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Sick

vor 1 Jahr

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Sammy zieht mit seiner Familie von London nach Berlin. Es ist kurz vor den Sommerferien und daher wollen seine Eltern ihn nicht mehr in die neue Schule schicken. Sammy ist das zwar recht, aber so muss er die freie Zeit überwiegend alleine verbringen. Sein großer Bruder Linus hat schon Anschluss gefunden, die Mutter ist mit ihrem neuen Engagement an der Oper ziemlich ausgelastet und der Vater komponiert die meiste Zeit Musik für einen Film.  Somit beschließt Sammy, das großzügige Grundstück zu erforschen. Die Villa in Grunewald ist immerhin um die hundert Jahre alt und der Garten schon beinahe als Park zu bezeichnen. Ein Schuppen zieht Sammys Aufmerksamkeit besonders auf sich, als sein Vater darin verschwindet und auch nach einigen Minuten nicht mehr auftaucht. Als er ihm folgt, entdeckt er ein verzweigtes Tunnelsystem aus dem Kalten Krieg. Doch seine Faszination weicht bald Entsetzen, denn Sammy entdeckt eine Zelle und darin ein Mädchen, kaum älter als er selbst…

In „Die Zelle“ erzählt Sammy dem Leser zwanzig Jahre später von diesem Sommer. Der Anlass ist, dass der vermeintliche Täter aus dem Gefängnis entlassen wird und Sammy mit der Geschichte auch nie ganz abschließen konnte. Zwischendurch gibt es einige sehr kurze Kapitel, die kursiv geschrieben und aus der Sicht des Täters erzählen. Schon früh hat Sammy den Verdacht, dass sein Vater das Mädchen gefangen hält und die kleinen Einblicke passen sehr gut dazu, verraten jedoch nicht endgültig, ob das stimmt.
Das Familienleben aus der Sicht eines Elfjährigen fand ich sehr authentisch geschildert, man merkt die Langeweile an den langen Tagen, das Misstrauen gegenüber den Erwachsenen, die einem etwas zu verheimlichen scheinen, aber auch die zwiespältigen Gefühle. Einerseits liebt Sammy seine Familie und dann kommen plötzlich ganz neue Empfindungen hinzu, wie Angst vor seinem Vater oder Einsamkeit, wenn er von seinem Bruder abgewiesen wird.
Die Sprache ist zwar nicht schwer zu verstehen, zum Teil aber sehr bildlich und mit vielen Vergleichen. Bedingt durch Sammys Verwirrtheit und die überschaubare Zahl an Charakteren, ist die Spannung zwar vorhanden, aber nicht besonders nervenaufreibend. Die eine oder andere Wendung hatte ich mir ähnlich gedacht, anderes wiederum war doch überraschend. Es gibt eine Art Showdown, gefolgt vom Sprung in die Gegenwart, bei dem man auch eine etwas objektivere Sicht auf die Dinge bekommt, als Sammy sie erzählt hat. Das Ende fand ich gelungen, insgesamt hat mir der Aufbau des Buches gut gefallen. Doch meiner anfänglichen Neugier wurde bald ein Dämpfer versetzt, da man mit Sammy auf der Stelle tritt. Man kann immer nur Vermutungen anstellen, Antworten bekommt man eher spärlich. Stattdessen sind für Sammy immer wieder andere Dinge wichtiger. Letztendlich passt alles zusammen und anfangs unbedeutend erscheinende Ereignisse werden zum Schluss doch noch wichtig, aber nervenzerfetzend fand ich es nicht. Trotzdem lässt sich das Buch zügig lesen.

Ein guter Thriller mit träg-sommerlicher Atmosphäre und einem temporeichen Ende, aber eingefleischte Genreliebhaber könnte er womöglich enttäuschen. Hier gilt aber wie immer, selbst ausprobieren!

Autor: Jonas Winner
Buch: Die Zelle
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