Frühling der Barbaren

von Jonas Lüscher 
4,1 Sterne bei58 Bewertungen
Frühling der Barbaren
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Hamlets_Erbins avatar

Sprachlich und intellektuell anspruchsvolle Novelle, die auf die richtigen Fragen aufmerksam macht.

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Teils zu überzeichnet, dennoch spannend, relevante Themen und Gesellschaftskritik werden gekonnt rübergebracht.

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Inhaltsangabe zu "Frühling der Barbaren"

Der Schweizer Fabrikerbe Preising wird in einem tunesischen Oasenresort zur Hochzeit reicher, junger Engländer aus der Londoner Finanzwelt eingeladen. Während die Festgesellschaft sich in ihren Betten noch von den Strapazen des ausschweifenden Festes erholt, verkündet England den Staatsbankrott. Und mit gesperrten Kreditkarten, in der Wüste gestrandet, plötzlich überschuldet und arbeitslos geworden, scheint es nur ein kurzer Schritt zurück in die Barbarei. Spannend, klug konstruiert, durchaus auch komisch, mit unvergesslichen Bildern und einer reichen, beweglichen Sprache erzählt, seziert dieses Buch menschliche Schwächen und zielt dabei mitten ins Herz der Gegenwart.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783442748235
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:125 Seiten
Verlag:btb
Erscheinungsdatum:08.12.2014
Das aktuelle Hörbuch ist am 01.01.2014 bei Merian, Christoph erschienen.

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Rezensionen und Bewertungen

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    Hamlets_Erbins avatar
    Hamlets_Erbinvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Sprachlich und intellektuell anspruchsvolle Novelle, die auf die richtigen Fragen aufmerksam macht.
    Die richtigen Fragen...


    "Der Mensch wird zum Tier, wenn es an sein Erspartes geht." (S.24)


    Inhalt: In einer psychiatrischen Anstalt spricht der Ich-Erzähler während eines Spaziergangs mit Preising, dem Besitzer einer Fernsehantennenfabrik. Der erzählt ihm von seinen Aufenthalt in einem tunesischen Ressort, in dem er gemeinsam mit einer englischen Hochzeitsgesellschaft, die sich primär aus Finanzjongleuren zusammensetzte, untergebracht war.

    Trotz eines etwas zähen Beginns, der vor allem auf den steten Wechsel zwischen direkter Rede von Preising und indirekter Rede des Ich-Erzählers zurückzuführen war, konnte diese Novelle überzeugen. Das Thema, die zugrundeliegende Frage - was passiert, wenn das bekannte System zusammenbricht - wurde in aller Kürze eindringlich in Szene gesetzt (obgleich sich ein großer dystopischer Roman bei einer derartigen Vorlage natürlich aufgedrängt hätte). Zudem konnte die Porträtierung der Londoner Finanzelite überzeugen. 
    Den Stil von Lüscher empfand ich als gewöhnungsbedürftig, was vor allem an den verschachtelten, komplexen Sätzen lag. Hier ging die Präsentation der sprachlichen Fertigkeiten des Autors eindeutig zu Lasten der Lesbarkeit.

    "Nur weil man etwas erlebt hatte, hieß das noch lange nicht, dass man wusste, was es bedeutete...Es gibt Dinge, die so sinnlos sind, dass es sich nicht lohnt, ihnen eine Bedeutung zu geben." (S.36)

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    letusreadsomebookss avatar
    letusreadsomebooksvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Teils zu überzeichnet, dennoch spannend, relevante Themen und Gesellschaftskritik werden gekonnt rübergebracht.
    Gelungene Gesellschaftskritik

    Auf einer Geschäftsreise wird der Schweizer Fabrikerbe Preising in Tunesien in einem Oasenresort zu einer Hochzeit von reichen, jungen Engländern aus der Londoner Finanzwelt eingeladen. Am Tag nach den Feierlichkeiten verkündet England den Staatsbankrott. Mit gesperrten Kreditkarten, völlig überschuldet und plötzlich ohne Job in der Wüste gestrandet, ist es nur noch ein kurzer Schritt zurück in die Barbarei…

    Kann man so etwas Komplexes wie die Finanzkrise und deren Auswirkungen in einer Novelle darstellen? Nach dem Lesen der Novelle Frühling der Barbaren von Jonas Lüscher muss ich ganz klar sagen: Ja. Erzählt wird die Geschichte von Preising, der sich in einer Psychiatrie befindet und seine Erlebnisse einem anderen Insassen berichtet. Preising selbst ist ein Firmenerbe, der durch die Erfindung eines Angestellten zu großem Reichtum gekommen ist, aber nur noch als Familiengesicht der Firma fungiert und wenn wichtige Entscheidungen anstehen in den Urlaub geschickt wird. Und obwohl ich beim Lesen immer wieder Mitleid mit ihm empfunden habe, müsste man ihn eigentlich ordentlich durchschütteln, damit er endlich einmal selbst handelt. Denn das ist etwas, das er überhaupt nicht kann. Er erscheint immer unbeteiligt und beobachtet nur, übernimmt aber keine Verantwortung. Dabei werden dem Leser seine Gedanken offenbar, die einen nur den Kopf schütteln lassen. Nach einem Busunglück überlegt Preising, ob er nicht mit seinem Geld einem Geschädigten helfen kann:

    Würde ich diesen Mann mit meinem Geld nicht lähmen? Ihm die Möglichkeit rauben, sich selbst aus dem Elend zu befreien und mit breiter Brust, aus eigener Kraft sich eine Zukunft zu schaffen? […] Aber hätte dieser Mann überhaupt ein Bankkonto? […] Aber würde ich auf einem tunesischen Kamelmarkt mit Kreditkarte bezahlen können?

    Und so geht es immer wieder und wieder. Preising überlegt und überlegt, aber er kann sich nicht entschließen zu Handeln. Ganz anders erscheinen die Teilnehmer der englischen Hochzeitgesellschaft, die eben durch ihr Handeln an den Finanzmärkten zu Wohlstand gekommen sind. Das Bild, das der Autor von ihnen zeigt ist wenig positiv. Ihr Verhalten gegenüber den Angestellten des Resort ist überheblich und ihr Leben dreht sich offensichtlich nur um Geld und Äußerlichkeiten, aus denen sie ihr Lebensglück ableiten:

    Er habe, so fuhr Sanford fort, gestern mit Staunen einer langen Erzählung seiner Tischnachbarin, einer wohl kaum dreißigjährigen Wertpapierhändlerin, gelauscht, die ihm in epischer Breite den glücklichsten Tag ihres Lebens geschildert habe. Der im Wesentlichen darin bestanden hatte, (…) einen Sportwagen im Werk abzuholen, den sie sich dank einer, wie sie sich ausdrückte, annual perfomance mit entsprechenden Bonus leisten konnte, und mit diesem über die tempobefreiten deutschen Autobahnen Richtung England zu fahren.

    Doch wie verhalten sich diese Menschen in der Finanzkrise, einer Situation in der sie nichts mehr haben? Mit dieser Frage beschäftigt sich Lüscher im letzten Teil der Novelle. Die Darstellung der Ereignisse mag übertrieben sein, aber für mich dafür umso eindrucksvoller. Bereits vor dem Zusammenbruch des Finanzsystems werden viele groteske Szenen beschrieben, so dass die Konsequenzen des Staatsbankrotts sich gut in die Novelle einfügen. Mit dem Verlust der Summen, mit denen sie täglich in London umgehen, verlieren sie gleichzeitig auch das Gefühl von Sicherheit und Autorität. Ohne das Geld als Machtmittel werfen sie gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen über Bord und kennen in ihrem Verhalten kaum noch Hemmungen. Mit seinen Beschreibungen zeichnet Lüscher das Bild einer Gesellschaft, in der Geld als wichtigstes Identifikationsmittel dient und des kapitalistischen Systems, welches Ungleichheit zwischen Individuen sowie abstruse Denk- und Verhaltensweisen hervorruft.

    Der Stil, den der Autor wählt, zeichnet sich vor allem durch lange Sätze aus, in denen immer wieder etwas altertümlich anmutende Begriffe, wie etwas „Behufe“, eingestreut werden. Zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, passt die Art so zu schreiben doch gut zum Hauptcharakter Preising, der etwas altmodisch daherkommt. Typisch für eine Novelle bettet Lüscher die Binnenhandlung (Preisings Aufenthalt in Tunesien) in eine Rahmenhandlung (Spaziergang in der Psychiatrie) ein.

    In seiner Novelle Frühling der Barbaren zeichnet Jonas Lüscher ein kritisches Bild der konsum- und geldorientierten Gesellschaft. Durch die teilweise groteske Beschreibung der Ereignisse und den Entwicklungen der Charaktere zwischen Dekadenz und purer Hilflosigkeit wird die Kritik sehr deutlich. So ist es ein Buch, das mit relevanten Themen punkten kann, aber teilweise in seiner Darstellung überzeichnet ist.

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    franzzis avatar
    franzzivor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Erschütterndes Anti-Märchen über die Welt des Finanzkapitalismus und die Folgen eines Super-Crashs, erzählt in leichtem Plauderton.
    Ein kleines Buch mit großer Kraft

    Sie kommt ganz unscheinbar daher, diese Geschichte, die Jonas Lüscher dem Leser im "Frühling der Barbaren" auftischt. Da plaudern zwei Männer, denen das Leben die Synapsen so verknotet hat, dass sie es im Garten einer psychiatrischen Anstalt tun müssen. 

    Der Eine, der Ich-Erzähler, hat offensichtlich einen schweren Verlust erlitten, den er nun verwinden muss. Lüscher verrät nicht viel über ihn. Denn der Ich-Erzähler erzählt hauptsächlich, was ihm sein Gesprächspartner Preising, ein gefallener Unternehmer, erzählt. Er beobachtet, er ordnet Preisings Geschichte ein, er rafft sie, wenn sich der Gegenüber mal wieder in seiner Fabulierkunst zu verheddern droht. Preising, der seltsame Mann, der nichts zu wollen scheint und an dessen Diagnose sogar die Ärzte scheitern.

    Es ist nur ein Spaziergang im Garten der Anstalt, der den Rahmen bildet. Und es ist eine ungeheure Geschichte, die Preising erzählt. Ein Anti-Märchen, ein dystopischer Gegenentwurf zu den Geschichten von 1001 Nacht.  Es geht um ein eben so benanntes Luxusresort in einer tunesischen Oase,  um alte mächtige Familienclans und junge mächtige Aktienspekulanten aus dem Finanzhaifischbeckenherz London. Preising stolpert hinein und der Leser stolpert mit. 

    Denn was so scheinbar leichtfüßig plaudernd und harmlos beginnt, steigert sich ins Beklemmende. Auf nur 125 Seiten entwirft Lüscher ein wirkungsvolles Gleichnis. Er legt die Regeln und Gesetze unseres täglichen Zusammenlebens spielerisch frei, lässt die Geistesmächtigen und die Geldmächtigen im Wettkampf gegeneinander antreten - und sie mit einem Schlag all die scheinbar unverbrüchlichen Regeln verlieren. 

    Eine überraschende Entdeckung, die mir da zufällig in die Hände fiel, gleichzeitig mitreißend kurzweilig und beklemmend wirkungsvoll.

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    ekoeppings avatar
    ekoeppingvor 4 Jahren
    Kurzmeinung: Großartiges Buch. Sehr subtil, wie Lüscher sich auf die Tradition kolonialer Erzählliteratur besinnt und dies auf die heutige Zeit bezieht.
    In der Tradition des romantischen Exotismus, brillant heutig!

    Großartiges Buch. Sehr subtil, wie Lüscher sich auf die Tradition kolonialer Erzählliteratur besinnt und dies auf eine Erzählung aus der heutigen Zeit überträgt. Die verschwurbelten Bandwurmsätze kamen mir zu Beginn recht maniriert vor, bis mir klar wurde, worauf er abzielt. Er steht für mich damit eindeutig in der Tradition der Abenteuerromane von Henry Rider Haggard oder Karl May, die den romantisierten Exotismus des afrikanischen Kontinents vor den Augen europäischer LeserInnen auferstehen ließen und damit als Autoren auch als Teil der kolonialen Versklavungsmaschinerie agierten.

    Der Mythos vom schönen, wilden, fremden Afrika (heute stellvertretend symbolisiert durch Tunesien, das Traumziel des sich für "besser" haltenden Bürgers der unteren Mittelschicht), in dem gleichwohl jeder einzelne Bewohner respektive jede einzelne Bewohnerin nur dem Wohlergehen des europäischen Besuchers zu dienen hat; übertragen auf die moderne Tourismusindustrie, die den Exotismus nur noch inszeniert und als vermeintlich authentisch verkauft, übertragen auf Kinderarbeit in Fertigungsbatterien, die der billigsten Befriedigung der Bedüfnisse der wohlhabenden westlichen Zivilisation dienen - köstlich, zynisch, auf den Punkt!

    Auch schön das Setting der passiven Sprachkonstruktionen in konsequent indirekter Rede, die nahezu komplett ohne wörtliche Rede auskommt. Das erinnert an ein anderes Genre romantischer Erzählliteratur, an die Grusel- und Abenteuergeschichten von E. T. A. Hoffmann oder Arthur Conan Doyle. Stets sind es Herren der Oberschicht, die zum geselligen Pfeiferauchen und Schnurrenerzählen vor dem Kaminfeuer zusammenkommen, wobei sie Unerhörtes oder Groteskes aus distanzierter Erzählhaltung im gemütlichen Ohrensessel von sich geben. Stets waren dies Abenteuer einer längst vergangenen Zeit oder gar Dinge, die ihnen von dritter Seite zugetragen wurden. So dass die Distanz in der Erzählhaltung sich im Staunen des Erzählers über die Merk- oder Denkwürdigkeit des Erzählten spiegelte. Ohne dass dieser in seiner eigenen Geschichte je zum Handelnden wurde.

    Urkomisch, diese Herren in die Anstalt zu verpflanzen. Wie nicht irre werden an einer Welt, die ihre Existenzblase auf ein unverständliches Bankensystem aufbaut, auf virtuelle Werte und Statussymbole, die von heute auf morgen zerplatzen kann, als hätte sie nie existiert? Hervorragend beobachtet. Ein echtes Meisterwerk, sehr gescheit. Lüscher macht den Erzähler so zum Teil des Systems, aber auch zu seinem Gefangenen, das das Gefälle zwischen Entwicklungs- und Industrieländern aufrecht erhält.

    Ich bin sehr gespannt auf das nächste Werk des Autors. Auch darauf, ob er sich wieder des Kunstgriffs bedient, ein literarisches Genre zu zitieren; oder ob er eine ganz eigene, andere Sprache findet. Das Buch macht ganz eindeutig Lust auf mehr!

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    _Lotusblume_s avatar
    _Lotusblume_vor 4 Jahren
    Kurzmeinung: Ein sprachliches Meisterwerk mit schöner Gesellschaftskritik!
    Sprachliches Meisterwerk

    Ohne wirkliches Wissen worum es geht  bin ich in dieses Buch eingestiegen und wurde sehr überrascht. Der Autor hat 3 Erzähler eingebracht, ohne Verwirrung zu stiften und hat das Buch in einer gehobenen Sprache, die zur Gesellschaft passt, erzählt. Ich liebte den Schreibstil, die treffende Ausdrucksweise kam mir gar nicht altertümlich vor, sondern unterhielt mich. Hat man ein Mal in die Geschichte rein gefunden -was meiner Meinung nach etwas schwer war - liebt man die Geschichte. Schade, dass es nicht noch mehr Bücher von Jonas Lüscher gibt, ich hätte sie gern gelesen, vor  allem weil die Gesellschaft und das geldabhängige Verhalten der Engländer schön treffend geschildert und kritisiert wurde. Eine schöne Geschichte. 

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    Buecherschmauss avatar
    Buecherschmausvor 5 Jahren
    Der dünne Schleier der Zivilisation

    "Frühling der Barbaren" ist eine klassische Novelle, also eine etwas umfangreichere Erzählung, die auf die "unerhörte Begebenheit" hinausläuft. Verpackt ist diese Novelle in die Erzählung eines gewissen Preising, eines schweizerischen  Geschäftsmannes, der während einer Dienstreise nach Tunesien - seine ererbte Firma lässt dort günstig produzieren - eher zufällig in einer Wellness-Oase mitten in der Wüste landet. Hier wird mit allem Pomp eine Yuppie-Hochzeit gefeiert. Zu diesem Anlass sind nebst Braut und Bräutigam mit Familien auch jede Menge reiche und schöne Kollegen aus der Londoner Bankenszene angereist. Man lässt es so richtig krachen, lediglich gut aussehen muss man dabei. Die ganze Szenerie ist reichlich grotesk und wird von Preising mit einiger Distanz geschildert. Überhaupt ist Preising seltsam unbeteiligt, jede Form des Handeln-müssen ist ihm zuwider. Sei es, um einem unverschuldet ruinierten Kameltreiber zu helfen, sei es, die von seinem Geschäftspartner praktizierte Kinderarbeit zu unterbinden. Damit ist er ein guter Repräsentant der modernen Gesellschaft, die gerne mitleidet, sich gerne empört, aber ungern handelnd eingreift. Während der Hochzeitsfeierlichkeiten kommt es nun zu der unerhörten Begebenheit, die die Novelle ausmacht: ein Bankencrash in London führt zum Staatsbankrott Großbritanniens und macht aus den ausgelassen Feiernden nicht nur Arbeitslose, sondern treibt durch den Währungsverfall die Kosten der Sause ins Unermessliche. Die Managerin des Hotels zieht die Konsequenzen und komplimentiert die ganze Gesellschaft hinaus, ohne Frühstück und Dusche. Das führt zum Eklat, zur Raserei, die schließlich in Mord, Plünderung und Zerstörung des kompletten Ferienresorts mündet. Selbst dieser Showdown auf den letzten Seiten wird von Lüscher lakonisch und in leicht altertümelnder Sprache erzählt, gewinnt dadurch aber noch mehr absurde Komik. Sehr deutlich wird, wie schnell der dünne Schleier der Zivilisation zerreißen kann und wir mit der Barbarei konfrontiert sind. Das Buch ist ein kleines, feines, sehr unterhaltsames Lehrstück über die Wirtschaftskrise und ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Der neutrale Schweizer Preising erzählt sie rückblickend dem Ich-Erzähler in einer psychiatrischen Klinik. Ganz ungeschoren scheint auch er nicht davongekommen zu sein. 

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    LibriHollys avatar
    LibriHollyvor 5 Jahren
    Kurzmeinung: "Money makes the world go round...!" Vom Broker zum Barbaren - eine kleine, bitterböse Novelle!
    Vom Broker zum Barbaren - eine kleine, bitterböse Novelle!

    “Money makes the world go round…”

    Auszug aus dem Klappentext:

    „Der Schweizer Fabrikerbe Preising wird in einem tunesischen Oasenresort zur Hochzeit reicher, junger Engländer aus der Londoner Finanzwelt eingeladen. Während die Festgesellschaft sich in ihren Betten noch von den Strapazen des ausschweifenden Festes erholt, verkündet England den Staatsbankrott. Und mit gesperrten Kreditkarten, in der Wüste gestrandet, plötzlich überschuldet und arbeitslos geworden, scheint es nur ein kurzer Schritt zurück in die Barbarei…“

    Aufgrund dieses Textes neugierig geworden, erwarb ich dieses, mit seinen knapp 125 Seiten, zugegebenermaßen sehr schmale Buch. Als Novelle aufgebaut, erzählt darin der, mittlerweile in die Psychiatrie eingewiesene, Fabrikerbe Preising einem Mitpatienten seine Geschichte einer aberwitzigen Geschäftsreise. Denn Preising ist nicht etwa, wie es der Klappentext suggeriert, zu einer Hochzeit eingeladen, sondern befindet sich auf einer Geschäftsreise, auf der er dann mehr zufällig auf S. 29 auf die Hochzeitsgesellschaft stößt. Die folgenden 60 Seiten lernt er dann ausführlich die Eltern des Bräutigams kennen und wird von diesen schließlich zur Hochzeit eingeladen. Der versprochene Staatsbankrott findet dann erst auf S. 89 statt. War die Geschichte bis dahin teilweise etwas langatmig (trotz der überschaubaren Seitenzahl) nimmt sie nun wieder an Fahrt auf und entwickelt sich schlussendlich im letzten Drittel in die Richtung, in die man es dem Klappentext nach auch erwarten durfte. Diese letzten Seiten entschädigen jedoch für so manches, denn die Yuppie-Hochzeit mit anschließendem Börsencrash wird so bitterböse beschrieben, mit so viel Ironie, dass diese letzten Seiten ein wahrer Lesegenuss sind. Der Autor gewährt uns auf diesen wenigen Seiten einen so tiefen Einblick in die Abgründe der menschlichen Seele, wie mancher Autor auf 125 Seiten nicht. Wo das ach so selbstverständlich vorhanden Geld abhandenkommt, da regiert nur noch Chaos die Welt und die Moral wird über Bord geworfen. Auch die gewählte Form der Novelle ist als eine weitere Stärke des Buches zu sehen und der Schweizer als stiller Beobachter des Ganzen das i-Tüpfelchen.

    Die Frage, die sich einem aus meiner Sicht nun stellt, ist, ob man bereit ist für einige wenige, hervorragende Seiten, ja, für einen absolut gelungenen Schluss EUR 14,95 zu investieren und sich durch 60 Seiten etwas „dröge“ Mitte zu arbeiten. Eine Frage, die jeder Leser für sich selbst beantworten muss!

    Vom Broker zum Barbaren – eine kleine bitterböse, aber auch sehr durchwachsene Novelle über die Finanzkrise, deren Stärke eindeutig im Ende liegt!
     

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    Blinkmottevor 5 Jahren
    Kurzmeinung: Großartiges Debüt! Sprachlich brillant, dicht und irre komisch!
    Sprachlich dicht erzählt mit hochliterarischen Sätzen, klug konstruiert und durchaus komisch.

    Die Krise der Finanzmärkte ist in der Literatur angekommen. In seiner Debutnovelle „Frühling der Barbaren“ lässt Jonas Lüscher den Schweizer Fabrikerbe Preising literarisch raffiniert schildern, was sich nach dem Absturz des britischen Pfunds in einem Luxusresort in der tunesischen Wüste zuträgt, das junge Engländer aus der Londoner Finanzwelt zum Schauplatz ihrer dekadent teuren Hochzeitsfeierlichkeiten auserkoren haben. Über Nacht ist England bankrott und die Hochzeitsgesellschaft, in der Geld nichts und zugleich alles bedeutet erfährt, wie dünn die Decke der Zivilisation ist: Blut fließt und auch Preising muss seine ganz eigene Lektion in Sachen Globalisierung lernen.

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    WinfriedStanzickvor 5 Jahren
    In einer Sprache geschrieben, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheint

    Der Schweizer Autor Jonas Lüscher, hat mit seiner raffiniert gebauten Debütnovelle gezeigt, dass man zu Bewältigung eines großen Themas nicht unbedingt einen 400 Seiten starken Roman braucht, sondern dass die alte Kunstform der kleinen Novelle durchaus genügend Möglichkeiten bietet.

     

    In seinem die Novelle umrahmenden Teil spazieren der namenslose Erzähler und der Erbe und Besitzer einer großen Fabrikkette, Preising, durch den Garten einer Einrichtung, die der Leser sehr schnell als eine psychiatrische Anstalt identifiziert. Preising erzählt in Abschnitten eine unglaubliche Geschichte, die er in Tunesien erlebt hat, wo er auf Anraten seines Geschäftsführers hingereist ist, um einer seiner Fabriken zu besichtigen. Er kommt in Kontakt mit einer Hochzeitsgesellschaft von jungen Engländern, die in der Vergangenheit mit ihren Spekulationen in der Finanzwelt sehr reich geworden sind. Doch während sie ausgelassen feiern, verändert sich die Situation auf den Finanzmärkten quasi über Nacht dramatisch. Das britische Pfund fällt auf ungeahnte Tiefen, und diese Krise droht mit verhängnisvollen Folgen auch den Rest der Welt mit ins Unglück zu stürzen. Die Hochzeitsgesellschaft kann ihre Rechnung für die mondäne Zelthochzeit in der Wüste nicht bezahlen und wird hinausgeworfen.

     

    Das ist sozusagen der äußere Teil der Geschichte, die Preising seinem Zuhörer während ihres Spazierganges erzählt. Ein Teil, der sehr aktuell die Gefahren benennt, die uns aus den Machenschaften der Finanzwelt drohen, jederzeit.(Im Augenblick schreien alle wieder Hurra über ein Dax-Allzeithoch – wir werden sehen, wie lange es dauert, bis der nächste große Absturz kommt.)

     

    Der andere, innere Teil der stellenweise fast parabelhaften Novelle betrachtet die Innenwelt der Akteure, reflektiert darüber, was Menschsein bedeutet, und wie sich Menschen in extremen Situationen verhalten. Obwohl er selbst weniger von der britischen Krise betroffen ist, erlebt Preisung erschüttert, wie dünn die Decke der Zivilisation ist und lernt seine eigene Lektion in Sachen Globalisierung.

     

    Jonas Lüscher hat seine Novelle geschickt aufgebaut und in einer Sprache geschrieben, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, die mir aber sehr viel Freude und Lesegenuss bereitet hat. Sein Hauptthema ist zwischen den Zeilen immer wieder die Moral, was er seinen namenslosen Erzähler mit den Worten sagen lässt:

    „Ob Preisings Geschichten wahr waren oder nicht, wusste man nie so genau, aber darum ging es nicht. Ihm ging es um Moral.“

     

    Ich warte schon jetzt auf das zweite Buch dieses Autors, den man unbedingt im Auge behalten sollte.

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    Fanjevor 6 Jahren
    Nachdenklich stimmend

    Ich konnte mich über ein Leseexemplar freuen und bin mit großer Vorfreude an dieses Buch herangegangen, die sich dann auch bestätigt hat. Die Geschichte stimmt sehr nachdenklich und das Buch ist fesselnd geschrieben.

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    Gespräche aus der Community zum Buch

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    sarah_elises avatar
    Am 7. Oktober 2013 wird der Deutsche Buchpreis im Rahmen einer Gala zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse verliehen.

    Die 5 Bücher umfassende Shortlist für den Preis der Stiftung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der mit 25.000 Euro dotiert ist, wird am 11. September bekannt gegeben. 

    Doch nun zu den 20 Kandidaten auf der Longlist, die in dieser Woche bekannt gegeben wurde, und die alljährliche Frage: Habt ihr einen Favoriten? Und welche der Bücher habt ihr gelesen? Wen vermisst ihr auf der Liste und welche Neuerscheinungen zwischen Oktober 2012 und September 2013 sind auf eurer ganz persönlichen Longlist für den deutschen Buchpreis?

    • Mirko Bonné: Nie mehr Nacht (Schöffling & Co., August 2013)

    • Ralph Dutli: Soutines letzte Fahrt (Wallstein, März 2013) 

    • Thomas Glavinic: Das größere Wunder (Hanser, August 2013) 

    • Norbert Gstrein: Eine Ahnung vom Anfang (Hanser, Mai 2013) 

    • Reinhard Jirgl: Nichts von euch auf Erden (Hanser, Februar 2013) 

    • Daniel Kehlmann: F (Rowohlt, September 2013) 

    • Judith Kuckart: Wünsche (DuMont, März 2013) 

    • Olaf Kühl: Der wahre Sohn (Rowohlt.Berlin, September 2013) 

    • Dagmar Leupold: Unter der Hand (Jung und Jung, Juli 2013) 

    • Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren (C. H. Beck, Januar 2013) 

    • Clemens Meyer: Im Stein (S. Fischer, August 2013) 

    • Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (Kiepenheuer & Witsch, Februar 2013) 

    • Terézia Mora: Das Ungeheuer (Luchterhand, September 2013) 

    • Marion Poschmann: Die Sonnenposition (Suhrkamp, August 2013) 

    • Thomas Stangl: Regeln des Tanzes (Droschl, September 2013) 

    • Jens Steiner: Carambole (Dörlemann, August 2013) 

    • Uwe Timm: Vogelweide (Kiepenheuer & Witsch, August 2013) 

    • Nellja Veremej: Berlin liegt im Osten (Jung und Jung, Februar 2013) 

    • Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums (Diogenes, August 2013) 

    • Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como (Blumenbar, März 2013) 

    Zum Thema
    DieBuchkolumnistins avatar
    Zusammen mit dem C.H. Beck Verlag wollen wir Euch die Debütnovelle "Frühling der Barbaren" von Jonas Lüscher vorstellen:

    Der Protagonist dieser raffiniert gebauten Debütnovelle von Jonas Lüscher, der Schweizer Fabrikerbe Preising, wird auf einer Geschäftsreise in einem gehobenen tunesischen Oasenresort Zeuge aufwendiger Hochzeitsvorbereitungen. 
    Reiche junge Engländer aus der Londoner Finanzwelt haben Freunde und Familie für ein großes Fest um sich versammelt und feiern schon im Voraus ausschweifend, als sich die wirtschaftlichen Krisensignale zur Katastrophe verdichten: Das britische Pfund stürzt ab, kurz danach ist England bankrott, mit unabsehbaren Folgen, die auch Tunesien nicht unberührt lassen. Preising, als Schweizer zwar von den schlimmsten Folgen ausgenommen, muss miterleben, wie dünn die Decke der Zivilisation ist, und lernt seine ganz eigene Lektion in Globalisierung, denn seine Firma lässt in Tunesien fertigen. Auch Preising bleibt nicht ungeschoren. Spannend, klug konstruiert, durchaus auch komisch, mit unvergesslichen Bildern und einer reichen, beweglichen Sprache erzählt, seziert dieses Buch menschliche Schwächen und zielt dabei mitten ins Herz der Gegenwart.
    (Leseprobe)

    Wir verlosen 10 Exemplare von "Frühling der Barbaren" unter Euch. Beantwortet einfach bis einschliesslich 03.02.2013 folgende Frage: Wie und wann spürt Ihr die Wirtschaftskrise oder habt sie in den letzten Jahren erlebt? Ich freue mich auf eine spannende Diskussion dieses Themas, das uns schlussendlich alle angeht!
    Zum Thema

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