John Dickson Carr , Ursula von Wiese Der blinde Barbier

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Inhaltsangabe zu „Der blinde Barbier“ von John Dickson Carr

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    Der blinde Barbier
    Stefan83

    Stefan83

    04. March 2013 um 22:55

    Für die meisten bibliophilen Sammler ist die Suche nach einem bestimmten Titel ähnlich wichtig, wie dessen letztlicher Erwerb, lässt doch die zuvor so aufwändige Jagd nach dem richtigen, möglichst makellosen Exemplar, den späteren Blick auf die eigene Bibliothek umso zufriedenstellender ausfallen. Es gibt allerdings auch Bücher, bei deren Erhalt man am Ende vor allem eins ist: Äußerst erleichtert. John Dickson Carrs „Der blinde Barbier“, dritter Band aus der Serie um den Hobby-Detektiv Gideon Fell, ist so ein Buch. In gutem Zustand nur schwer und zu Mondpreisen erhältlich, hat es ziemlich lange gedauert, bis ich es mein Eigen nennen konnte. Dementsprechend meine Erwartungshaltung vor Beginn der Lektüre, welche Carr zwar nicht enttäuscht, dafür aber gänzlich aushebelt: Im Gegensatz zu „Tod im Hexenwinkel“ und „Der Tote im Tower“ wartet der Autor, welcher als einer von zwei Amerikanern Mitglied des renommierten Londoner Detection Clubs war, weder mit schauriger Kulisse noch mit geschlossenen Räumen (sieht man den Schauplatz Schiff jetzt mal nicht als solchen an) im eigentlichen Sinne auf. Stattdessen wird dem Leser eine temporeiche Krimi-Komödie kredenzt, dessen vollkommen abgedrehte Handlung nicht nur über weite Strecke ohne Gideon Fell auskommt, sondern auch mit überbordender Komik und Slapstick-Einlagen die „Whodunit“-Frage fast gänzlich in den Hintergrund rückt. Die Geschichte wird rückblickend von Henry Morgan, einem erfolgreichen und bekannten Kriminalschriftsteller erzählt, welcher soeben von Bord der „Queen Victoria“ gegangen ist, die im Hafen von Southampton vor Anker liegt. In Kürze werden die Passagiere das Schiff verlassen – und alles deutet daraufhin, dass sich unter ihnen ein Mörder befindet. Dr. Gideon Fell, dem Morgan von seiner abenteuerlichen Reise berichtet, soll diesen nun anhand der geschilderten Erlebnisse identifizieren. Keine einfache Aufgabe, selbst für einen so berühmten Privatdetektiv wie Fell, ist doch so einiges passiert zwischen New York und Southampton: Begonnen hat alles mit Curt Warren. Der junge Diplomat und Freund Morgans wurde in seiner Kabine niedergeschlagen und ein privater Film, der höchste US-Politiker (darunter Warrens Onkel Warpus) in bierseliger Stimmung Schmäh- und Spottreden auf Regierung, Wähler und befreundete Nationen haltend zeigt, gestohlen. Morgan beschloss, gemeinsam mit dem alten Seebär Thomassen Valvick, der forschen Peggy Glenn und Warren selbst, sich auf die Suche nach dem Dieb zu machen. Doch das gut gemeinte Ansinnen hatte aufgrund des amateurhaften Vorgehens nur wenig Erfolg – im Gegenteil. Im weiteren Verlauf wurde nicht nur aus Versehen Kapitän Whistler zu Boden geschickt, sondern auch Lord Sturtons Smaragd-Anhänger in Elefantengestalt entwendet. Das Auftauchen einer stark blutenden Frau setzte dem Ganzen schließlich die Krone auf. Doch was ist mit der Frau passiert? Und um wen handelt es sich? Nur Morgans turbulenten Augenzeugenbericht sowie eine Liste der Passagiere zur Hand, macht sich Fell an die Demaskierung von Dieb und Mörder … Die beiden Vorgänger noch in Erinnerung, empfand ich die Lektüre, besonders zu Beginn, als gewöhnungsbedürftigen Stilbruch. Fast könnte man meinen, ein anderer Autor hätte hier die Feder geführt, derart chaotisch ist der rote Faden, der von B-Deck zu C-Deck und wieder zurück gezogen wird, bis der Leser schließlich Mühe hat ihm folgen zu können. Carr brennt hier ein komödiantisches und chaotisches Feuerwerk ab, bei dem eigentlich nur noch der klassische Ausrutscher auf der Banane fehlt. Die gewohnte Eleganz des „Whodunit“, die Exzentrik Dr. Fells, das würdevolle Fairplay bei der Mördersuche – alles über Bord gegangen. An ihrer Stelle prügeln, stürzen, saufen und toben sich Protagonisten aus, die viel überzeichneter kaum sein könnten und in einen ernst zu nehmenden Kriminalroman so gut passen, wie Philip Marlowe in einen Rosamunde-Pilcher-Schinken. Umso überraschter bin ich von mir selbst, dass mir das Ganze schließlich doch gefallen konnte. Hat man sich nämlich erst einmal kopfüber in das Durcheinander gestürzt, die sachliche Herangehensweise für untauglich befunden, amüsiert „Der blinde Barbier“ prächtig. Wenn der „Bermondsey-Terror“ auf Manschettenknopf-Jagd geht, werden sich selbst die Griesgrämigen unter den Lesern ein Lachen nicht verkneifen können. In Punkto detektivischer Arbeit legt Carr uns jedoch einige Steine in den Weg. Obwohl die Geschichte mit gravierten Rasiermessern und übergroßen Marionetten die typischen Mystery-Elemente der Vorgänger aufweist, bleiben diese letztlich ohne größere Bedeutung für die Auflösung und verkommen dadurch zur statischen Kulisse. An sich kein Kritikpunkt, hätte Carr seine Gagmaschine bis zum Schluss hin laufen lassen. Stattdessen serviert er uns einen soziopathischen und irgendwie äußerst unheimlichen Mörder, dessen Auftritt in Fells Privatbibliothek in scharfem Kontrast zum heiter-witzigen Bericht Morgans steht. Carr wäre aber nicht Carr gewesen, hätte er nicht auch ein solches Ende mit lückenloser Logik abrunden können. So bleiben auch im dritten Falls Dr. Fells keinerlei Fragen offen, wird das völlig verstrickte Knäuel vor Augen des Lesers entknotet. Dennoch bleibt es dabei: „Der blinde Barbier“ ist ein unterhaltsamer, über längere Strecken sogar unheimlich witziger Roman aus Carr großem Lebenswerk – in die Dr. Fell-Serie passt er jedoch nur bedingt. Wer sich also eine langwierige Suche nach diesem alten Schmöker (und möglicherweise auch viel Geld) sparen will, hat bei Auslassung dieses Bands nicht allzu viel verpasst.

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