Jonas Hassen Khemiri

 4,2 Sterne bei 56 Bewertungen
Autor von Alles, was ich nicht erinnere, Die Schwestern und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Jonas Hassen Khemiri, geb. 1978 in Stockholm, ist einer der renommiertesten Autoren Skandinaviens. Seine sechs Romane wurden in über dreißig Sprachen übersetzt, und seine Dramen werden in der ganzen Welt inszeniert. Er wurde mit zahlreichen schwedischen und internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Per-Olov-Enquist-Preis, der Augustpreis und der Prix Médicis Étranger. Sein Roman Die Vaterklausel war für den National Book Award nominiert. Seit 2021 lebt Khemiri in New York, wo er Kreatives Schreiben unterrichtet.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Jonas Hassen Khemiri

Cover des Buches Alles, was ich nicht erinnere (ISBN: 9783421047243)

Alles, was ich nicht erinnere

(24)
Erschienen am 13.03.2017
Cover des Buches Die Schwestern (ISBN: 9783499014208)

Die Schwestern

(17)
Erscheint am 11.12.2026
Cover des Buches Die Vaterklausel (ISBN: 9783498035839)

Die Vaterklausel

(2)
Erschienen am 17.11.2020
Cover des Buches Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen (ISBN: 9783492050333)

Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen

(2)
Erschienen am 01.03.2007
Cover des Buches Alles, was ich nicht erinnere (ISBN: 9783499276583)

Alles, was ich nicht erinnere

(0)
Erschienen am 17.11.2020
Cover des Buches Das Kamel ohne Höcker (ISBN: 9783499275579)

Das Kamel ohne Höcker

(0)
Erschienen am 17.11.2020
Cover des Buches Ich rufe meine Brüder (ISBN: 9783499275586)

Ich rufe meine Brüder

(0)
Erschienen am 17.11.2020
Cover des Buches Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen (ISBN: 9783499275562)

Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen

(0)
Erschienen am 17.11.2020

Neue Rezensionen zu Jonas Hassen Khemiri

Cover des Buches Alles, was ich nicht erinnere (ISBN: 9783421047243)
Buchsucht_des avatar

Rezension zu "Alles, was ich nicht erinnere" von Jonas Hassen Khemiri

Buchsucht_de
Wer war Samuel? Ein Mosaik aus Erinnerungen

Inhaltswarnung vorweg: Das Buch behandelt Themen wie möglichen Suizid, Tod und Verlust. Wer sich gerade in einer Krise befindet oder bei diesen Themen empfindlich reagiert, sollte das im Hinterkopf behalten.

Samuel ist tot. Er ist mit dem alten Opel seiner demenzkranken Großmutter in voller Fahrt gegen einen Baum gefahren. Was nun bleibt, sind die widersprüchlichen Erinnerungen jener Menschen, die ihm im Leben begegnet sind. Ein Erzähler, sein Beruf bleibt lange unklar, sammelt diese Stimmen. Er befragt Vandad, Samuels muskulösen besten Freund und Mitbewohner. Er befragt Laide, Samuels große Liebe, die als Übersetzerin beim schwedischen Migrationsamt arbeitet. Er befragt seine alte Jugendfreundin „Die Pantherin“ und seine demenzkranke Großmutter. Jede dieser Stimmen zeichnet ein anderes Bild von Samuel. Für die einen war er ein fürsorglicher Enkel, für die anderen ein eifersüchtiger Liebhaber, für wieder andere ein hilfsbereiter Idealist, der das Haus seiner Großmutter illegalen Flüchtlingen als Unterschlupf zur Verfügung stellt. Vor dem Hintergrund der schwedischen Migrationspolitik und einer „hypersensiblen Zeit“ entsteht ein vielschichtiges Mosaik mit der zentralen Frage: Wer war Samuel wirklich? Und war sein Tod ein Unfall oder eine bewusste Entscheidung?

Khemiri schreibt klar, präzise und ohne Sentimentalität. Sein Stil ist unaufgeregt, fast nüchtern, und gerade das verleiht dem Buch seine ganz eigene Wirkung. Wenn er Schwellenmomente beschreibt, in denen Beziehungen kippen oder Stimmungen umschlagen, trifft er sie mit einer Genauigkeit, die mich an Annie Ernaux erinnert hat. Diese ruhige Klarheit ist Khemiris große Stärke. Susanne Dahmann hat eine hervorragende Übersetzung abgeliefert. Der schwedische Sound, die Eigenheiten der verschiedenen Erzählstimmen, die feinen Tonalitätsunterschiede zwischen Vandads grobschlächtigem Slang und Laides intellektuell-analytischer Sprache – all das funktioniert im Deutschen sehr gut. Die Übersetzung trägt entscheidend dazu bei, dass die Multiperspektive nicht zur reinen literarischen Spielerei wird.

Hier liegt die formale Stärke des Romans. Khemiri lässt verschiedene Stimmen sprechen, ohne sie in klassische Kapitel zu sortieren. Die Aussagen wechseln sich ab, manchmal sogar innerhalb einer Szene. Dadurch entsteht ein Sog, der gleichzeitig fordert: Wer spricht hier gerade? Welche Version der Geschichte glaube ich? Was ich besonders gelungen finde: Samuel hat in jeder dieser Stimmen ein anderes Gesicht. Bei Vandad ist er der vertrauensvolle Freund, bei Laide der überforderte Liebhaber, bei der Großmutter der treue Enkel. Khemiri stellt die existenzielle Frage, ob es so etwas wie ein „wahres Selbst“ überhaupt gibt, oder ob wir immer das sind, was andere in uns sehen. Das ist literarisch durchdacht und thematisch hochrelevant.

Khemiri verhandelt eine Reihe schwerer Themen, ohne sie didaktisch abzuhandeln: Identität in Zeiten der Anpassung, schwedische Migrationspolitik, illegale Flüchtlinge, die Frage nach Empathie und Verantwortung in einer Großstadt-Gesellschaft. Das ist beeindruckend, weil Khemiri keine einfachen Antworten gibt. Stattdessen zeigt er, wie Menschen in diesen Verhältnissen entscheiden, scheitern, weitermachen. Was mich besonders berührt hat: Samuels Beziehung zu seiner demenzkranken Großmutter. Die Szenen, in denen er versucht, ihr Vergessen aufzuhalten, während er selbst Schwierigkeiten hat, sich an Dinge zu erinnern, die andere ihm erzählt haben, sind eine der stärksten Schichten des Buches. Hier zeigt Khemiri, dass es nicht nur um Identität geht, sondern auch um die Frage, was von uns bleibt, wenn die Erinnerung verschwindet.

Hier wird es ehrlich. So sehr ich die literarische Qualität des Buches anerkenne, so wenig ist es mir emotional nahegekommen. Das liegt an Khemiris bewusster Distanz: Samuel bleibt absichtlich ein Phantom, ein Spiegel, in dem sich andere reflektieren. Genau das ist die literarische Pointe, aber genau das hat mich auch davon abgehalten, mit ihm wirklich mitzufühlen. Wer einen klassischen Roman erwartet, in den man emotional eintaucht und einer Hauptfigur folgt, wird hier ausgebremst. Wer Lust auf literarisches Puzzle-Denken hat und sich auf einen Roman einlassen kann, der mehr fragt als beantwortet, wird begeistert sein. Ich war fasziniert von der Konstruktion, aber gleichzeitig nie ganz drin. Eine zwiegespaltene Leseerfahrung.

Das Pacing ist gemütlich-langsam. Die Aussagen der verschiedenen Stimmen werden Stück für Stück zusammengesetzt, das große Bild ergibt sich erst gegen Ende. Wer Spannung im klassischen Sinne sucht, wird sie hier nicht finden – die „Spannung“ liegt in der Frage, wie das alles zusammenpasst und ob am Ende eine Antwort auf die zentrale Frage steht. Was mir gefehlt hat: Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass Khemiri tiefer in einzelne Szenen geht. Die fragmentarische Struktur sorgt dafür, dass viele Momente nur angerissen werden. Emotional packende Stellen blitzen auf und sind wieder weg, bevor man wirklich bei ihnen ankommt. Hier liegt für mich der größte Schwachpunkt.

Mein Fazit: „Alles, was ich nicht erinnere“ ist literarisch zweifellos beeindruckend. Khemiri ist zu Recht einer der wichtigsten schwedischen Gegenwartsautoren, der Augustpreis ist verdient. Wer literarisch ambitionierte Gegenwartsliteratur mag, die formal etwas wagt und relevante gesellschaftliche Themen verhandelt, sollte das Buch unbedingt lesen. Mein ehrliches Problem: So beeindruckt ich von der Konstruktion war, so wenig hat mich der Roman emotional gepackt. Genau diese Distanz ist Programm, aber sie verhindert auch, dass ich das Buch lieben kann.

Empfehlenswert für Fans literarisch anspruchsvoller Gegenwartsliteratur und skandinavischer Autor:innen. Für alle, die auf Multiperspektiv-Erzählungen wie bei Olga Tokarczuk oder David Mitchell stehen. Auch ein wichtiges Buch für Lesekreise, die offenen Fragen laden zu Diskussionen ein. Eher nichts für Leser:innen, die klassische Erzählbögen und emotionalen Sog suchen oder bei Themen wie Suizid, Tod und Demenz empfindlich reagieren – das Buch geht respektvoll mit ihnen um, aber sie sind durchgehend präsent.

Cover des Buches Die Schwestern (ISBN: 9783498004972)
VeronikaGruenschlags avatar

Rezension zu "Die Schwestern" von Jonas Hassen Khemiri

VeronikaGruenschlag
Ein Jahrhundertroman über Nähe, Herkunft und Identität

Jonas Hassen Khemiris Roman entführt uns nach Stockholm in die Silvesternacht 1999/2000, die Millennium-Nacht. Die Schwestern – der Titel erinnert nicht zufällig an Tschechows „Drei Schwestern“ – erzählt von Ina, der nachdenklichen Ältesten, die früh Verantwortung übernehmen und die Mutterrolle für ihre jüngeren Schwestern ausfüllen musste; von Evelyn, der mittleren, bildschönen Verführerin; und von Anastasia, der Jüngsten, chaotisch, suchend, rastlos.

Der Erzähler Jonas verwebt seine eigene Lebensgeschichte – deutlich an die Biografie des Autors angelehnt – mit jener der fiktionalen Schwestern. Als Kinder sind sie Nachbarn in Stockholm. Der Erzähler stammt von einem tunesischen Vater und einer schwedischen Mutter; die Schwestern von einem finnischen Vater und einer tunesischen Mutter. Diese biografischen Spiegelungen verleihen dem Roman zusätzliche Tiefe.

Der über 700 Seiten umfassende Roman ist ein erzählerisches Meisterwerk. Die Figuren sind so authentisch und vielschichtig gezeichnet, dass man ihnen glaubt, sie jederzeit auf der Straße, im Bus oder im Theater begegnen zu können. Die Handlung ist komplex, dabei stets glaubwürdig und fein komponiert.

Khemiri muss den Vergleich mit Autoren wie Jonathan Franzen nicht scheuen. Ein großer, beeindruckender Roman. Großartig!

Cover des Buches Die Schwestern (ISBN: 9783498004972)
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Rezension zu "Die Schwestern" von Jonas Hassen Khemiri

hamburgerlesemaus
Gute Unterhaltung!

DIE SCHWESTERN

Jonas Hassen Khemiri

ET: 15.5.25


Schweden, Anfang der 90er Jahre:
Als die drei Mikkola-Schwestern – Ina, Evelyn und Anastasia – in Jonas’ Nachbarschaft ziehen, ist er sofort von ihnen fasziniert. Ob es an den gemeinsamen tunesischen Wurzeln liegt oder an den vielen Gerüchten, die über die geheimnisvolle Familie kursieren, weiß er selbst nicht genau. Die Mädchen leben weitgehend auf sich gestellt, da ihre Mutter selten zu Hause ist. Über ihren Beruf gibt es nur Spekulationen – mal heißt es, sie sei Handelsreisende, mal wird sie als Prostituierte bezeichnet. Sicher ist nur, dass Jonas’ Vater sie noch aus Tunesien kennt.

Besonders die mittlere Schwester Evelyn zieht Jonas in ihren Bann. Er verbringt jede freie Minute mit ihr, doch eines Tages ist die Familie spurlos verschwunden. Damit ist die Geschichte aber nicht zu Ende – ihre Wege werden sich über die Jahre immer wieder kreuzen.


Khemiri entwirft in Die Schwestern ein vielschichtiges Porträt von Verlust, Sehnsucht und der Suche nach Zugehörigkeit. Über 736 Seiten spannt er den Bogen von Schweden über Tunesien bis in die USA und erzählt eine Geschichte, die mehr als 35 Jahre umspannt. Während mich die erste Hälfte des Romans vollkommen fesselte, verlor die zweite für mich deutlich an Intensität. Ganz beiseitelegen wollte ich das Buch nach über 350 Seiten jedoch nicht – zu groß war die Neugier, wie Khemiri diese weit ausgreifende Erzählung schließlich zu Ende führt.

Fazit:
Ein kraftvoller, sprachlich fein gearbeiteter Roman, der jedoch nicht durchgehend überzeugen konnte. Für mich ein Buch, das man lesen kann – aber nicht unbedingt muss.
3/5


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Jonas Hassen Khemiri wurde am 27. Dezember 1978 in Stockholm (Schweden) geboren.

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