Der fünfzehnjährige Neil lebt mit seinen Eltern in einem kleinen Dorf in England. Sein Leben verläuft ruhig und unspektakulär, bis ein tragischer Autounfall alles verändert. Als einziger Überlebender verliert er beide Eltern und steht plötzlich vor einem Abgrund, der sein bisheriges Leben vollständig auslöscht. Von einem Moment auf den anderen ist nichts mehr, wie es einmal war. Neil zieht zu seinen Großeltern und muss sich in einer neuen Umgebung, einer neuen Schule und vor allem in einem neuen Leben zurechtfinden. Obwohl der Alltag weitergeht, wirkt er innerlich wie erstarrt. Er funktioniert, ist körperlich anwesend, doch gedanklich weit entfernt. Angesichts eines solchen Verlustes erscheint dieses Verhalten nur allzu nachvollziehbar, denn kaum jemand könnte nach einem solchen Schicksalsschlag einfach zur Normalität zurückkehren. Einen gewissen Halt findet Neil in der ruhigen Routine bei seinen Großeltern, besonders in den gemeinsamen Fernsehabenden. Dabei stößt er auf eine Nachricht, die zunächst weit entfernt wirkt, aber bald eine bedrohliche Nähe entwickelt. In Indien ist eine tödliche Seuche ausgebrochen, die sich rasch ausbreitet und schon bald nicht mehr nur ein lokales Problem darstellt. Die sogenannte Kalkuttapest beginnt, die Welt zu erfassen und kündigt eine Katastrophe an, deren Ausmaß zunächst kaum zu begreifen ist.
John Christopher schildert den Unfall, der Neil zum Waisen macht, bewusst knapp und ohne ausführliche Ausschmückung. Diese Zurückhaltung wirkt durchaus passend, da das Ereignis für sich genommen bereits erschütternd genug ist. Dennoch entsteht im Anschluss eine gewisse Distanz zur Hauptfigur. Neils Verhältnis zu seinen Eltern, seine Gedanken und seine Trauer bleiben oft nur angedeutet. Stellenweise wirkt er erstaunlich gefühllos oder zumindest stark abgeflacht in seiner emotionalen Wahrnehmung. Auch später, als die Seuche die Menschheit dahinrafft, reagiert er eher nüchtern und flüchtet sich in praktische Tätigkeiten und Ablenkung, anstatt seine Gefühle sichtbar zu verarbeiten. Hier hätte eine intensivere Ausarbeitung seiner inneren Welt der Geschichte zusätzliche Tiefe verleihen können, gerade weil es sich um ein Jugendbuch handelt, in dem Identifikation eine wichtige Rolle spielt. Möglicherweise ist diese Zurückhaltung auch im Entstehungskontext des Romans begründet. In den 1970er Jahren war der offene Umgang mit Emotionen, insbesondere bei männlichen Figuren, weniger ausgeprägt als heute. Jungen sollten stark sein, ihre Gefühle kontrollieren und möglichst wenig Schwäche zeigen. Diese gesellschaftlichen Erwartungen spiegeln sich möglicherweise auch in Neils Darstellung wider.
Während sich die Handlung weiterentwickelt, wird Neil Zeuge einer globalen Katastrophe. Die Kalkuttapest äußert sich zunächst durch Fieber und führt schließlich unweigerlich zum Tod. Über die Ursachen, Funktionsweise oder mögliche Gegenmaßnahmen erfährt der Leser kaum etwas. Der Virus ist einfach da und erfüllt seine Rolle als unaufhaltsame Bedrohung. Neil gehört zu den wenigen Überlebenden und sieht sich plötzlich einer menschenleeren Welt gegenüber. Er muss lernen, allein zu überleben und sich den Herausforderungen einer verlassenen Umgebung zu stellen. Dabei geht er erstaunlich rational und strukturiert vor. Er erkennt schnell die grundlegenden Bedürfnisse des Überlebens, sorgt für Wasser, Nahrung und einen sicheren Unterschlupf. Besonders in der kalten Jahreszeit wird deutlich, wie wichtig Planung und Anpassungsfähigkeit sind. Trotz seines jungen Alters handelt er oft überlegt und pragmatisch. Doch mit zunehmender Zeit wächst die Erkenntnis seiner Einsamkeit. Die Stille der Welt wird zur Belastung, und die Sehnsucht nach anderen Menschen wird immer stärker. Schließlich fasst Neil den Entschluss, nach London zu gehen, in der Hoffnung, dort auf weitere Überlebende zu treffen. Irgendwo müssen doch noch Menschen sein!
Es ist beeindruckend und zugleich erschütternd, wie viel Neil in so jungen Jahren durchstehen muss. Der Autor schildert seine Erlebnisse meist knapp, aber nachvollziehbar und logisch aufgebaut. Die einzelnen Episoden sind abwechslungsreich, wirken jedoch stellenweise etwas abrupt oder nicht vollständig ausgearbeitet. Die Spannung bleibt über weite Strecken auf einem gleichmäßigen Niveau, ohne größere Ausschläge nach oben oder unten. Dadurch entsteht ein eher ruhiger Erzählfluss, der zwar konstant bleibt, aber selten wirklich fesselt. Im Kern ist die Geschichte eine Auseinandersetzung mit dem Erwachsenwerden unter extremen Bedingungen. Neil ist gezwungen, sich selbst neu zu definieren, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, die weit über das hinausgehen, was man von einem Jugendlichen erwarten würde. Es ist ein einsamer Weg, geprägt von Verlust, Anpassung und Selbstfindung. Dennoch bleibt ein Funken Hoffnung bestehen. Selbst in einer scheinbar ausweglosen Welt zeigt sich, dass der Wunsch nach Gemeinschaft und Zukunft eine treibende Kraft sein kann.
Fazit:
Die Vorstellung einer weltweiten Seuche, die große Teile der Menschheit auslöscht, wirkt auch heute noch beklemmend aktuell. Neil muss nicht nur den Verlust seiner Eltern verarbeiten, sondern sich auch mit dem allgegenwärtigen Tod auseinandersetzen, der ihn umgibt. Dabei bleibt er als Figur stellenweise emotional schwer greifbar. Zwar zeigt er Ansätze von Empathie, doch oft wirkt er distanziert und innerlich entrückt. Die Handlung ist logisch aufgebaut und gut nachvollziehbar, enthält auch einige unheimliche Momente, verzichtet jedoch auf allzu drastische Darstellungen. Das Thema des Erwachsenwerdens wird hier auf eine besonders harte und kompromisslose Weise dargestellt. Gleichzeitig fehlt es der Geschichte gelegentlich an emotionaler Tiefe, wodurch das volle Potenzial nicht ausgeschöpft wird. Die Verbindung von Endzeitgeschichte und Coming-of-Age-Erzählung gelingt nur teilweise. Dennoch bleibt das Buch eine nette, schnell zu lesende Geschichte, die vor allem durch ihre ruhige Erzählweise lebt.
Matthias Göbel
Autor: John Christopher
Übersetzung: Hans-Georg Noack
Taschenbuch: 168 Seiten
Verlag: Arena Verlag
Veröffentlichung: 1983
Erstveröffentlichung: 1977
ISBN: 3401014331
John Christopher
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von John Christopher
Die Wächter
Tripods - Die Ankunft der dreibeinigen Monster
Tripods - Dreibeinige Monster auf Erdkurs
Die dreibeinigen Monster
Tripods - Das Geheimnis der dreibeinigen Monster
Tripods - Der Untergang der dreibeinigen Monster
Tripods - Die dreibeinigen Herrscher
Der Fürst von morgen
Neue Rezensionen zu John Christopher
Eigentlich wollte ich früher nur bodenständige und reale Dinge lesen, aber es haben sich doch immer wieder auch fantastische Bücher eingeschlichen. Mit den Tripods hat man mich auch für das Genre begeistern können. Ungeheuer spannend und mit vielen tollen fantastischen Elementen wird man hier in eine ganz andere Welt entführt. Super ist aber auch immer, dass es doch einen realen Bezug gibt und man so ganz anders in die Geschichte hinein gezogen wird. Die Verfilmung ist hier super gelungen und wirkt genauso mächtig .
Inhalt:
Eine Krankheit breitet sich aus und wird rasch zur Pandemie. Neil Miller ist noch ein Junge, als er erlebt, wie innerhalb weniger Tage oder Wochen fast die gesamte Menschheit durch diesen Virus ausgelöscht wird. In der leeren Welt zu überleben erscheint angesichts des Überflusses an Vorräten leicht. Andererseits verändert sich die Welt durch die Abwesenheit der Menschen, was für Neil gefährlich ist. Neil hat Angst und ist einsam. Was machen diese Gefühle auf Dauer mit einem Menschen?
Bewertung:
Mir hat dieses Buch von John Christopher sehr gut gefallen. Wieder einmal widmet er sich einem seiner Lieblingsthemen: dem Ende der Welt und wie es die Menschen verändert. Der Aufbau des Romans ist sehr geschickt. Er beginnt mit einem Albtraum. Der stellt sich dann als Erinnerung heraus und im Folgenden pendelt die Handlung immer wieder hin und her zwischen etwas Negativem wie einer Bedrohung und etwas Positiven, das kurz darauf umgeworfen wird. So entsteht eine gewisse Spannung, jedoch eher in Form von Beklemmung. Denn Handlungshöhepunkte oder dramatische Szenen gibt es eher weniger. Nach meinem Empfinden wurden diese ausgespart und der Autor hat sich meistens dafür entschieden, nur das Ergebnis eines Ereignisses zu berichten. Oft geschieht dies im Rückblick; das erlaubt, sich ein Stück davon zu distanzieren. Und wenn etwas Schlimmes passiert, dann kann man oft nichts tun oder man kann die Situation nicht einschätzen oder es gibt eine schnelle Lösung. Neil wirkt praktisch veranlagt und zupackend. Trotzdem hat er Angst und ist einsam und ich finde es gut, dass John Christopher seinen Figuren immer wieder erlaubt, menschlich zu sein. Denn dass Jungen und Männer Angst haben oder Trauer empfinden dürfen, ist selbst in unserer Zeit nicht selbstverständlich. Außerdem mag ich, wie sparsam John Christopher in seiner Darstellung ist. Er braucht nicht viele Worte, um zu zeigen, wie einer ist. Eine Information reicht, um über eine Person das Wichtigste zu wissen. Andererseits sind seine Figuren trotzdem vielschichtig und überraschend.
Erst ganz am Ende dachte ich, dass Lucy doch nicht so nett ist, sondern das krasse Gegenteil.
Wieder ist es ein offenes Ende für diese Geschichte und wieder ist es nicht wirklich wichtig, wie es weitergeht. Denn man hat am Ende verstanden, dass man menschlich bleiben sollte und es menschlich ist, einander beizustehen. Das war nach meiner Meinung die Botschaft des Romans. Insgesamt erhält die Geschichte von mir fünf Sterne.
Gespräche aus der Community
Welche Genres erwarten dich?
Community-Statistik
154 Bibliotheken
11 Merkzettel
1 Leser*innen






















