären. Inzwischen mochte er seinen Beruf, da er sehr nette Kollegen hatte. Kollegen, die von seiner Homosexualität wussten und sich nicht darum scherten. Nun gut, neunzig Prozent davon waren weiblich … Und er wohnte seit dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung in Hamburg. In der Großstadt sah man vieles gelassener.

Sein Schnuffel war völlig anders als er. Mit fünfzehn hatte sich Benny geoutet und es stoisch durchgezogen. Mit Gay&Proud-Shirts, Ketten mit Regenbogenanhängern und der Himmel mochte wissen, was sonst noch alles. Ben hatte ihn wie eine Naturgewalt überrollt. Nach der Zwiebelepisode waren sie bereits am gleichen Abend im Bett gelandet und Sven hatte erleben dürfen, was er sich bislang selbst vorenthalten hatte. Er liebte diesen Mann und wollte ihm irgendwann im Laufe dieser Fahrt einen Heiratsantrag machen. Nicht unbedingt vor Zeugen, obwohl das auf der Hochzeitsfeier seiner Schwester sicher von einigen Leuten begeistert aufgenommen werden würde. Mehr Sorgen machten ihm da diejenigen, die ihn dafür hassen würden …

„Ich würde liebend gerne noch ein paar Stunden mit dir knutschen, Schatz, aber aufschieben wollen ist sinnlos“, murmelte die Naturgewalt in seinen Armen. Seufzend vergrub Sven seinen Kopf in Bennys Halsbeuge. Er hatte ja recht. Sie würden auch so schon endlose Stunden fahren müssen. Hier oben im Norden schüttete es, in der Mitte von Deutschland waren Hagelschauer und Sturmböen angekündigt und im Süden schwere Schneefälle.

„Du weißt, was letztes Mal passiert ist“, sagte Sven leise, bemüht, jeglichen Vorwurf aus seiner Stimme rauszuhalten. „Das war nicht meine Schuld.“


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