Um diesen Roman in seinem Kontext einzuordnen zunächst einige Hintergründe zum Autor und zum Roman:
Jon Athan (geboren 1992) ist ein US-amerikanischer Autor, der vor allem für seine Werke im Bereich Extreme Horror und Splatterpunk bekannt ist. Er hat einen Abschluss in Strafrecht (Criminal Justice), dessen Wissen er gerne zu seinem Genre passend überspitzt bezüglich polizeilicher Abläufe und der Psychologie von Tätern nutzt.
Den Roman "Die Guten, die Bösen und die Sadisten" (Originaltitel: The Good, the Bad, and the Sadistic) hat Athan urspünglich im Mai 2018 über die CreateSpace Independent Publishing Plattform im Selbstverlag veröffentlicht. Chronologisch gesehen ist es sein 13. Roman.
Im Jahr 2018 hat Athan insgesamt acht Romane geschrieben, die reine Schreibzeit für dieses Werk liegt schätzungsweise bei nur wenigen Wochen.
Betrachtet man allein das Jahr 2018 mit seinen veröffentlichten Romanen:
- Our Dead Girlfriend (Februar 2018)
- Sympathy for the Widow (April 2018)
- The Good, the Bad, and the Sadistic (Mai 2018)
- Grandfather’s House (Juni 2018)
- Party Games (Juli 2018)
- A Boy Possessed (September 2018)
- Dr. Sadist (Oktober 2018)
- Scattershot (Dezember 2018)
lässt sich zu ihm, wie auch z.B. zum Autor Matt Shaw sagen, dass es sich bei ihm um einen äußerst produktiven Autoren handelt, der Romane, Novellen und Kurzgeschichten schreibt. Bis Februar 2026 hat er nach eigenen Angaben 58 Romane veröffentlicht.
In Deutschland erschien das Werk am 25. September 2019 als 50. Band der „Festa Extrem“-Reihe im Festa Verlag.
Die Geschichte hat ein hohes Tempo und ist sehr flüssig und „wie ein Film“ geschrieben, was Athans schnellen, visuell orientierten Stil unterstreicht. Neben dem Visuell-orientierten baut Athan hier und da auch noch "Audio" ein, sprich Töne und Geräusche, wie man sie z.B. aus der Batman-Serie der 60er Jahre kennt: peng, boom, knick, knack, rums.
Wem dieser Audio-Stil nicht liegt und sich zu sehr in Richtung Cartoon denn einem spannenden Horror-Thriller erinnert fühlt, sei dieser Roman nicht empfohlen.
Von der Erzählperspektive ist der Roman durchgehend auktorial geschrieben und zumeist genauso durchgehend wird vom Erzähler auch nur gesagt, was ist (Tell), anstelle Dinge du beschreiben und dem Leser die Interpretation zu lassen (Show). Das erlaubt einen schnellen Schreibdurchsatz des Autors (daher vermutlich auch das schnelle Verfassen dieser Story innerhalb von einigen Wochen), bedeutet aber auch mich als Leser dadurch auf Distanz zu halten, anstatt mir die Charaktere näher zu bringen.
Was sehr auffällig ist in diesem Roman: Sobald ein neuer Charakter eingeführt oder gezeigt wird, wird er sogleich von Athan äußerlich beschrieben. Das zieht sich durch den Roman wie ein roter Faden und sehr oft passt dies für mich nicht zur Situation: Man stelle sich die Anfangssituation vor, wie ein Ehepaar auf der Heimfahrt ist, den Wagen parkt, ins Haus schlurft und darin von zwei Eindringlingen aufgelauert wird und anstelle beim Ehepaar zu bleiben, bei der Spannung und der Bedrohung, werden mir die beiden Eindringlinge plötzlich mit ihrer Kleidung, Augen- und Haarfarbe vorgestellt. In diesem Moment interessiert mich das null und es reisst mich aus der Szene.
Atmosphäre und Spannung mögen nicht unbedingt Athans Stärke sein, sondern Optik und Tempo.
Clayton und Chastity bleiben eindimensional, auch wenn in ein, zwei Szenen Chastity etwas mehr Tiefe bekommt, in dem sie eigentlich gerne Mutter und Ehefrau sein möchte, sie wünscht sich eine Familie mit ihrem Traummann Clayton zu gründen, dieser ist aber immer auf einer Art "Mission des Chaos und der Freiheit", die im Grunde nur als ein Vehikel dient, aber nie wiklich unterfüttert wird oder Clayton mehr Substanz gibt.
Die Liebesbekundungen der beiden, um ihnen eine Emotionalität und vermutlich auch eine verkappte Romantik anzudichten, klappt bei mir leider nicht. Dafür gibt es zu wenig gut ausgearbeitete Szenen, um mir die beiden als missverstandene, geplagte junge Erwachsene zu zeigen oder mir aufgrund ihrer Vergangenheit zu zeigen/zu erklären, was die beiden antreibt und zu bestialischen, sadistischen Morden bringt. Hier verschenkt der Autor Athan leider zu viel Potential, was seine beiden Hauptprotagonisten angeht. Vielleicht war es aber auch nicht seine Ambition, mir als Leser Clayton und Chastity plastischer, mehrdimensionaler zu entwickeln.
Leider trifft dies auch auf Detective Harvey Skinner zu. Diesen Charakter erfahre ich als Leser nur aus unendlichen Tell-Passagen. Gegen Ende erfährt er etwas mehr Tiefe durch seine Rede an die Reporter, aber dies ist auch nur bedingt.
Wer mysteriös bleiben soll und von dem man nur aus der Sicht von anderen Charakteren (Clayton, Chastity, Harvey) etwas erfährt, ist der Heartless Heart-Ripper Sam Lee, der Serientäter aus der Todeszelle, der von Harvey Skinner dank seiner Vebindung zum Gefängnisdirektor von San Quentin rekrutiert wird („Um einen Killer zu fangen, braucht man einen Killer“), um Serienkiller zu jagen, mit der gleichen Härte und Gnadenlosigkeit zu bestrafen und zur Strecke zu bringen, alles völlig incognito, mit oder ohne Kollareralschaden. Sam Lee bleibt hohl, übermächtig und aus unerfindlichen und unerklärlichen Gründen dem Killerpärchen stets auf der Spur.
Hier macht es sich Athan viel zu leicht, um den doch recht dünnen Plot auf einen hohen Tempo zu halten, in dem er mir als Leser keinerlei Einsicht oder Anhaltspunkte gibt, wie Sam Lee den Aufenthaltsort des flüchtigen Serienkillerpärchens stets findet: Er steht in einer Nacht plötzlich vor ihnen, nach dem Clayton und Chastity auf relativ unmotiviert geschriebene Art und Weise ein Opfer in einem Hinterhof getötet haben, attackiert die beiden und schlägt sie krankenhausreif. Dann verschwindet er und wiederholt es später wieder im Motelzimmer des Pärchens. Dass er die beiden bis zum Motelzimmer verfolgt und sie dort angreift, kann ich mir denken, aber wie er die beiden zuvor irgendwo in einem Kaff in Nevada vor einer Bar im Hinterhof findet, das verschweigt mir der Autor. So schlängelt sich der Autor mit einigen Plotlöchern, in denen der Grand Canyon passen würde, vom Anfang bis zum Ende durch die Story.
Was mir leider auch nicht gefallen hat und es sich Athan auch hier sehr leicht gemacht hat: Die Opfer sind Opfer, sie wehren sich nicht wirklich, richtig unglaubwürdig sind die Tankstellenszene in Nevada, die Szene mit dem Ehepaar und ihrer Tochter auf dem Highway (davon vor allem die Ehefrau, wie sie sich ohne Gegenwehr von einer ziemlich lädierten und kaum beweglichen Chastity ermorden lässt, ist nur zum Kopfschütteln), oder der junge Mann im Hinterhof der Bar, wie sich da der Dialog entwickelt und wie er ermordet wird, auch ohne Gegenwehr.
Was mir hingegen gut gefallen hat, war die vorhergehende Szene in der Bar, wo Clayton sich verhält wie die Axt im Wald und eine Frau bedrängt und er sich plötzlich zwei Waffenläufen gegenüber sieht und zähneknirschend zurückrudert.
Es wäre kontraproduktiv gewesen, wenn die Nebencharaktere mit mehr Gegenwehr oder mehr Substanz verfasst worden wären, denn die Prämisse ist klar: Hohes Tempo, ein dominantes Killerpärchen und Sam Lee, der Clayton und Chastity zur Strecke bringen wird. Das erfolgt ohne Twists oder große Überraschungen, sondern ziemlich geradeaus.
Was bleibt übrig nach der Lektüre dieser Geschichte:
Ein sehr fader Geschmack, dass Athan aus diesem Stoff hätte mehr machen können, als der Titel und die Referenzen versprechen. Man kann sich diesen Roman als eine extrem düstere und gewalttätige Mischung aus bekannten Genre-Klassikern und Filmen vorstellen:
- "Natural Born Killers" trifft auf "Das Schweigen der Lämmer": Die Dynamik des mordenden Paares Clayton und Chastity erinnert an Mickey und Mallory aus "Natural Born Killers". Die Grundidee, einen inhaftierten Mörder (Sam Lee) freizulassen, um diese Psychos zu fangen, ist eine extremere Version des „Um einen Killer zu fangen, braucht man einen Killer“-Ansatzes aus "Das Schweigen der Lämmer".
- "I Saw the Devil": In diesem südkoreanischen Thriller erfolgt ebenfalls eine brutale, fast schon rituelle Jagd und gegenseitige Folter zwischen zwei monströsen Charakteren.
- "The Good, the Bad and the Ugly" (Zwei glorreiche Halunken): Schon der Titel spielt auf den Western-Klassiker an. Athan nutzt die Struktur eines „Mexikanischen Patts“ oder einer Jagd, bei der moralisch fragwürdige Charaktere aufeinandertreffen, überträgt dies jedoch in ein blutiges Roadmovie-Szenario im heutigen Kalifornien.
- "American Psycho": Athans Buch legt aber mehr den Fokus auf physische Zerstörung und Splatterpunk-Elemente in Richtung grafischer Gewalt, anstelle literarisch eine herrliche, schwarze Satire auf den (heutigen) Lifestyle zu sein.
Leider ist dieser Roman in allen Belangen seinen Referenzen unterlegen. Man merkt ihm an, dass es sich um einen Schnellschuß handelt, der innerhalb von wenigen Wochen heruntergeschrieben worden ist. Eine Überarbeitung des Stoffes, mehr Spannung, bessere Ausarbeitung der Charaktere und der Szenen, geschliffenere Dialoge und deutlich mehr Überraschungen hätten dem Roman gut getan. Mich als Leser hat der spannugsarme Roman leider kalt gelassen, weil mir im Grunde die Charaktere Clayton, Chastity, Harvey und Sam und die Opfer egal waren.
Noch als Info:
Der Roman ist der erste Teil der „The Heartless Heart-Ripper“-Dilogie. Die Fortsetzung erschien 2019 unter dem Titel "A Fistful of Guts" im Selbstverlag (Independently Published) und kann z.B. primär über Amazon (als Taschenbuch und E-Book/Kindle Unlimited) sowie in Jon Athans eigenem Splatter Store erworben werden. Eine offizielle deutsche Übersetzung der Fortsetzung steht aktuell noch aus (Stand: Februar 2026).