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Tini2006

vor 11 Monaten

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Sam ist 11, als seine Familie nach Berlin zieht. Grund ist ein neuer Job für die Mutter - sie ist Opernsängerin und beruflich erfolgreich, während sich der Vater mit dem Komponieren schauriger Filmmusik über die Runden zu bringen versucht. Dass darunter das Ego des Vaters leidet, wird schnell klar.

Überhaupt erscheint er als seltsamer Typ, dieser wortkarge, leicht depressiv anmutende Vater, der nie gestört werden will und sich herzlich wenig um die Belange seiner Kinder kümmert. Verbindet ihn noch irgendetwas mit der Frau, der Mutter seiner Kinder? - Schnell entsteht der Eindruck, dass die beiden nur noch nebeneinander her leben und dem Au Pair Mädchen Hanna in dieser Familie eine weit größere Rolle zukommt als dieser immer fernen, auf ihre Karriere fixierten Mutter.

Sich selbst überlassen, muss Sam die Sommerferien weitgehend alleine auf dem gemieteten alten Anwesen in Berlin verbringen. Er stösst dabei auf eine unterirdische Kegelanlage, gebaut für US-Soldaten nach dem 2. Weltkrieg. Und hier beginnt das Verhängnis, denkt der Leser, als Sam ein dort gefangenes Mädchen entdeckt- offenbar eine junge asiatische Sexsklavin. Er sieht, wie sein Vater zu ihr geht und zieht seine eigenen grausamen Schlussfolgerungen.... Sam findet von da ab keine Ruhe, will Yoki, wie er sie heimlich nennt, helfen, überlegt, was genau hinter ihrer Gefangenschaft steckt...und verzweifelt immer mehr daran, dass ihm keiner glauben will....

Jonas Winter hat einen spannenden, mitreißenden Roman geschrieben, dessen Hauptthema im Grunde eine in sich zerrüttete, kaputte Familie ist, in der eine kranke Kinderseele an den Ereignissen dieses Sommers endgültig zerbricht. Die Themenwahl - eingesperrtes Mädchen - trifft sicherlich den Zeitgeist, gab es doch unlängst einige Fälle dieser Art, die medial ausgeschlachtet wurden.

Eine leichte Kritik habe ich dennoch: Sam erschien mir für einen 11-jährigen zeitweise zu bewandert mit Dingen, die eher zum "Erwachsenenleben" gehören. Mit 11 eine Vorstellung über pervers anmutende Sexpraktiken/ masochistische Sex"spielzeuge" zu haben oder auch routiniert den alten, rauchigen Whiskey aus einer REihe anderer Alkoholika heraus zu kennen, tja, das hat mich echt ein wenig stutzig gemacht.

Autor: Jonas Winner
Buch: Die Zelle
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