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Amarok

vor 1 Jahr

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Der Roman "Die Zelle" von Jonas Winner zeichnet sich wie seine Vorgaenger durch einen brutalen Realismus in seinen Beschreibungen, Horrorelemente und ein stetiges Spiel zwischen Wahn und Wirklichkeit aus.

Die Kulisse der Handlung  bildet wieder einmal die Stadt Berlin, genauer: eine Jugendstilvilla in Grunewald, die nicht nur eine bewegte Geschichte und einen Zugang zu einem unterirdischen Bunkersystem besitzt, sondern auch den Dreh- und Angelpunkt des gesamten Romans bildet. Der Hauptprotagonist ist der mittlerweile 31-jaehrige Sam, der Angesichts der Tatsache, dass nun im Jahre 2016 der Moerder seiner Freundin aus der Haft ebtlassen wird, seine Erlebnisse als 11-Jaehriger im Sommer 1996 aus der Ich-Perspektive berichtet. 

1996 war Sam gerade mit seiner Familie, d.h. seiner Mutter Becky, einer Opernsaengerin, seinem Vater Nathan, einem maessig erfolgreichen Filmmusikkomponisten und seinem 15-jaehrigen Bruder Linus sowie Hannah, dem Au-Pair-Maedchen der Familie, von London nach Berlin gezogen und verbrachte ab da die 6-woechigen Sommerferien in der neuen Familienvilla. Ziemlich schnell bemerkte Sam, dass sein Vater eine schwierige Phase durchlebt und ihn seine Arbeit wieder einmal an die Grenzen seiner Belastbarkeit fuhert, dass sein Bruder, der gemeinsam mit seinem Vater schon zwei Wochen vor Ferienbeginn nach Berlin gereist und erste Freundschaften in seiner neuen Klasse geknuepft hat, wenig Interesse an gemeinsamen Freizeitaktivitaeten mit ihm hat und auch seine Mutter Becky die meisten Tage und Naechte an der Oper verbringt und ebenfalls sehr wenig Zeit fuer ihn hat. Sam ist also auf sich allein gestellt und verbringt die Tage u.a. damit das Grundstueck zu erkunden. Eines Tages folgte er seinem Vater in den unterirdischen Bunker unter ihrem Grundstueck, entdeckt dort eine verlassene Bowlinghalle und einen Raum in dem ein asiatisches, um die 15 Jahre altes Maedchen gefangen gehalten wird. Aufgrund mehrerer Indizien hat Sam schnell den Verdacht, dass sein Vater der Kerkermeisters des Maedchens ist und damit beginnt fuer ihn eine Besessenheit von dem Maedchen, dass er Yoki nennt, und seinem Vater. Beides fuehrt schliesslich von einem ernsten Familienkonflikt ueber das Einschalten von Polizei, Judendamt und Staatsanwaltschaft bis hin zu Mord und einer Verhaftung.

Viel mehr von der Handlung zu verraten wuerde leider etwas von der Spannung des Romans nehmen, die der Autor tatsaechlich von Beginn bis zum Ende aufrecht zu erhalten vermag. Auch die Charakterzeichnung gelingt sehr gut und ermoeglicht dem Leser eine tatsaechliche Identifikation mit Sam, wobei man sich an etlichen Stellen dennoch fragt, ob Sam nicht schon etwas zu reflektiert fuer sein Alter denkt und handelt. Darueber hinaus sind auch Stil und Sprache dieses Thrillers zu loben, die nicht nur fuer atmosphaerisch dichte Spannung, sondern ebenfalls fuer einen hohen Grad an Plastizitaet des Beschriebenen sorgen und den Leser sehr lebhaft an den Erinnerunen des Hauptprotagonisten teilhaben lassen. Sehr gelungen ist auch der Mix aus einem Thriller mit diversen Horrorelementen, die fuer starke Beklemmung beim Leser sorgen und das Spiel zwischen Wahn und Wirklichkeit, dass v.a. im zweiten Teil des Romans stark vorangetrieben wird und immer wieder zu (nicht unvorhersehbaren) Wendungen fuehrt. Leider liegt aber auch hier der groesste Kritikpunkt. Der Autor reizt bis zum Ende das Spiel zwischen Wahn und Wirklichkeit in der Wahrnehmung seiner Protagonisten doch etwas stark aus und treibt damit auch den Leser von gespannter Raetselraterei angesichts der offensichtlichen zwei bis drei Moeglichkeiten der Aufloesung ueber Verwirrung bis hin zur einer gewissen Erschoepfung angesichts der Tatsache, das bis zum Ende immer wieder Wendungen moeglich sind und doch alles offen ist. Darueber hinaus ist durchaus merkwuerdig, dass eigentlich nur der Leser erfaehrt wie der Taeter das Maedchen in der Zelle beseitigt hat, am Ende aber Sam immer wieder auf dessen Methode bezug nimmt. Wie das kommt, bleibt leider ungeklaert und scheint einfah ein Logikfehler zu sein.
Dennoch bleibt abschliessend - trotz besagter Maengel - grundsaetzlich ein Lob auszusprechen und eine klare Empfehlung an alle, die sich gern gruseln wollen und wieder einmal einen soliden und von Beginn bis Ende spannenden deutschen Thriller lesen moechten.

Autor: Jonas Winner
Buch: Die Zelle
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