Was für ein Buch! Acht Stories, die ein Ganzes bilden, rund um eine Familie aus Jamaika, einstmals geflüchtet vor Gewalt und politischer Instabilität. Erzählt im Wesentlichen aus der Sicht des jüngsten Sohnes, des einzigen, der in den USA geboren ist und sich Amerikaner nennen könnte. Das aber fällt ihm nicht ein – zu prägend ist die permanente rassistische Ausgrenzung, die er erfährt. Aber auch in Jamaika gehört er nicht dazu; dort wird er aufgrund seiner amerikanischen Sprechweise als Yankee verhöhnt.
Der Autor verwendet fast durchgehend die zweite Person Singular – ein Kunstgriff, der die Selbstentfremdung des Erzählers zeigt und gleichzeitig nicht nur für Nähe, sondern für eine starke Identifikation mit den Charakteren sorgt. Selten habe ich so mitgefühlt, mitgehofft und mitgelitten. Meistens gelitten, denn Trelawnys Lebensweg verläuft so glücklos, dass man verzweifeln könnte. Rassismus, Bankencrash und Naturkatastrophen. Der Absturz in die Armut ist nur einen Gehaltsscheck entfernt.
T.s Probleme werden jedoch nicht nur durch systemische äußere Einflüsse verursacht, sondern auch durch eine Familie, die geprägt ist durch die toxische Männlichkeit des Vaters, der seinen älteren Sohn favorisiert und schließlich durch sein Verhalten für das Auseinanderbrechen der Familie sorgt. Offenbar typisch für die jamaikanische Community, in der offenbar üblicherweise die Frauen diejenigen sind, die innerhalb des Systems zu überleben verstehen, während die Männer daran scheitern.
Eine Story wird aus Sicht des Vaters erzählt – ein bodenständiger Arbeiter, der alte Werte hochhält und nichts von Selbstreflektion hält, eine weitere durch Trelawnys älteren Bruder Delano, der dem Vater in allem nachfolgt, auch in der Art, seine Ehe in den Sand zu setzen. Eine dritte aus der Sicht von Cukie, einem Cousin, dessen Vater die Familie bei der Geburt im Stich ließ und Kontakt sucht, als Cukie zum Teenager wird. Eine Story, die mich fast gerissen hätte. Trelawnys Tiefpunkt ist ein Job in einer Seniorenwohnanalage, der ihn zwingt, die Mieter auszuspionieren, damit die Wohngesellschaft ihre Gewinne maximieren kann, während er selbst in seinem Pickup wohnt – nach Abschluss seines Studiums ein akademischer Hobo.
Zum existenziellen Thema, zum finalen Symbol für Zugehörigkeit, wird für Trelawny das desolate Haus der Familie im schwülen, entropischen Miami. Bruder und Vater sprechen ihm jedes Recht darauf ab. Der einzige Weg zu Besitz scheint zu sein, das Haus irgendwann zu erben. „Falls ich dich überlebe“ meint aber nicht nur Vater und Bruder, sondern das ganze Irrenhaus USA.
Ein ungewöhnlich intensives Leseerlebnis. Den Autor werde ich im Auge behalten.









