Johannes Becher 1) Abschied und ein Romanfragment von 2) Wiederanders -

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Inhaltsangabe zu „1) Abschied und ein Romanfragment von 2) Wiederanders -“ von Johannes Becher

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    1) Abschied und ein Romanfragment von 2) Wiederanders -

    Heike110566

    30. April 2011 um 09:54

    In der DDR galt Johannes R. Becher (1891-1958) als einer der größten deutschen Dichter der Zeit, in der BRD hingegen sah man ihn vor allem als "literarischen Apparatschik" und Verfasser von politischer Zweck- und epigonaler Gefühlsdichtung. Aber er war weder wirklich das eine noch das andere. Die Wahrheit liegt, wie meist in solchen Fällen, irgendwo in der Mitte dazwischen. Richtig: Becher war ein sehr politisch denkender Mensch und setzte sich auch in seiner Literatur für seine Positionen ein. Richtig ist auch, dass er dies auf literarisch hohem Niveau tat. - Immerhin war sein dichterisches Vermögen so groß, dass er bereits ab Ende des Ersten Weltkrieges von seiner Schreibkunst leben konnte und nur noch als Schriftsteller arbeitete. - Aber letztlich hatte auch Becher Stärken und Schwächen, sowohl als Mensch als auch als Dichter. Und da die Wahrheit immer konkret ist, wie Lenin in "Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution" richtig betonte, sollte man auch immer konkret die jeweiligen Werke betrachten. Der Roman "Abschied" wurde 1940 in Moskau, wo Becher im Exil lebte, erstveröffentlicht. Die Arbeit an diesem Buch dauerte fünf Jahre. Der Autor war vor allem Lyriker. Mit der epischen Form tat er sich schwer. Er versuchte deshalb auch wohl immer wieder den Roman in Gedichtzyklen aufzulösen. Am Ende stand aber die epische Form. Bei der Erstveröffentlichung war dem Roman noch ein München-Gedicht, das Becher aber 1946, wo er sich bereits für ein Dasein in der sowjetischen Besatzungszone entschieden hat, vorangestellt und er trug den Untertitel "Einer deutschen Tragödie erster Teil. 1900-1914". In den Neuauflagen ab 1952 ist dieser Untertitel nicht mehr vorhanden, sondern durch den einfachen Zusatz "Roman" ersetzt. Offenbar hatte der Autor sich entschieden, dieses Buch als abgeschlossene, selbständige Einheit zu betrachten, statt wie davor als Mehrteiler. "Abschied" wird sehr oft als autobiographisches Werk gesehen, aber dies ist so nicht richtig. In diesem Roman spiegeln sich autobiographische Elemente aus Bechers Leben wider, aber insgesamt betrachtet ist es eine konstruierte Geschichte. Die Figur des Protagonisten Hans Gastl ist nicht Johannes R. Becher. Der Romanheld ist fünf Jahre jünger als der Autor und ist daher auch nicht, wie Becher es war, in der Expressionismus-Szene um 1910 situiert. Für Becher war die expressionistische Phase eine bedeutende, in der er auch ein etablierter Autor war und zum Schwabinger Künstler- und Münchner Literatenkreis gehörte. Der Roman-Protagonist Hans kam da gerade in seine Teenagerjahre, weswegen Hans auch vom Expressionismus in "Abschied" kaum tangiert wird. Er wird, anders als der Autor, nicht von ihm geprägt. Auch die Wahrnehmung des Ausbruchs des ersten Weltkrieges ist verschieden. Hans berichtet in der Reflexion, die mit dem Ende des Romans beginnt, seinen Entwicklungsweg. Geprägt ist diese Betrachtung dadurch auch immer, dass die Ich-Erzählerfigur die dargestellte Genese bereits absolviert hat, von den gemachten Erfahrungen beeinflusst ist. Der zehnjährige Hans wird also nicht vom zehnjährigen Hans betrachtet und erzählt, sondern von einen inzwischen erwachsenen Menschen. Erzählt werden, worauf der ursprüngliche Untertitel auch hinwies, Hans' Entwicklung in den Jahren 1900 bis 1914, dem wilhelminischen Zeitalter also. Der Einstieg ist die Silvesternacht von 1899 zu 1900. Die magische Jahreszahl hatte für die Menschen der Zeit eine besondere Bedeutung. Die damalige Welt befand sich auf vielen Ebenen im Umbruch. Es sollte Anderswerden. Auch Hans wird von diesem Wunsch Anderswerdenwollen in dieser Neujahrsnacht, die er als kleiner Junge erlebt, der noch nicht mal zur Schule geht, geprägt. Das Anderswerden wird zum Leitmotiv des Romans. Die Entwicklung von Hans im Roman wird gekennzeichnet dadurch, dass er immer wieder hinterfragt was wie weshalb und warum anders werden soll. Da Entwicklungen aber selten in Sprüngen erfolgen, sondern meist in kleinen, oft nicht bemerkbaren Schrittchen, wird das Anderswerden, trotz es ständig statfindet, von vielen nicht wahrgenommen. Auch Hans hat da immer wieder Schwierigkeiten. Aber dies liegt auch in der Natur der Sache oder besser gesagt: in der Anlage des Romans. Als der Roman beginnt ist Hans ein Vorschul-Knirps. Das Ende der erzählten Geschichte erlebt er als gerade erwachsen gewordener Mensch. Daher ist es völlig normal, dass auch der Erkenntnisweg der Figur von Auf und Abs, von Irrungen und Wirrungen und dem Suchen nach seinen Platz in der Welt gekennzeichnet ist. All diese Lebenswegschritte erlebt man als Leser mit. Und die Entwicklung ist zweifellos interessant. Aus einem gutbürgerlichen Elternhaus stammend, dass streng wilhelminisch konservativ ist, wird aus Hans am Ende ein standhafter Gegner des Ersten Weltkrieges, der mit seinem bisherigen Umfeld völlig bricht. Interessant ist auch die Form, in der der Roman von Becher angelegt wurde. Es gibt genau 50 Kapitel und Kapitel 25 enthält zum ersten Mal Widerstand gegen den überaus dominanten Vater von Seiten Hans'. Es ist also ein Qualitätssprung auf dessen Weg vom Strammsteher zu einem standhaften Menschen. Aber obwohl es zahlentechnisch als Kapitel genau die Mitte des Buches darstellt, ist es seitenanteilmäßig bei weitem nicht so. Die ersten 25 Kapitel umfassen 130 Seiten, die anderen 25 Kapitel 300 Seiten. Die Kapitel werden mit zunehmender Differenzierung des Protagonisten länger und auch differenzierter. Erzählt wird in der Ich-Form, aber mit der Distanz des zurückblickenden erwachsen gewordenen jungen Mannes auf seine Kindheit und Jugendzeit. Es ist ein Roman vom Anderswerden, ein Roman der Genese eines heranwachsenden Menschen und damit auch ein Entwicklungsroman. Der Schreibstil ist nicht einheitlich. Über weite Strecken ist die Erzählweise prosaisch. Immer wieder wird aber auch Lyrik eingebaut und dazu gibt es, nicht immer leicht verständliche, surrealistische (Tag-)Traum-Sequenzen, die durchaus auch mehrere Seiten teilweise umfassen. Diese Einstreuungen sind zwar für sich betrachtet jeweils sehr interessant, hemmen aber auch etwas den Lesefluss und können den Leser auch gedanklich vom tatsächlichen Weggeschehen wegführen. Tatsächliches Geschehen und Traum drohen manchmal sich zu vermischen. Das Roman-Ende ist vom Handlungsverlauf her konsequent und im Grunde teleologisch vom ersten Kapitel her an vorhanden. Alles in dem Roman läuft auf dieses Ende zu. Dadurch das aber der Roman ursprünglich, siehe oben, eine Fortsetzung haben sollte, diese aber dann doch nicht entstand, ist es ein offenes Ende. Der Abschied ist eigentlich ein Anfang. Der Schlusspunkt ist genau die Schwelle und dies im wahrsten Sinne des Wortes. -------------------------------------------------------------------------------------- Als zweites episches Werk ist in diesem band das Roman-Fragment "Wiederanders" enthalten. Diesen Roman hat Becher offenbar kurz vor seinem Tod begonnen. Er umfasst hier gerade mal knapp 50 Buchseiten. Anscheinend hatte sich der Autor nun doch noch entschlossen "Abschied" fortzusetzen. In dem Fragment begenen wir Hans Gastl wieder. Aber es ist eben nur ein fragmentarischer Ansatz, die nur ansatzweise die weitere Entwicklung skizziert. Es stellt noch kein Werk als solches dar, ist aber in Bezug auf den Roman "Abschied" natürlich lesenswert.

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