Die Korrekturen

von Jonathan Franzen 
4,2 Sterne bei457 Bewertungen
Die Korrekturen
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Positiv (370):
J

packende geschichte ueber eine familie und ihre probleme.

Kritisch (26):
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Sprachlich klasse Niveau, aber mit der oftmals langatmigen Geschichte und den unsympathischen Charakteren konnte ich leider nichts anfangen

Alle 457 Bewertungen lesen

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Inhaltsangabe zu "Die Korrekturen"

Nach fast fünfzig Ehejahren hat Enid Lambert nur ein Ziel: ihre Familie zu einem letzten Weihnachtsfest um sich zu scharen. Alles könnte so schön sein, gemütlich, harmonisch. Doch Parkinson hat ihren Mann Alfred immer fester im Griff, und die drei erwachsenen Kinder durchleben eigene tragikomischen Malaisen. Gary steckt in einer Ehekrise. Chip versucht sich als Autor. Und Denise ist zwar eine Meisterköchin, hat aber in der Liebe kein Glück.
Jonathan Franzen ist ein großartiger Roman gelungen: Familien- und Gesellschaftsgeschichte in einem.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783499255496
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:1296 Seiten
Verlag:ROWOHLT Taschenbuch
Erscheinungsdatum:01.09.2010
Das aktuelle Hörbuch ist am 08.05.2014 bei Der Hörverlag erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    Buchstabenliebhaberins avatar
    Buchstabenliebhaberinvor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Eine ganz große Geschichte über das Korrigieren. Korrektur des Lebens, des Partners, des Glücks oder ganz profan eines Drehbuchs ...
    Alarmglocke der Angst

    "Zwei leere Stunden waren eine Nebenhöhle, in der Infektionen keimten."(S.9)

    Enids Feind ist Alfred, Ihr Ehemann, der mit zunehmendem Alter immer gebrechlicher wird und dessen graue Zellen immer mehr im Nebel versinken. Alfreds Feindin ist Ehefrau Enid, die das Haus mit unnützem Zeug vollmüllt und ständig etwas von ihm will, was er nicht will. Jonathan Franzen beschreibt mit einer unglaublichen Intensität den Frust eines alten Ehepaars, das den Alltag nicht mehr richtig gebacken bekommt, die nicht mit und auch nicht ohne den anderen können. Der Haushalt verkommt, das Haus verfällt, genau wie die beiden Alten.

    Enids inniger Wunsch ist endlich mal wieder eine Weihnachtsfeier Zuhause, mit ihren drei Kindern. Die von dieser Bitte alles andere als begeistert sind, weil sie mit ihren eigenen Problemen alle Hände voll zu tun haben:
    Sohn Chip, gescheiterter Literaturwissenschaftler mit Hang zu unglücklichen Affairen und Lederklamotten, der sich auf einen völlig absurden Job in Litauen einlässt, nachdem sich sein altes Leben immer mehr auflöst.
    Spitzenköchin Denise, die beruflich sehr erfolgreich, privat aber nicht minder erfolglose Liaisonen wie Chip unterhält.
    Streber Gary hat es immerhin zu einer eigenen Familie gebracht mit drei eigenen Söhnen, ihn plagen Depressionen.

    Im Buch geht es ständig um Korrekturen, ein herrlich altmodisches Wort. Heute würde man wohl "Veränderung" sagen, oder "optimieren".

    Nein, Chip möchte nichts sehnlicher als sein Drehbuch korrigieren, er muss den Eingangsmonolog streichen. Zu viele Brüste.Enid will Alfreds Verfall korrigieren, mit einem Medikament namens Korrektal, ihre eigenen, durch Alfreds Anfälle schwer strapazierte Nerven korrigiert sie mit illegalen Happymacherpillen.

    Die gesamte Familie hat es nicht leicht mit einander, die Reibereien sind dank Jonathan Franzens wundervoller Art zu schreiben ein amüsanter Hochgenuss, mit leichter Feder schreibt er über das Scheitern, über allzu menschliche Schwächen, Makel und Fehler, über Beziehungsdynamiken, und wie sich manchmal die Dinge verändern, wenn an einer Stellschraube gedreht wird.
    Franzens stärkstes Buch, dem kann ich mich nur anschließen. Ein tolles Buch, dass mich an keiner Stelle gelangweilt hat.

    Kommentare: 3
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    Marjuvins avatar
    Marjuvinvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Sorgfältig gezeichnete Charaktere, von denen keiner ein eindeutiger Antiheld oder Held ohne Makel ist. Trotzdem eine Längen!
    "Die Korrekturen" - Jonathan Franzen

    Klappentext:
    Nach fast fünfzig Ehejahren hat Enid Lambert nur ein Ziel: ihre Familie zu einem letzten Weihnachtsfest um sich zu scharen. Alles könnte so schön sein, gemütlich, harmonisch. Doch Parkinson hat ihren Mann Alfred immer fester im Griff, und die drei erwachsenen Kinder durchleben eigene tragikomischen Malaisen. Gary steckt in einer Ehekrise. Chip versucht sich als Autor. Und Denise ist zwar eine Meisterköchin, hat aber in der Liebe kein Glück. Jonathan Franzen ist ein großartiger Roman gelungen: Familien- und Gesellschaftsgeschichte in einem.

    Rezension:
    Der Autor zeichnet seine Charaktere sehr sorgfältig und führt diese jeweils in neuen Abschnitten einzeln im Detail ein. Was ich daran besonders mag ist, dass der Autor keinen klassischen Romanhelden erschafft, dem man zu 100% zustimmt. Ich habe festgestellt, dass ich immer versucht habe zu identifizieren, ob jemand "gut oder böse" ist und es ist mir kein einziges Mal gelungen. Die einzige Figur, die mir von Anfang bis Ende grauenhaft vorkam war Caroline. Alle anderen waren zutiefst menschliche Charaktere in der "Grauzone", so wie im echten Leben eben. Trotzdem hat das Buch die eine oder andere Länge, die überwunden werden muss.

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    awogflis avatar
    awogflivor einem Jahr
    Geschwätziges, viel zu langes Elaborat, das sich auf Petitessen konzentriert

    Ich war schon ewig lange nicht mehr soweit, ein Buch fast abzubrechen wie dieses, weil es mich gar so geärgert hat. Ein Werk mit derart viel Potenzial verkommt ab der Hälfte nur noch zu einem geschwätzigen Stückerl Papier ohne Substanz, Entwicklung und Aussage.

    Ja Franzen kann tatsächlich ein bisschen gut formulieren, aber das ist meiner Meinung nach schon alles, was er mit diesem Roman positiv - letztendlich wenn man es gesamt betrachtet - in die Waagschale werfen kann. Dabei beginnt die Geschichte sogar extrem ambitioniert: Eine Familie, mehrere vordergründige Dramen ein paar ernsthafte Probleme, wie die Demenz des Familienoberhauptes, unter der Oberfläche brodelnde Beziehungs-Konflikte und Personen mit sehr fiesen Tendenzen, lassen die Story bis ca. Seite 400 sehr vielversprechend wirken. Das wäre nun kein Drama, wenn sich das Finale in den letzen 100-200 Seiten auflösen würde, aber bei Seite 400 sind wir leider erst in der Mitte dieser Lesefolter angelangt.

    Also Franzen hat uns die Familie Lambert aufgestellt und die fiesen Winkel der Persönlichkeiten vor uns ausgebreitet.... und dann passiert zumindest mit den Figuren und dem Plot fast gar nichts mehr. Der Autor drückt sich davor, dem Leser zu erklären, warum er die Beziehungsgeflechte so konzipiert hat. Die Figuren werden auf 400 Seiten fast gar nicht mehr entwickelt, bis auf das letzte Kapitel, aber da hatte ich als Leserin die Schnauze schon so voll von dieser Papierverschwendung und Leserverarsche, dass es nicht mehr ins Gewicht fiel.

    Der Antrieb der fiesesten Haupt-Figuren der Famile wie beispielsweise jener von Caroline oder auch die Gründe für Denises Verhalten bleiben für immer im Dunkeln, auf die wartet der Leser vergeblich. Stattdessen werden mit erzähltechnischen Schnörkeln und Verzettelungen, Motive und Lebensgeschichten von für die Geschichte völlig irrelevanten Personen wie zum Beispiel die Zufallsbekanntschaft am Kreuzfahrts- Restauranttisch, oder die gesamte Abteilung von Denises erstem Ferialpraktikum ausgebreitet.
    Wenn mir jetzt jemand mit den Worten Karaseks kommt "Aber der Subplot ist grandios", dann muss ich leider darauf verweisen, dass ein grottenschlechter Plot nicht mit einem Subplot kompensiert werden kann. Mammamia es ist der eigentliche Job des Autors, eine konsistente spannende Geschichte zu erzählen und die Hintergründe und Motivationen der "Handelnden Figuren" zu erleuchten und nicht jene von Humsti und Bumsti, die uns zufällig über den Weg rennen. Manchmal kann man wirklich meinen, der Autor hätte ab der Mitte, die Lust an den eigentlichen Figuren verloren.  

    Was ist eigentlich mit den Kritikern los, die diesen Roman als grandios bezeichnet haben. Manchmal kommt mir vor, die lesen so viel und sind so konzentriert auf Kritik, dass sie sich nur noch für die Schnörkel am Rande interessieren und dabei die zentrale Geschichte komplett aus den Augen und aus ihrem Fokus verlieren. Um es mit den Essensmethaphern aus dem Denise Kapitel zu untermauern, das war so wie in den Zeiten von Boccuse oder heute bei Adrian Ferreira in der Küche, in der das Essen und der Geschmack die Bedeutung verlieren, weil man sich nur auf Chichi-Mini Anrichtung (Boccuse) oder unerwartete Textur mittels Chemie (Ferreira) konzentriert. Die eigentliche Dienstleistung wird so auf Randaspekte reduziert und dekonstruiert, dass sie keine ursprüngliche Dienstleistung mehr ist. Der Roman ist kein Roman, keine Geschichte mehr und das Essen kein Essen, sondern nur mehr Chemie.

    Und dieser Plot ab der Kreuzfahrt ist zäh wie Sirup und zieht sich wie amerikanischer Kaugummi. Muss man über Denise wirklich seitengreifend und raumfüllend ihre ganzen Sexualerfahrungen der Jugend ausbreiten, ohne irgendeinen eigentlichen Konflikt in Beziehungen z.B. mit den Eltern oder den Brüdern zu beleuchten? Und was soll dieses komplett unnötige laange Kapitel in Litauen? Wir lernen einen relativ unwichtigen Arbeitgeber von Chip genauer kennen als Chip himself.

    Ja so ist dieser Roman von Franzen, der Autor hat sich wirklich erfolgreich davor gedrückt, seine eigentliche Geschichte seinen Roman zu Ende zu erzählen, indem er den Leser mit unwichtigen Details vollstopft. Ab der Szene mit dem Scheißhaufen (ja Ihr hört richtig - es gibt tatsächlich eine Unterhaltung mit einem Scheißhaufen in einer Demenzphase des Familienoberhauptes Alfred), war das Papier auf dem die Geschichte geschrieben steht, meiner Meinung nach nur mehr zum Wegwischen desselben zu gebrauchen.

    Ich habe ja in letzter Zeit mehrere Romane gelesen, die auch nicht gerade gradios waren und sie dennoch wohlwollend von 2,5 auf 3 Sterne aufgerundet. Warum ich das hier ums Verrecken nicht tue, ist einfach erklärt: Diese unglaubliche Frechheit, mich mit 800 Seiten Schwachsinn bis ans Ende meiner Duldungsfähigkeit zu quälen, gehört abgestraft. Mich - mit wirklich großer Lese-Leidensfähigkeit gesegnet, die in ihrem Leben bisher weniger als 10 Bücher abgebrochen hat.

    Kommentare: 17
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    Farbwirbels avatar
    Farbwirbelvor 2 Jahren
    Fünf Teile einer Familie

    Nachdem ich in diesem Jahr bereits 'Unschuld' von Jonathan Franzen laß und ziemlich begeistert war, wollte ich gern herausfinden, ob der Autor noch mehr für mich zu bieten hat. So kamen 'Die Korrekturen' also zu mir.

    Es geht um die Familie der Lamberts. Enid und Alfred sind beide ein älteres Ehepaar, welches drei Kinder zeugte, von denen der Roman ebenso berichtet: Garry, Chip und Denise.

    Da von jedem Lambert einzeln berichtet wird und aus seiner Perspektive über die Geschehnisse erzählt wird, scheint es sinnig, auf jeden einzeln einzugehen.

    Zum Einen ist da Enid Lambert, die sich in jungen Jahren sehr in Alfred verliebte, wie sie jedoch zugeben muss, vorallem in sein Äußeres und seinen Stand als Ingenieur. Enid hat das heillose Talent, die Dinge, die um sie geschehen, so zu interpretieren, dass sie ihr gefallen. So arbeitet Chip für sie beispielsweise beim Wall Street Journal, doch eigentlich ist er ganz woanders beschäftigt. Es ist ulkig, aber auch traurig ihr dabei zu zusehen, wie sie ihr leben 'korrigiert'.

    Sein Körper war es, wonach sie sich immer gesehnt hatte. Das Problem war der Rest von ihm. - S. 778

    Alfred Lambert ist ehemals Ingenieur für einen Eisenbahnbetrieb gewesen, der kurz vor seiner Rente mit einem größeren fusionierte. Alfred ist schwer zu fassen, denn er kann sich selbst kaum noch fassen. Enids Ehemann leidet immer mehr unter seinem Alter, ist verwirrt und bewegt sich in eigenen Dunstschleiern der Vergangenheit. An sich war er mir sehr sympathisch, auch wenn seine Psychosen durchaus seltsam anmuteten.

    „Essen und Ficken, Alter“, sagte der Anführer der Scheißhaufen, der sich jetzt nur noch mit einem Pseudosaugnapf aus fäkaler Mousse an die Wand klammerte, „darauf läuft's doch hinaus. Das ganze andere, und ich sag das in aller Bescheidenheit, ist pure Scheiße.“ - S. 397

    Garry ist der älteste Sohn der Lamberts und mir direkt unsympathisch. Zwar ist er in den Rückblenden in seine Kindheit ein netter Junge, doch als Erwachsener macht er alles zu einem Kampf. Er kämpft gegen seine Frau Caroline, er kämpft dagegen an, seine Depression anzunehmen usw. Und zu guter Letzt weiß er alles besser und lässt das auch richtig raushängen.

    Chip ist ein ziemlicher Taugenichts... Er studierte und war kurz vor einer Berufung als Professor, als er alles verdarb, an einem Drehbuch darüber verzweifelte und später mit einem dubiosen Litauer gemeinsame Sache macht. Die Episoden um ihn waren mir anfangs sympathisch, doch dann wurden sie mir zu skuril, wenn auch bereits hier ein ironischer Klang in Bezug auf das Internet zu spüren ist, den Franzen auch in seinem Werk 'Unschuld' anschlägt. Als spannend empfand ich Chip als Dozent, denn hier entspannten sich aufregende Diskussionen über den Poststrukturalismus, die ich selbst gern an meiner Universität gehabt hätte.

    Denise ist Köchin. Sie bekommt ihre eigenen Episoden erst sehr spät in dem Roman, was ich persönlich etwas schade fand. Sie ist ein spannender Charakter, hat so etwas ähnliches, wie einen Ödipuslkomplex und ist sehr feinsinnig – eine gute Beobachterin.

    Der Leser begleitet das Ehepaar Lambert von St. Jude, wo sie zuhause sind, nach New York. Dort besteigen sie einen Luxuskreuzer und machen eine 'skandinavische' Kreuzfahrt. Danach geht es dann um Weihnachten in St. Jude und wer denn nun alles kommen wird.

    Der Menschheit war die Herrschaft über die Welt anvertraut worden, und sie hatte die Gelegenheit genutzt, um andere Arten auszulöschen und die Atmosphäre zu erwärmen und allgemein Verderben über alles irdische zu bringen; das allerdings war der Preis für ihre Privilegien: dass der endliche und spezifisch tierische Körper dieser Gattung ein Gehirn besaß, welches imstande war, das Unendliche zu denken und selbst unendlich sein zu wollen. - S. 642

    Der Aufbau des Romans ist dem von 'Unschuld' ähnlich. Teilweise erstrecken sich die Kapitel über 200 Seiten, teilweise sind sie nur zehn Seiten lang. Meine gebundene Ausgabe umfasst 781 Seiten und ist somit ein ziemlicher Kawenzmann. Der Schreibstil von Franzen ist präzise, fast schon sezierend. Dieser Umstand machte mir im zweiten Drittel des Buchs wirklich Schwierigkeiten, denn alles wirkte auf einmal sooo lang. Leider. Etwas gestrafter, vielleicht 100 Seiten weniger und dieser irrwitzige Litauengeschichte herausgelassen, wäre es sicherlich ein großartiger Roman geworden.

    So muss ich gestehen, dass mich das Buch nicht umhaute. Vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch, vielleicht liegt es aber tatsächlich an der manchmal zu genauen Beschreibung. An anderer Stelle mochte ich wiederum die Genauigkeit Franzens. Vermutlich ist es Geschmackssache, doch bei 'Unschuld' empfand ich es als kompakter.

    Der eine oder andere schreckt womöglich vor der Länge des Romans zurück, andere vor teilweise sehr genauen, anzüglichen bzw. auch perversen Situationen. Ich für meinen Teil empfand es als Glaubhaft. Das einzige, was mir wirklich etwas irre vorkam, war das neue Medikament 'Korrektal', welches es emöglichen sollte, bestimmte Erinnerungen und Eigenschaften auszulöschen. Dies erinnerte mich stark an den Film 'Vergissmeinnicht' und überzeugte mich nicht.

    Nichtsdestotrotz laß ich den Roman gern, wenn auch nicht über die Maßen gern.

    Kommentare: 8
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    Hamlets_Erbins avatar
    Hamlets_Erbinvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Ein exzellenter Roman voller beeindruckender Charaktere. Franzens Wortakrobatik stört hin und wieder allerdings den Lesefluss.
    Ein großer Roman

    "Was man über sich selbst lernte, wenn man Kinder großzog, war nicht immer erfreulich oder angenehm." (S.529)       

    Inhalt: Der Roman porträtiert eine Familie. Die Mutter Enid Lambert, deren Mann Alfred zunehmend geistig und körperlich verfällt, wünscht sich ein letztes gemeinsames Weihnachtsfest mit den Kindern Denise, Gary und Chip. Doch die sind dermaßen mit ihren Probleme und Animositäten gegenüber der Familie beschäftigt, dass es fraglich erscheint, ob sie den Weg nach Hause antreten werden.

    Meinung: Ohne jeden Zweifel haben wir es hier mit einem sehr gelungenem Roman zu tun. Die Charaktere sind eindrucksvoll und psychologisch exzellent ausgearbeitet. Egal ob Chip, Denise, Gary, Alfred oder Enid, man hat für alle Verständnis. Die Geschichte an sich vermag es zu fesseln und ist in hohem Maße glaubwürdig (abgesehen von Chips litauischer Episode vielleicht). Die Themenkomplexe wurden passioniert und differenziert dargestellt. Allerdings gibt es einen Aspekt, der mich gestört hat, und das ist die sprachliche Darstellung. 
    Natürlich ist Franzen ein großer Wortakrobat, aber, dass er das immer wieder beweisen muss, tut dem Lesefluss nicht unbedingt gut. Die exzessiven Naturbeschreibungen mit den teilweise synästhetischen Auswüchsen, sind zwar beeindruckend, auf Dauer aber zu anstrengend. Die häufigen fachspezifischen Exkurse, inklusive Fachvokabular, führen immer wieder von der Geschichte weg und langweilen, sind sie doch für den gemeinen Leser nicht verständlich und vermutlich auch nicht von Interesse (außerdem wären sie nicht nötig gewesen, denn der Roman wäre auch ohne sie atmosphärisch gelungen). Darüber hinaus lenken die innovativen Vergleiche und Metaphern auf Dauer von der Geschichte ab. 
    Sprachlich ist einfach alles ein wenig zu viel. Weniger wäre hier in der Tat mehr gewesen.

    "Was Drogen immer wieder so sexy machte, war die Chance, ein anderer zu sein." (S.241)

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    Ginevras avatar
    Ginevravor 2 Jahren
    Systeme, die sich regulieren

    Enid Lambert fühlt sich als Zentrum einer typischen US-amerikanischen Familie: Gatte Alfred ist ein ehemals erfolgreicher, berenteter Erfinder, die drei Kinder Gary, Denis und Chip haben ordentliche Berufe gelernt und leben in alle Winde zerstreut. Zu Weihnachten hat Enid nur noch einen Wunsch: bevor sie ihr altes Familienwohnhaus aufgeben, sollen alle zusammen Weihnachten feiern, ganz so harmonisch und idyllisch "wie früher".

    Doch unter der gutbürgerlichen Oberfläche brodelt es gewaltig: Alfred leidet unter einer fortgeschrittenen Form der Demenz, bringt alles durcheinander und zerstört beinahe systematisch alles, was sie gemeinsam aufgebaut haben. Chip hat seine Stelle als Dozent verloren, verwahrlost immer mehr und lässt sich auf dubiose Geschäfte in Litauen ein. Garys perfekte Ehe steckt in einer schweren Krise. Denise, die erfogreiche Köchin, droht aufgrund ihrer verzweifelten Suche nach Nähe alles zu verlieren. 

    Trotz großer Differenzen gibt es dennoch einen Zusammenhalt innerhalb der Familie Lambert, doch Enids Traum einer allerletzten, perfekten Weihnachtsfeier wird immer mehr zum düsteren Alptraum...

    Jonathan Franzen, geb 1959 in der Nähe von Chicago, setzt sich in seinen umfassenden Romanen häufig mit dysfunktionalen modernen westlichen Familien auseinander. Außerdem spielen gesellschaftliche und politische Ereignisse eine wichtige Rolle, so dass jede Figur stets von mehreren Seiten gezeigt wird, eingebettet in die jeweiligen Bezugssysteme.

    Mich hat dieser Roman zunächst ziemlich gefordert, weil die Hauptfiguren Enid, Alfred und Chip alles andere als sympathisch erscheinen, und ihre Handlungen oft ziemlich absurd wirken - zunächst. Doch im Verlauf der ca. 800 Seiten bildet sich ein facettenreiches Bild dieser Familie heraus, viele Verhaltensweisen werden klarer und nachvollziehbarer, so dass auch das Ende ziemlich logisch erscheint (ohne spoilern zu wollen).

    Besonders beeindruckend fand ich die intensiven Beschreibungen von Alfreds Demenz, z.B. während einer Kreuzfahrt. Alfred verliert in dieser ungewohnten Umgebung komplett die Orientierung, und die kreuzbrave Enid wird beinahe ungewollt drogensüchtig. Einige Szenen sind neben der bitteren Thematik auch ziemlich komisch.


    Weniger gefielen mit einige Längen, z.B. als es um Chips Geschäftsreise nach Litauen geht, oder um Denises Gastronomieerfahrungen. Außerdem bedient sich Franzen manchmal einer ziemlich drastischen Fäkalsprache, die mich sehr strapazierte - auch wenn sie letztendlich nötig erscheint, um bestimmte Auflösungstendenzen zu verdeutlichen.

    Fazit: ein beeindruckender Roman über viele differenziert dargestellte Figuren, in einer Zeit voller Umbrüche. Ein Familiensystem, das sich immer wieder selbst korrigieren muss - wie auch jedes Individuum seine persönliche Suche nach dem Glück immer wieder neu erfinden muss.

    Ein großartiger, wenn auch streckenweise anstrengender Roman - 4 on 5 Sternen!

    Kommentare: 1
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    brennerosusanns avatar
    brennerosusannvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Spannende Unterhaltung, Spiegelbild einer modernen Gesellschaft, die sich trotz aller Konflikte immer wieder auf neuen Wegen neu erfindet!
    DIe Korrekturen - Gesellschaftsbild unsere Zeit!

    Eine moderne Familiensaga, die sich quer durch die USA vom Mittleren Westen bis nach New York zieht. Ein einziges Ehepaar und ihre drei erwachsenen Kinder spiegeln die gesellschaftlichen Verhältnisse der USA Ende des 20. Jahrhunderts wieder. Franzen bringt eine ganze Palette gesellschaftlicher Facetten mit präziser Sprache auf das Papier, so dass dem Leser die Figuren wie gute alte Bekannte vorkommen, die gerade eine neue Seite an sich offenbaren. Spannung, Unterhaltung, Information ohne Belehrung machen dieses Buch zu einem Pageturner. Dank der vielen verschiedenen Charaktere ist von der ersten bis zur letzten Seite für ausreichend Konfliktpotential gesorgt. Fünf Lebenslinien einer Familie laufen zum Weihnachtsfest noch einmal zusammen, so dass trotz der unterschiedlichen Lebensweise der Ursprung der sozio-kulturellen Konflikte klar zu Tage tritt. Ein Familienroman mit unzähligen genialen Überraschungen und tiefgründigen Wahrheiten – eines meiner Lieblingsbücher. Sehr empfehlenswert!

     

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    LindyBookss avatar
    LindyBooksvor 3 Jahren
    Rezension über "Die Korrekturen" von Jonathaan Franzen

    Nach fast fünfzig Ehejahren hat Enid Lambert nur ein Ziel: ihre Familie zu einem letzten Weihnachtsfest um sich zu scharen. Alles könnte so schön sein, gemütlich, harmonisch. Doch Parkinson hat ihren Mann Alfred immer fester im Griff, und die drei erwachsenen Kinder durchleben eigene tragikomische Malaisen. Gary steckt in einer Ehekrise. Chip versucht sich als Autor. Und Denise ist zwar eine Meisterköchin, hat aber in der Liebe kein Glück.

    Auf Jonathan Franzen bin ich durch sein Buch "Freiheit" gekommen, da wurde ich sehr neugierig und wollte es gerne lesen, dabei entdeckte ich aber, dass schon ein anderes Buch existiert, nämlich: "Die Korrekturen" und das klang für mich auch interessant, deshalb musste ich zuerst dieses lesen. Ich muss gestehen, dass ich am Anfang schwer in die Handlung fand, es las sich so seltsam und ich wusste nicht, was das alles soll. Aber es legte sich schnell, man darf bloß nicht aufgeben, dann ist es einfach nur noch wundervoll zu lesen, schöner Schreibstil, spannend, interessant. Die Charaktere sind alle sehr unterschiedlich, dennoch passen sie alle gut zusammen. Eine gute Familien- und Gesellschaftsgeschichte in einem und absolut lesenswert. 5 Sterne.

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    dominonas avatar
    dominonavor 4 Jahren
    ungezuckertes Familiendrama

    Wer hat sich nicht schonmal gedacht: Später werde ich mal alles Mögliche, aber ganz bestimmt nicht so wie meine Eltern?
    Jonathan Franzen hat hier einen etwas anderen Familienroman entstehen lassen: die einzelnen Perspektiven verweben sich nach und nach miteinander und der Leser wartet, nach seiner Entwicklung vom unwissenden Lämmchen zum auktorialen Henker, auf die große Explosion - oder doch das überfällige happy end?
    Ab und zu erscheint es langatmig, aber das kommt so selten vor - man hängt wirklich stark an der Handlung und fiebert den kleinen Verwirklungen und deren Auflösung entgegen bzw. gewinnt die eine oder andere Figur sogar lieb. Welche das ist? Das Spekrum ist groß, da ist für jeden was dabei - viel Spaß beim Wiedererkennen.

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    I
    incompertusvor 5 Jahren
    Sprachgewaltige Familiensaga

    Es geht um die Geschichte einer amerikanischen Familie, die es in sich hat. Franzen hat seine Figuren sehr liebevoll gezeichnet und sie sind derart vielschichtig sowie widersprüchlich, dass der Leser fühlt und denkt: Genau so muss es sein! Nachdem ich das Buch gelesen hatte, fragte ich mich: Wie könnte die Geschichte weitergehen? Allein das ist schon der Beweis für ein wirklich gelungenes Buch.

    Die Motive der Familienmitglieder,  sowie deren Beziehungen untereinander werden sehr detailverliebt erzählt, wobei nichts ausgespart wird und der Leser den Eindruck gewinnt, er säße mit der Familie an einem Tisch. Aber auch die alltäglichen Beziehungen der Hauptpersonen zu den Nebenfiguren werden so intensiv geschildert, dass sich allmählich eine unterschwellige Spannung aufbaut. Richtige Spannung kommt auf, als Chip zu seinem Ausflug nach Litauen aufbricht, dabei ein Abenteuer nach dem anderen erlebt und wie er es schließlich schafft, allen Schwierigkeiten zum Trotz, fast pünktlich zum Weihnachtsfest nach Hause zu kommen.

    Alfreds Erlebnisse auf dem Kreuzfahrtschiff sind brillant beschrieben und spätestens hier bekommt der Leser eine Gänsehaut. Sein Schicksal hat sich lange angekündigt und es hätte kaum anders besiegelt werden können.

    Die vielen Wechsel der Perspektiven und Zeitebenen wirken keinesfalls verwirrend, sondern verbinden die Kapitel recht schlüssig zu einem einzigartigen Roman, zu einem großartigen Werk.

    Wer eine moderne Familiensaga mit allen Facetten liebt, der kommt um dieses Buch nicht herum und sollte es unbedingt lesen.

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    Eine Sensation.

    Man geht mit jenem eigentümlichen Gefühl aus der Lektüre hervor, das nur große Literatur wecken kann: Man fühlt sich beschenkt und bereichert.

    Ein Wunder. Und kein geringes.

    Man möchte Jonathan Franzen genial nennen.

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