Johannes R. Becher Ausgewählte Dichtung aus der Zeit der Verbannung 1933-1945.

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Inhaltsangabe zu „Ausgewählte Dichtung aus der Zeit der Verbannung 1933-1945.“ von Johannes R. Becher

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    Ausgewählte Dichtung aus der Zeit der Verbannung 1933-1945.

    Heike110566

    22. May 2011 um 10:40

    Als am 27. Februar 1933 in Berlin der Reichstag brannte und Hitler dies nutzte um Massenverhaftungen von Kommunisten und Antifaschisten vornehmen zu lassen, war auch Johannes R. Becher (1894-1958) von Verhaftung bedroht. Aber die Häscher bekamen ihn nicht. "Ich gehörte nicht zu denen, die man 5 Uhr früh aus dem Bett riß und verhaftete, ich war im letzten Augenblick gewarnt worden, und so verbrachte ich die Nacht an einer sicheren Stelle. Ich hörte durchs Telefon den Bericht von der Umzingelung meiner Wohnung, bestellte telefonisch der Polizei meinen Gruß und entschuldigte meine Abwesenheit. So habe ich mich in der folgenden Zeit auch mit den SA-Stürmen telefonisch unterhalten und sie ersucht, mich zu verhaften, wenn sie es könnten, und nicht, wie es geschehen ist, einen anderen Genossen mit mir zu verwechseln und ihn statt meiner blutig zu schlagen und anzuschießen." (Johnnes R. Becher, Der verwandelte Platz, 1934) Aber aller Mut, Trotz und Witz nutzte nichts. Becher, der sowohl ein bekannter Schriftsteller als auch ein politisch engagierter Mensch war, musste das faschistische Deutschland verlassen. Mitte April 1933 ging er ins Exil. Zuerst nach Wien, dann nach Brünn (heute Brno) und Prag und schließlich nach Moskau. Im sowjetischen Exil entstanden dann auch die insgesamt 200 Gedichte, die in diesem Lyrikband, der 1946 im Aufbau Verlag Berlin erschien und 1985 vom Verlag im Original-Layout als fotomechanischer Nachdruck erneut veröffentlicht wurde, zu finden sind. Der Band ist eine Auswahl, bildet aber dennoch in der Zusammenstellung eine konzeptionelle Einheit. Gegliedert wird der so enstandene Lyrikzyklus in vier Teile. Dem Ersten Teil ist ein Eingang, bestehend aus zwei Gedichten, vorangestellt und als Abschluss ist dem Vierten Teil das Gedicht "Zeit der Verbannung" als Ausgang nachgeordnet. "Heimkehr", das dem Gedichtband eröffnet, ist in der Art und Weise von Heines "Deutschland. Ein Wintermärchen" stark beeinflusst: "Ich trete mit der neuen Zeit Beginn Vor dich, mein Volk, in deinem Namen hin. O Deutschland, schwer geprüft wie nie zuvor! Ich seh dein Bild durch einen Trauerflor. In Schutt und Asche ist dein Bild gemalt, Daraus ein Leuchten einst mich angestrahlt. Mit Kreuzen kreuzweis ist das Bild bestickt, Daraus ein jedes fragend mich durchblickt. Seht es ihr alle, die ihr Deutsche seid, Und fragt: woher kam uns solch Herzeleid! ..." (Heimkehr, S. 7) Der Bezug zu Heine hat eine mehrfache Bedeutung: Heinrich Heine (1797-1856) war einst selber wegen seines politischen Engagements aus Deutschland vertrieben worden und starb im französischen Exil. Genau wie Becher liebte er aber bis zu seinem Tode seine deutsche Heimat. Sein Grimm und Hass war stets auf die Schuldigen an der politischen und sozialen Ungerechtigkeit gerichtet. Die Verantwortlichen griff er an. Und genau wie Becher liebte er das Volk und die Heimat mit all der landschaftlichen Vielfalt und Schönheit. Die Nationalsozialisten hassten beide gleichermaßen. Sowohl Heines als auch Bechers Bücher wurden auf den Scheiterhaufen im Mai 1933 verbrannt. Und Heine, der einst sagte, dass wer Bücher verbrennt letztlich auch dies mit Menschen tut, behielt leider recht. Aber: glücklicherweise konnten Heine und Becher niemals von ihren Jägern gefasst werden und so konnten beide bis an ihr Lebensende für ein freies, demokratisches, menschliches Deutschland eintreten. Aber zurück zu dem Lyrikband von Becher: Den Ersten Teil könnte man unter dem Titel "Bekenntnisse zu Deutschland" stellen. Trotz der Verbannung und den Nationalsozialisten, die als Deutsche soviel Leid und Elend über ihre Heimat bringen, bekennt der Autor sich als Deutscher, der seine Heimat und das deutsche Volk über alles liebt. "Ich bin ein Deutscher. Mögen Narren mir Auch aberkennen meine Bürgerrechte. Ich weiß, daß ich sie darum nicht verlier. Und wenn von einem künftigen Geschlechte Einst wird gefragt: ,Wer hat des Volkes Leiden So überreich in jener Zeit vermehrt?' Dann mag ein freies deutsches Volk entscheiden: WER war des Namens eines Deutschen wert. ..." (Ich bin ein Deutscher, S. 15/16) Für den Zweiten Teil könnte man als Überschrift "Was mich erhält und treibt" wählen. Die Gedichte ranken sich um Erinnerungen an das frühere Leben in Deutschland, Gedanken an das, was zu Bechers Exilzeit in NS-Deutschland vor sich geht und auch um Figuren, die Symbole im Kampf gegen Unterdrückung und Leid sind und die ein ähnliches Schicksal wie Becher hatten. "Der Mönch trat mächtig vor die Kirche hin, Schlug an die Pforte fünfundneunzig Thesen. Es war grad Markttag. Mit erhobenen Kinn Stand rings das volk und hat die Schrift gelesen. Von Ablaßwucher, falschen Glaubens Gift, Von Kirchensteuern, zwangsweise eingetrieben, Stand hartes Wort in dieser neuen Schrift. So, wie das Volk sprach, war es aufgeschrieben. ..." (Luther, S. 144) Im dritten Teil sind Gedichte zu finden, die Becher über sein Exil-Gastgeberland, die Sowjetunion, schrieb. Hier muss man berücksichtigen, dass von vielem, was wir heute über die Stalin-Herrschaft wissen, damals es zwar auch schon so manches Gemurmel unter der Hand gab, aber im Grunde nichts wirklich bekannt war. Natürlich war Becher dankbar, dass er in der Sowjetunion vorübergehend Zuflucht fand. Und diese Dankbarkeit hat er auch mit lyrischen Mitteln zum Ausdruck gebracht. Auch wenn diese Texte, wie zB "Als Stalin sprach", aus heutiger Sicht als inhaltliche Fehlgriffe sicher zu betrachten sind. Der Vierte Teil ist dann wieder auf Deutschland ausgerichtet. Die Lyrik dieses Teils bringt seine Hoffnung auf baldige Rückkehr nach einem vom Nationalsozialismus befreiten Deutschland, in dem er am Aufbau einer menschlichen Zukunft mitwirken will, zum Ausdruck. In diesem Teil gibt es aber auch noch einmal traurig und betroffen stimmende Gedichte, die, wie zB "Kinderschuhe aus Lublin", von den unvorstellbaren Verbrechen der Nationalsozialisten berichten. "Von all den Zeugen, die geladen, Vergeß ich auch die Zeugen nicht, Als sie in Reihn den Saal betraten, Erhob sich schweigend das Gesicht. Wir blickten auf die Kleinen nieder, Ein Zug zog paarweis durch den Saal. Es war, als tönten Kinderlieder, Ganz leise, fern, wie ein Choral. Es war ein langer bunter Reigen, Der durch den ganzen Saal sich schlang. Und immer tiefer wurd das Schweigen Bei diesem Gang und Kindersang. Voran die Kleinsten von den Kleinen, Sie lernten jetzt erst richtig gehn, - auch Schuhchen können lachen, weinen - Ward je ein solcher Zug gesehn! ..." (Kinderschuhe aus Lublin, S. 212) Neben der Balladenform liebt Becher die des Sonetts. Sonette bilden einen sehr großen Anteil an dieser Lyrikzusammenstellung. "So, wie das Volk sprach, war es aufgeschrieben.", schrieb Becher in der Ballade "Luther". Und auch Becher schreibt ebenso volksnah. Die Sprache ist einfach und klar. Sie trifft ins Herz der Menschen, die Deutschland lieben. Viele der Gedichte wühlten mich innerlich auf, brachten mich, wie zB "Kinderschuhe aus Lublin", zum Weinen. Der Gedichtband beweist: Johannes R. Becher ist ein großer Lyriker.

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