John Freeman Gill

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John Freeman GillDie Fassadendiebe
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Die Fassadendiebe
Die Fassadendiebe
 (5)
Erschienen am 01.09.2017

Neue Rezensionen zu John Freeman Gill

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Rezension zu "Die Fassadendiebe" von John Freeman Gill

'Sie gleicht einer Schlange, die wächst, indem sie sich vom Schwanz her selbst verschlingt.‘
sabatayn76vor 2 Monaten

‚Denn sosehr wir auch beklagen mögen, was New York sich anzutun imstande ist, die verdammte Stadt schafft es doch stets, wieder neu zu erstehen. Sie gleicht einer Schlange, die wächst, indem sie sich vom Schwanz her selbst verschlingt.‘ (Seite 456)

Alles verfällt! Die Stadt New York, in der nichts von Dauer ist, in der sich ständig alles wandelt. Das Queen Ann Brownstone in Manhattan, in dem der 13-jährige Ich-Erzähler Griffin mit seiner Mutter und seiner Schwester lebt, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Die Familie Griffins, die nach dem Weggang des Vaters immer mehr zerbröckelt, die Griffin immer weniger Halt gibt, in der jeder mit jedem Streit hat.

Als Griffin auf Wunsch seiner Mutter das alte Klohäuschen beim Brownstone abreißt, reagiert Griffins Vater anklagend und verzweifelt, denn er leidet unter dem permanenten Wandel New Yorks, an der Tatsache, dass Altes immer wieder Neuem Platz machen muss, dass Architekturschätze (und Klohäuschen) einfach so und für immer verschwinden.

Griffins Vater möchte seinem Sohn Respekt für alte Dinge beibringen, und so zeigt er ihm seine Werkstatt, wo er architektonische Skulpturen restauriert, und nimmt ihn schließlich mit auf seine Ausflüge durch die Stadt, bei denen er Fassaden stiehlt bzw. rettet und befreit (wie er es nennt).

Beim Lesen von ‚Die Fassadendiebe‘ ist New York von Anfang an vor meinem geistigen Auge erschienen, so dass mich John Freeman Gill mit seinem Debütroman in eine andere Zeit und an einen anderen Ort versetzen konnte. Der Autor (und mit ihm der Ich-Erzähler Griffin) spricht mit Wehmut von seiner Heimatstadt New York und beschreibt die Straßen und Avenues dabei so stimmungsvoll, dass ich den Roman von der ersten Seite an ins Herz schloss, nicht mehr schlafen, sondern weiter mit Griffin durch New York streifen wollte.

Der Autor erzählt elequent und benutzt dabei Begriffe wie ‚wasserspeierig‘ (Seite 22), ‚flechtbortengeränderte Uniformärmel‘ (Seite 134) oder ‚Suppenküchenfreak‘ (Seite 191), wodurch die Lektüre nicht nur unterhaltsam ist, sondern auch sprachlich anspruchsvoll und kreativ ist.

Der Leser kann aufgrund der genauen Beschreibungen von Handlungsorten und der Architektur mit den Protagonisten durch die Stadt wandeln und so nicht nur die Fassaden, sondern auch verschiedene Facetten New Yorks kennenlernen.

Bis zur Hälfte des Romans fand ich ‚Die Fassadendiebe‘ wundervoll, klug und atmosphärisch und habe mich gefragt, wieso dieses Buch so wenig Beachtung erfahren hat. Die zweite Hälfte hat mich jedoch nicht mehr ganz mitgerissen, hier gab es meiner Meinung nach zu viele Längen, die mich enttäuscht haben, nachdem mich Gills Liebeserklärung an die Stadt New York und an die Architektur anfangs so beeindrucken konnte.

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S

Rezension zu "Die Fassadendiebe" von John Freeman Gill

New-York-Zerstörer
Starbucksvor einem Jahr

„Die Fassadendiebe“ von John Freeman Gill ist ein ganz besonderes Buch. Es ist nicht immer spannend, aber bei näherem Hinschauen sehr traurig. Es ist ein Buch, das mit Worten glänzt und zwischen den Zeilen mitteilt. Wenn der Leser hier seinen Platz im Buch gefunden hat, d.h., wenn er herausfindet, worum es eigentlich geht – neben der Tatsache, dass ein Vater und sein Sohn ganz NYC zerstören – dann ist „Die Fassadendiebe“ richtig gut. Da ich glaube, dass der Leser in diesem Buch aber selbst herausfinden soll; worum es eigentlich geht, ist es schwierig, hier nicht zuviel zu verraten und trotzdem zu erklären, was das Buch so außergewöhnlich macht.

Zum Inhalt: Griffin, 13 Jahre alt, wohnt mit Mutter und Schwester in Manhattan in einem typischen Brownstone-Haus. Die Eltern sind getrennt, der Vater kommt immer mal, aber eher selten vorbei, während die Mutter immer neue „Untermieter“ anschleppt, um die Miete zahlen zu können. Die Mutter, eine vermeintliche Künstlerin, kümmert sich wenig um die Kinder, der Vater, der sein Geld mit dem Abbau und Verkauf von Fassadenteilen verdient, bleibt eine Sehnsuchtsfigur für Griffin. Der Junge sieht sich zwischen den Stühlen, was seine Eltern angeht, und er sucht immer wieder die Nähe seines Vaters, auch, wenn das für ihn heißt, dass er sich im allzu gefährlichen New York der 70er Jahre nachts allein in der Stadt daran macht, Fassadenteile abzubauen oder abzuhauen und seinem Vater als Trophäen zu bringen. Der Vater wiederum ist von seinem Beruf oder Hobby so bessessen, dass er den Sohn sogar in äußerste Lebensgefahr bringt, wenn es um den Abbau seiner geliebten Fassadenteile geht, die doch vor dem Verfall unbedingt geretttet werden müssen.

Schon in dramatischen Szenen muss man sich als Leser fragen, wo die Vaterliebe ist, wie ein Mann das Leben seines Sohnes so aufs Spiel setzen kann Man muss sich aber gleichermaßen fragen, was es mit der Rettung New Yorks zu tun haben kann, wenn man von Gebäuden Teile abschlägt (Griffin bringt sogar einmal einen Adler mit, die Flügel sind allerdings nicht mit abgegangen...Immer mehr muss man an den lobenswerten Beweggründen des Vaters zweifeln...

„Die Fassadendiebe“ hat anfangs sicherlich Längen, die nur dem Archetekturliebhaber das Herz aufgehen lassen werden. Ich habe lange gebraucht, um den Kern des Buches, nämlich die Vater-Sohn-Beziehung zu erfassen, und außer dem Showdown am Ende des Buches konnte man dann nur so über die Seiten fliegen. Letzterer war aber etwa übertrieben. Im Grunde geht es aber hier um einen vernachlässigten Jungen, der die Liebe seiner Eltern sucht und doch immer wieder in Schwierigkeiten gerät, weil scheinbar keiner merkt oder es keinen stört, dass er mit 13 Jahren sogar nachts in der Stadt allein unterwegs ist. Und schließlich tut Griffin alles, um mit seinem Vater wieder vereint zu sein..

Besonders auffallend an diesem Buch ist aber die Sprache, die mit etwas antiquierten Wörtern (z.B. plieren) sowie mit Wortneuschöpfungen spielt. So macht Gill z.B. fast alles einfach zum Adjektiv (z.B. wasserspeierisch). Hier mal eine Kostprobe der Gillschen Sprache:

„Als ich aus der Werkstatt meines Vater zurückkam und in unser Brownstone schlurfte, das auf einmal unterernährt und anfällig wirkte, war meine Mutter gerade dabei, am großen löwenprankigen Esstisch ihre Eierschalen zu sortieren. Sie war eine dunkeläugige, zigeunerinnenhafte Sorte Mutter, ein eleganter Wirbelwind aus Tüchern und Schals, klirrenden Armbändern und drei Dutzend Ringen.“

Fazit: Anfangs zog sich das Buch für mich etwas, zuviel Architektonisches säumte die Seiten. Viel passierte jedenfalls nicht. Aber dann hat es mich gepackt, und ich finde, dass „Fassadendiebe“ große Literatur ist. Es wird schließlich auch noch spannend und geht ans Herz. Aufgrund der Längen am Anfang gebe ich 4,5 Sterne, aber dennoch hat mich dieses Buch letztendlich ja überzeugt und bekommt die volle Sternzahl. Beim nächsten Buch von John Freeman Gill bin ich wieder dabei!

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M

Rezension zu "Die Fassadendiebe" von John Freeman Gill

Eine Hommage an Stadt, Familie und persönliche Entwicklung
michael_lehmann-papevor einem Jahr

Eine Hommage an Stadt, Familie und persönliche Entwicklung

„Dann entdeckte ich es. Mitten in einer verdrehten Messingkonstruktion, die möglicherweise einmal ein Treppengeländer gewesen war, hatte sich Moms gelbes Tuch um einen verbogenen Pfeiler gewickelt. Irgendwo dahinter, wie weit entfernt, konnte ich nicht sagen, glaubte ich, ihr Lachen zu hören, eine Art gekeuchtes Kichern“.

Dass dabei der Vater plötzlich nicht mehr neben ihm steht, sondern weg ist. Dass jenes „gekeuchte Kichern“ auch mit dem Mann zu tun hat, mit dem „Mom“ vor kurzen die „Open Air Party“ auf diesem Gelände voll geschichtsträchtigem Schutt, verlassen hat, um „kurz“ noch etwas zu holen, dass erschließt sich dem, zu diesem Zeitpunkt gerade fünfjährigen Ich-Erzähler nicht sofort. Wohl aber die Folge für die Familie samt merkwürdiger Untermieter, die sich von da ab im elterlichen Heim die Klinke in die Hand geben.

Vor allem aber beinhaltet dieser Satz in den Worten und darin mitschwingend die Themen des gesamten Buches, dass den Leser auf eine Zeitreise an jenen Ort mitnimmt, an dem die „Veränderung der Welt“ massiv Fahrt aufnahm und auch die persönliche Entwicklung des da noch kleinen Jungen Griffin ihren Weg nimmt. Die Party inmitten von Bauschutt aus ehemaligen Gebäuden der Stadt. Der nicht mehr zu greifende Vater, der Verlust der Familie (auch der „eigenen Höhle“ später).

Letztendlich gelingt es Gill, einen mitreißenden Entwicklungsroman auf verschiedenen Ebenen sprachlich faszinierend in Worte zu bringen, die beim Leser eigene Erinnerungen, Assoziationen auf nicht wenigen Ebenen umgehend hervorrufen. Auch wenn es vordergründig um eine Hommage an das „alte, liebenswerte, menschlich lebendige“ New York geht, das, was dort geschah, ist in jeder Stadt und in jedem Leben wichtig.

Vordergründig dabei immer präsent die Veränderung der Lebenswelt in den letzten Jahrzehnten am Beispiel New Yorks und der starken Eingriffe in das Stadtbild (und damit auch in die Lebensatmosphäre der Bewohner der Stadt). Geld, Gier, Gentrifizierung, das Verschwinden all der kleinen Läden und Bars, der Treffpunkte für die Nachbarschaft, des Wegzugs, des „es sich nicht mehr leisten können“, das Leben am Ort bis hin dazu, mehr und mehr nurmehr damit beschäftigt zu sein, ständig tätig zu werden, um das nötige Geld für das Leben im Moloch New York aufzutreiben.

Gewinn ja, aber „seelenlos“. Eine Zeit, die den Verlust der „Seele“ nicht nur in Kauf nimmt, sondern gezielt und radikal vorantreibt, dafür steht dieses New York ab den siebziger Jahren.

Eine Entwicklung, gegen die sich Griffins Vater wie ein Don Quichote stellt (ohne dessen liebenswürdige Harmlosigkeit zu besitzen).

Egal wo er was findet, egal an welcher „neuen Baustelle“ Altes zerstört, abgerissen, zum Wegwerfen ausgesondert wird, ganze Fassaden gar, das ist es, was Griffins Vater (und er als Jugendlicher dann als Hilfe für diesen) „retten will“. Und das meist auf nicht sonderlich legale Weise, denn „einfach so“ kann man weder das schwere Material sich unter den Arm greifen noch gehört es einem einfachen Bewohner der Stadt ja.

Der Versuch, das „alte Leben“ festzuhalten. Neben dem melancholischen Blick zurück des Autors schwingt auch das als Thema mit. Nicht loszulassen, sich dem Neuen zu verwehren (und das nicht selten mit guten Gründen, hier und da aber auch mit psychopathischen Anklängen). Das ist die eine Seite der flüssig und mit Tiefgang erzählten Geschichte.

Eine familiäre Trennung, ein Schock für das Kind, der unreflektierte Wunsch und Antrieb, dem Vater nahe zu sein, ihn stolz zu machen, Teil seines „Rudels“ zu sein, dass ist eine zweite, ebenso intensive und in der Tiefe ausgelotete Entwicklung im Roman.

Eine Nähe, die Griffin lange nicht hinterfragt und die ihn (fast) das eigene Leben im übertragenen Sinne zumindest kostet. Denn jedes sich Lösen, jedes Zugehen in der Gegenwart auf ein mögliches eigenes Leben führt ja weg von der Haftung an der Vergangenheit und damit auch von der eher einseitigen und nicht unbedingt stabilen Verbindung zum Vater.

„The City, we have lost“, eine der Überschriften über einen der Teile des Buches bedeutet daher wesentlich mehr als nur die Veränderung eines Stadtbildes, die Neugestaltung von Fassaden und Wohnblöcken und auch mehr, als nur das „sich nehmen“ und betrachten und bewahren alte Teile jener Stadt des Lebens, die im Buch die Protagonisten äußerlich wie innerlich vor tiefe Herausforderungen stellt. Und durch deren Augen auch den Leser.

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