Jobst Mahrenholz

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Alle Bücher von Jobst Mahrenholz

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Yep - warum nicht anders?: Anthologie

Yep - warum nicht anders?: Anthologie

 (14)
Erschienen am 22.10.2014
Der linke Fuß des Gondoliere

Der linke Fuß des Gondoliere

 (10)
Erschienen am 04.03.2015
Eine Ahnung von Pan

Eine Ahnung von Pan

 (7)
Erschienen am 26.06.2017
Haus aus Kupfer

Haus aus Kupfer

 (6)
Erschienen am 01.03.2016
Il Gusto di Lauro

Il Gusto di Lauro

 (6)
Erschienen am 06.03.2014
Il Gusto di Lauro: Herzberührer

Il Gusto di Lauro: Herzberührer

 (3)
Erschienen am 20.06.2014
Jasper Acri

Jasper Acri

 (1)
Erschienen am 08.11.2013
Il Gusto di Lauro: Lucas Rezepte

Il Gusto di Lauro: Lucas Rezepte

 (0)
Erschienen am 05.03.2014

Neue Rezensionen zu Jobst Mahrenholz

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79yvis avatar

Rezension zu "Eine Ahnung von Pan" von Jobst Mahrenholz

Zart wie ein Windhauch und doch die Kraft eines Orkans
79yvivor 8 Monaten

Für geplante 7 Monate tauscht Ingar seine koppenhagener Wohnung gegen zwei Zimmer im Haus von Maria Carrisi, in der Abgeschiedenheit der toskanischen Berge. Er lässt alles hinter sich, Job, Freunde und Familie um in Italien den Traum vom ersten Buch zu verwirklichen, gleichzeitig will er etwas über seine Wurzeln erfahren. Als Halbitaliener hat er zwar viele Geschichten von seinem Vater erzählt bekommen, Bekanntschaft mit dessen Herkunftsland durfte er aber bis jetzt nie machen. Ingar ist fasziniert von dieser komplett anderen Welt, sei es die Landschaft oder die italienische Art zu Leben. Recht schnell merkt er aber, dass es in der Familie Carrisi einiges gibt, über das lieber geschwiegen wird, vor allem wenn es Zino betrifft. Seine Neugier treibt ihn an, mehr über den verschlossenen und wortkargen Ziegenhirten zu erfahren, allem voran die Antwort auf die Frage „Was veranlasst einen jungen Mann, solch ein einfaches Leben zu führen?“

 

Dieses Buch hatte ich schon länger auf meiner Liste, warum ich bis jetzt damit gewartet habe – ich weiß es nicht. Es geht mir aber oft so, dass ich vor Geschichten, über die ich nur positives gelesen habe, einen gewissen Respekt habe und sie schiebe, vllt. aus Angst meine Erwartungen nicht erfüllt zu bekommen. Diese Geschichte hat meine Erwartungen aber übertroffen! Jobst Mahrenholz vermittelt in diesen relativ überschaubaren 200 Seiten mehr als so mancher Roman, der die dreifach Länge besitzt. Seine Art zu schreiben könnte man durchaus als pur bezeichnen, ruhig, keine ausschweifenden Beschreibungen und Erläuterungen, sondern auf das wesentliche reduziert und genau so kam die Geschichte um Ingar, Zino und Maria auch bei mir an – ungefiltert, pur, mit einem ganz eigenen Zauber und Charme.

Die Charaktere haben alle ihre Eigenheiten, was sie für mich sehr greifbar machte. Da wäre zum einen Maria, die ihr ganzes Leben schon kämpft, für sich, für ihre Familie und gegen die Folgen die so manche Entscheidung mit sich bringt. Sie besitzt auch die Stärke, wenn nötig über ihren eigenen Schatten zu springen, was Ingar in letzter Konsequenz bis dato nie vermocht hat. Der steht zwar mitten im Leben, bleibt aber dennoch emotional immer hinter seiner fein aufgebauten Mauer verschanzt um ja nichts und niemanden nahe genug an sich heranzulassen – es könnte ihn ja aus der Bahn werfen und genau das macht Zino. Mit seiner klaren, oft ganz anderen Sichtweise und dem unergründlichen Wesen bringt er bei Ingar eine Seite zum klingen, die irgendwo tief hinter dieser Mauer versteckt ist. So entsteht das Buch im Buch, begleitet von Gesprächen über die Protagonisten, doch die Grenzen verschwimmen zusehends und es fließt ein großer Teil der Realität in die Fiktion von Ingars Erzählung ein. Als aber dann zum Schluss aus Fiktion Realität wird muss dieser entscheiden ob es nicht an der Zeit ist seine Deckung fallen zu lassen und etwas komplett Neues zu beginnen. Das Ende ist zwar etwas offen, für mich drängt sich aber unweigerlich ein Bild von zwei Selbstgedrehten im Schatten einer Olive und umringt von Ziegen auf. Pur, ohne Schnick-Schnack und wunderschön – ein Highlight!

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AmaliaZeichnerins avatar

Rezension zu "Il Gusto di Lauro" von Jobst Mahrenholz

bitter-süße Entwicklungsgeschichte, die einen guten Nachgeschmack hinterlässt
AmaliaZeichnerinvor einem Jahr

Aus der Ich-Perspektive erzählt der junge Luca Lauro, ein Italiener aus einem Provinznest am Meer, seine Geschichte. Hier wird schon bald deutlich, dass es ein Rückblick ist, denn die „Stimme“ des Erzählers klingt deutlich älter als die 16 Jahre, die Luca zu Beginn der Geschichte zählt.
Luca ist Teil einer großen Familie, die ein Restaurant als Familienunternehmen führen. Für ihn ist Kochen nicht einfach ein Handwerk, sondern Kunst – und er ist dafür sehr talentiert. Entsprechend läuft einem als Leser immer wieder mal das Wasser im Munde zusammen bei der Beschreibung der kulinarischen Genüsse, die Luca im Verlaufe des Romans zaubert. Selbst wer sich nicht die Bohne für Kochen oder die italienische Küche interessiert, dem dürfte es schwer fallen, sich diesem Zauber zu entziehen, vermute ich. Luca und Shiro, der Sohn eines Freundes der Familie, kommen sich näher, als sie sollten. Und damit fangen die Probleme an…

Besonders positiv aufgefallen sind mir an diesem Roman zwei Dinge – alle Charaktere werden vollkommen realistisch und glaubwürdig dargestellt, ohne jede Spur von Romantisierung, Kitsch oder Idealisierung. Wäre dieser Roman ein Gericht, würde ich sagen, schmeckt es bitter-süß, an manchen Stellen auch herb, und es enthält nur sehr wenig Zucker – wie eine Bitter-Schokolade beispielsweise.
Luca ist in so mancher Hinsicht ein ambivalenter Charakter, und nicht allein damit. Er ist in jedem Fall aus meiner Sicht ein sympathischer Protagonist, dessen Schwierigkeiten, aber auch dessen Erfolge ich gern verfolgt habe auf diesen 429 Seiten.

Außerdem malt der Autor geradezu mit seinen Worten, so beschreibt er beispielsweise die Liebesszenen zwischen Luca und seinem Freund fast poetisch – hier ist jedes einzelne Wort wohlüberlegt, und die Gedanken, Beweggründe und Emotionen des Protagonisten standen mir als Leserin stets glasklar vor Augen. Ein weiterer heimlicher Protagonist, wenn man so will, sind in diesem Roman die Räume, die Luca etwas bedeuten. Das Familienrestaurant, die vielen verschiedenen Küchen, die er im Laufe der Zeit kennenlernt, Bars und noch manches mehr. All das beschreibt Jobst Mahrenholz sehr anschaulich aus Sicht des Hauptcharakters, bis hin zu Gerüchen, Farben und – in Bezug auf Speisen und Getränke – verschiedenen Geschmacksnuancen.

Der Roman bietet einiges an dramatischen Ereignissen, z.B. Familienstreitigkeiten, und unerwartete Entwicklungen, vor allem in der zweiten Hälfte.

Fazit: Für mich war es ein Genuss, diesen Roman zu lesen. Wäre er ein Gericht, würde ich um einen Nachschlag bitten. Und den gibt es auch – mit der Fortsetzung „Il gusto di Lauro: Herzberührer“ (ebenfalls 2014 im Dead Soft Verlag erschienen).

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Korikos avatar

Rezension zu "Eine Ahnung von Pan" von Jobst Mahrenholz

Zwischen Kopenhagen und den italienischen Bergen
Korikovor einem Jahr

Story:
Für den Dänen Ingar bedeutet der Schritt für mehrere Monate an seinem Buch „Der steinerne Pfad“ zu schreiben, eine große Veränderung – statt der hektischen Hauptstadt Kopenhagen erwartet ihn das raue Leben und die abgeschiedene Ruhe eines Dorfes in den italienischen Bergen, wo er auch die Herkunft seines Vaters auskundschaften will. Er bezieht eine Wohnung bei Maria Carrisi, die von den meisten Menschen gemieden wird und lernt ihren Enkel Zino kennen, der als wortkargen Einsiedler in einer Hütte lebt, sich um die Ziegen kümmert und Käse herstellt. Über sein Buch knüpft er schließlich Kontakt zu Zino, der mit der Zeit ein reges Interesse an Ingars Geschichte entwickelt und gerade der Romanfigur Lasse Leben einhaucht. Schon bald entwickelt sich zwischen den beiden ungleichen Männern mehr, doch Ingar hat Probleme sich gänzlich auf Zino einzustellen, denn er weiß, dass er irgendwann in seine Heimat zurückkehren muss.

Eigene Meinung:
Jobst Mahrenholz legt mit „Eine Ahnung von Pan“ seinen neusten Roman vor, der wie die meisten seiner anderen Werke im deadsoft Verlag erschienen ist. Wie für den Autor typisch erwartet den Leser eine stimmungsvolle Reise nach Italien und eine Geschichte, die stark auf die drei Hauptfiguren fokussiert und deren Leben Stück um Stück aus der Bahn wirft.

Der Däne Ingar lässt sein bisheriges Leben hinter sich, um in Italien zur Ruhe zu kommen und sich an ein Buch zu setzen, das ihm seit einer Weile auf der Seele brennt. Bei der schroffen, aber geradlinigen Maria findet er ein passendes Zuhause für knapp acht Monate, um zum einen an seinem Buch zu schreiben, zum anderen herauszufinden, wer sein Vater war, den er kaum kannte. In dieser Zeit lernt er auch Marias Enkel kennen – den wortkargen, humpelnden Zino, der schnell Einzug in seinen Roman findet und den er näher kennenlernt, als er beginnt dem Jungen sein Werk vorzulesen. Jobst Mahrenholz lässt sich viel Zeit die beiden ungleichen Männer zusammenzuführen – Ingar, der nur schwer in der Lage ist, Gefühle zu zeigen, und Zino, dessen Vergangenheit schwer auf seiner Seele lastet und ihn zu einem Einsiedler hat werden lassen. Es dauert, bis sie sich aufeinander einlassen und gerade Zino Vertrauen fasst und mehr von sich erzählt. Gleichzeitig erweckt er sein literarisches Pendant erst zum Leben, denn er gibt die passenden Impulse um Lasse aus „Der steinerne Pfad“ mit Leben zu füllen. Doch das Glück währt nur kurz, als Maria herausfindet, was sich zwischen Ingar und Zino abspielt und den jungen Autor zu einer Rückkehr nach Dänemark zwingt. Dort beendet er nicht nur sein Buch mit einem Knalleffekt, er sorgt ungewollt auch dafür, dass Zino eine Entscheidung trifft, die nicht nur Maria, sondern auch Ingar beeinflusst und das Leben aller drei auf den Kopf stellt. Dass der Autor zum Ende hektischer wird und gerade in den letzten Kapiteln viele Dinge auf einmal passieren, passt durchaus zur Geschichte, denn es spiegelt das Umdenken der Figuren wieder. Allerdings könnte es einigen doch ein wenig zu schnell gehen, zumal die Szenen bewusst kurz gehalten sind und Jobst Mahrenholz am Ende bewusst nicht alle offenen Fäden zu einem Ende bringt.

Wie nicht anders von Jobst Mahrenholz gewohnt, sind die Charaktere sehr authentisch und greifbar – sowohl Ingar, als auch Zino und Maria sind sehr realistische Figuren mit Ecken und Kanten. Sie reiben sich aneinander auf, ergänzen sich und müssen sich alle eingestehen Fehler gemacht zu haben, die nicht nur sie, sondern auch ihre Umwelt verändert haben. Ingar, der nicht in der Lage ist, Gefühle zu zeigen und sich lieber verschließt, anstatt eine Sache bis zum Ende durchzusetzen, ist kein typischer Held und auch nicht immer sympathisch. Er hat die Tendenz andere auszunutzen und braucht lange, um sich den Konsequenzen zu stellen und sein gesamtes Herz in eine Sache zu investieren. Zino wiederrum ist trotz seiner Ruhe und Schroffheit eine schillernde, gefühlsbetonte Persönlichkeit, die viel Zeit braucht, um aufzutauen und sich gegenüber anderen zu öffnen. Er ist ein bisschen der Motor des Romans, da er nicht nur Ingar und dessen Geschichte antreibt, sondern auch mit seinen Entscheidungen dafür sorgt, die gespannte Atmosphäre zum Kippen zu bringen.
Zu guter Letzt ist auch Maria eine der zentralen Hauptfiguren, die zwangsweise Teil der Ereignisse wird und selbst für viele Dinge die Verantwortung trägt. Auch sie trägt einige dunkle Facetten in sich, die erst mit der Zeit ans Licht kommen. Sie ist auf jeden Fall eine faszinierende, starke Frau, deren Leben mindestens so interessant ist wie das von Zino.

Stilistisch legt Jobst Mahrenholz ein gewohnt intensives, sehr stimmungsvolles Buch vor, bei dem jedes Wort und jeder Satz passt. Man hat das Gefühl jede Silbe wurde präzise ausgewählt, um das Buch sprachlich auf ein sehr hohes Niveau zu heben. Gerade Zinos Sätze und Antworten haben eine solche Wucht und Aussagekraft, dass sie lange nachhängen. Die Wortwechsel zwischen ihm und Ingar sind das Highlight des Buches, da sie unheimlich viel Dynamik haben und dem Leser die beiden Figuren ans Herz wachsen lassen. Der Autor hat auf jeden Fall etwas Besonderes geschaffen, nicht nur durch das Buch im Buch – die Figuren und ihre Dialoge untereinander sind unheimlich intensiv, ebenso die Beschreibungen der italienischen Berge und die des einfachen, ruhigen Lebens dort.

Fazit:
„Eine Ahnung von Pan“ ist ein wundervolles, stilistisch beeindruckendes Buch, das durch seine wunderbaren, sehr authentischen Figuren und eine angenehm leichten, langsamen Geschichte beeindruckt. Jobst Mahrenholz geht es nicht darum, zwei Männer zusammen zu bringen und ihnen ein Happy End zu ermöglichen, sondern darum, die Geschichte dreier grundverschiedener Figuren zu erzählen und sie auf behutsame Art und Weise weiterzuentwickeln. Wer Jobst Mahrenholz‘ Werke schätzt, wird auch an seinem neuen Buch nicht vorbeikommen – es lohnt sich und zeigt einmal mehr, wie wandlungsfähig und stilistisch sicher der Autor ist. Unbedingt lesen!

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Gespräche aus der Community

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S
Liebe Lovelybooks-Gemeinde,

sieben AutorInnen haben sich zusammengeschlossen, um den 15. Geburtstag des Dead Soft-Verlags zu feiern. Herausgekommen ist eine Anthologie mit 7 Gay Romance-Kurzgeschichten.
Der Erlös dieses Buches geht an die Initiative Rosa-Lila in Neubrandenburg. Alle Mitwirkenden verzichten auf ihr Honorar.

Wir laden nun euch ein, dieses Buch mit uns zusammen zu genießen und stellen dafür 10 eBooks zur Verfügung.

Ich (Sandra Gernt) bin lediglich die Initiatorin dieser Leserunde. Alle anderen Autoren, ausgenommen Simon Rhys Beck, der Dead Soft-Chef, werden nach Zeit und Möglichkeit mitmischen, Fragen beantworten und auf eure Kommentare eingehen.

Damit ihr eine Ahnung bekommt, was euch erwartet, hier eine Leseprobe aus meiner eigenen Geschichte "Wahre Christen":

Wahre Christen

„Ich will da nicht hin!“

Sven wusste selbst, dass er wie ein trotziges Kleinkind klang. Ändern konnte und wollte er das nicht. Denn nein, er wollte unter gar keinen Umständen zur Hochzeit seiner älteren Stiefschwester fahren. Was nicht an Steffi und auch nicht an ihrem liebenswerten Langzeitverlobten lag. Und auch nicht am Rest seiner Familie. Ein Teil von Sven sehnte sich danach, wieder nach Hause zu fahren. Jenem Ort, an dem er seit zwei Jahren nicht mehr willkommen war. Nicht mehr seit dem Tag, an dem Ben in sein Leben getreten war und alles auf den Kopf gestellt hatte. Jener Ben, der ihm gerade mit verschränkten Armen gegenüberstand und ihn skeptisch betrachtete. Das war unfair, was der verflixte Kerl selbstverständlich ganz genau wusste. Denn in dieser Haltung kam das große Drachentatoo zur vollen Geltung, das sich vom rechten Bizeps bis zum Handgelenk zog und Sven vom ersten Moment an fasziniert hatte. Genau wie diese blauen Augen, die je nach Lichteinfall in unterschiedlichen Nuancen von Himmelblau bis Türkis schimmerten. Oder der Wust von dunkelblonden Haaren, die mit Gel und ein bisschen Eitelkeit stets sorgfältig in perfekter Wuschelfrisur gehalten wurden.

Dazu hatte Ben sich heute Morgen nicht rasiert und machte ihn mit seinem verboten gut aussehenden Stoppelbartlook an. Sven unterdrückte mühsam den Impuls, seine Müslischale nach ihm zu werfen und sich damit vollends der Lächerlichkeit preiszugeben. Ben brauchte nicht ein Wort zu sagen, still an den Rahmen der Küchentür zu lehnen reichte für die klare Botschaft: Das ist deine Familie, sei ein Kerl und erdulde es schweigend!

„Ich kann da einfach nicht hin“, murmelte Sven und schob die Müslischale von sich. Lieber auf Nummer sicher gehen war die Devise. Außerdem hatte er keinen Krümel davon angerührt und er wusste genau, dass sich das nicht ändern würde, gleichgültig, wie lange er auf diesem Stuhl hocken blieb.

Er war fünfundzwanzig, genauso alt wie sein Schnuffel. So nannte er Ben nur, wenn er ihn ärgern wollte. Kennen gelernt hatten sie sich in einem VHS-Kochkurs für Singles, da sie beide fest daran glaubten, dass Ernährung mehr sein musste als Fertigpizza in den Ofen schieben und Raviolidosen öffnen. Ihre Mütter hatten ihnen dieses mehr nicht beigebracht, darum versuchten sie in dem Kurs hinter das Geheimnis von frisch blanchiertem Gemüse und Pasta al dente zu gelangen. Das war lediglich mit mäßigem Erfolg geglückt. Dafür aber waren sie sich näher gekommen, als Ben beim Zwiebelschneiden in Tränen zerflossen war und Sven ihm freundlich grinsend ein Schnuffeltuch angeboten hatte.

„Steffi braucht dich, Dickerchen.“ Ben hatte inzwischen seinen Beobachtungsposten an der Tür aufgegeben und setzte sich auf die Platte des Küchentischs.

Dickerchen war der Kosename, den wiederum er nur benutzte, um ihn zu ärgern. Seit dem Tag, an dem Sven unvorsichtig laut darüber nachgedacht hatte, sich im Fitnessclub anzumelden, bevor er gänzlich verweichlichte und fett wurde. Er war der Typ „lang und hager“ und eher zu schlank, während Ben mittelgroß und von Natur aus athletisch gewachsen war. Einmal die Woche joggen und am Wochenende beim Squash auspowern reichte, um seine Muskeln in höchst ansehnlicher Form zu halten. Beneidenswert.

„Du sollst mich nicht ansabbern, Schatz, du sollst an deine Schwester denken.“ Ben strubbelte ihm grinsend durch die kurz geschorenen Haare. Die waren langweilig braun, genau wie seine Augen, und lästig, weil sie wie Unkraut wucherten. Ständig musste er zum Friseur, um sie genau daran zu hindern. Etwas, was er dringend hätte tun müssen, bevor er quer durch die Republik reiste. Jetzt war es zu spät.

„Ich kann einfach nicht. Wenn ich meinen Erzeuger noch einmal sehen muss, wird ein Unglück geschehen. Dann ist Steffis Hochzeit mit absoluter Garantie versaut.“

Bevor sein Schnuffel irgendetwas einwenden konnte, womit er zweifellos Recht haben würde, zog Sven ihn zu sich auf den Schoß und gab ihm einen verzweifelten Kuss.

Jahrelang hatte er seiner Familie verschweigen können, dass er Jungs statt Mädchen mochte. Silke hatte ihm geholfen, indem sie seine Alibi-Langzeitfreundin spielte. Zumindest bis sie jemanden fand, der mit ihren dreißig Kilo Übergewicht und Neigung zu unreiner Haut keine Probleme hatte. Sven war im erzkatholischen bayrischen Hinterland aufgewachsen. In einem dieser Nester, in dem jeder jeden kannte und man sich schriftlich beim Dorfältesten entschuldigen musste, wenn man sonntags von vierzig Grad Fieber am Kirchgang gehindert wurde. Es war besser geworden, nachdem seine Eltern sich scheiden ließen. Seine Mutter war fortgelaufen, als er acht Jahre alt war. Sie hatte als „Zugezogene“ aus München die wenig idyllische Enge dieser neunzig-Seelen-Gemeinde nicht ertragen. Sein Vater hatte wieder geheiratet und war in ein etwas größeres Kaff in der Nähe von Nürnberg umgezogen. Svens Stiefmutter hatte Steffi mitgebracht, mit der Sven sich gut verstand, und zwei Jahre später war Christian geboren worden. Er mochte seinen jüngeren Bruder. Genau deswegen graute ihm davor, was der Kurze wohl inzwischen von ihm hielt. Von diesem schwulen Perversling, dieser entarteten Kreatur, Kinderschänder, von Gott gehasst, von der Bibel verdammt, vom Teufel … Wie hatte sein Vater es stets genannt?

„… vom Teufel geschickt, um die wahren Christen zur Sünde zu verführen!“

Sein Outing hatte er neun Jahre lang vor sich hergeschoben. Seit ihm mit vierzehn im Schwimmbad auf peinlichste Weise klar wurde, dass ihn das Gerangel mit seinem besten Freund trotz der eisigen Wassertemperaturen nicht kalt ließ. Er war verzweifelt gewesen. Hatte wochenlang Albträume davon, was geschehen würde, wenn es raus käme. Dieses anders sein, er wollte es nicht. Schwule waren anormal. Nicht richtig. Das sagte ihm der Pfarrer, dem er sich bei der Beichte vor der Firmung versucht hatte anzuvertrauen. Diese Meinung hatte sein Vater auch lautstark in der Öffentlichkeit vertreten, wenn im Fernsehen oder zufällig im Gespräch die Rede auf Homosexualität kam. „Solche Leute sollen tun, was sie wollen, solange sie unter sich bleiben und die Finger von Kindern lassen.“

Solche Leute. Das klang nach Cholera-, Pest- und Leprakranken. Aussätzige, die man bedauern und möglichst weit fern halten sollte. Sven wollte kein Aussätziger sein, er liebte seine Familie. Seine Stiefmutter Corinna, die ihm eher eine Tante war, seine eigene Mutter, die regelmäßig mit ihrem neuen Mann und ihrer kleinen Tochter zu Besuch kam. Seine ganzen Geschwister, seinen Vater. Sie waren eine richtige Patchworkfamilie, in der jeder für jeden da war. Sven hatte das nie riskieren wollen und darum geschwiegen. Geleugnet, was und wer er war.

Seine ersten sexuellen Erfahrungen hatte er mit Frauen. Vollgesoffen und anschließend kaum fähig, sich an irgendetwas zu erinnern. Sich bitterlich geschämt, weil er sie belogen hatte. Sich selbst belog. Nicht sein wollte was er war, in ständiger Furcht gelebt hatte, jemand könnte es ihm ansehen. Oder er könnte es im betrunkenen Zustand laut aussprechen.

Er war Optiker geworden, was ihn nie interessiert hatte. Es war die Alternative zu Automechaniker und Bäckerfachgehilfe. Das waren nach der Schule die einzigen drei Ausbildungsangebote in der näheren Umgebung, die überhaupt in Frage gekommen wären. Inzwischen mochte er seinen Beruf, da er sehr nette Kollegen hatte. Kollegen, die von seiner Homosexualität wussten und sich nicht darum scherten. Nun gut, neunzig Prozent davon waren weiblich … Und er wohnte seit dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung in Hamburg. In der Großstadt sah man vieles gelassener.

Sein Schnuffel war völlig anders als er. Mit fünfzehn hatte sich Benny geoutet und es stoisch durchgezogen. Mit Gay&Proud-Shirts, Ketten mit Regenbogenanhängern und der Himmel mochte wissen, was sonst noch alles. Ben hatte ihn wie eine Naturgewalt überrollt. Nach der Zwiebelepisode waren sie bereits am gleichen Abend im Bett gelandet und Sven hatte erleben dürfen, was er sich bislang selbst vorenthalten hatte. Er liebte diesen Mann und wollte ihm irgendwann im Laufe dieser Fahrt einen Heiratsantrag machen. Nicht unbedingt vor Zeugen, obwohl das auf der Hochzeitsfeier seiner Schwester sicher von einigen Leuten begeistert aufgenommen werden würde. Mehr Sorgen machten ihm da diejenigen, die ihn dafür hassen würden …

„Ich würde liebend gerne noch ein paar Stunden mit dir knutschen, Schatz, aber aufschieben wollen ist sinnlos“, murmelte die Naturgewalt in seinen Armen. Seufzend vergrub Sven seinen Kopf in Bennys Halsbeuge. Er hatte ja recht. Sie würden auch so schon endlose Stunden fahren müssen. Hier oben im Norden schüttete es, in der Mitte von Deutschland waren Hagelschauer und Sturmböen angekündigt und im Süden schwere Schneefälle.

„Du weißt, was letztes Mal passiert ist“, sagte Sven leise, bemüht, jeglichen Vorwurf aus seiner Stimme rauszuhalten. „Das war nicht meine Schuld.“


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