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paevalill

vor 1 Jahr

(18)

Anders als auf den ersten Blick zu erwarten, dreht sich Jonas Winners "die Zelle" nicht ausschließlich um einen kleinen, bedrohlichen Bunker, sondern vor allem um zwischenmenschliche Beziehungen sowie dem scheinbaren Realitätsverlust.

Inhalt:
Im Mittelpunkt steht der Neubeginn in Berlin, wohin die Familie des 11-jährigen Sammy mitsamt Kindermädchen zieht. Aus einer Mischung aus purer Langeweile und gleichzeitig Neugier folgt Sammy seinen als Filmkomponisten tätigen Vater in einen Luftschutzbunker, wo er eine grausige Entdeckung macht: Ein höchstens 15-jähriges Mädchen ist dort in einer kleinen Zelle gefangen. Als er sich am Folgetag vergewissern möchte, ob das Mädchen noch da ist, stellt er fest, dass die Zelle leer ist. Mit der Weile zweifeln nicht nur Polizei und Familie an der Geschichte, sondern auch er selbst.

Der Roman ist aus der Sicht des mittlerweile etwa 30-jährigen Sammy geschrieben, der nach einer kurzen Vorstellung seines Selbst die Ereignisse in jenem Sommer als 11-Jähriger chronologisch berichtet. Erst am Ende des Buchs wird dem Leser mittels ärztlichen Protokolls ein Teil der Auflösung präsentiert.

Stilistisch erinnerte mich das Buch an diverse Schauermärchen. Aus einer Nacherzählung scheinbar normaler Umstände entwickelt sich durch kaum erklärbare Ereignisse eine äußerst umheimliche Atmosphäre. Anders als in den übersinnlichen Schauermärchen sind die Schilderungen im Großen und Ganzen durchaus realistisch, wenn man von einigen Ausnahmen absieht.
Der von Erinnerungen verfälschte Rückblick und der zunehmende Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des Protagonisten sorgen für immer größeren Zweifel, welche mögliche Erklärung nun die Richtige für das Mädchen in der Zelle sein könnte.
Die Spannung um die Auflösung steigert sich von einer Wende zur nächsten, am Ende bleibt immer noch Raum für eigene Interpretation, auch wenn zumindest ein großes Rätsel zu 100% gelöst wird.

Die Charaktere bleiben, wie aus der Sicht eines 11-Jährigen nicht anders zu erwarten, nicht vollständig greifbar. In diesem Fall ist das jedoch nicht negativ zu werten, da ein Teil der Spannung auf genau dieser Art von Unsicherheit basiert. Sammy stellt bis zum Schluss den interessantesten Charakter da, allein schon deshalb, weil er es auch im Erwachsenenalter kaum schafft, über die vergangenen Ereignisse altersangemessen zu reflektieren. Dies lässt entsprechende Mutmaßungen über den geistigen Zustand von Sammy zu, auch wenn sich der Leser darüber niemals vollkommen sicher sein kann.

Als Psychothriller überzeugt "Die Zelle" mehr als eindeutig. Wer einen normalen Thriller mit actionlastigen Szenen erwartet, wird eher enttäuscht sein.

Autor: Jonas Winner
Buch: Die Zelle
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