Jonas Navid Mehrabanian Al-Nemri Umm Nur - Erzählungen zwischen Orient und Okzident

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Inhaltsangabe zu „Umm Nur - Erzählungen zwischen Orient und Okzident“ von Jonas Navid Mehrabanian Al-Nemri

In 14 Erzählungen und 3 Zwischenstücken verführt der Autor wort- und bildreich in eine Welt zwischen den Kulturen des Morgen- und Abendlandes. Kurz, kraftvoll und bildreich, dramatisch und feinfühlig, greifen die Erzählungen Mythologien aus der Zeit der Wurzel unserer abendländischen Kultur auf (“Lilith“, „Amor & Psyche“, „Lucifer“) und erfinden sie neu. Mit den Texten “Bierdeckelwort“ und „Hörspiel“ aber zeigt AI-Nemri, dass es ihm ebenso gelingt, Situationen aus unserer unmittelbaren Umgebung und heutiger Zeit in schwelgende Sprache umzuschreiben. Alle Geschichten handeln von dem Guten und dem Bösen und anderen Gegensätzen, die aber niemals ohne das andere existieren könnten. Und alles ist Begehren und natürlich immer auch irgendeine Form von Liebe.

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  • Rezension zu "Umm Nur - Erzählungen zwischen Orient und Okzident" von Jonas Navid Mehrabanian Al-Nemri

    Umm Nur - Erzählungen zwischen Orient und Okzident

    Steinborg

    19. July 2011 um 08:12

    Ein auf eine verstörende Weise beeindruckendes Debüt. Jonas Navid Al-Nemris Band Umm Nur, das soll als allererstes gesagt werden, ist kein typisches Beispiel für die Art und Weise, in der jüngere deutsche Autoren sich in der kleinen Form versuchen. Wenn Sie wegen der Überfülle der Beispiele davon ausgehen, dass die deutsche Kurzprosa immer noch einen amerikanisch geprägten Background hat und entweder immer noch Hemingways oder Raymond Carvers kurzen, prägnanten Stil und deren alltagsfixierten Themenkreis pflegt, dann erweitert und wiederlegt Umm Nur diesen Eindruck enorm. Ein Solitär. Jonas Navid al- Nemri ist es gelungen, sich m.E. völlig von Vorbildern zu lösen. Seine Geschichten in diesem Band sind Schönheiten, die einen Schleier tragen und damit nur noch reizvoller werden. Der Versuch, klare Handlungen, eindeutige Zeitangaben oder detaillierte Personenbeschreibungen (sprich:möglichst genau Realitätswidergabe) aus diesen Geschichten zu lesen, sollte und darf hier nicht das Hauptanliegen sein.Vorab: kaum eine Figur ist namentlich oder optisch greifbar, die Zeit, in der das Geschehen abläuft, bleibt vage. Als Kind zweier Kulturen gelingt es Jonas Navid al-Nemri, den Orient mit seinen Motiven und seinem Vokabular in die deutsche Kurzprosa zu bringen. Märchenhaftes, Zauberhaftes nicht nur in der Wortwahl. Aber worum geht es dann?- wird man zurecht fragen. Es geht, grob gesagt, um Liebe, Liebeswünsche, Liebeskampf. Um Verehrung, Werbung, ritualisiertes Begehren, ja: auch Erotik. Die oft nur wenige Seiten langen Texte kreisen in gewisser Weise mehr um das DU als um das Ich, wie es normalerweise (und oft anstrengend genug)üblich ist. Viele Texte des Bandes sind Anbetungen, Ehrungen eines Gegenübers, das verschleiert bleibt, aber gerade deshalb einen unwiderstehlichen Reiz ausübt. Kernstück des Buches ist in meinen Augen die Titelgeschichte: UMM NUR, die gleichfalls auch die Längste des Bandes darstellt. Hier wird behutsam stärker ausformuliert, die Figuren, Ort und Zeit prägnanter und klarer, was sonst nur schwebend da ist. Somit ist diese Geschichte auch die vielleicht unserem üblichen Lesegeschmack am vertrautesten, behält aber dennoch ihren bezaubernden Schimmer. Geschichten ohne großartige Handlung?Interaktion?Dialog?-Wie soll das funktionieren? Berechtigte Frage, die ich ganz eindeutig beantworten kann mit: DURCH DIE SPRACHE! Jonas Navid al-Nemris Geschichten sind Sprache (und Lust an der Sprache) pur. Das Vokabular mit altermtümlichen Perlen durchsetzt, einige dezente Verschiebungen in der Bedeutung und eine große Klangbeherrschung fallen auf. Sehr rhythmisch, sehr lyrisch: Die Sätze laufen wie Ketten flirrender Bilder durch meinen Kopf, mit einer virtuosen Beherrschung der Wiederholung, Steigerung und Rücknahme. Etwas Formelhaftes liegt darin und ehe ich den kompletten Sinn wahrgenommen habe, sagt mein Hirn schon wieder: Mehr, mehr, mehr! Und dennoch ist es eine bittersüße Sprache, die auch vom Kontrast, von Härte und der Grausamkeit lebt. Pathos? - Sagen wir so: Die Intensität dieser Texte ist klar zu spüren, aber ein schwebender Schleier hält sie fern. Ein Gefühl, als stünde man in der Nähe eines Feuerofens, gerade weit genug entfernt, um sich nicht zu verbrennen, aber nah genug, die immense Hitze zu spüren. „...eine neue Mythologisierung der Innenwelt.“, hat der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger über diesen Band gesagt und er hat Recht. Der Vordere Orient ist hier als Schauplatz zu erkennen, wenn auch nur angedeutet. Dennoch handelt es sich hier weder um Märchen oder Orient-Folklore. Die Zeit in den Geschichten ist ein entrücktes Irgendwann. Die Handlung als Summe von Ereignissen wird kleingeschrieben, dafür das DU sehr groß. Eine Literatur des Innenreiches: ungreifbar, undefinierbar und veränderlich wie Traum, Märchen und Mythos. Eine Literatur und Sprache, die einfach komplett aus einem anderen Kulurkreis gespeist wird, eine andere Mythologie atmet.Dennoch ist es deutsche Literatur, nicht orientalisch in Ornamentik sich verlierend und, wie schon gesagt: ohne offensichtliche Vorbilder! Ich versuche meine seltsamen Eindrücke dieser Texte abklopfen, um sie greifbar zu machen und meine Bezugspunkte kommen, natürlich, aus der deutschen Literatur, denn ich bin deutscher Leser. Aber Jonas Navid al-Nemri ist auch ein deutscher Autor, Jahrgang 1984 mit Geburtsort Hamburg! Die Texte laut lesend, ihre Wiederholungen, Steigerungen und Rücknahmen aussprechend, ihren Klang, ihre Ordnung sichtend, wird sofort klar: Hier Böllt und Borchert es nicht, hier liegt nicht ein weiterer Band mit Erzählungen im Stile Judith Hermanns oder Peter Stamms vor. Vielmehr kommt mir (völlig subjektiv natürlich) einiges der hermetischen Lyrik in den Sinn. Hier und da höre ich Ingeborg Bachmann sagen: ...Bald musst du den Schuh schnüren und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe. Denn die Eingeweide der Fische sind kalt geworden im Wind. Ärmlich brennt das Licht der Lupinen. Dein Blick spurt im Nebel: die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont. oder Paul Celan: Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten: wir sehen uns an, wir sagen uns Dunkles, wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis, wir schlafen wie Wein in den Muscheln, wie das Meer im Blutstrahl des Mondes. Überhaupt ist es nur Celan, der mir als Vergleich möglich scheint, wenn es den eines Vergleiches bedarf. In seiner Mischung aus klarem Bekenntnis zur deutschen Sprache und der aus vielerlei Quellen gespeisten Metaphorik, die ebenso auf die Bibel, wie den Talmud und die Kabbala zurückgeht, scheint er mir ein einziger geeigneter Verwandter dieser ungewöhnlichen Art von Literatur zu sein. Ähnlich farbig, ähnlich intensiv und rätselhaft. Jedem, der ab und an über den Tellerrand der deutschen Erzählkunst in ihren üblichen Ausprägungen schauen möchte und offen ist für große Gefühle und Worte jenseits der oftmals kargen Realität, für Traum und Zauber, sei Jonas Navid al-Nemris Band Umm Nur wärmstens empfohlen. Ein Debüt, das beweist, wie sehr die vielfältigen Einflüsse anderer Kulturen die moderne deutsche Literatur zu bereichern im Stande sind. Jonas Navid al-Nemri ist, wie die Hauptfigur der letzten seiner 17 Geschichten, ganz unzweifelhaft ein: Sha`er, ein Dichter!

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