Jonathan Franzen Unschuld

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Inhaltsangabe zu „Unschuld“ von Jonathan Franzen

'Unschuld' ist Jonathan Franzens Opus magnum über familiäre Abgründe, das Internet und den Kampf zwischen den Geschlechtern. Die junge Pip Tyler weiß nicht, wer ihr Vater ist. Das ist keineswegs ihr einziges Problem: Sie hat Studienschulden, ihr Bürojob in Oakland ist eine Sackgasse, sie liebt einen verheirateten Mann, und ihre Mutter erdrückt sie mit Liebe und Geheimniskrämerei. Pip weiß weder, wo und wann sie geboren wurde, noch kennt sie den wirklichen Namen und Geburtstag ihrer Mutter. Als ihr eines Tages eine Deutsche beim 'Sunlight Project' des Whistleblowers Andreas Wolf ein Praktikum anbietet, hofft sie, dass der ihr mit seinem Internet-Journalismus bei der Vatersuche helfen kann. Sie stellt ihre Mutter vor die Wahl: Entweder sie lüftet das Geheimnis ihrer Herkunft, oder Pip macht sich auf nach Bolivien, wo Andreas Wolf im Schutz einer paradiesischen Bergwelt sein Enthüllungswerk vollbringt. Und wenig später bricht sie auf. 'Unschuld' handelt von Schuld in den unterschiedlichsten Facetten: Andreas Wolf, in Ostberlin als Sohn eines hochrangigen DDR-Politfunktionärs geboren, hat aus Liebe zu einer Frau vor Jahren ein Verbrechen begangen; ein Amerikaner, dem er in den Wirren des Berliner Mauerfalls begegnet, hat den Kinderwunsch seiner Frau nicht erfüllt und sie dann verlassen; dessen neue Lebensgefährtin kann ihrem Ehemann, der im Rollstuhl sitzt, nicht den Rücken kehren und pflegt ihn weiter … In diesem fulminanten amerikanisch-deutschen Gegenwartsroman eines der größten, sprachmächtigsten Autoren unserer Zeit überschlagen sich die Ereignisse und bannen den Leser bis zum Schluss.

Starke Figuren, psychologisch tiefgründig konzipiert stützen eine dahinstolpernde Story inhärenter Generationenkonflikte; kürzen!

— Simon_liest

Hier ist niemand unschuldig, aber auch nur wenige "richtig schuldig". Die großen Fragen des Lebens, intelligent zusammengefügt.

— Buchstabenliebhaberin

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  • Rezensionen
  • Leserunden
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  • Themen
  • Höhen und Tiefen

    Unschuld

    Skrutten

    17. January 2017 um 09:01

    Die "Entdeckungsreise" einer jungen Frau in den USA ist verzahnt mit Ereignissen der jüngsten deutschen Vergangenheit. Spannende Geschichte, die zwar manchmal ein wenig ins Unwahrscheinliche abzurutschen droht, aber stets vom Autor wieder "aufgefangen" wird. Zwischenmenschliche Höhen und Tiefen spielen eine große Rolle und werden authentisch geschildert.Eine runde Sache, dieser Roman! Ich freue mich auf weitere von J. Franzen!

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  • Alles eine Frage der Moral?

    Unschuld

    Buchstabenliebhaberin

    17. November 2016 um 17:16

    Diese Buch erfordert einiges an Aufmerksamkeit und Konzentration - die Zusammenhänge sind kompliziert, Franzen springt plötzlich zwischen den einzelnen Erzählsträngen, und die Namen ähneln sich. Für mich fingen irgendwann gefühlt alle mit Anna-irgendwas an: Annabel, Annagret, ... Aber wenn man sich Zeit nimmt, taucht man ab, in die Welt des charismatischen, wendigen Whistleblower Andreas mit schwierigem DDR-Hintergrund, der sperrigen, spröden jungen Pip, die in einem besetzten Haus wohnt, unglücklich in ihren Mitbewohner verliebt ist und in die von ihrer anstrengenden, geheimnisumwobenen Mutter. Franzen schickt Pip auf eine Reise, er konfrontiert sie mit anderen schrägen Charakteren, er spinnt ein Netz, dass erst spät erkennbar wird. Raffiniert verbinden sich die einzelnen Schicksale miteinander, große Themen werden angeschnitten: DDR, Stasi-Überwachung, Pressefreiheit, Fluch und Segen des Internets, Mord, Macht, Imperium und Familie. Franzen hat ein Talent, Lieblingsmenschen zu kreieren: Mein Interesse galt zuerst Pip, die anderen interessierten mich weniger. Bis ich zur Geschichte der jungen Annabel kam, Pips Mutter, deren manische Züge, deren schwierige Liebesgeschichte mit Pips Vater, die ich atemlos verschlungen habe. Und wäre da nicht der unsägliche DDR-Andreas, der auch aus unlauteren Motiven diverse Steine ins Rollen bringt, bevor er endlich das Monster in sich zum Schweigen bringt. Alles unglaublich schwierige Persönlichkeiten. Kein Sonnenschein, kein alleinig Guter, alle mit Ecken und Kanten und Sehnsüchten und Abgründen. Wäscht da einer seine Hände in Unschuld? Ok, manche kommen besser weg, aber dann kommt doch wieder Geld ins Spiel, und ruck zuck sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Wirklich? "Geheimnisse waren Macht. Gebrauchtwerden war Macht. Macht, Macht, Macht: Wie konnte die Welt auf den Kampf um etwas ausgerichtet sein, dessen Besitz einen so einsam und bedrückt machte?"(S.796) Ein beeindruckendes Buch, das nachdenklich macht und nachwirken wird. Kein leichter, aber ein sehr lesenswerter Lesestoff.

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    • 4
  • Titel schwierig, sonst brilliant!

    Unschuld

    Farbwirbel

    05. August 2016 um 13:11

    Jonathan Franzens „Unschuld“ ist ein ziemlicher Klopper. Auf 830 Seiten malt Franzen eine diffuse, spannungsgeladene Geschichte, die mich von der ersten Seite bis zur letzten begeisterte und auch darüber hinaus. Ich besitze die Hardcover-Ausgabe, die einen Papierumschlag in weinrot hat. Darauf abgebildet sind zwei Hände, die vermutlich von einer antiken Skulptur sind, deren kleine Finger angebrochen sind. Ein tolles Bild, wenn man über Phrasen wie „Ich wasche meine Hände in Unschuld“ nachdenkt. Auch der abgebrochene Finger und das alter der Hand haben, bedenkt man den Inhalt des Buchs, Tiefgang. Es geht in dem Roman erst einmal um Pip Taylor. Die Amerikanerin hat riesige Studienschulden, arbeitet in einem Job, der ihren Fähigkeiten nicht entspricht, telefoniert oft mit ihrer depressiven, emotional verwirrten Mutter und sucht allen voran ihren Vater. Über diesen weiß sie rein gar nichts. Ihre Mutter macht darum ein großes Geheimnis. Sie weiß lediglich, dass ihre Mutter einen anderen Namen angenommen hat, um nicht gefunden zu werden. Pips richtiger Name ist im Übrigen Purity, was ihr verständlicher Weise recht unangenehm ist. Hier verbirgt sich mein einziger Kritikpunkt: Purity ist der englische Titel des Buchs. Ziemlich passend. Doch in der deutschen Übersetzung wird, sobald von Purity gesprochen wird, mit Reinheit übersetzt. Das ist an und für sich auch stimmig, doch fragt man sich ja dann, weshalb der Titel dann 'Unschuld' heißt und nicht 'Reinheit'. Zugegeben, das Wort Reinheit ist nicht sonderlich griffig, dennoch hat mich das ein wenig geärgert. Pip lebt, aufgrund ihrer hohen Schulden, in einem besetzten Haus, welches von kuriosen Menschen bewohnt wird. Vor allem aber ist Pip in ihren Mitbewohner Stephen verliebt, der um einiges älter als sie ist und verheiratet... Ödipuskomplex? Pip erhält nun durch Annegret, einer Weltverbesserin, das Angebot, beim Sunlight Project von Andreas Wolf als Praktikantin mitzuwirken. Sichtlich unbegeistert lehnt sie erst einmal ab. Andreas Wolf ist ein fiktiver Whistelblower, der mit seinem Sunlight Project Firmen und dergleichen hochjagd, indem er illegale Machenschaften veröffentlicht, also ans tageslicht bringt. Er ist sehr beliebt und in den Medien gibt es kaum negative Einträge. Nachdem Pip dann auch noch damit gelockt wird, mehr über ihren Vater zu erfahren, sagt sie zu dem Praktikum zu, auch wenn sie die Trennung ihrer Mutter nur ungern hinnimmt. Danach erfährt der Leser mehr über Andreas Wolfs Vergangenheit. Er hatte seine Jugend in der DDR verbracht und wurde dadurch berühmt, dass er die lückenlose Veröffentlichung aller Stasiakten nach dem Zusammbruchs des Staates forderte. Hier kommt auch Annegret wieder ins Spiel. Annegret ist ein gebeutelter Teenager, der von seinem Stiefvater missbraucht wird. Wolf will sie retten, denn er ist vollkommen in den Bann ihrer Schönheit gezogen. Später wird von Leila und Tom berichtet. Die beiden sind ein paar, wenn auch Leila mit einem berühmten, invaliden Schriftsteller verheiratet ist. Beide leiten in Denver ein Enthüllungsblatt, dass den guten alten Journalismus glänzen lässt. Mehr will ich erst einmal nicht verraten. Das Werk ist wirklich umfangreich, weshalb ich mit meinem Teaser wirklich nichts vorweggenommen habe. An sich wird das Buch in verschiedenen Perspektiven geschrieben, die auch zeitversetzt geschehen. Wolfs Kindheit in der DDR, Pips Erfahrungen im Sunlight Project, die Geschichte der Mutter Toms usw. Besonders gut hat mir die allgegenwärtige Medienkritik gefallen. Franzen lässt es sich hier sogar nicht nehmen, eine Allegorie zwischen der DDR und dem Internet aufzubauen. Interessant und wirksam zugleich. Der Journalimus wird aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Allen voran gibt es aber ein treffendes Bild jedes einzelnen Charakters. Franzen kann unglaublich gut Menschen darstellen, die vertrackt sind, die irgendwann einen Knacks erlitten haben. Das macht es ungeheuer spannend und aufreibend. Mir viel es schwer, das Buch aus den Händen zu legen – und das lag nicht am Gewicht des Kawenzmanns. Etwas irritierend waren am Ende die vielen Namen mit Ann. Annegret, Annabel, Annelie. Ganz schön viele Anns, wenn auch jede für sich genial gezeichnet war. Wer wirklich mal einen guten, zeitgenössischen Roman lesen möchte, der sollte hier unbedingt zuschlagen. Mich erinnerte Franzens Schreibstil stark an Philipp Roth, wenn auch vielleicht noch fesselnder.

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    • 7
  • Franzens "Unschuld"

    Unschuld

    Beust

    21. May 2016 um 10:44

    Kurz-Rezi: Franzen erzählt mit viel Geschick und einladendem Gestus aus den Perspektiven seiner in einem Netz aus Beziehungen, Schuld und Einflussnahme verstrickten Figuren. Dabei müssen sich alle totalitären Zugriffen erwehren, die zum Teil behauptet werden, zum Teil Wirklichkeit sind: dem Zugriff des DDR-Regimes, dem aufs Totale zielenden Einfluss der Mutter Katya oder der Ehefrau Anabel, der rücksichtslosen und bilderstürmenden Öffentlichkeitssucht der Whistleblower und dem "totalen" Griff des Internets in alle Lebensbereiche des Menschen. Mir hat dabei die menschliche Seite der Geschichte gefallen, die ins Zentrum gerückte Figur von Tom Aberant und das Suchen Pips. Auf die letzten 75 Seiten, nach den abschließenden Ereignissen in Los Volcanos, hätte ich verzichten können. Und Franzen hätte auf diesen seichten Abspann verzichten sollen. 3,5 Sterne von mir, für Lovelybooks aufgerundet.

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  • Das kann Franzen besser!

    Unschuld

    renie

    30. March 2016 um 17:57

    Jonathan Franzen - "ein literarisches Genie", "einer der größten, sprachmächtigsten Autoren unserer Zeit", "ein stilistischer Meister", "brillanter Anwalt des modernen realistischen Erzählens" ...... die Liste der Lobpreisungen ließe sich wahrscheinlich endlos fortführen. Wenn ein Autor mit derartigem Lob überschüttet wird, ist die Erwartungshaltung des Lesers natürlich unglaublich hoch. Es ist schon einige Jährchen her, dass ich Franzen's Korrekturen gelesen habe - ein Roman, dessen Lektüre ich sehr genossen habe, und der mir durchweg positiv in Erinnerung geblieben ist. Insofern konnte sein aktueller Roman "Unschuld" nur gut sein - dachte ich zumindest .....  So beschreibt der Verlag diesen Roman:Die junge Pip Tyler weiß nicht, wer ihr Vater ist. Das ist keineswegs ihr einziges Problem: Sie hat Studienschulden, ihr Bürojob in Oakland ist eine Sackgasse, sie liebt einen verheirateten Mann, und ihre Mutter erdrückt sie mit Liebe und Geheimniskrämerei. Pip weiß weder, wo und wann sie geboren wurde, noch kennt sie den wirklichen Namen und Geburtstag ihrer Mutter. Als ihr eines Tages eine Deutsche beim „Sunlight Project“ des Whistleblowers Andreas Wolf ein Praktikum anbietet, hofft sie, dass der ihr mit seinem Internet-Journalismus bei der Vatersuche helfen kann. Sie stellt ihre Mutter vor die Wahl: Entweder sie lüftet das Geheimnis ihrer Herkunft, oder Pip macht sich auf nach Bolivien, wo Andreas Wolf im Schutz einer paradiesischen Bergwelt sein Enthüllungswerk vollbringt. Und wenig später bricht sie auf.  «Unschuld», eine tiefschwarze Komödie über jugendlichen Idealismus, maßlose Treue und den Kampf zwischen den Geschlechtern, handelt von Schuld in den unterschiedlichsten Facetten: Andreas Wolf, in Ost-Berlin als Sohn eines hochrangigen DDR-Politfunktionärs geboren, hat aus Liebe zu einer Frau vor Jahren ein Verbrechen begangen; ein Amerikaner, dem er in den Wirren des Berliner Mauerfalls begegnet, hat den Kinderwunsch seiner Frau nicht erfüllt und sie dann verlassen; dessen neue Lebensgefährtin kann ihrem Ehemann, der im Rollstuhl sitzt, nicht den Rücken kehren und pflegt ihn weiter ... In diesem fulminanten amerikanisch-deutschen Gesellschaftsroman eines der größten, sprachmächtigsten Autoren unserer Zeit überschlagen sich die Ereignisse. Und bannen den Leser bis zum Schluss. (Quelle: Rowohlt) Wenn ich eine Buchbesprechung vorbereite, mache ich mir eine Liste über positive und negative Dinge des Buches, das ich gelesen habe. Bei Franzen's "Unschuld" musste ich feststellen, dass ich nur einen einzigen Punkt auf der "Haben-Seite" aufgeführt hatte: seinen Sprachstil! Es stimmt, Franzen ist ein großartiger Schreiberling. Er geniesst es, mit der Sprache zu spielen - das merkt man zumindest seiner schwelgerischen Erzählweise an. Seine Sätze sind von Doppeldeutigkeiten gespickt, was sehr unterhaltsam sein kann, aber auch anstrengend, da man sehr aufmerksam lesen muss. Wird man als Leser unachtsam, hat man den Gedankenfaden, den Franzen gerade gesponnen hat verloren und muss Textpassagen mehrfach lesen. "Wenn seine Gewissensbisse trotzdem einen deutlichen Bodensatz der Krankhaftigkeit offenbarten - denn was bedeutete dieser Drang, mit Mädchen auf Mädchen das ewig gleiche Muster zu wiederholen, warum bekam er es nicht nur nie satt, sondern schien es sogar immer stärker zu wollen, ja warum war er mit dem Mund lieber zwischen Beinen als in der Nähe eines Gesichts -, schrieb er es der Krankhaftigkeit des Landes zu, in dem er lebte." (S. 119) Womit wir uns geradewegs zur Soll-Seite bewegen: Wenn ich alle Dinge, die mir an diesem Roman Probleme bereitet habe, zusammenfassen sollte, fiele mir nur ein Ausdruck ein: Des Guten zuviel! Um beim Sprachstil zu bleiben: Franzen hat wie bereits erwähnt, Spaß daran, mit der Sprache zu spielen. Aber er verliert sich auch oft in seinen Satzkonstruktionen. Sein Erzählstil wird stellenweise sehr ausschweifend, was den Lesefluss zäh werden lässt und irgendwann bei einem 800-Seiten-Roman sehr ermüdend sein kann. "Aber schon in den Tagen der Datenaustauschprotokolle und alternativen Nachrichtenforen gab es eine Ahnung von der unermesslichen Dimension, die das gereifte Internet und die daraus hervorgegangenen sozialen Netzwerke einmal kennzeichnen würde; in den hochgeladenen Bildern von jemandes nackt auf dem Klo sitzender Ehefrau, der charakteristischen Auslöschung des Unterschieds zwischen öffentlich und privat; in der aberwitzigen Menge nackt auf dem Klo sitzender Ehefrauen in Mannheim, Lübeck, Rotterdam, Tampa, einem Vorgeschmack auf die Auflösung des Individuums in der Masse. Das Gehirn maschinell auf Rückkoppelungsschleifen reduziert, die private Persönlichkeit auf eine öffentliche Verallgemeinerung: Da hätte man genauso gut schon tot sein können." (S. 688) Sein Roman ist mit Themen überfrachtet, die jedes für sich für ein Buch reichen würden. Franzen konfrontiert den Leser jedoch mit einem Themengemisch, das ihn abstumpfen lässt. Er kommt nicht zum Leser durch. Man registriert nur, setzt sich jedoch gedanklich nicht mit den Themen auseinander. Hier ist ein kleiner Überblick aus Franzen's Themenpotpourri: DDR, Faschismus, Internet, Hacker-Szene, Mord, Feminismus, Hausbesetzer-Szene, Geschlechterkampf... Fazit:Ich habe irgendwo gelesen, dass sich bei Franzen die Geister scheiden. Entweder liebt man ihn, oder man hasst ihn. Soweit würde ich nicht gehen. Er ist unbestreitbar ein großer Schriftsteller unserer Zeit. Aber mit "Unschuld" hat er sich vergalloppiert. Auf mich wirkt es, als ob er mit diesem Roman einfach zuviel wollte - sowohl sprachlich als auch thematisch. Auch, wenn dieser Roman eine Enttäuschung für mich war, bin ich auf weitere Werke von Franzen gespannt. Denn ich weiß, dass Franzen es besser kann! © Renie

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  • Enttäuschend

    Unschuld

    Buecherschmaus

    Eines der für 2015 am heißesten ersehnten Bücher wurde meine erste Lektüre im Jahr 2016 und wahrscheinlich bereits die größte Enttäuschung dieses Lesejahres. Dieses Buch zu mögen wurde dadurch nicht leichter, dass keine der Personen, und es gibt derer nun wirklich viele, auch nur ansatzweise sympathisch ist. Auch trägt es für mich nicht zum Lesevergnügen bei, wenn ohne Notwendigkeit für Handlung oder Textaussage weite Teile der Ausübung unterschiedlichster, meist unschöner Sexualpraktiken gewidmet sind. Ohne Staistik geführt zu haben, zählen Schwanz, Ständer, Muschi oder Möse sicher zu den am meisten verwendeten Wörtern im Buch. Diese Erschwernisse müssen aber nicht unbedingt dazu führen, dass ich ein Buch nicht an mich heran lasse. Stimmen Handlung oder Botschaft, oder vermag es auch nur, gut zu unterhalten, sind sie zumeist vergessen. Schauen wir uns zunächst einmal die Handlung an. Um was geht es? Ja, um was geht es eigentlich? Es sind derart viele, zunächst disparate Handlungsstränge vorhanden, dass sich erst recht spät eine Art "Haupthandlung" herausschält. Auch das nicht unbedingt ein Manko, wären die einzelnen Fäden für sich stimmig und dann konsequent zusammengeführt. Hauptprotagonistin, nach der das Buch im Original benannt wurde, ist Purity Tyler, genannt Pip. Pip - da klingelt doch was. Genau, der Autor liebt es, literaturhistorische Verweise zu machen. Hier ist es der dickensche Waisenjunge Pip, später einmal der mephistophelische Charakter aus Goethes Faust. Meiner Meinung nach allesamt eher plump und die Bildung des Autors eitel herauskehrend - aber vielleicht ist da der USamerikanische Leser leichter zu beeindrucken. Pip also. Pip ist die Tochter einer völlig überspannten Milliardärserbin, die in Thoreauscher Manier in einer einsamen Waldhütte haust, während Pip auf dem Schuldenberg ihres Studienkredits sitzt, in einer heruntergekommenen WG in einer besetzten Villa mit reichlich schrägen Typen haust und einen ätzenden, gehassten Callcenterjob ausübt. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt und wer es ist, verheimlicht die Mutter beharrlich. Pip macht sich nun auf die Suche nach ihm, in der Hoffnung, er könnte ihre Schulden übernehmen. Die Suche erfolgt - wie könnte es heute anders sein - übers Internet. Eine Bekannte, die Deutsche Annegret, vermittelt Pip ein Praktikum beim Sunlight Project, einer an Wikileaks angelehnten Whistleblowercommunity in Bolivien, geleitet von dem Deutschen, Ex-DDR-Dissidenten Andreas Wolf. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind da ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Franzen baut zwar auch die realen Figuren Assange, Snowden usw. ein, damit gar nicht der Verdacht aufkommt, er könne einen von ihnen hier fiktionalisieren. Trotzdem bekommt die Sache einen gewissen üblen Beigeschmack. Andreas Wolf ist nämlich der oben erwähnte mephistophelische Charakter. Auch er natürlich aus einer hochgradig dysfunktionalen Familie - Familien oder Beziehungen, die gelingen, scheint es bei Franzen einfach nicht zu geben -, stammend, Sohn eines hohen Parteifunktionärs und einer - upps - völlig überspannten Mutter, zu der er ein Leben lang eine merkwürdige Hassliebe pflegt. Zudem ist er noch mit einem absolut abgedrehten leiblichen Vater gesegnet. Schon zu DDR-Zeiten pflegte er als Jugendbetreuer in der Kirche reichlich sexuelle Kontakte zu Minderjährigen und auch heute treibt er es mit den vielen Praktikantinnen des Sunlight Projects recht ausgiebig. Aber auch die "reine Liebe" gibt es in Andreas Leben. Nämlich die zur 15jährigen, vom Stiefvater, einem Stasibeamten (!) missbrauchten Annegret (!). Und hier laufen die beiden Erzählstränge Andreas in der DDR, der "Republik des schlechten Geschmacks", und Pip in den USA zusammen. Andreas benutzt Pip nämlich für eigene dunkle Machenschaften, die sich um eine alte Schuld (einst ermordete er mit Annegret zusammen deren Stiefvater-Peiniger) drehen. Mal wieder spielt Sex eine Rolle, ferner der Antagonismus Journalismus-Internet, Sex, Vegetarismus, Sex, scheiternde Ehen, Wahrheit, Moral und natürlich Sex. Wer jetzt noch der Meinung ist, das das eine spannende, glaubwürdige Handlung sein könnte, den stört sicher auch nicht, dass nach etlichen haarsträubenden Volten alles wieder zu einer Art - natürlich dysfunktionalen - Familienroman mutiert und Franzen vorher noch so eine verquere These raushaut wie "Ersetzte man Sozialismus durch Netzwerke, hatte man das Internet." Man mag dem Internet oder auch den sozialen Netzwerken noch so kritisch gegenüber stehen, das ist dann doch des Guten zuviel. Zumal Vieles im Roman mit einer deutlicheren Prise Ironie oder Humor hätten durchgehen können. Davon konnte ich aber leider kaum etwas entdecken. Auch die von Franzen sonst so souverän beherrschte Figurenzeichnung ging hier in ermüdendem Überpsychologisieren fast völlig verloren. Wie Schachfiguren werden die Protagonisten hin und her geschoben und bleiben der Leserin gänzlich gleichgültig. Wenn ich nun meine Rezension so lese, staune ich über die drei Sterne, die ich dennoch vergeben habe. Nun ja, der alte Franzen blitzt halt schon immer wieder mal durch und es gelingt ihm tatsächlich auch, diese krude, überbordende Mischung bis zum Schluss zusammenzuhalten. Aber enttäuschte Liebe bringt nun mal besonders auf. Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal wieder mit mir und Jonathan Franzen. Ganz aufgeben mag ich ihn noch nicht.

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    • 10
  • Unschuld - Jonathan Franzen

    Unschuld

    TinaGer

    08. January 2016 um 21:49

    Ein Koloss von einem Werk. Zeitraubend - aber lohnend. Franzen arbeitet die aktuellen Gesellschaftsthemen ab, doch verliert sich dabei teils in seinen Recherchen, die allesamt sauber gearbeitet, aber eben etwas lang geraten sind. Ich mochte "Die Korrekturen" lieber, als Familienroman dichter, überzeugender und energiereicher geraten, als die Geschichte um Pip und der Entdeckung des Lebens und seiner Tücken. Die junge Frau erlebt, was Franzen in all seinen Figuren spiegelt: Schuld und Unschuld liegen nur ein Blinzeln voneinander entfernt. Dass Franzen die aktuellen Diskussionen um Überwachung und staatliche Fernsteuerung nutzt, um diese Gratwanderung aufzuzeigen ist schlüssig und macht Spaß. Endlich ein tiefgreifender Umgang mit Zeitgeschehen, das sonst oft nur als Aufhänger zur Panikmache genutzt wird. Hut ab! Dennoch freue ich mich das nächste Mal wieder über einen familiäreren Stoff mit weniger Relevanz, dafür mehr Herz. Lesetipp für Vielleser mit Geduld und natürlich für alle Franzen-Fans.

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  • Ein überaus würdiger Abschluss der Niveau-Challenge 2015!

    Unschuld

    Insider2199

    24. December 2015 um 02:15

    Ein überaus würdiger Abschluss der Niveau-Challenge 2015! Der 1959 in Western Springs, Illinois geborene und in New York lebende Autor, der in den 80-ern auch einige Zeit in Westberlin lebte, erhielt für seinen Weltbestseller „Die Korrekturen“ 2001 den National Book Award. Schon vorher hat ihn die Zeitschrift The New Yorker unter die "Twenty Writers for the 21st Century" gerechnet. Dieses Werk ist mein erster Roman von ihm. Zum Inhalt: Die junge Pip Tyler lebt in einer WG in San Francisco, hat einen Job, der sie nicht zufrieden stellt, liebt einen verheirateten Mann, muss hohe Studienschulden abzahlen und hat eine nicht einfache Beziehung zu ihrer Mutter, die sich weigert, Pip über ihre Identität aufzuklären. Als sie sich beim „Sunlight Project“ des Whistleblowers Andreas Wolf für ein Praktikum in Bolivien bewirbt, hofft sie, mit dessen Hilfe ihren Vater zu finden. Doch der Deutsche, als Sohn eines hochrangigen DDR-Politfunktionärs in Ost-Berlin geboren, hat andere Pläne mit Pip, die in Wirklichkeit „Purity“ heißt. [„Purity“ zu dt. „Reinheit“ ist übrigens der Originaltitel und wurde für die deutsche Ausgabe mit „Unschuld“ übersetzt. Da „Purity“ im rel. Sinne auch Unschuld bedeuten kann, finde ich den Titel sehr gut gewählt, weil es im Kern für mich doch mehr um Schuld/Unschuld geht als um moralische Unversehrtheit.] Meine Meinung: Zuerst möchte ich erwähnen, dass ich mir im Anschluss an den Roman einige Rezensionen durchgelesen (wie ich das oft nach einer Lektüre tue) und dabei festgestellt habe, dass die Mehrheit der Meinung ist, dieses Werk falle qualitativ im Vergleich zu den Vorgängern des Autors (v.a. natürlich zum Bestseller „Die Korrekturen“) sehr stark ab. Das hat mich natürlich überrascht und macht mich nun noch neugieriger auf andere Romane des Autors, als ich es sowieso schon vorher war, denn wenn ich diesen Roman schon so hoch einschätze, wie viel besser muss ich dann die Bücher finden, die von besagten Lesern hoch gelobt wurden. Es gibt Einiges, was mir an diesem Roman überaus gut gefiel: da wäre im besonderen Maße die meisterhafte Konstruktion des Romans zu nennen, das gekonnte Aufbrechen der Chronologie, die hohe Spannung erzeugt und den Leser auf Entdeckungsreise führt und ein Puzzle-Teil ans andere reiht. Auch gefiel mir besonders die psychologisch komplexe Figurenzeichnung, die lebendige und glaubhafte Charaktere schafft – man mag vielleicht selbst nicht immer so gehandelt haben wie es die Figuren tun, die wie gesagt zum Teil viel Schuld mit sich herumtragen müssen, aber als Leser kann man stets die Motivationen der Figuren nachvollziehen – nicht zuletzt auch durch das tiefe Verständnis und Einblick in deren detailliert geschilderten Background. Sprachlich ist der Roman auf anspruchsvollem Niveau, besticht tw. durch sehr gut formulierte lange Sätze, die mir sehr gefielen – ich bin eher ein Fan von einem gesunden Mix von langen und kurzen Sätzen (mag auch extrem lange Thomas-Mann-Sätze), daher war dieses Buch mal wieder eine erfrischende Abwechslung vom Stil des von mir kürzlich gelesenen Romans („Vorbereitung auf das nächste Leben“ von Atticus Lish), dessen extrem kurze Sätze mir überhaupt nicht zusagten. Auch die Länge des Buches mit über 800 Seiten hat mich überhaupt nicht gestört, denn die Spannung wird bis zum Schluss gehalten, und an keiner Stelle fand ich es zäh oder gar langweilig. Das Gegenteil davon: drei interessante Handlungsstränge, die gekonnt miteinander verwebt wurden. Lesefreude pur! Fazit: Mein erster Roman von Franzen mag vielleicht (laut anderen Meinungen) nicht sein Bester sein, aber ich vergebe SEHR gerne 5 von 5 möglichen Sternen, weil mir dieses Buch sehr viel Lesefreude bereitet hat und mich sowohl gut unterhalten als auch voll überzeugt hat mit einer cleveren Roman-Konstruktion, psychologisch ausgefeilten Charakteren, einem interessanten Plot und anspruchsvoller Sprache. Absolut empfehlenswert! Nun bin ich umso neugieriger auf weitere Werke des Autors (der es bereits mit diesem Buch auf die Liste meiner Lieblingsautoren geschafft hat!), die schon ganz dick auf meiner To-Do-Liste stehen.

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  • Große Verlosung zum Leserpreis 2015: 5 Buchpakete mit je 50 Büchern!

    Ein ganz neues Leben

    Daniliesing

    Lust auf eins von 5 riesigen Buchpaketen zum Leserpreis 2015? Es ist wieder soweit - für den Leserpreis 2015 suchen wir eure Lieblingsbücher. Wir sind schon wahnsinnig gespannt, welche Bücher euch in diesem Jahr am meisten begeistern konnten und können das Ergebnis, das am 26. November feststehen wird, gar nicht erwarten! PS: Die Gewinner stehen mittlerweile fest! Hier könnt ihr alle Preisträger und Platzierungen sehen! Unsere große Verlosung für euch! Jedes Jahr, wenn der Leserpreis näher rückt, dann kommt bei uns eine ganz besondere Stimmung auf. Es ist ein bisschen, als würde Weihnachten einfach mal 2 Monate nach vorn gezogen und würde ganz lange dauern :-) Deshalb möchten wir euch neben den tollen Buchempfehlungen und der Möglichkeit selbst mitzuentscheiden, auch eine ganz besondere Verlosung bieten. Wir werden nach der Bekanntgabe der Leserpreis-Gewinner insgesamt 5 Buchpakete mit jeweils 50 Neuerscheinungen verlosen. Fünf Gewinner dürfen sich also über eine ordentliche Ladung neuen Lesestoff freuen! Und mal ehrlich - davon kann man doch nie genug haben, oder? 1. Um an der Verlosung teilzunehmen, gibt es verschiedene Möglichkeiten - 3 der 5 Buchpakete verlosen wir unter allen Bloggern, die auf ihrem Blog über den Leserpreis berichten und darauf verlinken. Bitte teilt uns den Link zu eurem Blogbeitrag hier mit, indem ihr oben auf den blauen "Jetzt bewerben"-Button klickt und das Formular komplett ausfüllt! http://www.lovelybooks.de/leserpreis/ Grafikmaterial findet ihr hier! 2. Wenn ihr keinen Blog habt, könnt ihr alternativ auf den Social Media Kanälen wie Facebook, Twitter, Google + und ähnlichen auf den Leserpreis hinweisen. Unter allen, die das machen, verlosen wir noch mal 2 Buchpakete mit jeweils 50 Büchern. Wichtig ist hier, dass ihr euren Beitrag öffentlich teilt und ihn uns hier verlinkt. Bitte verlinkt, indem ihr oben auf den blauen "Jetzt bewerben"-Button klickt und das Formular komplett ausfüllt, direkt auf eurer Posting und nicht auf euer gesamtes Profil. Außerdem müssen in eurem Social-Media-Posting unbedingt der Link zum Leserpreis und der Hashtag #Leserpreis enthalten sein. http://www.lovelybooks.de/leserpreis/ 3. Ihr habt weder einen Blog, noch seid ihr auf einem der Social Media Kanäle aktiv? Dann verratet uns, indem ihr oben auf den blauen "Jetzt bewerben"-Button klickt und das Formular komplett ausfüllt, ein Buch, das ihr durch den diesjährigen Leserpreis entdeckt habt und das ihr jetzt unbedingt lesen möchtet. Unter allen, die das machen, verlosen wir noch mal 5 einzelne Bücher, die die jeweiligen Gewinner auf ihren Wunschzetteln haben. Ihr dürft natürlich auch 1 & 2 oder 1, 2 & 3 kombinieren und so eure Chancen steigern :-) Die Teilnahme ist bis einschließlich 29. November möglich! Wir wünschen euch ganz viel Spaß & schaut doch mal rein, welche Bücher in diesem Jahr das Rennen gemacht haben! PS: Die angehängten Bücher sind ein paar Beispiele, was sich im Buchpaket befinden könnte. Wir haben hier aber eine ganz bunte Auswahl und ihr könnt euch dann von einem riesigen Überraschungsbuchpaket begeistern lassen!

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    • 1599
  • Was für eine Geschichte!

    Unschuld

    detlef_knut

    06. November 2015 um 11:03

    Purity, genannt Pip, hadert mit sich und der Welt. Sie ist ohne Vater aufgewachsen. Ihre Mutter weigert sich, ihrer Tochter auch nur den kleinsten Hinweis zu geben. Das führte seit Pips Kindheit zu einem Kleinkrieg  mit der Mutter, der sich in einem ständigen Hin und Her zwischen Hass und Liebe zeigt. Pip arbeitet im Direktmarketing bei einer Firma, die „Lösungen“ anbietet. Schwerpunkte sind Klimawandel, Energieressourcen und andere ökologische Themen. Doch schon bald merkt sie, dass sie mit ihrer telefonischen Akquise die Menschen in Verträge drückt. Das entspricht so gar nicht ihrer eigenen Lebensauffassung. Da lernt sie die Deutsche, Annagret, kennen. Die vermittelt Pip einen Job bei dem als Hacker und Whistleblower bekannten Andreas Wolf. Bevor Pip nach Bolivien, dem geheimen Unterschlupf von Wolfs Unternehmen, reist, startet sie einen letzten Versuch bei ihrer Mutter, etwas über ihren Vater zu erfahren und droht ihr, zu Andreas Wolf zu gehen, der ihr bei der Suche nach dem Vater helfen wird. So weit der erste Teil des Romans „Unschuld“ vom sehr gut deutsch sprechenden Jonathan Franzen. Der zweite Teil liest sich wie ein eigenständiger Roman. Der Leser lernt Andreas Wolf kennen, der in der DDR aufgewachsen ist. Sein Nachname lässt erkennen, dass er zum großen Familienclan der „Wolfs“ gehört. Friedrich Wolf war ein überaus bekannter Schriftsteller, Konrad Wolf ein sehr guter Filmregisseur und dessen Bruder Markus Wolf war Chef der Auslandsspionage bei der Staatssicherheit der DDR. Vor diesem Hinterghrund erhielt die Figur des Whistleblowers und Dissidenten einen Vater, der Mitglied des Zentralkomitees der SED war. In diesem Teil erfährt der Leser auch von der Liebesbeziehung zwischen Annagret und Andreas Wolf, ohne jedoch allzusehr in das Romantische zu verfallen. Im dritten Teil wird von Leila berichtet, die investigativ recherchiert und Pip bei sich aufgenommen hat. Pip arbeitet inzwischen bei der Organisation Andreas Wolfs, spielt in diesem Teil eine eher untergordnete Rolle. Viel spannender sind Leilas Recherchen und die Machenschaften der kriminellen und/ oder politischen Elemente. Obwohl Franzen auch diesen Roman wieder wortgewaltig und unterhaltsam (subtile Ironie lässt er selten vermissen) schreibt, übertrifft er in meinen Augen nicht seinen Roman „Die Korrekturen“. Auch, wenn es erneut um eine Familiensaga geht. Immer wieder stößt man auf langwierige Passagen, die der Lust am Lesen entgegenstehen. Hätte ich nicht schon andere Romane des Schriftstellers und diesen Klappentext, der mir bereits verrät, wohin die Geschichte gehen soll, gelesen, hätte ich wahrscheinlich nach spätestens fünfzig Seiten abgbrochen und mir das darauffolgende Lesevergnügen versagt. Indem ich das nicht tat, wurde ich belohnt mit eines faszinierenden Lebensgeschichte verschiedener Figuren. Denn hier gibt es nicht nur einen Protagonisten, jede der Figuren ist facettenreich und höchst interessant. Erstaunlich fand ich den Abschnitt um Andreas Wolf in der Zeit von den 1960er Jahren bis zur Wendezeit 1989/1990. Sehr gut recherchiert kommt Franzen dem tatsächlichen Geschehen verdammt nahe, was nicht zuletzt an der Unterstützung von Thomas Brussig gelegen haben mag, der ja bekanntlich sehr erfolgreiche „DDR-Romane“ schreibt. Trotz zwischenzeitlicher Überlängen hat mich dieser Roman gefesselt. Wie auch bei seinen anderen Romanen werden die Protagonisten in separaten Teilen vorgestellt. In komplexen Situationen gibt er den Figuren Raum, um sich den Lesern zu präsentieren. Nur selten erfolgen unmittelbare Rückgriffe auf die anderen Teile, was alleine schon wegen der nicht chronologisch verlaufenden Teile schwierig sein dürfte. Erst im Großen und Ganzen werden die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Figuren aufgelöst und sichtbar. Mit jeder Seite, die man liest, fügt sich ein Rädchen ins andere, und man kommt in den Rhythmus der Gesamthandlung. Diese außergewöhnliche Komposition der einzelnen Teile, die jeder in einer andreen Zeit zu spielen scheinen, hat mich stark beeindruckt. Weiterhin beeindruckt hat mich die Genauigkeit, mit der Franzen die Stimmung und Verhältnisse in der DDR wiedergibt. Von der oberflächlichen Arbeitsweise der Amerikaner keine Spur. Außerdem hat mir die leise Ironie gefallen, mit der der Autor beispielsweise die Naivität der Jugend in ihrem Drang nach „etwas bewegen wollen“, oder auch den Aufstieg eines DDR-Bürgers zum Whistleblower, oder das schwierige Verhältnis zweier sich Liebender, beschreibt. Schließlich setzte ich mich am Ende des Romans in meinem Sessel zurück, atmete durch und dachte: Was für eine Geschichte.© Detlef Knut, Düsseldorf 2015

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  • Pip und Andreas und Tom und und und....

    Unschuld

    Girl56

    12. October 2015 um 17:33

    Jonathan Franzen hat mit „Unschuld“ einen weiteren, sehr umfangreichen Roman zur gesellschaftlichen Lage der Welt vorgelegt. Im Unterschied zu seinen vorherigen Werken, verlässt er mit diesem neuen Buch den heimatlichen mittleren Westen der USA und siedelt die Geschichte quer durch sein Heimatland und auch in Übersee an. Von Oakland in Kalifornien, Denver in Arizona, Philadelphia und New York im Osten der USA, bis Bolivien in Südamerika und Berlin (Ost und West), Leipzig und Jena in Deutschland bzw. in der ehemaligen DDR , reichen die Schauplätze seines Buches. Eine seiner Hauptfiguren ist Purity Taylor, die sich selber Pip nennt (der Originaltitel lautet auch „Purity“; der deutsche Verlag wollte nicht „Reinheit“, sondern nannte Franzens Buch „Unschuld“, obwohl besagte „Reinheit“ eine gewichtige Rolle im gesamten Buch spielt). Pip lebte bisher mit ihrer extrem anstrengenden Mutter allein, hat gerade ihre Ausbildung beendet, einen ersten Job angetreten und sitzt auf einem riesigen Berg von Schulden für das Studium. Sie will nun endlich erfahren , wer ihr Vater ist, damit dieser ihr finanziell weiterhelfen kann. Bisher hat ihre Mutter Penelope ihr diesen Menschen verschwiegen, genauso wie Pips wirklichen Geburtstag und ihren wirklichen Namen. Als Pip durch Zufall eine deutsche Aktivistin aus der Hausbesetzer-Szene kennenlernt, die ihr von Andreas Wolf, dem charismatischen Internetaktivisten, vorschwärmt und Pip zu ihm nach Bolivien schicken will, ergreift sie diese Gelegenheit, um über diese Schiene (beste Recherchemöglichkeiten im WorldWideWeb) hinter das Geheimnis ihrer Herkunft zu kommen und den Namen ihres Erzeugers zu finden. Kapitel für Kapitel führt Franzen nun neue Protagonisten seiner Geschichte ein. Galt das erste Kapitel seiner Figur Pip, kommt nun im zweiten Abschnitt Andreas Wolf ins Spiel. Mit ihm reisen wir Leser in die ehemalige DDR und erhalten das Porträt eines privilegiert aufwachsenden Jungen, der voller neurotischer Züge und seltsamer Gedankenwelten ist. Aus ihm wird im Laufe der Geschichte ein zweiter“ Julien Assange“, mit dem Anspruch, der ethisch agierende Whistleblower zu sein. An seinem aktuellen Agitationsort in einem idyllischen Tal in Bolivien treffen Pip und er aufeinander. Im nächsten Kapitel führt Franzen dann die Journalistin Leila und ihren Chef Tom ein. Beide sind Vertreter des klassischen, investigativen Journalismus und halten nicht viel von Leuten wie Assange oder besagtem Andreas Wolf. Danach aber folgen viele, viele Seiten einer Beziehungsgeschichte, die sehr anstrengend zu verfolgen ist. Jonathan Franzen wechselt hierbei auch die Erzählperspektive. Plötzlich haben wir es mit einem Ich-Erzähler zu tun. Diese sehr umfangreiche Geschichte in der Geschichte wird am Ende noch eine wichtige Rolle spielen (man muss also lesend durchhalten!). Im letzten Kapitel des Romans steht dann Pip wieder im Zentrum des Erzählens. Sie ist um einiges klüger geworden und muss viel für sich klären. Franzens neuer Roman ist eine Geschichte menschlicher Beziehungen, hauptsächlich Paarbeziehungen, aber auch Mutter-Kind-Beziehungen, wobei es in diesem Buch keine einzige Beziehung gibt, die auch nur halbwegs“ normal“ daher kommt. Alle menschlichen Abgründe, die möglich sind, werden schonungslos aufgezeigt. Ich hatte gestern Abend das Vergnügen, den Autoren bei einer Lesung zu erleben. Sein Vortrag war durchaus mit Ironie versehen, nur bei meiner eigenen Lektüre zuhause, kam bei mir kaum Lächeln oder Schmunzeln auf, ich habe Mühe gehabt, bis zum Ende des Romans durchzuhalten. Die Charaktere waren mir durchweg unangenehm (bis auf Leila ein wenig und am Ende auch Clelia), und ich war froh, diese über achthundert Seiten bewältigt zu haben.

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