Johanna Sinisalo

 3.8 Sterne bei 17 Bewertungen
Autor von Troll: Eine Liebesgeschichte, Finnisches Feuer und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Johanna Sinisalo

Troll: Eine Liebesgeschichte

Troll: Eine Liebesgeschichte

 (18)
Erschienen am 02.07.2007
Finnisches Feuer

Finnisches Feuer

 (3)
Erschienen am 19.07.2014
Iron Sky

Iron Sky

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Erschienen am 27.04.2019
Glasauge

Glasauge

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Erschienen am 03.09.2007
Birdbrain

Birdbrain

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Erschienen am 01.04.2011

Neue Rezensionen zu Johanna Sinisalo

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mondys avatar

Rezension zu "Troll: Eine Liebesgeschichte" von Johanna Sinisalo

Trolle mal anders
mondyvor 2 Jahren

Aus dem Finnischen von Angela Plöger

Meine Meinung
Dieses Buch ist ungewöhnlich. Das sieht man eigentlich schon, wenn man das Buch nur durchblättert. Erzählt wird die Geschichte von Angel, der eines Nachts einen kleinen Troll findet und bei sich aufnimmt. Ja, richtig, einen Troll. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass Trolle keine Fabelwesen sind, sondern eine existierende, sehr scheue Wildtierart. Belegt wird dies durch allerlei Quellen, die immer wieder in die Geschichte eingestreut werden. Dabei bezieht sich die Autorin sowohl auf Texte, die es wirklich gibt (z.B. Auszüge aus Märchen), als auch auf fiktive Texte (z.B. Zeitungsnachrichten über Trolle). Diese Mischung erzeugt den Eindruck, als wären Trolle tatsächlich ein ganz natürlicher Teil dieser Welt. Ein gelungener Kniff!

Die eigentliche Geschichte ist unterteilt in relativ kurze Abschnitte, in denen verschiedene Personen zu Wort kommen. Allen voran natürlich Angel, der den Troll zunächst aus Mitleid mit in seine Wohnung nimmt, im Laufe der Zeit aber eine besondere Beziehung zu dem Tier aufbaut. Diese Verbindung beeinflusst auch das Umfeld Angels: diverse Ex-Partner, ein neuer Freund und eine Katalogfrau aus dem Erdgeschoss spielen dabei eine Rolle. 

Die genauen Ereignisse werden oft nur angerissen. Ich finde, das Buch lebt von Andeutungen, spielt mit dem Kopfkino des Lesers. Dann wieder gibt es ganz genaue Beschreibungen von Momentaufnahmen. Die Beziehungen sind sexuell aufgeladen, es geht häufig darum, den Gegenüber durch Sex oder Anspielungen darauf zu manipulieren. Dass es dabei auch zu expliziten Szenen kommt, ist kaum zu vermeiden, auch wenn ich finde, dass alles im Rahmen bleibt. Seitenweise pornographische Beschreibungen wird man hier also nicht finden, die Schilderung von sexuellen Handlungen (auch und gerade homosexuelle) sollte man allerdings ertragen können. Ich persönlich hatte damit nicht gerechnet, finde aber gerade diesen Aspekt in Verbindung mit dem Trollthema sehr interessant, zumal es auch eine Verbindung gibt. 

Die Autorin hat hier etwas ungewöhnliches versucht und einen eigenwilligen Roman erschaffen, der bestimmt nicht den Geschmack jedes Lesers trifft. Ich bin mir auch nicht sicher, was (und ob überhaupt) sie mit dieser Geschichte ausdrücken wollte. Und dennoch hat mir das Buch gefallen. Einfach, weil es mal etwas anderes ist.

Kommentare: 4
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Alexandra_Luchss avatar

Rezension zu "Finnisches Feuer" von Johanna Sinisalo

Scharf, Schärfer, Finnisches Feuer
Alexandra_Luchsvor 4 Jahren

Das Finnland der nahen Zukunft ist ein euristokratischer Staat, mit einer ganz eigenen, sehr besonderen Werteordnung. Mädchen werden in „Femi und Neutri-Mädchen“ unterteilt und je nach ihrer „Eignung“ für die Gesellschaft zur Mutter oder harten Arbeiterin erzogen. Bei den Jungen zählen nur die echten „Maskos“ und dürfen gemeinsam mit der passenden Femi-Frau Nachwuchs zeugen. Alle Rauschmittel sind verboten und die Bevölkerung hat Capsaicin als neues Suchtmittel entdeckt.
In dieser absurden Welt wachsen Vera und Mira (umbenannt in Venna und Minna, weil das natürlich viel weiblicher klingt) bei ihrer Großmutter in einem abgelegenen Hof auf. Vera ist eigentlich kein Femi-Mädchen (sie liest gern, ist neugierig und aufmüpfig), doch die Großmutter kann die Behörden täuschen und so auch Vera ein angenehmes Leben ermöglichen. Das diese Scharade nicht lange gut gehen kann, ist ziemlich klar, oder?

Ich bin wirklich begeistert von diesem Buch! Anfangs dachte ich, dass die Aspekte des Chilli-Rausches viel mehr im Vordergrund stehen und war irre neugierig, was man aus dieser Idee machen kann. Die Handlung beginnt ja auch schon mit einer „Drogenübergabe“ zwischen Vera und einem Capsaicin-Händler. Dass dieser Teil des Buches im Vergleich zur späteren Entwicklung regelrecht normal wirkt, hätte ich mir nicht denken können…
Die Handlung wird aus Veras Sicht erzählt, teils in Briefen an ihre Schwester Minna, teils in eigenen Erlebnissen. Veras Erlebnisse nachzuvollziehen ist dabei anfangs ziemlich schwierig, aber durch die direkte Erzählweise war ich unheimlich schnell in der Geschichte abgetaucht. Die erzählerische Bandbreite bei diesen Abschnitten ist übrigens wirklich toll: die Briefe von Vera an Mira wirken liebevoll und melancholisch, die Beschreibungen des harten Alltags und der Chilli-Drogen sind zum Teil echt verstörend. Dazwischen gibt es dann immer wieder „offizielle Dokumente“ und Veröffentlichungen, die näher erläutern, wie die Gesellschaft in diesem Buch tickt. Diese Einschübe sind unheimlich befremdlich und witzig zugleich. Ein bisschen kommt das Buch in diesen Teilen wie eine feministische Dystopie daher! Ein echter Albtraum wird da gezeichnet, eine Welt in der Frauen nur nettes Beiwerk der Männer sein sollen und möglichst nicht mit Intellekt abschrecken. Frauen, die dafür nicht geeignet sind, werden bestenfalls Arbeitstiere. Das diese ganze Aufteilung von Männern und Frauen dann noch staatlich gesteuert ist, alles auf Überwachung und Kontrolle basiert und selbst Schokolade verboten ist, setzt dem ganzen die Krone auf. Und obwohl die gezeichnete Gesellschaft in Teilen so absurd ist, kommt man einfach direkt rein (da ist wieder der direkte Erzählstil schuld) und fiebert mit Vera, ob sie doch noch ein freies und selbstbestimmtes Leben führen kann.

Und auch neben dieser reinen Beschreibung einer ganz anderen Gesellschaft bietet das Buch einen tollen Spannungsbogen. Da ist einerseits die, schon angesprochene, interessante Entwicklung von Vera, die zum Teil ganz heimlich allein, zum Teil mit echten Widerständlern aus ihrer Rolle ausbrechen möchte. Andererseits ist da ihre Suche nach Mira, zu der sie nach Miras Hochzeit den Kontakt verlor. Das ganze entwickelt sich fast zu einem Kriminalroman und kann dadurch auf ganzer Strecke überzeugen.

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tindernesss avatar

Rezension zu "Troll: Eine Liebesgeschichte" von Johanna Sinisalo

Zum Umgang mit dem Wilden
tindernessvor 4 Jahren

Troll: Dämonisches Wesen der nordischen Mythologie, das männlich oder weiblich sein, die Gestalt eines Riesen oder eines Zwergs haben kann. (Duden)

Ein erfolgreicher Werbefotograf namens Angel rettet einen Troll (!) vor gewalttätigen Jugendlichen, verliebt sich in ihn, versteckt ihn in seiner Wohnung und muss letztendlich nach einem schrecklichen Vorfall mit ihm in den dichten Wald flüchten. Das ist die einfache und unwahrscheinliche Geschichte, welche die finnische Autorin Johanna Sinisalo auf vielschichtige Art mit vielen Kunstgriffen erzählt. Das Buch erschien 2005 und wurde rasch zum Bestseller.

Beim Durchsehen der Rezensionen zeigt sich recht rasch, wie unterschiedlich "Troll: Eine Liebesgeschichte" rezipiert wurde. Während die einen das Buch als effekthascherisches Machwerk verurteilen, welches "ekelhaft postmodern" sei, sehen andere darin einen Schwulenroman, der auf das Tier im Mann verweise und dritte vermuten gar sodomistisches Gedankengut. Sehr oft stürzen sich Rezensionen auch auf die im Buch beschriebenen Pheromone des Trolls, die all jene, welche ihm begegnen, auf intensive Weise sexuell erregen. Wir sehen: Bücher können auf verschiedene Weise gelesen und interpretiert werden. Das macht oft erst ihre Qualität aus.

Ich habe das Buch auf meine Weise gelesen und möchte dabei zwei Aspekte hervorheben: (1) den Aspekt der Liebesgeschichte(n) und (2) den Aspekt des Umgangs mit dem Wilden und der Wildnis.

Man möge sich nicht vom Buchtitel ins Bockshorn jagen lassen, denn nicht EINE Liebesgeschichte wird beschrieben (= jene von Angel zu einem von ihm vor gewalttätigen Jugendlichen geretteten Troll), sondern VIELE Liebesgeschichten (= jene aller Romanfiguren zu Angel). Erzählt werden dabei die unterschiedlichen Abarten von Liebe und deren Scheitern: Abhängigkeit, Berechnung, Enttäuschung, unerfüllte Sehnsucht,  Anziehung, Sexualität, Verzweiflung und Sadismus. Alle diese Liebesverhältnisse, die die ProtagonistInnen des Romans zu Angel entwickeln, führen letztendlich zur Katastrophe am Ende des Romans. Angel ist panisch getrieben von den Ansprüchen all derer, die sich in ihn verliebt haben und die sein Geheimnis zu entdecken drohen. Letztendlich bleibt ihm nichts anderes übrig als vor ihnen zu flüchten: mit ihm das Wesen, das er liebt und das er vor ihnen und der Polizei schützen muss. Es ist nicht allein die sexuelle Erregung, die ihn so eng an den Troll bindet, sondern Erotik, Zärtlichkeit und vor allem die Überzeugung, dass er dieses Wesen vor den Anderen und der Zivilisation schützen muss.

Doch auch hier ist es möglich, das Geschehen anders zu lesen, nämlich als Parabel über den Umgang des Menschen mit dem Wilden. Denn einerseits wird der Troll im Roman durch die Werbewirtschaft hemmungslos als Sinnbild des Wilden ausgebeutet. Die Konsumgesellschaft in ihrer Fadesse und Orientierungslosigkeit dürstet nach dem ultimativen Thrill, nach dem Ursprünglichen, dem Wilden, dem gefährlich Erscheinenden und Furchterregenden. Andrerseits hat die Menschheit im Laufe der Zivilisation verlernt, mit dem Wilden umzugehen und wird so unvermutet zu seinem  (un)wissenden Opfer und grausamen Täter. Drittens schlummert im Menschen das Wilde, das erst zusammen mit seiner Fähigkeit zur bewußten Entscheidung zur Grausamkeit wird, die andere Menschen wegsperrt, schlägt und tötet. Demgegenüber erscheint das Wilde im Tier als naiv und unschuldig, auch wenn es den Tod verursachen kann. Auch das erzählt dieses Buch, ohne allerdings ins weltanschaulich - philosophische abzugleiten

Der Troll selbst ist also in letzter Konsequenz nichts als ein Symbol für den letzten Rest an Wildnis, die wir in einem langen Zivilisationsprozess übrig gelassen haben und der wir mit zwiespältigen Gefühlen begegnen: mit Liebe, Angst und Hass. Ungewohnt ist der Umgang mit der Wildnis und dem Wilden in und um uns, weil wir gewohnt sind es ständig zu verdrängen. Klopft es einmal an unsere Tür, so führt es uns vielleicht an den Rand einer Katastrophe. Das Wilde verschlingt uns, ob im Guten oder Bösen.

Dass es Trolle als Tierwesen geben soll, ist selbstverständlich von der Autorin erfunden; dass sie uns in zahlreichen Texteinschüben aber derartig viele (auch konstruierte) wissenschaftliche Beweise für deren reale Existenz anbietet, ist ein perfides Spiel mit der Realität. Letztendlich neigen wir dazu, über deren mythologischen Befund hinaus an sie zu glauben. Liebe macht eben auch blind. Damit hat Johanna Sinisalo wieder etwas hergestellt, was wir mit Umberto Eco als "Hyperrealität" bezeichnen können. Der Roman ruft vielleicht dadurch Dinge in uns hervor, die schon längst als "erledigt" galten. Eine neue Realität entsteht, in der wir dem Anderen begegnen. Dafür gebührt der Autorin großes Lob.

Wen diese Zeilen neugierig gemacht haben, der bestelle schnell eines der wenigen Restexemplare, die es am Buchmarkt noch gibt. Es lohnt dann die Lektüre, wenn man sich selbst noch ein wenig Offenheit für das unerklärlich Fremde bewahrt hat.

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