Jonas Beiler

 5 Sterne bei 2 Bewertungen
Autor von Think No Evil.

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Think No Evil
Think No Evil
 (2)
Erschienen am 22.09.2009

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Rezension zu "Think No Evil" von Jonas Beiler

Rezension zu "Think No Evil: Inside the Story of the Amish Schoolhouse Shooting...and Beyond" von Jonas Beiler
SiColliervor 6 Jahren

Zum Inhalt

Es war ein schreckliches Verbrechen: ein Mann dringt in eine Schule ein, tötet fünf Mädchen zwischen sechs und dreizehn Jahren und schließlich sich selbst. Die Mädchen waren Amish.

Dieses Buch ist der erste Insider-Bericht der tragischen Ereignisse, das die Amish in Nickel Mines traf. Minutiös wird der Ablauf der Tragödie aus Sichtweise der Betroffenen wie der Helfer geschildert. In der zweiten Buchhälfte geht es um die Vergebung, die die Amish dem Täter wie auch dessen Angehörigen gewährten. Wie und warum es dazu kam, worin diese Tradition begründet ist, welche Auswirkungen das auf die Betroffenen hat. Und was man für das ganz normale Leben daraus lernen kann.

Meine Meinung

Das war das (emotional) härteste Buch, das ich je gelesen habe. Irgendwann habe ich aufgehört, die verbrauchten Taschentücher zu zählen. Dabei begann alles an einem wunderschönen, sonnigen Herbstmorgen. Der Tag versprach, gut zu werden. Doch am Abend
- sah man gestandene Männer weinen,
- eine Sanitäterin so am Ende ihrer Kräfte, daß sie nie wieder zu einem Einsatz wollte,
- einen Feuerwehrkommandanten unter Schock,
- zehn Mädchen angeschossen. Es sieht so aus, als ob keines von ihnen überleben wird.

Es war der 2. Oktober 2006, als ein Mann in die Schule der Amish in Nickel Mines / Pennsylvania eindrang, die Jungen sowie Besucher hinausschickte, die Mädchen fesselte und erschoß, bevor er sich selbst richtete.

Was man in der Folge nicht erlebte, waren Horden von Anwälten, die in zig Prozessen möglichst viel aus dem Geschehen herausholen wollten. Es gab keine Forderungen nach „Köpfe rollen“, keine Rufe nach Gesetzesänderungen. Statt dessen besuchten wenige Stunden nach Beginn der Ereignisse Familien der Amish die Frau des Attentäters und dessen drei kleine Kinder, um sich nach dem Befinden zu erkundigen. Es geschah das Unfaßbare: die Amish vergaben dem Täter und versicherten dessen Hinterbliebenen, daß sie keinen Groll gegen sie hegten, sondern hofften, daß eine Freundschaft der Familien entstünde, damit man sich besser kennenlernen könne.

Wie ist so etwas möglich? Warum ist so etwas möglich? Diesen Fragen geht das Buch nach. Dabei sind die Autoren hier nicht so distanziert, wie dies im Buch „Die Gnade der Amish“ der Fall war, wo man sich der Thematik eher nüchtern-wissenschaftlich näherte. Die Autoren von „Think No Evil“ haben beide selbst Amishwurzeln und verstehen so quasi „von innen her“, was da vor sich ging.

Bedingt nicht nur durch eigene Erfahrungen (so hat Jonas Beiler selbst eine Tochter im Alter von 19 Monaten durch einen tragischen Unfall verloren), ist das ein sehr emotionales Buch. Jonas Beiler ist ein local, er wohnt und arbeitet dort in der Gegend. Minutiös schildert er die Umstände, die zum Verbrechen führten, sowie den Tathergang selbst. Durch die lebendige Sprache ist man sehr nahe am Geschehen daran, hört den Mörder sein „get all down“ brüllen, die Sirenen der eintreffenden Polizei- und Krankenwagen heulen - und schließlich die Schüsse knallen.

Es ist ein gespenstisches, ein grauenhaftes Szenario, das da vor den Augen des Lesers entsteht. Immer wieder hat man von Amokläufen gehört, irgendwo im Lande. Doch nicht hier, mitten im Amish-Land, in einer Schule der Amish! Undenkbar. Und doch wird das Undenkbare zur bitteren Gewißheit.

Es hat damals Schlagzeilen gemacht, daß die Amish so schnell dem Täter wie dessen Angehörigen vergaben. Damit und mit den Voraussetzungen dazu befaßt sich die zweite Buchhälfte. Dabei wird deutlich, daß diese Verhaltensweise eine rund fünfhundertjährige Tradition hat. Bis in die jüngste Vergangenheit hinein bringt das Buch Beispiele ähnlichen Verhaltens, darunter vom Autor selbst erlebte. Er ist in einer Amish-Familie aufgewachsen, hat später das Leben als Englischer gewählt, seine Wurzeln jedoch nicht vergessen. Durch seine berufliche Tätigkeit als Mitbegründer des Family Resource and Counseling Center weiß er auch von dieser Seite her, wie schwer es ist, mit solchen Traumata umzugehen und fertig zu werden.

Vergeben heißt nicht vergessen, niemand sagt, daß die Eltern der getöteten Mädchen nicht furchtbar gelitten haben (es vielleicht oder besser vermutlich noch immer tun) und genauso verzweifelt sind, wie jedes andere Elternpaar auch, das ein Kind verliert. Niemand konnte dies besser nachempfinden als Jonas Beiler und seine Frau. Den Unterschied macht die Entscheidung, wie man mit dem Erlebten umgeht.

Something I always like to remember is that we don’t live with the facts of our lives; we live with the conclusions that we make abaout the facts of our lives. (*, Seite 193f) Es ist die Einstellung, die man zu Ereignissen hat, die Schlußfolgerungen, die man aus Geschehnissen zieht, die letztlich das eigene Leben bestimmen. „Vergebung bedeutet, dein Recht auf Vergeltung aufzugeben.“ So wurde auf Seite 146 des Buches „Die Gnade der Amish“ der Vater eines der getöteten Mädchen zitiert. Ungeachtet des langen Weges, den man nach solche traumatischen Ereignissen, wie in diesem Buch beschrieben, zurücklegen muß, ist es letztlich die Entscheidung jedes einzelnen, ob er (vereinfacht ausgedrückt) den Weg der Rache oder den der Vergebung gehen will. Wobei, so wird im Buch deutlich, nur der letztere irgendwann zu innerem Heilwerden führen kann.

Übrigens: zu den Wundern dieses dunklen Tages gehörte nicht nur, daß der Täter vergessen hatte, ein Mädchen zu fesseln, wodurch dieses als einziges unverletzt entkommen konnte, sondern daß - entgegen allen Voraussagen - fünf der Opfer überlebten. Eines davon war von den Ärzten aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen worden. Zum Sterben.

Forgiveness is letting go of hope for a different past (**, Seite 178)

Kurzfassung

In einer hochemotionalen Schilderung wird das Massaker von Nickel Mines geschildert, wie die Menschen hinterher damit umgingen, warum sie das so taten, wie sie es taten. Und was man aus diesem Umgang mit schlimmen Ereignissen für das eigene Leben lernen kann. Ein flammender Appell gegen die Unkultur der Rache und für die Kultur der Vergebung.

Sinngemäße Übersetzungen (aus dem Zusammenhang heraus):
* = Etwas, an das ich immer gerne denke ist, daß wir nicht mit den Fakten unseres Lebens leben; wir leben mit den Schlüssen, die wir aus den Fakten unseres Lebens ziehen.
** = Vergebung ist das Aufgeben der Hoffnung auf eine andere Vergangenheit.

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