Jochen Buchsteiner

 4.3 Sterne bei 4 Bewertungen

Lebenslauf von Jochen Buchsteiner

Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, hat in Tübingen, Jakarta und Berlin Allgemeine Rhetorik und Politikwissenschaften studiert. Er war außenpolitischer Korrespondent der Zeit in Bonn und Berlin. Heute arbeitet er als Asienkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Sitz in Neu Delhi.

Alle Bücher von Jochen Buchsteiner

Cover des Buches Die Stunde der Asiaten (ISBN: 9783644002210)

Die Stunde der Asiaten

 (1)
Erschienen am 26.11.2009

Neue Rezensionen zu Jochen Buchsteiner

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Rezension zu "Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie" von Jochen Buchsteiner

"Take back Control!"
R_Mantheyvor 10 Monaten

Das war der Leitspruch der Brexit-Befürworter in Großbritannien. Angeblich ist die EU ein Demokratie-Projekt. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sie sich jedoch als das blanke Gegenteil. Letztlich bestimmt eine Gruppe aus nicht demokratisch gewählten und nicht durch ein Parlament kontrollierbaren Kommissaren die europäische Gesetzgebung. Was eigentlich eine Zumutung für jeden Demokraten sein sollte, ist es insbesondere für manche Briten, denn schließlich gehört die exerzierte Demokratie seit mehreren Jahrhunderten auf der Insel zur DNA der Gesellschaft. Auch der britischen Gesellschaft wurden europäische Gesetze, insbesondere die sogenannten europäischen Freizügigkeitsregeln übergestülpt, die nicht auf ein ungeteiltes Wohlwollen im Vereinigten Königreich stießen. Daraufhin beschloss die Regierung Cameron ein Referendum über einen EU-Austritt in die Wege zu leiten, das unerwartet deutlich ausfiel und seit nunmehr über drei Jahren nicht umgesetzt werden kann.

Nun könnte man beim Titel dieses Buches denken, der Fluchtversuch wäre geglückt. Noch aber ist er es nicht. Denn in den Austrittsverträgen wurde durch die EU eine Falle eingebaut, die man auf der Insel offenbar zunächst nicht völlig begriff. Man kann das im Text des Buches genauer nachlesen. Jeder, der diese ewige Geschichte nun seit drei Jahren verfolgt, müsste sie kennen. In Irland verfügt Großbritannien über eine Binnengrenze. Das wäre kein Problem, würde sie nicht andererseits absichtlich als kaum wahrnehmbar konstruiert sein. Der Brexit würde das jedoch nach dem Willen der EU drastisch ändern, was wiederum fast zwangsläufig Unruhen auf der irischen Insel hervorrufen würde. Dass dieses Problem überhaupt entstehen konnte, muss man wohl den Briten und ihrer zur Schau gestellten Unlust, überhaupt ein Austrittsabkommen auszuhandeln, auf die Rechnung setzen.

Man kann das und vieles andere in diesem schmalen Büchlein nachlesen, in dem auch auf die Besonderheiten der Briten als Nation eingegangen wird. Ich kann mich den vielen überaus positiven Rezensionen nicht völlig anschließen. Denn der Autor argumentiert nicht immer präzise. Zunächst einmal kommt er mit einem anderen Brexit – mit dem von Heinrich dem Achten aus den Fängen der katholischen Kirche. Das war sicher eine einschneidende Abgrenzung zum Kontinent. Aber kann man das vergleichen? Heinrich hatte mit Rom ein Problem wegen seiner Weibergeschichten. Er war ein Despot, der diesen Brexit völlig alleine beschließen konnte. Beim modernen Brexit handelt es sich dagegen um eine Volksabstimmung, die zwar deutlich ausfiel, aber wiederum nicht so gravierend, dass man von einer großen Mehrheit sprechen kann.

Und an dieser Stelle trifft man das nächste Problem in der Argumentation des Autors. Der Wille des Volkes reicht zwar (vermutlich auch jetzt noch) für eine Entscheidung, aber sie dann so darzustellen als wäre sie der Ausfluss typisch britischer Denkweisen, ist wohl angesichts des Ausgangs des Votums ziemlich mutig. Der tatsächliche Konflikt mag zwar in Großbritannien an einer bestimmten Stelle deutlich zutage getreten sein, in Wirklichkeit findet man ihn in fast allen europäischen Ländern. Denn inzwischen ist die EU zur Idee eines europäischen Zentralstaates verkommen. Geht man davon aus, dann ist die undemokratische Grundstruktur des jetzigen Gebildes kein Zufall mehr, sondern eine wohldurchdachte Möglichkeit des Zugriffs auf die Nationalstaaten, ohne dass die Bevölkerung sich dessen tatsächlich immer bewusst ist. Der Autor nennt diese Zentralstaatsidee die "europäische Utopie", was er insbesondere im dritten und letzten Teil seines Textes zu erklären versucht.

So interessant sich der Text im Großen und Ganzen liest, so seltsam phrasenhaft ist er an anderen Stellen. So behauptet der Autor zum Beispiel, es hätte sich nach 1989 ein Konsens herausgebildet, der Folgendes zum Inhalt hat: "die Überlegenheit der liberalen Demokratie und des neoliberalen Wirtschaftens, den Nutzen multikultureller Gesellschaften und den aufklärerischen Zauber politischer Korrektheit". Wieso man Sprech- und Denkverbote mit den Worten Zauber und Aufklärung verbinden soll, hat sich mir nicht erschlossen. Multikulturelle Gesellschaften gibt es in Europa nirgends, außer vielleicht in den Köpfen von Intellektuellen, die die Wirklichkeit nicht begreifen. Was es dagegen wirklich gab, ist der opferreiche Zerfall Jugoslawiens, eines von Tito einstmals erzwungenen multikulturellen Staates. Leider gehört auch dieser Autor zu den Intellektuellen, die nicht verstehen, dass in Europa keineswegs irgendwann nachhaltig neoliberal gewirtschaftet wurde. Ansätze dazu wurden stets sehr schnell durch staatlichen Interventionismus erstickt.

Das Buch erklärt vieles wirklich gut, anderes eben weniger toll. Präzise ist es jedoch selten.

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Rezension zu "Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie" von Jochen Buchsteiner

Ist der Brexit vielleicht gar nicht so verrückt?
Rose75vor einem Jahr

Jochen Buchsteiner arbeitet als Korrespondent der FAZ in London und hat spürbare Sympathien für das Inselvolk. In diesem kleinen Buch arbeitet er das Thema Brexit und seine Hintergründe auf und  kommt zum Schluss, dass nicht die Briten das Problem sind, sondern die Ausrichtung und Gestaltung der EU dringenden Reformbedarf hat.

Auf Seite 71 zitiert der Autor zwei Persönlichkeiten des Königreichs. Lord Bolingbroke (1678-1751) „Seien wir allzeit eingedenk, dass wir Nachbarn des Festlandes sind, nicht aber ein Teil von ihm; dass wir Europa zugeordnet sind, nicht aber ihm angehören“ ähnliches sagt Winston Churchill (1874-1965) mit folgenden Worten „Wir stehen zu Europa, gehören aber nicht dazu; wir sind verbunden, aber nicht umfasst; wir sind interessiert und assoziiert, aber nicht absorbiert; wir gehören zu keinem einzigen Kontinent, sonder zu allen.“

Beide Zitate beschreiben sehr gut um was es in diesem Buch geht.

Der Autor sieht dringenden Handlungsbedarf in der Ausrichtung und Konstruktion der 'Europäischen Union', damit dem Brexit nicht weitere Ausstiege folgen.

 Das Projekt Europa muss attraktiver werden. 

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Rezension zu "Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie" von Jochen Buchsteiner

Brexit: Wird Europa den Briten noch dankbar sein?
nordberlinervor 2 Jahren

Kein geringerer als "Mister Europa", der ehemalige ARD-Korrespondent in Brüssel Rolf-Dieter Krause, sagte ein Jahr nach seinem Wechsel in den Ruhestand: "Der Zustand Europas hätte nicht so werden müssen, wie er ist." Er sieht also ein Defizit der Verfassung (= Befindlichkeit, Konstitution, Stimmung, Zustand) der Europäischen Union (EU), und dies hat der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts und Bundespräsident Roman Herzog bereits drei Jahre zuvor auch getan, in seinem 2014 erschienen Buch "Europa neu erfinden - Vom Überstaat zur Bürgerdemokratie". Herzog schreibt dort, dass die EU in den Jahrzehnten ihres Bestehens mehrfach ihre Funktionen verändert habe, wodurch sich auch ihre Organisation und Willensbildung gewandelt habe. Heute, so Herzog, erwarteten die Unionsbürger von der EU vor allem zwei Leistungen: den Erhalt des mittlerweile erreichten Wohlstandes und ein kraftvolles Auftreten der EU in der sich neu organisierenden Welt.

In seinem hier vorliegenden Buch schildert Jochen Buchsteiner sehr klar und nachvollziehbar, warum die Briten mehrheitlich nicht mehr darauf vertrauen, dass die EU diesen gestellten Aufgaben gewachsen ist. Der Autor zieht aus seiner Untersuchung den Schluss, dass die Briten in der EU geblieben wären und die Schweizer und Norweger schon lange dabei wären, wenn die EU an Stelle einer "immer engeren Union" auf intergouvernementale Zusammenarbeit gesetzt hätte. Es könnte, so Buchsteiner, den Anführern der Union zu denken geben, dass sich diese reifen und selbstbewussten Demokratien vom Brüsseler Modell abgeschreckt fühlten (Seite 124). 

Buchsteiner entfaltet seine Darlegung in drei Kapiteln:

  • Kapitel I (Der missverstandene Brexit, Seite 9 ff.) erläutert die den jeweiligen Beteiligten zugeschriebenen Motive ihrer Positionen und die Wahrnehmung der jeweils anderen Seite; 
  • Kapitel II (Wurzeln des Andersseins, Seite 53 ff.) schildert in einem historischen Blick auf Britannien, wie es um das Selbstverständnis der Briten bestellt ist, wie es sich von den Kontinentaleuropäern unterscheidet und warum die Briten als Erste ihre EU-Mitgliedschaft aufkündigen;
  • Kapitel III (Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie, Seite 97 ff.), dessen Überschrift dem Buchtitel entspricht, behandelt die politischen Chancen bzw. Risiken des Brexit für alle Seiten - und damit auch die für Kontinentaleuropa entscheidende Frage, ob der bisherige Integrationskurs (“immer engere Union”) beibehalten werden kann.
Obwohl die EU-kritische Position des Autors unverkennbar ist, zeichnet sein Buch die Gründe, die überhaupt erst zur Diskussion eines Austritts und sodann im Sommer 2016 zum Abstimmungssieg der Brexiteers über die Remainers geführt haben, sorgfältig und ausgewogen nach. Seine profunden Kenntnisse über den bisherigen Diskurs in Deutschland, Britannien, Europa und der Welt und die damit in Zusammenhang stehenden nationalen und globalen Entwicklungen tragen entscheidend zur Sichtung des Klärungsbedarfs bei. Dabei gelingt es Buchsteiner, seine sehr prägnanten Ausführungen nicht nur mit nachvollziehbaren Quellen zu flankieren, sondern auch mit anekdotischen Beispielen zu veranschaulichen. 

Auf dieser Grundlage schälen sich gute Argumente für den notwendigen (= die Not wendenden) Diskurs über den weiteren Weg der EU und Korrekturen ihrer Arbeitsweise und Ziele heraus. 
Es wird deutlich, dass der Brexit exemplarisch den Klärungsbedarf der EU aufzeigt: Kann - über das ursprüngliche Ziel der Sicherung von Frieden und Wohlstand hinaus - an der Vision einer "besseren Welt" und der Überwindung von Grenzen und Nationen festgehalten werden, oder muss diese Vision heute als gescheitert bezeichnet werden? 

Buchsteiner schließt seine Darlegung mit dem - in manchen Augen wohl ketzerisch anmutenden - Gedanken, dass die Kontinentaleuropäer den Briten am Ende noch dankbar sein könnten; der Brexit könne als heilsamer Schock verstanden werden für die Klärung der Frage, wie die Europäer ihren Platz finden in einer Welt, die immer weniger europäisch wird. Wenn, so der Autor, die EU den richtigen Weg einschlüge, mussten die Briten ja vielleicht gehen, um eines Tages richtig zu Europa dazuzugehören. 

Auch wer die Wertungen des Autors letztlich nicht teilt, wird in seinem Werk eine sehr klare Darstellung der mit dem Brexit aufgeworfenen strategischen Fragen und ihrer Hintergründe finden. Zudem ist der mit knapp 140 Seiten überschaubare Lesestoff sehr flüssig lesbar - die Lektüre ist daher uneingeschränkt zu empfehlen. 

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