John le Carré Marionetten

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Inhaltsangabe zu „Marionetten“ von John le Carré

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  • Spionagethriller mit den Qualitäten eines existenzialistischen Dramas

    Marionetten

    WolffRump

    02. August 2013 um 18:54

    Genre: Spionagethriller (mit satirischen Elementen).  Inhalt: Ein muslimischer Flüchtling aus Tschetschenien reist illegal nach Deutschland ein. Er erbt von seinem Vater ein mit über 12 Millionen Dollar Blutgeld gefülltes Schwarzkonto bei einer angesehenen Hamburger Privatbank. Deutsche, britische und amerikanische Geheimdienste werden auf den Flüchtling aufmerksam. Aufgrund seiner Herkunft und seiner Einreise mit Hilfe von Schleusern verdächtigen sie ihn, mit terroristischen Aktivitäten zu sympathisieren. Sie haben es jedoch auf einen dickeren Fisch abgesehen, einen angesehenen islamischen Gelehrten, den sie der Finanzierung von Terrororganisationen bezichtigen. Es gibt keine belastbaren Beweise, aber Indizien, die ihnen ausreichend erscheinen. Das Ziel: sie wollen den für seine gemäßigte Haltung bekannten Gelehrten in eine Situation bringen, die es ihnen ermöglicht, die Daumenschrauben anzulegen und den Verdächtigen umzudrehen, so dass er als Agent der westlichen Geheimdienste wertvolle Informationen über geplante Anschläge und deren Hintermänner liefern muss. Sie zwingen die Anwältin des Flüchtlings und den Bankier, der sein Erbe verwaltet, einen Kontakt zum Gelehrten herzustellen. Der Flüchtling, der das Geld selbst aus religiösen Gründen nicht haben will, soll bewogen werden, die Summe dem Gelehrten und den von ihm benannten wohltätigen islamischen Organisationen zu spenden, hinter denen die Geheimdienste terroristische Aktivitäten vermuten. Kurz nach der Überweisung des Geldes soll der Gelehrte entführt und umgedreht werden. Der Autor: John le Carré war in den 60er-Jahren, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, als Angehöriger eines britischen Nachrichtendienstes in Bonn und Hamburg stationiert. Zahlreiche seiner Thriller sind im Spioneagemilieu angesiedelt. Eine Kleine Stadt in Deutschland spielte in Bonn und nahm die Bonner Republik aufs Korn, der vorliegende 21. Roman von John le Carré ist in Hamburg angesiedelt, in der Zeit nach 9/11, als die Geheimdienste angesichts ihres Versagens, den Anschlag zu verhindern, jeden Verdächtigen, der auch nur halbwegs in ihr Raster passte, ihrer Verfolgung aussetzten. Der reale Hintergrund: John le Carré hat in Vorbereitung des Romans den Deutsch-Türken Murat Kurnaz interviewt, der 2001 von den USA während einer Pakistanreise nach Guantanamo verschleppt und dort mehr als vier Jahre festgehalten wurde, weil man ihn verdächtigte, ein „ungesetzlicher Kombattant“ zu sein. Obwohl die USA der BRD seine Rückführung bereits 2002 angeboten hatten, wurde dies von deutscher Seite offenbar abgelehnt. Die Koordinierungsprobleme zwischen Verfassungsschutz, BND und CIA, sowie Vorwürfe, Kurnaz sei von Bundeswehrangehörigen in Guantanamo gefoltert worden, haben zwei Untersuchungsausschüsse des Bundestages beschäftigt, ohne zu befriedigenden Erkenntnissen zu führen, u. a. , weil Unterlagen der Behörden spurlos verschwunden sind. Alle Anklagen gegen Kurnaz wurden fallengelassen. Ob er dennoch radikale politische Positionen vertritt, ist strittig. Auch die im Roman genannte Hilfsorganisation für Asylbewerber hat einen realen Hintergrund. Der tatsächliche Name der Organisation ist flucht.punkt. Struktur und Spannungsbogen: John le Carré versteht es geschickt, aus einem harmlosen Drama um einen tollpatschigen und wirren Flüchtling und seine gutwilligen Helfer einen Thriller zu machen, in dem weder der Leser noch die agierenden Figuren einen Durchblick über die wirkliche Sachlage haben. Jeder glaubt das zu sehen, was er sich in seinem Inneren wünscht, obwohl jederzeit auch das exakte Gegenteil möglich scheint. Jede Figur im Roman versucht die anderen zu manipulieren und übersieht in ihrem Eifer, das sie selbst ebenso manipuliert wird. Die Realität als Orientierungsanker gerät mehr und mehr in den Hintergrund, bis sie durch den Anschein als neue Realität vollständig ersetzt wird. Revierkämpfe, Kompetenzgerangel und persönliche Befindlichkeiten lassen den Thriller in der letzten Phase seiner Metamorphose in einer Posse oder einer Politsatire gipfeln, in der jeder guten Willens war und doch jeder kläglich versagt hat. Das Ende ist ebenso schwarz wie offen. Jeder verliert. Übrig bleibt beim Leser das ungute Gefühl, dass diese Satire eben doch nahezu genau so ablaufen könnte, so unwahrscheinlich dies dem vernunftbegabten Menschen auch erscheinen mag. Das Wenige, was aus der Welt der Geheimdienste – in der Regel zufällig (Pleiten, Pech und Pannen) oder aus plumper Unfähigkeit der beteiligten Bürokraten – bekannt wird, bestätigt diese Hypothese. Dass Guantanamo bis heute existiert, hat seinen Grund. Mangelnde Gefängniskapazitäten in den USA darf man ausschließen. Dass Carré den Roman im Epizentrum des naiven Gutmenschentums, also in Deutschland, angesiedelt hat, ist ein geschickter Schachzug. Die hiesigen Behörden und Geheimdienste wirken in ihrer provinziellen Unfähigkeit auf den ersten Blick harmlos, sie lassen sich damit allerdings auch umso leichter durch andere instrumentalisieren, z. T. mit fatalen Folgen für die Opfer. Ein weiterer kluger Zug von le Carré: er schafft keine schwarz-weiße Landschaft, in der die Welt der Flüchtlinge und Asylbewerber tugendhaft und jene der Geheimdienste verwerflich ist. Es bleibt bis zum Schluss offen, ob hinter dem Flüchtling nicht doch ein geschickter Krimineller und hinter dem gemäßigten Gelehrten nicht doch ein Terrorpate steckt. Le Carré ist als ehemaliger Praktiker nicht naiv. Diesen Fluchttunnel aus der Wirklichkeit bietet er dem menschelnden Leser nicht. Charaktere: Hier liegt die Stärke des Romans. Es ist ein zutiefst menschliches Buch, dessen Handlung hinter den Figuren zurücksteht. Das Genre Thriller trifft insofern nur bedingt zu. Alle Hauptfiguren streben nach Rettung. Gleichzeitig münden ihre (gutgemeinten) Versuche im exakten Gegenteil. Die Anwältin des Flüchtlings hat jüngst einen Asyl-Mandanten durch Suizid verloren. Sie sucht die Rettung von ihrer Schuld in der Rettung des Flüchtlings. Sie liest aus den wirren Verhaltensweisen des Flüchtlings - nach anfänglichem Misstrauen - immer das heraus, was ihr Wunschdenken bestätigt. Für Zweifel bleibt kein Raum. Sie will ihn retten – um jeden Preis. Und genau diesen Umstand nutzen die Geheimdienste aus. Den englischstämmigen Privatbankier plagt die innere Leere seines Lebens. Anfangs ganz der sich an den Konventionen seines Berufsstandes orientierende Bankier, der dem Flüchtling mit gebotenem Misstrauen begegnet, verliebt er sich alsbald in die weitaus jüngere Anwältin und erklärt sie zu seinem (einzigen) Ausweg aus der Sinnlosigkeit seines Tuns und aus seiner privaten Misere. Er ordnet sein Handeln von diesem Augenblick an ausschließlich der Frage unter, ob seine Angebetete seine Aktionen gutheißen würde oder nicht. Auch seine Abhängigkeit machen sich die Geheimdienste zunutze. Der Flüchtling selbst sucht seine Rettung in religiösen Idealen, die er nicht versteht und denen er folglich auch nicht gerecht werden kann, so ehrlich sein Bemühen auch sein mag. Gleichzeitig verliebt er sich in seine Anwältin, die er einerseits verklärt und bewundert, die er aufgrund seiner religiösen Überzeugungen (oder dem, was er dafür hält) als Mann allerdings übertrumpfen muss, um sich ihrer als würdig zu erweisen und der Stellung des Mannes gegnüber der Frau in der islamischen Gesellschaft gerecht zu werden. Sie legt ihm ein Verhalten nahe, das ihr der Geheimdienst nahegelegt hat, damit sie ihn retten und ihm einen deutschen Pass besorgen kann. Er folgt den Vorschlägen, um in ihrem Ansehen aufzusteigen. Erst indem er den Anweisungen der Geheimdienste Folge leistet, genügt er den Anforderungen, die sie selbst an einen Terrorverdächtigen stellen. Sein Verhalten wirkt auf seine Umwelt widerspüchlich, so dass sich jeder die ihm genehme Interpretation seines Verhaltens aussuchen kann. Die Anwältin sieht in ihm den hilflosen Gefolterten, die Geheimdienste den cleveren Kriminellen, der Bankier versucht in ihm das zu sehen, was die Anwältin in ihm sieht und der islamische Gelehrte versucht in ihm den tiefreligiösen Wohltäter zu erkennen, obwohl jede seiner Fragen eine Antwort erhält, die alle Alarmglocken in ihm schrillen lassen. Der deutsche Geheimdienstler, der die Operation gegen die Terrorverdächtigen leitet, startet im Roman als kampferprobter Praktiker, der eine einsame Schlacht gegen die Bürokraten der konkurrierenden deutschen Geheimdienste führt und der gleichzeitig einen operativen Treffer landen muss, um seine eigene Existenz zu rechtfertigen. Er endet als bedeutungslose Marionette, die sich zwischen Befehlen, Nichtbefehlen und möglichen Befehlen seiner Vorgesetzten verheddert, die ihren Wunsch nach Bedeutung und ihre Angst vor Verantwortung als Wortschrauben tarnen, die beliebig interpretiert werden können. Geköpft wird bei Fehlschlägen immer der Handelnde, belohnt wird im Erfolgsfall immer der Bürokrat. Schließlich wird der deutsche Geheimdienstler von denjenigen aus dem ‚Projekt’ gerammt (und das ist wörtlich zu nehmen), die die deutsche Flügellähme als Einladung begreifen, ihre eigenen Ziele umzusetzen: die CIA. Sprache/Duktus: Die Sprache ist bildreich und detailverliebt, jedoch zu keiner Zeit unangemessen im Hinblick auf die transportierten Inhalte. Die Charaktere werden sprachlich nuanciert und lebendig ausgeleuchtet. Mit Klischees wird gespielt, sie werden jedoch nicht platt gesetzt, sondern durch die Doppeldeutigkeit der Figuren immer wieder in Frage gestellt. Aber das ist eine bekannte Stärke von John le Carré, die man in seinem 21. Roman voraussetzen darf, ohne sie vertiefen zu müssen. Die Beschreibung des Settings kommt m. E. manchmal etwas zu kurz, was angesichts der Anlage des Romans aber zu verschmerzen ist. Der Text ist sprachlich nicht außergewöhnlich anspruchsvoll, keine Hochliteratur, aber für einen Unterhaltungsroman sicher in der oberen Liga. Wie viel die deutsche Übersetzung ‚vergeigt’ hat, kann ich nicht beurteilen, weil ich den Roman nur in der deutschen Übersetzung gelesen habe, was ich bei englischen Texten idR zu vermeiden versuche. Fazit: Ich würde den Roman gerne als Theaterstück realisiert sehen. Trotz des für Bildungsbürger verdächtigen Herkunftsstempels ‚Spionagethriller’ hat er alle Qualitäten eines existenzialistischen Dramas. Die Hilflosigkeit der Figuren, ihr Scheitern an der Realität und an sich selbst, ihre Ausrichtung auf ein hehres Ziel, das der Überprüfung nicht standhält, erinnern mich an Stücke von Sartre und Camus, aber insbesondere an ‚En attendant Godot’ von Beckett. Auch hier wird das Drama zur Farce, zur Gesellschaftssatire, Ideale werden betriebsblind verfolgt, Anzeichen als Beweise umgedeutet, nur um seinem Handeln einen Sinn zu geben, und um die Hoffnung nicht zu verlieren, die einen antreibt.

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