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Sandra_Gernt

vor 3 Jahren

Bewerbung/Ich möchte mitlesen

Liebe Lovelybooks-Gemeinde,

sieben AutorInnen haben sich zusammengeschlossen, um den 15. Geburtstag des Dead Soft-Verlags zu feiern. Herausgekommen ist eine Anthologie mit 7 Gay Romance-Kurzgeschichten.
Der Erlös dieses Buches geht an die Initiative Rosa-Lila in Neubrandenburg. Alle Mitwirkenden verzichten auf ihr Honorar.

Wir laden nun euch ein, dieses Buch mit uns zusammen zu genießen und stellen dafür 10 eBooks zur Verfügung.

Ich (Sandra Gernt) bin lediglich die Initiatorin dieser Leserunde. Alle anderen Autoren, ausgenommen Simon Rhys Beck, der Dead Soft-Chef, werden nach Zeit und Möglichkeit mitmischen, Fragen beantworten und auf eure Kommentare eingehen.

Damit ihr eine Ahnung bekommt, was euch erwartet, hier eine Leseprobe aus meiner eigenen Geschichte "Wahre Christen":

Wahre Christen

„Ich will da nicht hin!“

Sven wusste selbst, dass er wie ein trotziges Kleinkind klang. Ändern konnte und wollte er das nicht. Denn nein, er wollte unter gar keinen Umständen zur Hochzeit seiner älteren Stiefschwester fahren. Was nicht an Steffi und auch nicht an ihrem liebenswerten Langzeitverlobten lag. Und auch nicht am Rest seiner Familie. Ein Teil von Sven sehnte sich danach, wieder nach Hause zu fahren. Jenem Ort, an dem er seit zwei Jahren nicht mehr willkommen war. Nicht mehr seit dem Tag, an dem Ben in sein Leben getreten war und alles auf den Kopf gestellt hatte. Jener Ben, der ihm gerade mit verschränkten Armen gegenüberstand und ihn skeptisch betrachtete. Das war unfair, was der verflixte Kerl selbstverständlich ganz genau wusste. Denn in dieser Haltung kam das große Drachentatoo zur vollen Geltung, das sich vom rechten Bizeps bis zum Handgelenk zog und Sven vom ersten Moment an fasziniert hatte. Genau wie diese blauen Augen, die je nach Lichteinfall in unterschiedlichen Nuancen von Himmelblau bis Türkis schimmerten. Oder der Wust von dunkelblonden Haaren, die mit Gel und ein bisschen Eitelkeit stets sorgfältig in perfekter Wuschelfrisur gehalten wurden.

Dazu hatte Ben sich heute Morgen nicht rasiert und machte ihn mit seinem verboten gut aussehenden Stoppelbartlook an. Sven unterdrückte mühsam den Impuls, seine Müslischale nach ihm zu werfen und sich damit vollends der Lächerlichkeit preiszugeben. Ben brauchte nicht ein Wort zu sagen, still an den Rahmen der Küchentür zu lehnen reichte für die klare Botschaft: Das ist deine Familie, sei ein Kerl und erdulde es schweigend!

„Ich kann da einfach nicht hin“, murmelte Sven und schob die Müslischale von sich. Lieber auf Nummer sicher gehen war die Devise. Außerdem hatte er keinen Krümel davon angerührt und er wusste genau, dass sich das nicht ändern würde, gleichgültig, wie lange er auf diesem Stuhl hocken blieb.

Er war fünfundzwanzig, genauso alt wie sein Schnuffel. So nannte er Ben nur, wenn er ihn ärgern wollte. Kennen gelernt hatten sie sich in einem VHS-Kochkurs für Singles, da sie beide fest daran glaubten, dass Ernährung mehr sein musste als Fertigpizza in den Ofen schieben und Raviolidosen öffnen. Ihre Mütter hatten ihnen dieses mehr nicht beigebracht, darum versuchten sie in dem Kurs hinter das Geheimnis von frisch blanchiertem Gemüse und Pasta al dente zu gelangen. Das war lediglich mit mäßigem Erfolg geglückt. Dafür aber waren sie sich näher gekommen, als Ben beim Zwiebelschneiden in Tränen zerflossen war und Sven ihm freundlich grinsend ein Schnuffeltuch angeboten hatte.

„Steffi braucht dich, Dickerchen.“ Ben hatte inzwischen seinen Beobachtungsposten an der Tür aufgegeben und setzte sich auf die Platte des Küchentischs.

Dickerchen war der Kosename, den wiederum er nur benutzte, um ihn zu ärgern. Seit dem Tag, an dem Sven unvorsichtig laut darüber nachgedacht hatte, sich im Fitnessclub anzumelden, bevor er gänzlich verweichlichte und fett wurde. Er war der Typ „lang und hager“ und eher zu schlank, während Ben mittelgroß und von Natur aus athletisch gewachsen war. Einmal die Woche joggen und am Wochenende beim Squash auspowern reichte, um seine Muskeln in höchst ansehnlicher Form zu halten. Beneidenswert.

„Du sollst mich nicht ansabbern, Schatz, du sollst an deine Schwester denken.“ Ben strubbelte ihm grinsend durch die kurz geschorenen Haare. Die waren langweilig braun, genau wie seine Augen, und lästig, weil sie wie Unkraut wucherten. Ständig musste er zum Friseur, um sie genau daran zu hindern. Etwas, was er dringend hätte tun müssen, bevor er quer durch die Republik reiste. Jetzt war es zu spät.

„Ich kann einfach nicht. Wenn ich meinen Erzeuger noch einmal sehen muss, wird ein Unglück geschehen. Dann ist Steffis Hochzeit mit absoluter Garantie versaut.“

Bevor sein Schnuffel irgendetwas einwenden konnte, womit er zweifellos Recht haben würde, zog Sven ihn zu sich auf den Schoß und gab ihm einen verzweifelten Kuss.

Jahrelang hatte er seiner Familie verschweigen können, dass er Jungs statt Mädchen mochte. Silke hatte ihm geholfen, indem sie seine Alibi-Langzeitfreundin spielte. Zumindest bis sie jemanden fand, der mit ihren dreißig Kilo Übergewicht und Neigung zu unreiner Haut keine Probleme hatte. Sven war im erzkatholischen bayrischen Hinterland aufgewachsen. In einem dieser Nester, in dem jeder jeden kannte und man sich schriftlich beim Dorfältesten entschuldigen musste, wenn man sonntags von vierzig Grad Fieber am Kirchgang gehindert wurde. Es war besser geworden, nachdem seine Eltern sich scheiden ließen. Seine Mutter war fortgelaufen, als er acht Jahre alt war. Sie hatte als „Zugezogene“ aus München die wenig idyllische Enge dieser neunzig-Seelen-Gemeinde nicht ertragen. Sein Vater hatte wieder geheiratet und war in ein etwas größeres Kaff in der Nähe von Nürnberg umgezogen. Svens Stiefmutter hatte Steffi mitgebracht, mit der Sven sich gut verstand, und zwei Jahre später war Christian geboren worden. Er mochte seinen jüngeren Bruder. Genau deswegen graute ihm davor, was der Kurze wohl inzwischen von ihm hielt. Von diesem schwulen Perversling, dieser entarteten Kreatur, Kinderschänder, von Gott gehasst, von der Bibel verdammt, vom Teufel … Wie hatte sein Vater es stets genannt?

„… vom Teufel geschickt, um die wahren Christen zur Sünde zu verführen!“

Sein Outing hatte er neun Jahre lang vor sich hergeschoben. Seit ihm mit vierzehn im Schwimmbad auf peinlichste Weise klar wurde, dass ihn das Gerangel mit seinem besten Freund trotz der eisigen Wassertemperaturen nicht kalt ließ. Er war verzweifelt gewesen. Hatte wochenlang Albträume davon, was geschehen würde, wenn es raus käme. Dieses anders sein, er wollte es nicht. Schwule waren anormal. Nicht richtig. Das sagte ihm der Pfarrer, dem er sich bei der Beichte vor der Firmung versucht hatte anzuvertrauen. Diese Meinung hatte sein Vater auch lautstark in der Öffentlichkeit vertreten, wenn im Fernsehen oder zufällig im Gespräch die Rede auf Homosexualität kam. „Solche Leute sollen tun, was sie wollen, solange sie unter sich bleiben und die Finger von Kindern lassen.“

Solche Leute. Das klang nach Cholera-, Pest- und Leprakranken. Aussätzige, die man bedauern und möglichst weit fern halten sollte. Sven wollte kein Aussätziger sein, er liebte seine Familie. Seine Stiefmutter Corinna, die ihm eher eine Tante war, seine eigene Mutter, die regelmäßig mit ihrem neuen Mann und ihrer kleinen Tochter zu Besuch kam. Seine ganzen Geschwister, seinen Vater. Sie waren eine richtige Patchworkfamilie, in der jeder für jeden da war. Sven hatte das nie riskieren wollen und darum geschwiegen. Geleugnet, was und wer er war.

Seine ersten sexuellen Erfahrungen hatte er mit Frauen. Vollgesoffen und anschließend kaum fähig, sich an irgendetwas zu erinnern. Sich bitterlich geschämt, weil er sie belogen hatte. Sich selbst belog. Nicht sein wollte was er war, in ständiger Furcht gelebt hatte, jemand könnte es ihm ansehen. Oder er könnte es im betrunkenen Zustand laut aussprechen.

Er war Optiker geworden, was ihn nie interessiert hatte. Es war die Alternative zu Automechaniker und Bäckerfachgehilfe. Das waren nach der Schule die einzigen drei Ausbildungsangebote in der näheren Umgebung, die überhaupt in Frage gekommen wären. Inzwischen mochte er seinen Beruf, da er sehr nette Kollegen hatte. Kollegen, die von seiner Homosexualität wussten und sich nicht darum scherten. Nun gut, neunzig Prozent davon waren weiblich … Und er wohnte seit dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung in Hamburg. In der Großstadt sah man vieles gelassener.

Sein Schnuffel war völlig anders als er. Mit fünfzehn hatte sich Benny geoutet und es stoisch durchgezogen. Mit Gay&Proud-Shirts, Ketten mit Regenbogenanhängern und der Himmel mochte wissen, was sonst noch alles. Ben hatte ihn wie eine Naturgewalt überrollt. Nach der Zwiebelepisode waren sie bereits am gleichen Abend im Bett gelandet und Sven hatte erleben dürfen, was er sich bislang selbst vorenthalten hatte. Er liebte diesen Mann und wollte ihm irgendwann im Laufe dieser Fahrt einen Heiratsantrag machen. Nicht unbedingt vor Zeugen, obwohl das auf der Hochzeitsfeier seiner Schwester sicher von einigen Leuten begeistert aufgenommen werden würde. Mehr Sorgen machten ihm da diejenigen, die ihn dafür hassen würden …

„Ich würde liebend gerne noch ein paar Stunden mit dir knutschen, Schatz, aber aufschieben wollen ist sinnlos“, murmelte die Naturgewalt in seinen Armen. Seufzend vergrub Sven seinen Kopf in Bennys Halsbeuge. Er hatte ja recht. Sie würden auch so schon endlose Stunden fahren müssen. Hier oben im Norden schüttete es, in der Mitte von Deutschland waren Hagelschauer und Sturmböen angekündigt und im Süden schwere Schneefälle.

„Du weißt, was letztes Mal passiert ist“, sagte Sven leise, bemüht, jeglichen Vorwurf aus seiner Stimme rauszuhalten. „Das war nicht meine Schuld.“


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Autor: Jobst Mahrenholz
Buch: Yep - warum nicht anders?: Anthologie

Leseratz_8

vor 3 Jahren

Bewerbung/Ich möchte mitlesen

wäre mein erster Ausflug in dieses Genre, aber ich will wissen wie es weitergeht und was bereits passiert ist...

Sandra_Gernt

vor 3 Jahren

Bewerbung/Ich möchte mitlesen
@Leseratz_8

Willkommen im Lostöpfchen! :)

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Bathory

vor 3 Jahren

Geschichte 7: Simon Rhys Beck: Inselbrüder
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@hexe2408

Empfand ich genauso. Obwohl die beiden Protas mir zu Beginn noch unsympathisch waren, hat mir die Story letztendlich gut gefallen ;)

S_B_Sasori

vor 3 Jahren

Geschichte 5: S.B.Sasori: Tanz auf dem Drahtseil
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Bathory schreibt:
Ich fand die Story sehr interessant und Mal was anderes ;) Bin schon gespannt, wann das gesamte Werk erscheint! LG

Ganz, ganz bald :-)

SakuraClow

vor 3 Jahren

Fazit und Rezensionen

Hier kommt nun auch endlich meine kleine Rezi:

Auf meinem Blog:
http://die-welt-der-gedanken.blogspot.de/2014/12/kr-yep-warum-nicht-anders.html

hier bei LB:
http://www.lovelybooks.de/autor/Jobst-Mahrenholz/Yep-warum-nicht-anders-Anthologie-1126610386-w/rezension/1126650743/

amazon:
http://www.amazon.de/review/R10N12OLKQR81I/ref=cm_cr_pr_cmt?ie=UTF8&ASIN=B00OTPG2U4#wasThisHelpful

und bei wasliestdu?:
http://wasliestdu.de/rezension/abwechslungsreich-2

Danke, dass ich teil dieser Lesrunde sein durfte. =)

Sandra_Gernt

vor 3 Jahren

Fazit und Rezensionen

Eine schöne Rezension! :)
Dank dir, liebe Sakura, für die große Mühe und all deine Gedanken. Schön, dass dich so intensiv mit unseren Geschichten auseinandergesetzt hast.

Bathory

vor 3 Jahren

Fazit und Rezensionen

Hier auch meine Rezi:

LB: http://www.lovelybooks.de/autor/Jobst-Mahrenholz/Yep-warum-nicht-anders-Anthologie-1126610386-w/rezension/1126705357/1126709779/

Amazon: http://www.amazon.de/review/RQBMMQVO0JWWL/ref=cm_cr_dp_title?ie=UTF8&ASIN=B00OTPG2U4&channel=detail-glance&nodeID=530484031&store=digital-text

Danke, dass ich mitlesen durfte!
LG und eine schöne Weihnachtszeit ;)

hexe2408

vor 3 Jahren

Fazit und Rezensionen

Hier kommt nun auch meine Rezension:

http://www.lovelybooks.de/autor/Jobst-Mahrenholz/Yep-warum-nicht-anders-Anthologie-1126610386-w/

Blog:
http://www.bambinis-buecherzauber.blogspot.de/2014/12/rezension-yep-warum-nicht-anders_20.html

tut mir leid, dass es so gedauert hat

Sandra_Gernt

vor 3 Jahren

Fazit und Rezensionen

Dank euch beiden für die schönen Rezensionen und all die Gedanken, die ihr euch um die einzelnen Geschichten gemacht habt! :) Es ist immer schön zu sehen, wie unterschiedlich jeder Leser die einzelnen Passagen aufnimmt. Gerade das ist der Reiz einer Anthologie, es ist für jeden etwas dabei. :)

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