John Lanchester

 4 Sterne bei 269 Bewertungen
Autor von Die Mauer, Kapital und weiteren Büchern.

Lebenslauf von John Lanchester

Über das Geld und die Menschen: John Lanchester wird 1962 in Hamburg geboren und wächst in Ostasien auf. Nach dem Absolvieren einer Ausbildung beginnt er in England eine Tätigkeit als Redakteur beim Penguin Verlag und wechselt später in die Redaktion der London Review of Books. Zudem arbeitet er als Restaurantkritiker für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften.

1996 veröffentlicht Lanchester seinen Debütroman „The Debt to Pleasure“, für den er mehrfach ausgezeichnet wird. Er erhält beispielsweise den Whitbread Book Award für das beste Debüt und den Julia Child-Award. Das Buch wird außerdem in 20 Sprachen übersetzt, es erscheint auch eine deutsche Ausgabe unter dem Titel „Die Lust und ihr Preis“.

Die Bücher Lanchesters sind häufig autobiographisch geprägt, in späteren Werken wendet er sich mehr und mehr dem Thema Finanzen sowie in jüngster Zeit dem Brexit zu. Sein 2019 erschienener Roman „Die Mauer“ beispielsweise spielt in einer dystopischen Zukunft nach dem vollzogenen Brexit, in der das Vereinigte Königreich durch eine Mauer um die Küsten vom Rest der Welt abgeschnitten ist.

Alle Bücher von John Lanchester

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Buchformat:
Cover des Buches Die Mauer (ISBN:9783608963915)

Die Mauer

 (137)
Erschienen am 31.01.2019
Cover des Buches Kapital (ISBN:9783453410992)

Kapital

 (97)
Erschienen am 14.04.2014
Cover des Buches Hotel Empire Hongkong (ISBN:9783423209205)

Hotel Empire Hongkong

 (3)
Erschienen am 01.09.2006
Cover des Buches Mr. Phillips von 6 bis 7 (ISBN:9783552051850)

Mr. Phillips von 6 bis 7

 (2)
Erschienen am 18.03.2002
Cover des Buches Die Lust und ihr Preis (ISBN:9783552048034)

Die Lust und ihr Preis

 (1)
Erschienen am 16.09.1996
Cover des Buches Die Mauer (ISBN:9783837146097)

Die Mauer

 (6)
Erschienen am 08.02.2019

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Rezension zu "Die Mauer" von John Lanchester

Ruhige, aber kraftvolle und realistische Dystopie
buchstabentraeumerinvor 9 Tagen

In Zeiten, in denen der Brexit diskutiert wird, ein Klimawandel bevorsteht und bereits jetzt Flüchtlinge in Europa nach einer sicheren, neuen Heimat suchen, ist „Die Mauer“ von John Lanchester weniger eine Dystopie als vielmehr ein durchaus realistisches Zukunftsszenario. Schauen wir also wenige Jahre in die besagte Zukunft: England hat sich abgeschottet und eine Mauer entlang der Küste errichtet. Diese soll die Bewohner des Landes vor „den Anderen“ schützen, die seit „dem Wandel“ verzweifelt versuchen auf die andere Seite der Mauer zu gelangen. Um das zu verhindern, müssen alle Bürgerinnen und Bürger des Landes zwei Jahre lang Dienst auf der Mauer leisten. Ein gefürchteter Dienst, denn ein Angriff kann jederzeit erfolgen und die Folgen sind fatal. Entweder man wird getötet oder man wird der See übergeben, sobald es ein Anderer geschafft hat, ins Landesinnere zu gelangen. Und so fürchtet sich Joseph Kavanagh, während er seinen Dienst auf der Mauer absolviert – und tatsächlich werden seine schlimmsten Alpträume wahr. [Achtung, diese Rezension ist nicht frei von Spoilern.]

Kalt ist es auf der Mauer. Das ist die vorherrschende Empfindung, die Kavanagh durch jeden Tag begleitet. Gepaart mit einem nicht fassbaren Grauen und unbändiger Langeweile. Die Aussicht langweilt und auf der Mauer tut sich erstmal nichts. Er findet sich ein in den immer gleichen Trott, blickt in das verwaschene Grau eines jeden Tages. Kälte, Beton, Wasser, Himmel, alles bedrückt und erdrückt. Im ersten von drei Teilen tauchen wir ganz tief in diesen fremden Alltag ein. Was bedeutet es, Dienst auf der Mauer zu schieben? Wie funktionieren die Wachablösungen, wann und was gibt es zu essen? Worauf ist zu achten, wenn man auf das Meer schaut? Auch zarte Freundschaftsbande entstehen und machen den Alltag erträglicher.

„Die Mauer“ strotzt hier nicht vor Action, im Gegenteil. John Lanchester Schreibstil ist sehr ruhig und so wirkt auch sein Protagonist stets etwas distanziert von allem, was um ihn herum geschieht. Mit einer gewissen Melancholie denkt Joseph Kavanagh über sein Leben nach. Wirklich nah kommt man ihm nicht, seine Gefühle bleiben immer etwas, das man nicht recht greifen kann, er lässt sie unter Verschluss. Für manche mag das nicht mitreißend genug sein, doch genau das brachte mir die Geschichte der Mauer von Beginn an nahe. Anstatt auf mitreißende Effekte und emotionales Drama zu setzen, entfaltet sich die Geschichte äußerst behutsam und bedächtig.

„Die Mauer“ folgt den Regeln der Drei-Akt-Struktur, was für den Roman sehr stimmig ist, Es gibt eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluss mit allen klassischen Charakteristiken. So gestaltet sich der Hauptteil auch am spannendsten von allen drei Teilen. Joseph Kavanagh wird an seine Grenzen gebracht und Stück für Stück entgleitet ihm das Leben, das er für sich als selbstverständlich erachtet hat. Diese Auflösung fand ich äußerst interessant, zumal man als Leser in diesem Teil auch viel mehr über die globalen und politischen Zusammenhänge erfährt. Wie kam es zu diesem Wandel? Wie lange existiert die Mauer bereits? Was existiert jenseits der Mauer? Auf viele Fragen erhält man Antworten, dennoch bleibt noch sehr viel der eigenen Fantasie überlassen – eine Tatsache, die ich persönlich sehr mag. So erlaubt der Autor dem Leser, seine eigenen Ideen und Vorstellungen in die Geschichte einzubauen und sie so individuell anzureichern.

John Lanchester geht außerdem der Frage nach, wie es so weit kommen konnte, dass Großbritannien eine Mauer errichtete, die Strände verschwunden sind und verzweifelte Menschen um einen Platz zum (Über)Leben kämpfen. Kapitalismus und Konsum sind das Stichwort. Früher, so wird spekuliert, lebten die Menschen in einem derart unbeschwerten Überfluss, dass sie am Ende gar nicht mehr wussten, was sie wirklich brauchten und wollten. Ist es dieses Zuviel, dass die Menschen echte und wichtige Ziele aus den Augen verlieren ließ und letztendlich den Wandel brachte? Auch hier orientiert sich der Autor stark am Status quo, scheint es.

Am Ende entdeckt Joseph Kavanagh eine neue Welt, eine alternative Art zu leben. Dieser Prozess ist weniger nervenaufreibend als der zweite Teil, dafür aber weitaus faszinierender. Wir verlassen die Enge der Mauer und sehen mit eigenen Augen, was mit unserer so vertrauten Welt geschehen ist. Eine Stärke von John Lanchester ist es hier, mit wenigen Worten seine Umwelt und die Situation auf das genaueste zu schildern: Die beklemmende Weite des Meeres, die tägliche Sorge zu überleben, der ungebrochene Wille zu überleben, die Hoffnung und die zermürbenden Rückschläge.

Fazit

„Die Mauer“ von John Lanchester wirkt wie ein bedrückender Blick in unsere Zukunft. Als Folge des Brexits und Klimawandels hat Großbritannien eine Mauer um das Land herum errichtet, um Flüchtlinge anderer Nationen fernzuhalten. Frauen und Männer werden je für zwei Jahre als Wachen auf der Mauer eingesetzt mit dem Ziel, niemanden der „Anderen“ durchzulassen. Sie stehen dort mit dem Bewusstsein, dass sie jeden Moment der Tod ereilen kann. Der Autor beschreibt dieses erschreckend realistische Szenario mit sehr viel Ruhe. Aber darin liegt tatsächlich eine Kraft, der ich mich nicht entziehen konnte. Ich folgte Joseph Kavanagh auf die Mauer, ich spürte die Kälte und ich bangte wie er um sein Leben. Ein starker Roman, der nachdenklich zurücklässt.

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Rezension zu "Die Mauer" von John Lanchester

Material für eine gute Kurzgeschichte
Kathrin_Schroedervor 10 Tagen

Die Mauer von John Lanchester

Erscheinungsdatum 31.01.2019

Genre: Dystopie

gelesen dank Netgalley im Juli 2019

Klappentext: Irgendwas mit Brexit und Jahrhundertroman

Frage: Hat der Autor des Klappentextes das Buch gelesen oder nur eine eingedampfte Zusammenfassung?

Dieses Buch ist eine aufgeblasene Kurzgeschichte über eine Welt mit drinnen und draußen und dem gewaltsamen Fernhalten derer, die draußen sind.

Warum aufgeblasene Kurzgeschichte? Die Welt des Buches ist unlogisch und nicht komplett durchdacht. Woher kam der Wandel (Flut o.ä,), was ist mit dem Rest der Welt? Woher wissen die Anderen von England, warum kommen sie, wenn sie auch im Erfolgsfall bestenfalls Sklaven sein dürfen?

Der gesamte Rest der Welt ist allenfalls in Form von Vermutungen, Hoffnungen und Träumen bekannt und zwar sowohl innerhalb als auch außerhalb der Mauer.

Was haben die jungen Menschen vor dem Dienst auf der Mauer gemacht? Wie ist das Leben danach?

Woher kommt die extreme Kälte? Warum hat keiner der Menschen irgendwelche Lebensperspektiven?

Das Buch hätte eine richtig gute Kurzgeschichte werden können. So bleiben Kälte, Langeweile und das Gefühl: Endlich ist es geschafft, obwohl niemand am Ende eine wirkliche Perspektive hat.
#DieMauer #NetGalleyDE #JohnLanchester #KathrinliebtLesen #Rezension #Bookstagram

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Rezension zu "Die Mauer" von John Lanchester

3,5 Sterne: Vom ruhelosen Warten auf das drohende Unheil
Lovely_Lilavor einem Monat

* Spoilerfreie Rezension! *

~ „Die Mauer“ ist eine düstere, beklemmende Dystopie am Puls der Zeit, die meine hohen Erwartungen leider nicht zur Gänze erfüllen konnte. Der Schreibstil ist einfach, flüssig und fängt die Ruhelosigkeit der VerteidigerInnen auf der Mauer gelungen ein, aber er zeigt sich oft auch zu nüchtern und emotionslos, die teilweise langen Sätze strengen im Laufe des Buches an. Ich habe die durchaus unterhaltsame, wendungsreiche und unvorhersehbare Dystopie über Liebe, Freundschaft, Überleben und Tod vor allem in der zweiten Hälfte sehr gerne gelesen. Um jedoch eine Gesellschaftskritik zu sein, behandelt das Buch seine Kernthemen – Brexit, Isolationspolitik, Flüchtlingsströme und Klimawandel – viel zu oberflächlich. Der Autor geht hier nicht genug in die Tiefe, liefert kaum Hintergrundinfos, wie es zu dieser verfahrenen Lage kommen konnte – und macht es sich auf diese Weise zu leicht. Die Figurenzeichnung ist meiner Meinung nach leider eine der größten Schwächen des Buches. Es war sehr schwer für mich, eine Bindung zum farblosen, arroganten, unreflektierten, latent unsypathischen Protagonisten aufzubauen. Auch von den anderen Figuren sind nur wenige besser gelungen. Die zweite große Schwäche des Buches ist seine fehlende Spannung und Langatmigkeit – zumindest im ersten Teil. Ich habe mich hier leider so durch die Geschichte quälen müssen wie Joseph sich durch seine Wachdienste. Großartig fand ich hingegen die düstere, beklemmende, trostlose Stimmung, dieses regungslose, aufgeladene Warten auf das drohende Unheil! Kurz: In „Die Mauer“ macht John Lanchester vieles richtig, aber leider auch bei wichtigen, grundlegenden Dingen einiges falsch. Seine Zukunftsvision konnte mich leider nicht auf ganzer Linie überzeugen. ~

Inhalt


Für Joseph Kavanagh ist der große, gefürchtete Tag gekommen: Er tritt seinen Dienst auf der Mauer an, die England seit dem „Wandel“ umgibt. Gemeinsam mit seinen KameradInnen wird er zwei Jahre lang abwechselnd Tag und Nacht die Mauer gegen Flüchtlinge – „Andere“ – verteidigen. Er wird sich langweiligen, zu Tode ängstigen und alles geben – das muss er auch, denn er weiß: Für jeden Anderen, der die Mauer überquert, wird einer von ihnen mit einem kleinen Boot auf dem Meer ausgesetzt und muss dort ums Überleben kämpfen…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Verlag: Klett-Cotta
Seitenzahl: 348
Erzählweise: Ich-Erzähler (am Beginn kurz ein Du-Erzähler), Präteritum
Perspektive: männliche Perspektive (Joseph)
Kapitellänge: mittel bis lang
Tiere im Buch: - Es werden keine Tiere gequält. Es werden Möwen und Fische getötet, um sie zu essen. Das Fleisch ist allerdings wirklich überlebensnotwendig für die Menschen.

Warum dieses Buch?


Bei diesem Buch hat mich der Klappentext sofort neugierig gemacht, da der Autor die momentane Isolationspolitik Englands in seiner Dystopie auf die Spitze treibt!

Meine Meinung

Einstieg (+)


Der Einstieg, der sehr atmosphärisch war, ist mir rasch gelungen und eigentlich auch recht leicht gefallen. Sofort meint man, die eisige Kälte und den kalten Wind auf der Mauer selbst am Körper zu spüren.

"Es ist kalt auf der Mauer. Das ist das Erste, was einem jeder erzählt, und auch das Erste, was einem auffällt, wenn man dorthin versetzt wird. Das ist es, woran man die ganze Zeit denken muss, wenn man sich auf ihr befindet, und daran erinnert man sich, wenn man nicht mehr dort ist. Es ist kalt auf der Mauer." E-Book, Position 25

Schreibstil (+/-)


John Lanchesters Schreibstil ist eindringlich, bedeutungsschwer, lässt sich meist flüssig lesen und geht bei Beschreibungen oft sehr ins Detail. Selten ist auch ein wenig Humor enthalten, was mir sehr gut gefallen hat, weil es die Stimmung auflockert. Er besteht aus einfachen Wörtern, ist jedoch dennoch stellenweise durch eine gewisse Komplexität gekennzeichnet, die es einem nicht erlaubt, das Buch nebenbei zu lesen. Das liegt vor allem daran, dass der Autor teilweise zu langen Schachtelsätzen und Hauptsatzreihen neigt. In manchen Momenten fand ich, dass er dadurch perfekt die Ruhelosigkeit, die auf der Mauer herrscht, und die rasenden Gedanken der VerteidigerInnen einfängt (teilweise rutscht der Schreibstil sogar in einen Bewusstseinsstrom ab) – dann war ich begeistert.

In anderen Momenten (vor allem auch später im Buch, als der Schreibstil langsam begann, mir auf die Nerven zu gehen) hätte ich den Autor manchmal am liebsten gefragt, ob es ihn umbringen würde, doch einfach mal einen Punkt zu setzen. Teilweise wirkte die Sprache auf mich dadurch nämlich auch ein wenig prätentiös und unnötig kompliziert. Auch die sachliche, unterkühlte Erzählweise und die Wiederholungen haben mich gestört. Dennoch: Gegen Ende habe ich mich wieder mit dem Schreibstil versöhnt und konnte das Buch mit einem zufriedenen Gefühl beenden.

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (+/-)

„‘Sie haben sich wieder aufgemacht, und zwar sehr zahlreich – so zahlreich wie damals, vor vielen Jahren, als uns der Wandel zum ersten Mal traf. Das ist also der erste Punkt, den ich Ihnen heute mitteilen wollte. Die Anderen kommen.‘“ E-Book, Position 1677

Über „Die Mauer“ von John Lanchester hatte ich im Vorhinein schon viel Gutes gehört. Mit der Wahl des Inhalts, der in drei Teile gegliedert ist („Die Mauer“, „Die Anderen“, „Das Meer“) bewegt sich John Lanchester mit Sicherheit am Puls der Zeit: Während aktuell in England der Brexit bevorsteht, treibt der Autor die selbstgewählte Isolationspolitik auf die Spitze, indem er eine dystopische Welt erschafft, in der Großbrittanien von einer hohen Mauer umgeben ist, um "Eindringlinge" fernzuhalten. Wer jemanden (versehentlich) ins Land lässt, wird dem Meer übergeben und wird sehr wahrscheinlich sterben.

Ein Szenario, das einen erst einmal schlucken und – vor allem – nachdenklich werden lässt. Denn so könnte es auch bei uns eines Tages aussehen, wenn durchgesetzt wird, was viele fordern: dass wir unsere Grenzen um jeden Preis schützen und keinen einzelnen Flüchtling mehr durchlassen. Die langweiligen, trostlosen, von Angst und Ungeduld geprägten Wachdienste auf der Mauer bringen einen ebenfalls zum Nachdenken. Minutiös schildert der Autor die gleichförmigen Tage, an denen nichts Nennenswertes passiert. Wir begleiten den Protagonisten dabei, wie er in Zeitlupe seinen Müsliriegel verspeist, wie er lernt, nicht mehr auf die Uhr zu schauen (weil die Zeit dadurch nur langsamer vergeht), wie er Freundschaften schließt und sich verliebt. Themen wie Kameradschaft, Überleben, Tod, Krieg, Verlust und Trauer stehen ebenfalls im Mittelpunkt der Geschichte. Wie viele andere LeserInnen hat auch mich die Mauer im ersten Moment an jene in „Game of Thrones“ erinnert – jedoch verschwindet dieses Gefühl schnell wieder – zu sehr unterscheiden sich die beiden Geschichten.

Auch wenn ich Kavanagh gerne auf seiner Reise begleitet habe und auch wenn uns John Lanchester hier eine wendungsreiche, unvorhersehbare, durchaus unterhaltsame Geschichte bietet: Um eine Gesellschaftskritik zu sein, behandelt das Buch seine eigentlichen Themen – Brexit, Isolationspolitik, Flüchtlingsströme und Klimawandel – jedoch viel zu oberflächlich. Der Autor geht hier nicht genug in die Tiefe, liefert kaum Hintergrundinfos, wie es zu dieser verfahrenen Lage kommen konnte. Meiner Meinung nach hat es sich der Autor auf diese Weise leicht gemacht – zu leicht. Das Ende fand ich – auch wenn es vielleicht nicht allzu kreativ war – gelungen. Ich mochte die Mischung aus Hoffnung, Ungewissheit und Trostlosigkeit, die mitschwang, sehr.

Haupt- & Nebenfiguren (-)

Die Figurenzeichnung ist meiner Meinung nach leider eine der größten Schwächen des Buches. Es war sehr schwer für mich, eine Bindung zum Protagonisten aufzubauen. Das lag am zu nüchternen, emotionslosen Schreibstil und an der farblosen, latent unsympathischen Hauptfigur Kavanagh selbst. Er hält sich – vor allem am Beginn des Buches – für etwas Besseres als seine KameradInnen, ist sehr arrogant (die letzte Generation hat alles falsch gemacht und seine alles richtig!), gewissenlos und unreflektiert, was seine Tätigkeit auf der Mauer und die „Dienstlinge“ (moderne Sklaverei!) betrifft. Nur langsam hat er sich positiv verändert und ebenso langsam habe ich mich ihm angenähert. Gerade als ich begann, mit ihm mitzufühlen und mitzufiebern, war das Buch zu Ende.

Auch die meisten Nebenfiguren blieben blass und eindimensional. Die oberflächlichen Dialoge und die wenige Zeit, die Joseph mit ihnen verbringt, machen es leider nicht möglich, sie näher kennenzulernen. Jedoch gibt es auch hier Ausnahmen – manche Figuren wie zum Beispiel der Hauptmann sind meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Richtig cool fand ich übrigens Hifa, die statt zum Gewehr immer lieber gleich zum Granatwerfer greift und damit allen zu Hilfe eilt.

Liebesgeschichte (+/-)

Gut gefallen hat mir, dass sich die Beziehung zwischen Joseph und Hifa nur langsam entwickelt, was unter solchen Umständen sehr glaubwürdig ist. Zuerst freunden sich die beiden an, erst später wird mehr daraus. Leider fand ich auch die Liebesgeschichte zu emotionslos – sie konnte mich leider nicht mitnehmen und berühren. Dafür war zu viel Distanz zwischen mir und den Figuren.

Spannung (+/-)

Eines steht fest: „Die Mauer“ ist nur etwas für Fans (sehr!) ruhiger Bücher. Es gibt in dieser Geschichte nur wenige Dialoge, dafür aber viele Beobachtungen. Es passiert wenig auf der Mauer – und es passiert dementsprechend wenig im Buch. Ist es eigentlich genial, dass wir uns als LeserInnen vor allem im ersten Teil der Geschichte so durchs Buch quälen müssen wie die VerteidigerInnen sich durch ihre Wachdienste? Oder zeugen die fehlende Spannung, die statischen Beschreibungen des Alltages und die Langatmigkeit der Geschichte von schlechtem Handwerk und sind eher enttäuschend? Ich bin unschlüssig, tendiere jedoch eher zu Letzterem. In der zweiten Hälfte wird es dann endlich spannender (es passiert auch mehr) – diesen Teil fand ich sehr unterhaltsam. Auch die vereinzelten Cliffhanger und die kryptischen Vorausdeutungen haben mich absolut überzeugt.

Atmosphäre (♥)

Begeistert war ich jedoch von der Atmosphäre im Buch. Ich liebte diese düstere, beklemmende, trostlose, hoffnungslose (Kasernen-)Stimmung, die Sorgen und die Verzweiflung der VerteidigerInnen und dieses regungslose, aufgeladene, unruhige Warten auf das Unheil und die drohende Gefahr!

„Nachts, auf der Mauer, ist deine Fantasie dein Feind. […] Du siehst und hörst Dinge, die gar nicht da sind.“ E-Book, Position 900

Feministischer Blickwinkel (+)

Nur wenige Dinge haben mich hier gestört: Bei den Eltern von Joseph gibt es eine sehr traditionelle Rollenverteilung, bei der die Mutter sich um den Haushalt kümmert. Frauen werden entführt, um wahrscheinlich vergewaltigt zu werden (macht wütend, ist aber leider auch realistisch in einer solchen Situation) – stattdessen wird für sie entschieden, dass der Tod besser für sie ist. Ich bin unschlüssig, wie ich das finden soll! Andererseits sind auch viele Frauen auf der Mauer vertreten, die ihren männlichen Kollegen, was Mut und Einsatz betrifft, in nichts nachstehen und immer wieder ihre KameradInnen retten. Männer dürfen weinen, die Beziehung von Joseph und Hifa ist gleichberechtigt. Zudem gibt es auch keinerlei frauenfeindliche Sprache im Buch – danke dafür! In den Führungspositionen hätte ich mir allerdings ein ausgeglicheneres Verhältnis gewünscht (Politiker, Hauptmann, Sergeant etc.).

Mein Fazit

„Die Mauer“ ist eine düstere, beklemmende Dystopie am Puls der Zeit, die meine hohen Erwartungen leider nicht zur Gänze erfüllen konnte. Der Schreibstil ist einfach, flüssig und fängt die Ruhelosigkeit der VerteidigerInnen auf der Mauer gelungen ein, aber er zeigt sich oft auch zu nüchtern und emotionslos, die teilweise langen Sätze strengen im Laufe des Buches an. Ich habe die durchaus unterhaltsame, wendungsreiche und unvorhersehbare Dystopie über Liebe, Freundschaft, Überleben und Tod vor allem in der zweiten Hälfte sehr gerne gelesen. Um jedoch eine Gesellschaftskritik zu sein, behandelt das Buch seine Kernthemen – Brexit, Isolationspolitik, Flüchtlingsströme und Klimawandel – viel zu oberflächlich. Der Autor geht hier nicht genug in die Tiefe, liefert kaum Hintergrundinfos, wie es zu dieser verfahrenen Lage kommen konnte – und macht es sich auf diese Weise zu leicht. Die Figurenzeichnung ist meiner Meinung nach leider eine der größten Schwächen des Buches. Es war sehr schwer für mich, eine Bindung zum farblosen, arroganten, unreflektierten, latent unsypathischen Protagonisten aufzubauen. Auch von den anderen Figuren sind nur wenige besser gelungen. Die zweite große Schwäche des Buches ist seine fehlende Spannung und Langatmigkeit – zumindest im ersten Teil. Ich habe mich hier leider so durch die Geschichte quälen müssen wie Joseph sich durch seine Wachdienste. Großartig fand ich hingegen die düstere, beklemmende, trostlose Stimmung, dieses regungslose, aufgeladene Warten auf das drohende Unheil! Kurz: In „Die Mauer“ macht John Lanchester vieles richtig, aber leider auch bei wichtigen, grundlegenden Dingen einiges falsch. Seine Zukunftsvision konnte mich leider nicht auf ganzer Linie überzeugen.

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 5 Sterne ♥
Umsetzung: 3,5 Sterne
Worldbuilding: 3 Sterne
Einstieg: 5 Sterne
Schreibstil: 4 Sterne
Hauptfigur: 2 Sterne
Figuren: 3 Sterne
Atmosphäre: 5 Sterne ♥
Spannung: 2,5 Sterne
Ende / Auflösung: 4 Sterne
Emotionale Involviertheit: 3 Sterne
Feministischer Blickwinkel: +

Insgesamt:

❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir dreieinhalb Lilien!

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Wie weit würdest du gehen, um die Mauer zu verteidigen?

England umgibt eine Mauer – eine Mauer, die bis auf den Tod beschützt werden muss. Denn jenseits der Landesgrenzen lauern  Feinde. Wird John Kavanagh es schaffen, die Mauer zu verteidigen, oder muss er mit seinem Leben zahlen?

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Mehr zum Buch
In Großbritannien gilt das Gesetz des Stärkeren. Das Land ist von einer hohen Mauer umgeben, die von den Bewohnern um jeden Preis gegen Eindringlinge verteidigt wird. Während in England der Brexit vorbereitet wird, legt Bestsellerautor John Lanchester einen brisanten neuen Roman vor.

Joseph Kavanagh tritt seinen Dienst auf der Mauer an, die England seit dem großen Wandel umgibt. Er gehört nun zu jener Gruppe von jungen Menschen, die die Mauer unter Einsatz ihres Lebens gegen Eindringlinge verteidigt. Der Preis für ein mögliches Versagen ist hoch. Schaffen es Eindringlinge ins Land, werden die verantwortlichen Verteidiger dem Meer – und somit dem sicheren Tod – übergeben. Das Leben auf der Mauer verlangt Kavanagh einiges ab, doch seine Einheit wird zu seiner Familie, und mit Hifa, einer jungen Frau, fühlt er sich besonders eng verbunden. Gemeinsam absolvieren sie Kampfübungen, die sie auf den Ernstfall vorbereiten sollen. Denn ihre Gegner können jeden Moment angreifen. Und die sind gefährlich, weil sie für ein Leben hinter der Mauer alles aufs Spiel setzen.
John Lanchester geht in seinem neuen Roman alle Herausforderungen unserer Zeit an – Flüchtlingsströme, wachsende politische Differenzen und die immer größer werdende Angst in der Bevölkerung – und verwebt diese zu einer hochgradig spannenden Geschichte über Liebe und Vertrauen sowie über den Kampf ums Überleben.


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John Lanchester wurde am 25. Februar 1962 in Hamburg (Deutschland) geboren.

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