Jonas Hassen Khemiri

 4.1 Sterne bei 34 Bewertungen
Autor von Alles, was ich nicht erinnere, Ett Öga Rött und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Jonas Hassen Khemiri

Jonas Hassen KhemiriAlles, was ich nicht erinnere
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Alles, was ich nicht erinnere
Alles, was ich nicht erinnere
 (21)
Erschienen am 13.03.2017
Jonas Hassen KhemiriMontecore, ein Tiger auf zwei Beinen
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Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen
Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen
 (2)
Erschienen am 01.03.2007
Jonas Hassen KhemiriEtt Öga Rött
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Ett Öga Rött
Ett Öga Rött
 (3)
Erschienen am 01.01.2004
Jonas Hassen KhemiriMontecore: En Unik Tiger (Swedish Edition)
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Montecore: En Unik Tiger (Swedish Edition)
Montecore: En Unik Tiger (Swedish Edition)
 (1)
Erschienen am 01.01.2006
Jonas Hassen KhemiriMontecore
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Montecore
Montecore
 (0)
Erschienen am 01.03.2011
Jonas Hassen KhemiriJonas Hassen Khemiri
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Jonas Hassen Khemiri
Jonas Hassen Khemiri
 (0)
Erschienen am 01.01.2011

Neue Rezensionen zu Jonas Hassen Khemiri

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SATZZEICHENs avatar

Rezension zu "Alles, was ich nicht erinnere" von Jonas Hassen Khemiri

Memories
SATZZEICHENvor einem Jahr

Man kann den Menschen nicht in den Kopf schauen, nur davor. Wie oft sieht man Fremde und macht sich innerhalb weniger Sekunden ein Bild von ihnen. Ein Pärchen, das sich aneinander schmiegt und Händchen hält. Natürlich seufzt man innerlich sofort entzückt auf und denkt „Hach, muss Liebe schön sein!“. Doch was, wenn dieses Pärchen gerade vor der schwersten Entscheidung seines Lebens steht und sich deshalb, voller Panik, aneinanderklammert? Was, wenn die bildschöne, durchtrainierte, fröhliche Blondine von nebenan gar nicht so glücklich ist, wie alle denken? Sondern von Selbstzweifeln zerfressen, weil sie nie weiß, ob die Menschen eigentlich SIE oder nur ihre makellose Fassade mögen? Was, wenn jemand, von dem man glaubt, ihn zu kennen, plötzlich ganz anders erscheint?

Den Menschen um Samuel herum geht es so. Eigentlich ist Samuel ein ganz normaler junger Kerl, der in Stockholm lebt, der mit Freunden abhängt, manchmal einen über den Durst trinkt, Mädels hinterherschaut und wenig an die Zukunft denkt. Soweit, so durchschnittlich. Doch Samuel hat auch seine tiefgründigen Seiten: Er kümmert sich um seine demente Großmutter, er will viel erleben, deshalb hat er ein „Erfahrungskonto“ angelegt, für das er auch den größten Quatsch macht, er arbeitet im Amt für Migration, Freunde wählt er nicht nach der Hautfarbe, sondern nach Sympathie aus, er ist der Definition von Liebe auf der Spur.

Alles noch nicht wirklich extraordinär.

Der einzige Grund, weshalb Samuel plötzlich außergewöhnlich wirkt, ist, genau genommen, sein Tod. War es Selbstmord (Liebeskummer!)? War es ein Unfall (Alte Schrottlaube von einem Auto!)?  War es gar Mord (Dieser Vandad, ob das wirklich ein guter Freund war oder doch ein mieser Schurke?)?

Plötzlich scheiden sich die Geister an diesem Samuel, der zu Lebzeiten so wenig Aufsehen um seine Person gemacht hat.

Die Geschichte ist dreigeteilt: AM (ante meridiem, also vormittags) – Laide (Samuels letzte Beziehung) – PM (post meridiem, also nachmittags). Aha! Und auch der Stil, dessen sich der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri bedient, ist nicht alltäglich. Er macht es dem Leser nicht leicht, in die Story einzusteigen. Sätze werden durch Sternchen und große Abstände als eigenständige Passagen erkennbar. Doch wer spricht? Wessen Perspektive liest man gerade? Wörtliche Rede wird nicht immer klar als solche kenntlich gemacht. Manche Absätze beginnen in der dritten Person und rutschen dann in die erste, da die Person, um die es in dem Abschnitt geht, plötzlich aus der „Ich“-Perspektive spricht. „Wer erzählt denn jetzt?!“, ist für mich als Leserin daher die zentrale Frage, die sich lange Zeit nicht abschütteln lässt. Immer wieder bin ich verwirrt, blättere ein paar Seiten zurück. Weil ich den Abschnitt nicht verstehe oder nicht einordnen kann, versuche ich, ihn in den Kontext zu bringen.

Doch das Durcheinander spiegelt das Durcheinander um Samuel wider. Es ist eine Metapher für das Chaos, in dem sich der kleine Samuel-Kosmos befindet, nach seinem Tod. Denn WARUM um alles in der Welt ist er denn plötzlich tot? Gerade war er doch noch mit der Großmutter im Altersheim, hat sie dort abgesetzt, im nächsten Moment fährt er mit Vollgas gegen einen Baum!

Im Verlauf des Buches straffen sich die Strukturen, man lernt zu erkennen, wem welche Textpassage zuzuordnen ist. Khemiris Stil ist es, keiner dieser Personen eine unverwechselbare Stimme, einen eigenen Slang zu geben. Die Sprache verbiegt sich nicht. Das macht es schwer, doch der Plot ist stark genug, einen durch diese Anstrengung zu tragen. Man erfährt so manches, womit man nicht gerechnet hat, die Sympathien für die verschiedenen Personen schwanken.

Ein fiktiver Journalist ist es, der all diese Berichtfetzen wie Fäden nebeneinander gruppiert, auch mal ineinanderverflicht und am Ende nicht komplett entwirrt. Er trägt, so scheint es, einige Züge des Autors Khemiri, und tritt im letzten Teil des Buches mehr in Erscheinung. Doch auch er bleibt merkwürdig wenig greifbar, der Leser erfährt nur Bruchstückhaftes über ihn.

Am Ende sind es die großen Themen Tod, Liebe, Freundschaft, die alles bewegen. Wie sehr beeinträchtigte Samuel die Tatsache, dass er ein schlechtes Gedächtnis hatte? Hatte er Panik, weil er dachte, ein Schicksal wie das seiner dementen Großmutter stünde auch ihm bevor? Wie viel Macht und Einfluss hatte Laide, Samuels große, verflossene Liebe? Wie wichtig war sein bester Freund Vandad wirklich für ihn – und warum sitzt er nun im Gefängnis? Wer war wirklich für Samuel da, als er noch lebte, wer wollte nur sein Ego mit ihm aufpolieren, wer hat ihn im Stich gelassen?

Nicht alle Fragezeichen lösen sich gegen Ende auf, denn, auch wenn man Menschen beobachtet, befragt – man kann ihnen eben nicht in den Kopf schauen, nur davor.

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sabatayn76s avatar

Rezension zu "Alles, was ich nicht erinnere" von Jonas Hassen Khemiri

‚Ich glaube nicht, dass man jemanden retten kann, der nicht gerettet werden will.‘
sabatayn76vor einem Jahr

Samuel ist mit dem Auto seiner Großmutter tödlich verunglückt, doch ob es sich um einen Unfall oder um einen Suizid handelt, ist ungewiss. In ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ versuchen die einzelnen Protagonisten Licht ins Dunkel zu bringen und erzählen die Geschichte um Samuel und sein Leben aus ihrer Perspektive, so dass der Leser nach und nach versteht, um welchen Menschen es sich bei Samuel gehandelt hat, was ihn geprägt und bewegt hat.

Dabei zieht sich die Frage der Schuld wie ein roter Faden durch den Roman: Wer trägt die Verantwortung für Samuels Tod? Ist es Laida, mit der Samuel eine Beziehung geführt hat, die schließlich gescheitert ist? Ist es Vandad, mit dem sich Samuel angefreundet hat, obwohl die beiden so unterschiedlich sind, Vandad sich von Samuel aushalten ließ und ihn finanziell ausnutzte? Oder lag es schlichtweg an den maroden Bremsen des alten Autos, um das sich scheinbar nicht angemessen gekümmert wurde?

'Alles, was ich nicht erinnere' ist bereits der vierte Roman Jonas Hassen Khemiris, der als Sohn eines tunesischen Vaters und einer schwedischen Mutter in Stockholm geboren wurde und dort mit seiner Familie lebt. 'Alles, was ich nicht erinnere' ist meine erste Begegnung mit Khemiri, obwohl er als Star der schwedischen Literaturszene gilt, mit seinen Theaterstücken und Romanen internationales Ansehen genießt und 2015 mit dem August-Preis, dem renommiertesten schwedischen Literaturpreis, ausgezeichnet wurde.

Mir fiel der Einstieg ins Buch verhältnismäßig schwer, da ich immer nur wenige Seiten am Stück gelesen habe und durch die sich ständig ändernde Erzählperspektive nicht in den Roman gefunden habe. Obwohl mir von Anfang an die einzelnen Erzählstränge gefallen haben, empfand ich den Erzählstil als zerfahren und verwirrend. Durch die immer nur kurz angerissenen Geschichten konnte ich mich nicht auf die Charaktere einlassen und war anfangs eher frustriert von der Lektüre.

Schließlich habe ich am Stück gelesen - und zwar fast 300 Seiten am Stück, ohne Unterbrechung. Dies hat sich als die richtige Methode für das Buch erwiesen, denn ab diesem Moment habe ich gut in die Geschichte gefunden und war sehr gefesselt von der komplexen Erzählweise und der komplexen Geschichte um Samuel.

Ich empfand ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ als sehr eindrücklich und intensiv erzählt, die einzelnen Stränge als sehr lebensnah und lebendig geschrieben und die schlaglichtartige Erzählweise als fesselnd und fast filmisch. Am Ende der Lektüre hatte ich das große Bedürfnis, den Roman nochmals zu lesen, um all die Puzzleteilchen, die ich beim ersten Lesen verworren oder unverständlich fand, zu einem Gesamtbild zusammenlegen zu können.

Ich kann ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ somit jedem ans Herz legen, solange man am Stück lesen und sich auf diesen ungewöhnlichen Schreibstil einlassen kann.

Kommentare: 1
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JayLaFleurs avatar

Rezension zu "Alles, was ich nicht erinnere" von Jonas Hassen Khemiri

„Alles, was ich nicht erinnere“ von Jonas Hassen Khemiri
JayLaFleurvor einem Jahr

Inhalt
Samuel ist tot - doch wer war Samuel? Und warum ist er gestorben? Einige sagen, es war Selbstmord und er hat seinen Tod schon lange im Voraus geplant. Andere sagen wiederum, dass Samuel bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Manche geben seiner damaligen Freundin die Schuld, andere sind der Meinung, Samuel’s bester Freund hätte ihm den Tod gebracht.
Doch die größte aller Fragen bleibt: Wer war Samuel?


Meinung
Dieser Roman war sehr intensiv! Und das auf eine sehr beeindruckende Erzählweise. Als Leser verfolgen wir einen Autor bzw. Journalisten, der Freunde, Familie und Bekannte von Samuel zu seinem Tod befragt. Doch bekommen wir als Leser nie die Fragen mit, die vom Autor/Journalisten gestellt werden, sondern nur die Antworten. Ich finde diese Erzählweise, über einen verstorbenen Protagonisten zu schreiben und sein Leben so in Szene zu setzen, sehr interessant.

Es kommen einige Menschen zu Wort, die im ersten Moment nicht wichtig erscheinen. Der größte und damit auch wichtigste Teil ist der, in dem Samuel’s bester Freund Vandad und seine Freundin Laide über ihn erzählen. Schnell merkte ich, dass die beiden getrennt voneinander völlig unterschiedlich von denselben Ereignissen und Situationen erzählen. Und immer fragte ich mich: Wie hat Samuel sich wohl wirklich gefühlt? Was hat er gedacht? Hat er tatsächlich so gehandelt? Oder erzählen Vandad und Laide so unterschiedlich, damit sie selber besser dastehen? Wie weit kann die Wahrnehmung von zwei Personen auseinander liegen?

Jonas Hassen Khemiri ist mit „Alles, was ich nicht erinnere“ ein intensives und in meinen Augen wichtiges Buch gelungen!
Mit seiner außergewöhnlichen Erzählperspektive hat der Autor mich mitgerissen, in einen regelrechten Sog hineingezogen und mich sehr viel zwischen den Zeilen lesen lassen. Er hat zum Mitdenken angeregt, mich zum Nachdenken gebracht. Er hat mich in einer besonderen Art an das Bewusstsein über das Kennen(Lernen) eines Menschen erinnert. Denn schließlich kann man doch nie sagen, dass wir einen Menschen zu Hundertprozent kennen (können). Und genau das macht das Buch zu etwas ganz Einzigartigem: Noch nie hatte ich das Gefühl und Bedürfnis zuvor, in Zukunft so einiges zu hinterfragen oder manchen Schilderungen blind zu vertrauen. Die abschließende Wahrheit erfährt man doch nur sehr selten…


Fazit
Eine sehr intensive, aufwühlende Erzählung in einer außergewöhnlichen Perspektive. Das Buch regt zum Mit- und vor allem zum Nachdenken an. „Alles, was ich nicht erinnere“ bekommt volle fünf Sterne von mir!




Ein riesengroßes Dankeschön an das Bloggerportal und dem DVA-Verlag für das Rezensionsexemplar! :)

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Zusätzliche Informationen

Jonas Hassen Khemiri wurde am 27. Dezember 1978 in Stockholm (Schweden) geboren.

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