„Unsere Paartherapeuten, die inzwischen unsre Trennungscoachs sind, wären zufrieden mit dieser ersten Zusammenstellung“.
Eine erste Liste an „Ressourcen“, die Richard Sparks natürlich brav erstellt.
Man könnte sagen, wenn man in sich selbst keine Sicherheit und Festigkeit mehr findet, dann ist man natürlich dankbar für die Rahmungen durch professionelle Coachs. Was tief blicken lässt, denn wenn Sparks in „Momenten des Verzagens“ seine rudimentären Schachkenntnisse, sein Latein damals aus der Schule, seine eigene „Studie über die Schönheit“ (unfertig und mal lieber nicht Verlagen zeigen) oder „Tonleitern“ als Ressourcen angibt, dann kann man unschwer erkennen, dass bei echten Gegenwinden des Lebens wohl gar nichts davon wirklich wirken würde.
Das dazu, auch das schmerzlich im Lauf der Lektüre immer völlig auf den Punkt gebracht, selbst mit Mutter und Vater (und zwischen diesen beiden) ständig aneinander vorbeigeredet wird, dabei verdeutlicht wird, dass das daran liegt, das jede der Personen nur in der ganz eigenen Welt mit den ganz eigenen „Botschaften“ lebt und Zuhören, den anderen verstehen wollen und damit einen belastbaren Draht zueinander zu finden schlichtweg nicht als „Ressource“ vorhanden ist, dann legt Schmidt schonungslos den Finger auf die Tendenz der modernen Welt zum „Schaufensterleben“.
Sich ausdrücken und zeigen und mehr nicht. Und damit aneinander vorbeileben, das ist eines der Themen dieses neuen Romans von Jochen Schmidt.
Und tatsächlich, das nervige Gefühl von Beginn der Lektüre an, die Anstrengung, den ständig um sich kreisenden Gedanken und Handlungen des Richard Spark erst einmal standzuhalten (ohne leichten Aggressionen zu viel Raum einzuräumen), am Ende ist dies, vielleicht, nur die Spiegelfunktion des Romans, der das eigene Verhalten von Lesern und Leserinnen benennen könnte. Vor allem aber ist dieses Leben, wie es aktuell überall Einzug hält, wie es von einem Aufreger zum nächsten jagt und in der Aufgabe, das alles am Laufen und sich selbst beim „Mithalten“ zu erschöpfen, für die meisten Menschen nurmehr wenig Zeit übrig lässt, auch mal zur Reflexion, zur Ruhe, zum echten Miteinander zu kommen.
All das, was sich ständig tut, was sich in Richards Leben verändert, überfordert den Mann einfach. Er kommt nie vor die Welle, sondern schaut immer hinterher. Obe r damals in der DDR „falsch programmiert“ wurde“? Das gilt es, aufzuarbeiten. Und das vollzieht Sparka umfassend im Roman.
Und das muss man ihm zugutehalten, er gibt einfach nicht auf. Und da es erkennbar „einfach so“ nicht funktioniert, da er mit dem, wie er ist, sich immer fremder und einsamer in dieser Welt fühlt, geht er auf Spurensuch. Zu dem, was ihn als Person geprägt hat. Damals.
Und ob diese damalige Welt, auf die er eingestellt worden ist in seiner Familie und seinem Umfeld, einfach aufgehört hat, zu existieren oder vielleicht von Beginn an etwas „daneben“ war, wie er die Welt kennengelernt und wie ihm diese nahe gebracht wurde.
„In der Kirche war mir das laute Beten des Vaterunser peinlich, beim Aufstehen wurde mir schwindlig“. Was nicht unbedingt heißt, dass Richard der Religion feindlich gegenübersteht, sondern einfach darauf verweist, dass schon damals, als Kind, die „Welt“ und er selbst nicht ganz zusammenpassen.
Und so gilt:„…würde ich dem kleinen Betenden nur die Warnung mitgeben könnte, nicht ich zu werden“.
So ist es nicht verwunderlich, dass er sich erst einmal zurückwünscht. Noch einmal anders und neu anfangen. Seine mathematische Begabung besser ins Leben bringen.
„Inzwischen würde ich mich sogar vorbereiten“. Was alles auch darum kreist, einfach gesehen, bemerkt, gemocht zu werden. Wie eine tiefe Suche, die einfach mehr und mehr im Berlin der Gegenwart unerreichbar geworden zu sein scheint.
Auch wenn es teils urkomisch, teils nervend, teils einfach anstrengend ist, der Suche nach Orientierung dieses Richard zu folgen, man kann sich einfach nicht ganz davon frei machen, immer wieder auch eigene Erfahrungen, eigene Verhaltensweisen in den Blick gesetzt zu bekommen.