Jonathan Coe

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Autorenbild von Jonathan Coe (© Sophie Bassouls)

Lebenslauf von Jonathan Coe

Jonathan Coe wurde 1961in Birmingham geboren. Er studierte an der King Edward's School in Birmingham und am Trinity College, Cambridge und lehrt heute an der University of Warwick in England. Er war als Film- und Literaturkritiker beim Guardian tätig und lebt heute als freier Schriftsteller in London. Seine oft humorvoll und satirisch geprägten Romane sind in erster Linie von der Beschäftigung mit sozialen Fragen geprägt. 1994 erschien sein erster Roman, "Allein mit Shirley", eine Satire über die Ära Margaret Thatcher.

Alle Bücher von Jonathan Coe

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Cover des Buches Der Regen, bevor er fällt9783328102946

Der Regen, bevor er fällt

 (74)
Erschienen am 10.09.2018
Cover des Buches Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim9783421044846

Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim

 (60)
Erschienen am 09.11.2010
Cover des Buches Das Haus des Schlafes9783492246828

Das Haus des Schlafes

 (34)
Erschienen am 01.04.2006
Cover des Buches Klassentreffen9783492047494

Klassentreffen

 (9)
Erschienen am 01.02.2006
Cover des Buches Allein mit Shirley9783955304737

Allein mit Shirley

 (7)
Erschienen am 20.06.2014
Cover des Buches Middle England9783852568010

Middle England

 (5)
Erschienen am 11.02.2020
Cover des Buches Replay9783492231398

Replay

 (6)

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Rezension zu "Middle England" von Jonathan Coe

Adieu to old England, adieu?
Haversvor einem Monat

In den vergangenen Monaten habe ich viele Bücher zum Thema Brexit gelesen, mich dabei aber selten so gut unterhalten gefühlt wie in Jonathan Coes „Middle England“ (prämiert mit dem Costa Novel Award 2019). Am Beispiel der Familie Trotter (bekannt aus den Vorgängerbänden „Erste Riten“ und „Klassentreffen“ – Kenntnis nicht zwingend erforderlich) zeigt der Autor uns die Veränderungen auf, die das Vereinigte Königreich hin zu dem gespaltenen England dieser Tage durchlaufen hat.

Über einen Zeitraum von 2010 bis 2018 begleiten wir Ben, den Möchtegern-Schriftsteller, mittlerweile Privatier und Besitzer einer Wassermühle in den West Midlands und Doug, Bens Schulfreund und politisch links angesiedelter Journalist, der eine außereheliche Affäre mit einer Tory-Abgeordneten hat. Und dann ist da noch Sophie, die Kunsthistorikerin und Bens Nichte. Verheiratet mit einem Fahrlehrer, dessen Mutter die Stimme der derjenigen verkörpert, die in dem Zustrom der Einwanderer Englands Untergang kommen sieht, deren Dienste aber gerne in Anspruch nimmt. Dazu gesellt sich noch eine Vielzahl von Figuren, die jede in irgendeiner Weise mit diesen in Verbindung steht.

Neben diesen fiktiven Leben nehmen aber auch, wie könnte es anders sein, die politischen Veränderungen in England innerhalb dieser Zeit Raum ein. Die Olympischen Spiele, die Unruhen im Sommer 2011, die Wahlen und schlussendlich das Referendum, dessen Ausgang die Ängste, Vorurteile und Unzufriedenheit – gerade der älteren Generation - mit Englands Rolle in der Welt widerspiegelt und einfängt.

Und nicht zuletzt erfahren wir auch etwas über die mediale Landschaft und den Literaturbetrieb. Bens literarisches Projekt, das mittlerweile über 3000 Seiten umfasst, gewinnt den Booker Prize, nachdem er es auf Anraten seines Lektor-Freundes auf 200 Seiten zusammengestrichen hat.

Verpackt in individuelle Schicksale ist „Middle England“ zum einen ein faszinierendes, humorvolles Porträt vom Leben abseits der Metropolen, zum anderen aber auch die schonungslose Bestandsaufnahme der englischen Befindlichkeiten, deren Resultat im Brexit gipfelte. Nachdrückliche Leseempfehlung

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Rezension zu "Middle England" von Jonathan Coe

Adieu to Old England
Buecherschmausvor einem Monat

Bevor die Corona-Krise das gesellschaftliche Erschrecken auf eine ganz neue Dimension gehieft hat, haben wir bereits etliche Szenarien durchlebt, die man sich noch vor wenigen Jahren gar nicht vorstellen konnte und die nun Realität geworden sind. Ob das das Wiedererstarken von rechtem Gedankengut mit Wahlsiegen der extremen Rechten und Anschlägen auf Politiker, nach „Migrationshintergrund“ aussehenden Mitbürgern und Synagogen war. Oder die Wahl eines ungehobelten, intellektuell eher dürftig ausgestatteten und extrem narzisstischen Mannes zum Präsidenten des mächtigsten Staates weltweit. Oder aber die Lossagung von „Good Old England“ von der Europäischen Union. All diese Dinge haben alte Überzeugungen vom zivilisatorischen Fortschritt, vom Zusammenwachsen der Menschheit, von der Überwindung nationalstaatlicher Hürden tief erschüttert und wir stecken noch mittendrin in diesen Entwicklungen. Über den Brexit hat Jonathan Coe nun einen Roman veröffentlicht, „Middle England“.

Den Hauptprotagonisten Benjamin Trotter und einige der Nebendarsteller kennt man vielleicht bereits aus vorhergehenden Romanen des Autors, „Erste Riten“ und „Klassentreffen“ von 2001 bzw. 2004. Coe hat darin die Siebziger bzw. Neunziger Jahre in England satirisch-sozialkritisch unter die Lupe genommen. Nun sind die Jahre 2010 bis 2018 an der Reihe und Jonathan Coe versucht sich an der Analyse der Vorbedingungen, die am 23. Juni 2016 auch zur Überraschung der das Ganze initiierenden Politiker, allen voran Ex-Premierminister David Cameron, zum Referendum gegen die EU und damit zum Brexit führte.

Als Hauptschauplatz wählt Jonathan Coe, der Titel verrät es, nicht das urbane, weltoffene London, das auch mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt hat, sondern die Gegend um seine Geburtsstadt Birmingham. Die zweitgrößte Stadt Großbritanniens war einst das Herz der Industriellen Revolution, inmitten des Kohlereviers und Zentrum vor allem der metallverarbeitenden Industrie. Wie alle Industriestandorte hat auch dieses „Middle England“ zunehmend an Bedeutung verloren, die Arbeiterschicht verarmte, ihre Wohngebiete verkamen. Hier liegt der Nährboden für Unzufriedenheit und das Gefühl der Benachteiligung. Von hier aus geht der Riss durch England. Die Verlierer stehen vor den Scherben des Britischen Empires und sehen sich nach der alten Größe und Bedeutung, wenn sie schon von der Globalisierung und Digitalisierung nicht profitieren können.

Colin, der Vater von Benjamin Trotter ist so einer, der dem „Alten England“ nachtrauert, damals als er noch beim Autobauer British Leyland gearbeitet hat.

"Was ich nicht verstehe, ist, wo das hinführen soll. Wie wir so weitermachen können. Wir stellen nichts mehr her. Und wenn wir nichts mehr herstellen, haben wir nichts zu verkaufen, und wie . . . wie sollen wir dann überleben?"

Colin ist sicher nicht der einzige, der sich solche Frage stellt. Und auch in der aktuellen Situation sind solche Fragen aktuell.

Der Roman beginnt 2010, Colins Frau, Benjamins Mutter ist gerade gestorben. Mit ihrer Beerdigung beginnt der Roman. Benjamin ist vor Kurzem in eine alte Mühle gezogen und kann vom Verkauf seines Londoner Hauses, der Explosion der Immobilienpreise in der Metropole sei Dank, ganz gut leben. Seinen Job als Buchhalter hat er an den Nagel gehängt und widmet sich nun ganz seinem umfangreichen autobiografischen Romanwerk. Seiner großen Jugendliebe trauert er nach 30 Jahren immer noch hinterher, seine Ehe ist gescheitert.

Nun will er sich mit seiner Schwester Lois um den alten Vater kümmern. Lois lebt mit ihrem Mann Christopher in einer Fernbeziehung und leidet immer noch unter dem Trauma, bei den Bombenanschlägen der IRA im November 1974 in einem Pub den Tod ihres damaligen Freunds miterlebt zu haben. Ihre Tochter Sophie ist Kunsthistorikerin und unterrichtet an der Universität. Wegen eines Verkehrsdelikts muss sie eine Nachschulung machen und lernt dabei den Fahrlehrer Ian kennen, der später ihr Mann wird.

Außer der Familie Trotter lernen wir noch einige Freunde von Benjamin kennen, die bereits in den vorangegangenen Romanen eine Rolle spielten – Doug Anderton, der Politjournalist mit der steinreichen Frau, der verzogenen Tochter und den guten Kontakten zum Berater David Camerons; Philip Chase, der Verleger; und Charlie, als Baron Schlaubirne bekannter Kinderclown, der in recht prekären Verhältnissen lebt.

Jonathan Coe versucht mit „Middle England“ ein möglichst breites Gesellschaftspanorama zu malen und die Bestandsaufnahme einer ganzen Epoche, vom Finanzcrash 2009 über die den „Change“ verheißende Bildung der Konservativ-liberalen Koalitionsregierung unter David Cameron, die Londoner Unruhen 2011, die großartigen Feierlichkeiten anlässlich der Eröffnung von Olympia 2012 in London, den Aufstieg Jeremy Corbyns zum Führer der Labour Party, den Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox durch einen Rechtsextremisten 2016 bis zum Referendum für den Brexit. Es gelingt ihm gut, diese schleichenden und sich zunehmend beschleunigenden Verfallsprozesse in der britischen Gesellschaft zu erfassen, ohne sie zu sehr in den Mittelpunkt zu rücken. Er erfasst die Stimmung im Land, zeigt wie die berühmte Mitte bröckelt, die Fronten sich verhärten und das Hauen und Stechen in der Politik überhandnimmt.

Jonathan Coe macht das sehr unterhaltsam, (selbst)ironisch und auch ohne Scheu vor der einen oder anderen Stereotype. Über seine Sympathie für die „Remainers“, diejenigen, die an der EU festhalten wollten, macht er kein Geheimnis. Am Ende wird Benjamin mit seiner Schwester ein Gästehaus in Frankreich eröffnen – mit integriertem Schreibkurs. Denn sein – von 7000 auf 150 Seiten gekürzter – Roman wird durch eine Nominierung für die Longlist des Man Booker Prize doch noch einigen Erfolg haben, wenn auch besonders in Gartencentern, die für Jonathan Coe sowieso das typische „Middle England“ am besten verkörpern. Für den 29. März 2019, das ursprünglich geplante Austrittsdatum, lässt er sogar noch ein Brexit-Baby sich ankündigen.

Beim Schreiben seines Romans konnte Jonathan Coe noch nicht wissen, dass dieses Datum verstreichen wird. Beim endgültigen Austritt war das Baby schon fast ein Jahr. Hoffnung kann es hoffentlich dennoch geben.

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Rezension zu "Middle England" von Jonathan Coe

Die Spaltung einer Nation…
Buecherfreundinimnordenvor 2 Monaten

Ich wusste zunächst nicht, dass es sich bei „Middle England“ um den letzten Teil einer Triologie handelt, aber im Grunde ist das auch nicht wirklich wichtig, denn man versteht die Story auch, wenn man die beiden Teile davor noch nicht kennt. Coe bettet seine Bestandsaufnahme zum Zustand seiner Nation in eine Familiengeschichte ein - und dabei gelingen ihm fabelhafte Charaktere und höchst lebendige Szenen. Da ist Sophie, die Universitätsdozentin, die aufgrund einer missverständlichen Äußerung gegenüber einer transgender Studentin in die Mühlen der hauseigenen Untersuchungskommissionen der Uni gerät. Da ist Benjamin, der jahrelang auf seiner schriftstellerischen Erfolg wartet und nicht viel damit anzufangen weiß, als er dann überraschend eintritt. Da ist seine Schwester Lois, die jahrzehntelang vergeblich versucht, sich von einem Trauma nach einem Bombenanschlag zu erholen. Sie alle kämpfen nicht nur mit ihren ganz persönlichen Dämonen, sondern auch gegen die Unsicherheiten und die Spaltung, die der Brexit für GB mit sich bringt...

Ein für Fans des britischen Königreichs sehr ergiebiger, ausgesprochen stilsicher geschriebener Roman, dessen Figuren im Gedächtnis bleiben. 

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Zusätzliche Informationen

Jonathan Coe wurde am 18. August 1961 in Birmingham (Bromsgrove), Worcestershire (Vereinigtes Königreich) geboren.

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