Johannes Pankau

Lebenslauf von Johannes Pankau

Johannes G. Pankau, Prof. Dr., lehrt Germanistik und Rhetorik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und an der Universität Bremen.

Quelle: Verlag / vlb

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Cover des Buches Fräulein Else (ISBN: 9783150111963)

Fräulein Else

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Erschienen am 24.05.2019

Neue Rezensionen zu Johannes Pankau

Cover des Buches Fräulein Else (ISBN: 9783150181553)awogflis avatar

Rezension zu "Fräulein Else" von Arthur Schnitzler

Zeitloser Klassiker
awogflivor 2 Jahren

Es ist schon eine Kunst, wenn ein Autor einer sehr verstaubten Novelle, die ja schließlich die Moralvorstellungen nicht vom letzten sondern vom vorletzten Jahrhundert vertritt, diese so zu konzipieren vermag, dass die Nöte der Protagonistin, die auf Grund dieser Moral entstehen, so konsistent und genial vermittelt werden, dass wir sie auch heute noch nachvollziehen zu vermögen.

Zudem ist Fräulein Else wie schon der Leutnant Gustl stilistisch in Form eines ziemlich genialen inneren Monologs konzipiert. Man bedenke, dass diese Erzählform von Schnitzler VOR dem meiner nach total überschätzten James Joyce weitaus brillianter eingeführt wurde, da Schnitzlers Monologe erstens angenehmst kürzer, und viel tiefgängiger als jene des Ulysses verfassst wurden, die ja im Gegensatz zu Schnitzler keine substantiellen Probleme der Protagonisten sondern nur nichtiges Geschwätz beinhalten. Die Novellen von Leutnant Gustl und Fräulein Else stellen für mich ohnehin die Highlights aus Schnitzlers Werk dar, obwohl mir ein paar Theaterstücke und die Traumnovelle auch ganz gut gefallen haben.

Aber nun zum Inhalt:
Schnitzler wirft die Leserschaft in die Welt einer glorreichen Fassade hinter der alles verrottet ist. Das junge schöne Fräulein Else ist mit der guten Gesellschaft in der Sommerfrische im Ausland und bekommt einen unangehmen Expressbrief von Mama. Der Herr Papa hat Gelder von Mündeln veruntreut und gestohlen. Wenn sie nicht bis morgen 30.000 Gulden vom unsympathischen Herrn Dorsday bekommt, muss Papa ins Gefängnis. Bald stellt sich heraus, was der schmierige Herr Dorsday von dem 19-jährigen Mädl, das außer Schwärmereien noch gar keine sexuellen Erfahrungen hatte, verlangt. Sie soll sich um Mitternacht mit ihm im Wald treffen und sich ihm splitternackt präsentieren. Zwar schwört der alte Wüstling Stein und Bein, von ihr sonst nichts weiter zu verlangen, aber so einer Situation alleine mitten in der Nacht im Wald würde ich mich nicht einmal heutzutage aussetzen, aus Sorge, vergewaltigt zu werden.

In ihrem inneren Monolog wälzt die junge unerfahrene Else ihre Probleme und denkt sogar daran, sich das Leben zu nehmen. Ist auch glaubwürdig, dass sie mit dem Tod kokettiert, wenn sie sich für die Ehre des Herrn Papa ihren Körper an den Herrn Dorsday verschachern muss und sich eben im Gegenzug zur Rettung des Vaters der lebenslangen Schande aussetzen muss und sich opfern sollte. Schlussendlich fordert der Vater in einer zweiten Depesche fast doppelt so viel Geld, also wird sie auch mehr geben müssen. Zudem ist sie ja mit 19 Jahren noch Jungfrau, da würde ich in der Situation und unter diesem enormen Druck auch mal an Schlaftabletten denken

Was für ein Arschloch von Papa, so etwas außerdem nicht einmal selbst zu erbitten, sondern dies indirekt über die sehr naive Mutter, die die Schuldkeule schwingt, zu verlangen. Anstatt dass der Vater für sein Versagen und für seine Taten geradesteht und die Schande des Diebstahls und des Gefängnisses annimmt, soll sich Else einer ganz anderen Schande opfern. So zahlen die Kinder die Schulden der Eltern. Else fragt sich zu Recht, warum eigentlich sie die Fehler des Vaters ausbaden soll und dem geilen Bock von Geldgeber zu Willen sein muss. Das Mädchen wäre lebenslang ruiniert, gesellschaftlich wie finanziell, denn Arbeit geht nicht, sie hat ja nix Gscheites gelernt und Ehe ist danach auch nicht mehr möglich, wenn sich der Dorsday im Wald am Mädl vergreift, denn er hat ja für die Nutte ordentlich bezahlt. Sie wird ohne eigentlich ursprünglich involviert zu sein, zwischen den beiden fordernden Männern und den gesellschaftlichen Konventionen zermalmt. Immer wieder konzipiert sie im Kopf Fluchtwege und Notausgänge aus dieser Situation.

Sehenden Auges wird auch eine andere Dramatik offenbar, denn der Vater ist ja nicht einzigartig und zufällig in einer derartigen Notlage, sondern die hoffnungslose Spielsucht des Papas und deren jahrelange und stetige Vertuschung mit den Auswirkungen wie Unterschlagung und Diebstahl hat auf die öffentliche Offenbarung der Schande der Familie ja nur eine kurze, aufschiebende Wirkung. Der Kater lässt trotz aller Beteuerungen das Mausen (das Spielen und das Prassen) nicht.

Letztendlich scheitert jeder Notausgang und Else opfert sich völlig unnotwendig einem verantwortungslosen Vater, einem geilen Bock und den gesellschaftlichen Konventionen, indem sie sich umbringt. Sie hat im Fieberwahn der Ausweglosigkeit das Versprechen eingelöst, sich nicht nur Herrn Dorsday, sondern der gesamten Gesellschaft nackt gezeigt und sich dann ob der Schande mit Veronal vergiftet. Na hoffentlich hat der Herr Papa wenigstens das Scheiß-Blutgeld bekommen und einen Aufschub seiner Schande erhalten, denn Else hat ihr Wort gehalten und die 50.000 Gulden redlich für die Familie verdient. Wenn sie auch diese Peinlichkeit nicht ertragen konnte und sich entleibt hat. Was für ein tragisches Opfer, das Else in den letzten Sekunden ihres Lebens auch noch bereut!

Fazit: Ein zeitloser Klassiker, der auch heute noch gut zu lesen und zu verstehen ist. Nicht deshalb, weil wir so etwas ohnehin heute auch noch verstehen können, sondern weil uns Schnitzler die Nöte und Ängste des Mädches derart nahezubringen vermag, dass das Mitfühlen und Verstehen ganz einfach gelingt.

Kommentare: 8
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Cover des Buches Fräulein Else (ISBN: 9783150181553)FriediMs avatar

Rezension zu "Fräulein Else" von Arthur Schnitzler

Rezension zu "Fräulein Else" von Arthur Schnitzler
FriediMvor 10 Jahren

Arthur Schnitzlers Monolognovelle “Fräulein Else” begleitet die Gedankenwelt einer jungen Protagonistin.

Else ist 19 Jahre alt und stammt aus der gehobeneren Klasse der Wiener Gesellschaft. Sie befindet sich im Urlaub, als sie ein Telegramm ihrer Mutter ereilt, in welchem sie darum gebeten wird den Kunsthändler Herrn von Dorsday nach einem Darlehen für ihren Vater zu erfragen, da dieser Spielschulden von 30.000 Gulden hat.
Else, die sich direkt Gedanken darüber macht, welchen fleischlichen Preis sie Herrn von Dorsday für diese gute Tat zu zahlen hat, schwankt nun zwischen der Last sich ihrem Vater aufzuopfern und dem Suizid den sie zu begehen wünscht anstatt von Dorsday eine “Bezahlung” für sein Darlehen zu erstatten.

Von Dorsday wünscht die Protagonistin für eine halbe Stunde nackt zu sehen, und verspricht danach die Schulden ihres Vaters zu tilgen. Else, die sich daraufhin vollkommen verrückt macht, und über den Kunsthändler empört ist, weiß sich nicht zu helfen und beschließt ihrem Vater diesen Gefallen zu tun. Nach ihrer Zusage gerät die junge Fraue jedoch ins Zweifeln. Ist es das richtige was sie getan hat? Wird Herr von Dorsday ihr vielleicht noch schlimmeres antun?
Else bereitet bereits das Schlafmittel Veronal vor, mit welchem sie gedenkt sich im Nofall umzubringen, kleidet sich nach dem Abendessen nur in einen schwarzen Pelzmantel (darunter trägt sie natürlich nichts) und sucht Herrn von Dorsday, den sie schließlich im Musikzimmer vorfindet.
Darauffolgend fällt sie offensichtlich in eine Scheinohnmacht, wird von den Anwesenden in ihr Zimmer getragen und greift in einem unauffälligen Moment zu dem Vironal, der sie scheinbar in tiefe erlösende Träume fallen lässt. Ob sie stirbt bleibt bis zum Ende unklar.

Diese Novelle, geschrieben von Arthur Schnitzler im Jahre 1924, ist eindeutig der Wiener Moderne bzw. dem Ästhetizismus zuzuschrieben. Sie zeigt nicht nur den Konflikt mit Elses innerer und äußerer Existenz, sondern auch ihre verwirrenden Gedankengänge auf, die sich mit ihrem Dasein als Frau sowie dem Frauenbild jener Zeit auseinandersetzt. Sie will sich emanzipieren, schafft es jedoch nicht vollkommen. Die Protagonistin stammt aus einer höheren Gesellschaft, Geld ist hier alles, und genau so ist das Geld bzw. die Schulden ihres Vaters der ausschlaggebende Grund, wieso sie in diese missliche Lage gelangt. Der Respekt vor Elses Vater, und vor allem die Angst, dass ihm etwas schlimmes zustoßen könnte lässt sie Dinge tun, die eindeutig der Prostitution nahe kommen, und so ist es klar, dass Else Gewissensbisse bekommt.
Die Novelle an sich ist mit viel Anstrengung zu lesen, da Elses Monologe teilweise sehr springend und vor allem voller lebhafter Entrüstung sind, gleichzeitig verschafft dieser Schreibstil der Novelle jedoch eine gewisse Authentizität.

Mehr auf meinem Blog: vitrinenglas.wordpress.com

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Cover des Buches Fräulein Else (ISBN: 9783150181553)urlaubs avatar

Rezension zu "Fräulein Else" von Arthur Schnitzler

Rezension zu "Fräulein Else" von Arthur Schnitzler
urlaubvor 14 Jahren

nicht schlecht, aber Else trieb mich an den Rande des Wahnsinns

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