Es hat sich langsam, über Jahrzehnte. Entwickelt. Dass das „Äußere“ mehr und mehr in den Mittelpunkt der persönlichen Entfaltung getreten ist.
Selbstoptimierung, Auftritt, Kleidung und Düfte, die “kleinen“ Accessoires, vom Edel-Handy zur Luxusuhr zu Taschen oder Sneaker für tausende von Euro, für die Gier nach einem persönlichen Stück vom Kuchen des Reichtums, den andere hemmungslos auf allen social Media Kanälen bewerben und/oder hemmungslos zur Schau stellen.
„Fassade ist alles“, könnte man auch wie ein Thema über zumindest einen gewichtigen Teil der Moderne setzen.
Doch das war ja nicht immer so. Und doch reichen die Wurzeln der Sehnsucht und der Überleitung von „inneren Werten“ auf den „äußeren Schein“ lange zurück. Und wo. Könnte diese Entwicklung besser und intensiver betrachtet werden, als im „Schmelztiegel“ New York, in der alle Moden, alles, was gerade angesagt ist, noch einmal schneller und potenziert vor Augen liegt?
Wobei Jonathan Lethem diese gesellschaftliche Strömung noch enger führt. Eine konkrete Straße, die „Dean Street“ in einem konkreten Stadtteil, der als „geerdet“ lange Jahre mit seinen „Brown Houses“ für so etwas wie eine kleinbürgerliche Stabilität gestanden hat.
Eim Viertel, in dem aber ebenfalls immer schon die verschiedensten Persönlichkeiten und Lebensformen aufeinandertrafen.
„Hau ab, du! Jemanden wie dich brauchen wir hier nicht.
Und fünf Minuten später geht er, Brooklyn will nichts mehr mit ihm zu tun haben“.
So kann es gehen. Aber auch anders, wie beim „Der Junge“, 13 Jahre alt, der auf der Dean Street einen Ball wirft. Mit ungeahnten Folgen. Einerseits 9 Wochen kein Taschengeld, andererseits aber mit „Mr. Clean“ (Nomen est Omen) ein ganz besonderes Erlebnis haben wird. Zu dem ihn Mr Clean einlädt. Ein Mann mit Prinzipien einerseits, Schäden müssen bezahlt werden, aber auch mit einem Herz auf dem rechten Fleck, dennoch ein wenig undurchschaubar. Wie nicht wenige Reiche und Arme, Junge und Alte, hart arbeitende Menschen und Hallodries in den 70er Jahren in der Dean Street in Brooklyn.
Eine zeitgeschichtliche Betrachtung anhand konkreter, hervorragend gestalteter Protagonisten, die dann in der raschen, assoziativ wirkenden und in kleine Abschnitte eingeteilte Darstellung Lethems schon während der Lektüre, vor allem aber am Ende, ein lebendiges, hin- und her wogendes Gesamtbild ergeben, in dem die allmähliche Reduzierung des Lebens auf die „Fassaden“ erkennbar seinen Gang genommen hat.
Ein Roman, den Lethem wie einen Gerichtsfall, „Der Fall gegen Brooklyn“ aufbaut und dann in einer Vielzahl von einer Art Zeugenaussagen in Erzählform Schritt für Schritt aufrollt.
Beginnend mit „Jeder wird ausgeraubt“ über „ausgesperrte Erinnerungen“ (wenn sie stören) hin zum, doch auch melancholischem Ende, „Keine Musik“ (mehr).
Eine Atmosphäre, ein vielseitiges Portrait mit Lokalkolorit, dass Lethem aus eigenen Erfahrungen her bildkräftig in Szene zu setzen versteht. Mit anrührenden, verbindenden Seiten der Menschen, aber auch mit der Härte der immer schon grassierenden Kriminalität, die allesamt einen komplexen „Tanz“ auf den Straßen aufführen. Straßen, auf denen jeder zuallererst alleine auf sich zu achten hat, denn Hilfe von außen steht hier kaum vor den Türen.
In einer Art allerdings erzählt, die es Lesern und Leserinnen teils auch schwer machen in den vielen Ansätzen, auch Brüchen, teils zunächst wirr anmutenden Ereignissen um die konkreten eine Zeit benötigen, bis man einen gewissen roten Faden erkennt und mit den vielen Protagonisten einigermaßen vertraut ist.
Die es zunehmend schwerer haben, sich dem starken Drängen nach jedwedem vermeintlichen „Glanz“ zu entziehen um sich einen Rest „guten Lebens“ zu bewahren.
Eine mitnehmende, sprachlich hervorragende Lektüre, die aufzeigt, wohin die Welt seit langer Zeit bereits schneller und schneller drängt.
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