Hier bin ich

von Jonathan Safran Foer 
4,1 Sterne bei49 Bewertungen
Hier bin ich
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Positiv (35):
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Klug, witzig und kurzweilig mit charmanten Charakteren und pointierten Dialogen, wie man sie selten findet.

Kritisch (2):
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Abgebrochen...

Alle 49 Bewertungen lesen

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Inhaltsangabe zu "Hier bin ich"

Nach seinen Bestsellern 'Alles ist erleuchtet' und 'Extrem laut und unglaublich nah' wird Jonathan Safran Foers dritter Roman von der Presse als sein bester gelobt. 'Hier bin ich' ist ein großer amerikanischer Familienroman, der mit emotionaler und intellektueller Wucht vom Auseinanderbrechen einer jüdischen Familie erzählt.

Die Stimmung bei Julia und Jacob Bloch ist angespannt. Der älteste Sohn Sam bemüht sich redlich, von der Schule zu fliegen, Großvater Isaac weigert sich, ins Seniorenheim zu gehen, und der senile Familienhund Argus müsste endlich eingeschläfert werden. Kurz bevor die gesamte Verwandtschaft aus Israel eintrifft, um Sams Bar Mizwa zu feiern, entdeckt Julia auf dem Handy ihres Mannes unzweideutige Nachrichten an eine andere Frau.

Während die Familie Bloch in Washington D.C. auf ein Familiendrama zusteuert, braut sich im Nahen Osten eine Katastrophe mit globalen Folgen zusammen, die Jacob mit der Frage nach seiner jüdischen Identität konfrontiert.

Dem US-amerikanischen Schriftsteller Jonathan Safran Foer ist ein großer Familienroman gelungen, der den innersten Kern einer Familie beleuchtet. Seine unverwechselbare Mischung aus emotionaler und intellektueller Schlagkraft, bringt der Bestsellerautor in 'Hier bin ich' zur Meisterschaft.

Ein cleverer, herrlich komischer Schlagabtausch jagt den nächsten in dieser quirligen jüdischen Familie - fünf ganz eigene Charaktere, die allesamt weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen sind.

Jonathan Safran Foers Romane 'Alles ist erleuchtet' und 'Extrem laut und unglaublich nah' wurden verfilmt und waren große Kritiker- und Publikumserfolge. Auch sein Buch 'Tiere essen' wurde ein Bestsellererfolg. Sein Roman 'Hier bin ich' wird von der deutschen und der US-amerikanischen Presse als sein bisher bester gefeiert.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783596701209
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:688 Seiten
Verlag:FISCHER Taschenbuch
Erscheinungsdatum:23.05.2018
Das aktuelle Hörbuch ist am 10.11.2016 bei Argon erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    Buchtickvor 6 Monaten
    Zum Nachdenken

    Am Anfang hatte ich ziemliche Mühe, rein zu kommen. Vielleicht weil es mein erster Foer war. Das werde ich erst endgültig sagen können, wenn ich einen weiteren Foer gelesen habe - was ich bestimmt tun werde.
    Aber irgendwann - unbestimmbar wann genau - hat er mich gepackt und nicht mehr losgelassen. Das Leben - ungeschminkt - einer Familie - aus jeder Perspektive aller Mitglieder. Schonungslos. Zugleich das Leben, die Vergangenheit und das Schicksal der Juden, ohne dass das Dritte Reich im Vordergrund stünde. Und das ist gut so und macht das Buch umso wertvoller.
    Ich werde das Buch mit Sicherheit noch einmal lesen - irgendwann. Denn es ist ein Buch, das spüre ich ganz deutlich, das immer noch wieder etwas Neues, das man vorher übersehen, nicht wahrgenommen hat, offenbart. Vielleicht bekommt es dann von mir auch die 5 Sterne, statt der 4 (wegen des zähen Anfangs).

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Kein Buch für zwischendurch
    Der Neue Safran Foer

    Ich habe mich riesig gefreut, als ich hörte das Jonathan Safran Foer endlich einen neuen Roman veröffentlicht hat. Ich habe die Vorgänger "Alles ist erleuchtet" und "Extrem laut und unglaublich nah" regelrecht verschlungen, die beiden gehören definitiv zu meine Lieblingsbüchern. Safran Foer schaffte es trotz eher tragischer Geschichten, dem Leser auch ein schmunzeln abzuringen.
    Nun der neue Roman.
    Der ist anderes als die Vorgänger, es gibt nicht die Zweiteilung der Geschichten in Gegenwart und Vergangenheit. Es wird von einem "Alltag" einer Familie erzählt, es passieren allerdings traurige Ereignisse, in dem Zeitraum, in dem uns Safran Foer am Familienleben teil haben lässt. Der Tod des Großvaters / Urgroßvaters, erst später ahnt man die Umstände seines Todes, ausgesprochen wird es Anfangs kaum. Es gibt ein fiktives Erdbeben in Israel, sowie damit verbundene Kämpfe im Nahen Osten. selbst Jacob, der männliche Protagonist überlegt, dem Aufruf des israelischen Premierministers zu folgen und für Israel zu kämpfen.
    Im Mittelpunkt steht allerdings die gescheiterte Ehe zwischen Jacob und Julia und ihre drei Söhne.
    In der Romanbeschreibung steht, sie hätten sich auseinander gelebt. Ich hatte eher das Gefühl, die beiden haben sich gelangweilt und gegenseitig angeödet, so habe ich es beim lesen empfunden.
    Es wird in beide Seelen und Gedanken des Ehepaares geschaut, leider muss ich sagen, dass Julia da für mich gar nicht gut bei weg kommt. Ehrlich gesagt empfand ich sie als sehr anstrengend, ihrem Mann und Söhnen gegenüber.
    Dennoch fiel es mir nicht schwer den Roman zu Ende zu lesen, Safran Foer schreibt weiterhin sehr flüssig und als Leser kann man der Geschichte dadurch gut folgen.
    Ich bin mir nicht sicher ob ich die neue Art zu schreiben von ihm mag und so ganz weiß ich auch noch nicht was ich von diesem Roman halten soll.
    Ich bin dennoch froh, dass ich den neuen Jonathan Safran Foer gelesen habe und es nach langer Wartezeit wieder etwas von ihm zu lesen gab. Hoffentlich dauert es nicht wieder so lange bis zum nächsten Roman.

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    Bookster_HROs avatar
    Bookster_HROvor einem Jahr
    Jonathan Safran Foer | HIER BIN ICH

    VORAB: Als mir vor etwa zehn Jahren durch puren Zufall Jonathan Safran Foers ALLES IST ERLEUCHTET in die Hände fiel, war ich mir nach der Lektüre sicher: Diesen Roman wird so schnell nichts toppen. Ich war wie von den Socken. Und auch heute noch zähle ich Foers Erstling zu meinen All-Time-Top-Five. Wenn ein Schriftsteller in so jungen Jahren (Foer war bei Erscheinen gerade mal fünfundzwanzig) einen solchen Geniestreich raushaut, gekoppelt mit dem Wohlwollen der Kritiker und Leser gleichermaßen, dann hängt die Messlatte für lange Zeit verdammt hoch. Nun sind seit dem letzten Roman einige Jahre ins Land gezogen, Foer meldet sich mit HIER BIN ICH bei seinen begierigen Lesern zurück und die Frage lautet: Hat sich das Warten denn nun gelohnt?

    INHALT: Als Julia Bloch zufällig ein zweites Handy ihres Mannes Jacob findet und darin einen SMS-Dialog deftig sexueller Natur mit einer anderen Frau entdeckt, steht es um die gemeinsame Ehe nicht mehr gut. Jacob und Julia, beide um die vierzig, seit vielen Jahren verheiratet und Eltern dreier Söhne, waren immer so etwas wie das Vorzeigepaar in ihrem Bekanntenkreis, und nun gerät alles ins Wanken.

    Auch ihr ältester Sohn Sam macht sich das Leben schwer. Seine Bar Mizwa steht kurz bevor, zu der ein großer Teil der Verwandtschaft aus Israel nach Washington eingeflogen wurde und bis zu der Urgroßvater Isaac, dem die Lebenskräfte schwinden, unbedingt durchhalten will. Außerdem wollen Jacob und Julia ihre Ehe bis nach der Feier aufrecht halten. Die jüdische Mündigkeitsfeier ist also nicht nur von religiöser, sondern auch von großer familiärer Bedeutung. Doch Sam hat arge Probleme in der Schule, will die Bar Mizwa verweigern und verliert sich mehr und mehr in einem Computerspiel namens Other-Life, in dem er als Samantha ein Parallelleben lebt.

    All diese Probleme schrumpfen plötzlich auf Erbsengröße als ein verheerendes Erdbeben Israel erschüttert, worauf die arabische Welt scheinbar nur gewartet hat. Innerhalb von zwei Wochen liegt das Land in Trümmern und ist mit der halben Welt im Krieg. Als der israelische Premierminister in einer letzten hilferufenden Rede um die Umkehrung der Diaspora bittet (alle Juden im wehrfähigen Alter sollen heimkehren), fasst auch Jacob den Beschluss, in den Krieg zu ziehen. Ein Beweis für die Loyalität zur Heimat? Oder eine Flucht vor seinen Problemen?

    FORM: Jonathan Safran Foer (*1977) zeigt auch in HIER BIN ICH sein ganzes handwerkliches Können. Der Roman ist sehr dialoglastig, was Foer meisterhaft beherrscht. Die Gespräche, ob wörtliche Rede oder per SMS/Chat/Telefon, sind großartig gelungen. (Ein Lob an dieser Stelle auch an den Übersetzer Henning Ahrens.) An manchen Stellen überlagern sich mehrere Handlungsebenen, und auch hier verliert Foer nie die Übersicht und lotst seinen Leser mit ruhiger Hand durch seinen vielschichtigen Plot.

    Etwa auf der Hälfte des Buches gibt es ein Kapitel, eine Art Chronik, in dem anhand von Presseberichten und den Schlagzeilen zweier Wochen die Zerstörung Israels und der Weg in den Krieg und den sicheren Untergang nachvollzogen wird. Mit dieser fiktiven Katastrophe beweist Foer auch seinen politischen Weitblick, eine Seite, die ich von ihm vorher nicht kannte. Nun ist HIER BIN ICH keineswegs ein politischer Roman, zumindest nicht vordergründig, aber mit einem scheuen Blick auf die Levante, die zurzeit mit vorsätzlich gelegten Buschbränden von sich Reden macht, trifft Foer genau ins Schwarze und zeigt einmal mehr, wie empfindlich die Lage dort ist.

    Doch genug des Lobes. Es gibt wirklich nicht viel zu bemängeln, aber eine Sache ging mir doch ziemlich auf den Wecker und das sind die Blochs selbst, jeder einzelne. Die Blochs – Jacob und Julia, die drei Söhne, Jacobs Vater und auch die eingeflogene Sippschaft – alles sind sie furchtbare Nörgler, Besserwisser und Querulanten. Jeder Furz wird bis ins kleinste Detail diskutiert und analysiert. Das fängt auf den ersten Seiten an und zieht sich bis ins letzte Kapitel, was mir manchmal echt den letzten Nerv raubte. Was für anstrengende Menschen! Nun muss man ja nicht immer mit den Protagonisten d´accord gehen, aber wenn die Sympathie vollends fehlt, bleibt der Lesespaß etwas auf der Strecke. Schade!

    FAZIT: Toller Roman, grandioser Plot, super geschrieben, aber mit Abzügen beim Personal – 4 Sterne.

    *** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich über Euren Besuch ***

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    schokoloko29s avatar
    schokoloko29vor einem Jahr
    Kurzmeinung: Eine amerikanische jüdische Familie, die langsam auseinander driftet und nicht mehr zueinander findet.
    Hier bin Ich

    Es geht um eine amrikanische, jüdische Familie, die in Washington DC lebt. Von außen sieht alles toll aus. Julia, die Mutter von drei Kindern und Ehefrau von Jacob, ist Architektin, plant neue Häuser und berät Kunden bei der Inneneinrichtung. Sie ist eine hingebungsvolle Mutter lebt sehr ökologisch und vegan.
    Jacon ist der Vater von drei Kinder (Sam, Max, Benji) und Ehemann von Julia. Er ist eigentlich Autor von Büchern, aber er denkt sich Geschichten für eine Fernsehsendung (Sitcom?? oder so ähnlich) aus. sie entwickeln Rituale für die Familie, z.B. beim Sabbat den Kindern Dinge ins Ohr flüstern, auf die sie stolz sind u.ä.

    Diese wunderschöne, heile Fassade fängt an zu blättern, als Sam eines Vergehens schuldig gesprochen wird, was Sam bestreitet. Er soll im Religionsunterricht auf einem Blatt sexistische und rassistische Wörter geschrieben haben. Der Rabbi wünscht sich, dass Sam sich entschuldigt, sonst kann er seine Bar Mitzwa nicht feiern.

    Doch das Auseinander driften der Eheleute Julia und Jacon steigert sich als es in Israel zu einem Erdbeben kommt. Dieses Erdbeben bricht auch die Fundamente der Ehe zusammen. Alles was vorher Halt gegeben hat, gibt es nicht mehr in dem Zusammennleben und am Ende zieht Jacob aus dem Haus aus und lebt woanders.

    Natürlich sind dies nur die Äußeren Inhaltsangaben. Im Endeffekt geht es um viel mehr. Es geht um die Sprachlosigkeit von schwierigen Problemen. Aus Angst vor Verletzungen und Enttäuschungen. Anders kann ich es mir nicht erklären, da das Ehepaar eigentlich alles ausdiskutieren; auch mit ihren Kindern.

    Dann geht es auch um die Unterschiede zwischen amerikanischen und israelische Juden.

    Die political correctness.

    Wieviel Jüdischsein soll man in den Alltag mitnehmen. Da Jacob eigentlich Atheist ist.

    Der Autor ist ein wunderbarer Beobachter. Er bringt während den Dialogen und den SMS die Feinheiten und die Nuancen gut heraus. Der Autor besitzt einen guten Humor, so dass man als Leser oftmals lachen muss und sich und sein Leben wiedererkennt.

    Die Aspekte, die den Leser herausfordern:
    Es ist anstrengend, da einzelne Personen so überzeichnet sind wie bei einer Slapstick- Komödie (à la Ben Stiller). Die Kinder geben Dialoge von sich, die nicht kindgerecht sind. Sie sind eher eine Figur in diesem Buch, als dass sie "echte" Menschen sind.

    Es ist intensiv und je länger ich das Buch gelesen habe, um so trauriger wurde ich. Da sie sich wirklich trennen werden und alle Beteiligten sich dadurch nicht glücklicher sind.

    Fazit:
    Alles in allem ist es eine wundervolle Leseerfahrung für mich gewesen. Ich musste Pausen machen, um das Gelesene zu verarbeiten. Und am Ende war ich irgendwie traurig, dass es vorbei war. Denn die se Menschen in diesem Buch sind irgendwie Freunde für mich geworden, auch wenn sie anstrengend und nervig waren.

    Ein must- read!!


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    TanyBees avatar
    TanyBeevor einem Jahr
    Kurzmeinung: Nicht einfach zu lesen, aber der Humor, die Tragik, der ganze Stil des Buches hat mich komplett bezaubert, trotz des schwierigen Themas.
    Großartig!

    „Hier bin ich“ lag lange auf meinem Nachttisch und hat mich vorwurfsvoll angeschaut. Erst wollte ich es unbedingt haben, dann hörte ich einige kritische Stimmen und  hatte  irgendwie gar keine Lust mehr darauf. Nun habe ich es endlich gelesen und kann sagen: 1. die Kritikpunkte sind durchaus berechtigt 2. Es ist (für mich) trotzdem ein großartiges Buch! Aber von vorne.

    Der Protagonist  im Buch heißt Jacob, lebt in Amerika und ist Jude. Sein Großvater Isaac ist nach dem zweiten Weltkrieg in die USA gekommen. Jacob ist verheiratet mit Julia, die beiden haben drei Söhne. Als beim ältesten Sohn Sam die Bar Mizwa ansteht, scheint in Jacobs Leben alles aus den Fugen zu geraten: Er hat eine Ehekrise mit Julia, die Bar Mizwa ist in Gefahr, der Hund ist krank, der Großvater soll ins jüdische Altersheim und der Konflikt im nahen Osten wird stärker denn je.

    Jacob ist Jude, und die Familie befolgt auch einige jüdischen Traditionen und Regeln. Und doch stellt er sein „jüdisch-sein“ immer wieder in Frage. Dies ist eines der Hauptthemen im Buch. Und ich muss sagen, dass ich bei diesen Abschnitten ganz schön ins Schwimmen gekommen bin, ich musste viele Wörter nachschlagen.  Foer lässt im Laufe der Handlung den Nahost-Konflikt eskalieren, und auch hier bin ich nicht genug im Thema, um alles zu verstehen. Und trotzdem, obwohl manche Abschnitte mir so fremd waren und  unzugänglich, hat mir das Buch sehr gefallen.

    Warum? Ich würde sagen, der Autor hat es einfach drauf! Vor allem die Schilderung des Familienalltags, der Ehekrise, der Söhne hat mir so gut gefallen. Oft plänkeln die Sätze so vor sich hin, und dann, ganz unerwartet, kommt ein Satz, der einen tief in die Magengrube trifft. Manchmal kam mir alles total wirr vor, der Erzähler springt in der Zeit, es wird von einem Ereignis in der Gegenwart berichtet, mitten im Absatz dann eine Anekdote aus der Vergangenheit eingeflochten, dann wird sogar in die Zukunft gesprungen. Und trotz allem, es fügt sich so wunderbar!  Nein, es ist nicht leicht und einfach zu lesen, aber die Mühe lohnt sich.

    Besonders mochte ich auch Humor. Vor allem bei den Dialogen gibt es immer wieder Stellen, wo man laut lachen könnte. Es kann allerdings gut sein, dass einem zwei Sätze später schon wieder zum Weinen zu Mute ist.

    Trotz des Themas, dass mich eigentlich nicht sonderlich interessiert, hat der Autor es geschafft, mich komplett zu bezaubern. Wenn das mal nicht eine Leistung ist! Dies war mein erster Foer, aber keinesfalls mein letzter.

    Kommentare: 3
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    Buchstabenliebhaberins avatar
    Buchstabenliebhaberinvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an das jüdische Volk, an Wortwitz, Wortspielchen, Zweifel und Tiefgang.
    Das Leben ist keine Generalprobe

    "Ich muss es tun."
    "Für wen?"
    "Für unsere Kinder. Und ihre Kinder."
    "Unsere Kinder haben keine Kinder." (S. 516)

    Ich würde gern jeden Abend 3 Seiten des Dialogs zwischen Julia und Jacob lesen. Diese Dialoge sind so klug und witzig, so tief- und scharfsinnig, so menschlich und rührend und voller Zweifel zur gleichen Zeit. Amüsant und anregend, und mit hohem sich selbst darin wiederfindenden Faktor.

    "Nein", sagte ich, "weil man sich nicht erst selbst verstehen muss, um von anderen verstanden zu werden." (S.589)

     "Hier bin ich", ist Teil eines Begrüßungsrituals von zwei Blochs. Ursprünglich religiösen Ursprungs, macht dieser einfache Satz sich auch hierbei sehr gut. Jonathan Safran Foer entführt seine Leser mitten hinein in die Welt der Blochs, die im Grunde keine besondere, aber ebenso einzigartige Familie wie jede andere ist. Eine Ehe, die am Ende ist, und die Eheleute nicht so genau wissen, warum. Ein Ringen und Zweifeln, ein Nichtsagen und Zuvielsagen, kluge Kinder, merkwürdige Väter, Großväter und Kriege, aktuelle und vergangene.
    Der verhaltene Jacob, der nicht verwegen sein kann. Höchstens mit Worten, anonym am heimlich beschafften Zweithandy, das prompt der Ehefrau, die allerdings auch nicht die Hände in Unschuld wäscht, in dieselben fällt. Doch ist Julia die aktivere Ehehälfte. Die weniger liebende, oder die konsequentere? Das lässt sich nicht beantworten, wie ich finde.

    Ich bin parteiisch, ich habe mit Jacob mitgefiebert und gelitten, diese Figur ist mir unwahrscheinlich ans Herz gewachsen. Das kann er, der Autor, das ging mir schon bei "Alles ist erleuchtet" so. Und auch da überzeugt er schon mit seiner unglaublich brillianten Sprache, die er zwischenzeitlich weiter perfektioniert zu haben scheint.

    Mich irritierte der krasse SMS-Austausch am Anfang des Buches, und später dieser fiktive Krieg. Mir hätte das Buch ohne diese beiden Handlungsstränge besser gefallen, deshalb habe ich einen Stern abgezogen. Ich muss zugegeben, dass ich die Seiten zu den Unruhen quergelesen und später überblättert habe. Wäre das Buch ein Wunschkonzert, hätte ich lieber mehr über das neue Leben des Jacobs zum späteren Zeitpunkt gelesen. Das hätte mich brennend interessiert, der Teil war viel zu kurz.

    Und das Ende, das bricht einem das Herz. In seiner Banalität und gar nicht alltäglichen Alltäglichkeit.

    Und das Buch ist eine Liebeserklärung an das Judentum, auch oder gerade wegen der teilweise nur oberflächlichen Religiosität, seiner so belasteten Vergangenheit, der Traumen und der vielen Toten in jeder Familie. Es geht um Heimat, Familie, Tradition und Verbundenheit.

    Mein Fazit:
    Wer Wortwitz und Wortspielchen liebt, wer um die Faszination und Komplexität menschlicher Kommunikation und Beziehungen weiß, für den ist das Buch ein Muss.

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    The iron butterflys avatar
    The iron butterflyvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Auf 683 Seiten gibt es viel über jüdische Traditionen und diesen Witz mit Brausefaktor, tief verborgene Sehnsüchte und Ängste zu entdecken.
    Keine Wahl ist auch eine Wahl oder "Genieße, was übrig ist."

    Im Hause Bloch türmen sich die Probleme. Sam, der älteste der drei Söhne von Julia und Jacob, muss mit dem Rausschmiss aus der Schule rechnen, da er im Unterricht einen Zettel mit schmutzigen Ausdrücken verfasst haben soll. Julia und Jacob sind hin- und hergerissen, ob sie Sam oder dem Rabbi Glauben schenken sollen. Schließlich steht nicht nur die schulische Karriere und Sams‘ Ruf auf dem Spiel, sondern auch die bevorstehende Bar Mizwa. Die ganze Familie wurde eingeladen und zahlreiche Verwandte werden aus Israel nach Washington D.C. anreisen, nur um mit Sam seinen Übertritt in die Religionsmündigkeit feierlich zu begehen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren und dabei ist deutlich zu spüren, dass Sam all die Zeremonien und Umstände nicht will. Ist sein „Schmierzettel“ ein Querschläger gegen die Pläne von Julia und Jacob?
    Zudem lehnt sich Jacobs Urgroßvater gegen die Verlegung ins Altersheim auf und revoltiert gegen die Bevormunder auf seine Art. Plötzlich müssen sich alle eingestehen, dass sich niemand wirklich verantwortlich für den Urgroßvater fühlt und die unliebsame Aufgabe der Gesellschaft und Pflege von sich weisen will.
    Da ist Argus, der Familienhund mit Hang zur Darmentleerung auf den Teppichen des Hauses Bloch, noch das kleinste Problem…
    denn Julia und Jacob müssen sich eingestehen, dass sie sich über die Jahre voneinander entfernt haben. Als Julia dann auch noch ein Handy mit eindeutiger Sex-Simserei findet, das wohl Jacob gehört, droht das Familiengebilde in sich einzustürzen.

    Mit „Hier bin ich“ greift Jonathan Safran Foer auf beinah grandiose Weise die Frage, die wohl jeden von uns einmal umtreibt auf: Wie groß ist die Kluft zwischen dem Leben, das ich führen wollte und dem Leben, das ich führe?

    Der Ausruf „Hier bin ich“ oder „Hineni“ gilt als mächtigster, verbindlichster Ausspruch in der hebräischen Sprache und deutet auf die vollkommene Verpflichtung, sich einer Aufgabe zu stellen hin. Hier bin ich, mit Leib und Seele! Aber auch Julia, Jacob, Sam und alle anderen erliegen den Versuchungen unserer Zeit und erheben ihren ganz persönlichen Anspruch auf Freiheit. Und schon wird es schwierig der fürsorgliche Vater, liebender Ehemann, mustergültiger Sohn oder der beste Freund zu sein. Jeder will sich und seine tiefsten Wünsche verwirklichen, Traditionen und Aufgaben über den Haufen werfen, für alle und jeden da sein, aber zu den eigenen Bedingungen.

    Auf 683 Seiten gibt es viel über jüdische Traditionen und diesen Witz mit Brausefaktor, tief verborgene Sehnsüchte und Ängste oder gar sich selbst zu entdecken. Foer machte mir die Lektüre wieder einmal leicht, denn er liest sich so schmeichelnd und doch muss man ihn einfach zur Seite legen, um seine beeindruckende Sichtweise, seine zwanglose Sprache manchmal sacken zu lassen. Danke, JSF!

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    Das_Leselebens avatar
    Das_Leselebenvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Toller Roman über eine Familienkrise und einer Weltkrise
    Ein intensives Lesevergnügen

    Ich glaube Mitte Dezember war es, als ich erfuhr, das Jonathan Safran Foren in Berlin eine Lesung halten wird. Motiviert dadurch las ich erst sein früheres Werk ‚Extrem laut und unglaublich nah‘. Zudem Roman existiert bereits eine Rezension. Als ich dieses tolle Buch beendet hatte, begann ich im nächsten Moment ‚Hier bin ich‘. 
Die Lesung im großen Sendesaal von Radioeins rundete das gesamte Lesevergnügen ab. Auch wenn es mir den Tag nicht so gut ging, wie ich es mir gewünscht hätte. Dadurch wird es auch keinen extra Blogeintrag geben. 
Eins kann ich sagen, es war beeindruckend wie viel Menschen zu dieser Lesung gewandert sind. Der sehr witzige und doch sehr schüchtern Nathan Safran Foer war sichtlich überfordert mit diesen vielen Menschen, die wegen ihm gekommen waren.
Kommen wir erst einmal zu den Eckdaten: Der Roman ist im November 2016 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und hat 688 Seiten in der gebundenen Ausgabe.

    Inhalt:
    
Vier Wochen die das Leben Jacob Bloch und seiner Familie völlig verändern. Er und seine Frau wollen sich scheiden lassen, aber wie soll man dies anstellen, ohne das die Kinder darunter leiden vor allem dann, wenn die Bar Mitzwa des Ältesten kurz bevor steht und die gesamte Verwandtschaft aus Israel anreist. In dem Moment als die lieben Verwandten landen bricht in Israel und seinen Nachbarstaaten ein schweres Erdbeben aus. Die Frage nach dem Wer bin ich und wo gehöre ich hin, stellt sich für alle beteiligten noch einmal ganz neu.

    Meine Meinung:

    Wer einen Roman von Jonathan Safran Foer liest der muss mit sehr eigenen Charakteren rechnen, die sehr gut und feinfühlig ausgearbeitet wurden. Dieser Roman besticht mit seinen drei Protagonisten Jacob und Julia Bloch, sowie deren Sohn Sam. Die Kapitel werden aus unterschiedlichen Sichten der Drei erzählt. Als Leser lernt man so sehr gut nicht nur die Innensicht der jeweiligen Figur kennen, sondern auch wie die Beziehung zu den anderen Familienmitgliedern. Jacob hat zum Beispiel eine sehr unterkühlte Beziehung zu seinem Vater, fürchtet sich ein wenig vor seiner Frau Julia und seinem Sohn Sam gegenüber möchte er der coole, lockere Dad sein, nur wer ist er für sich selbst das muss er noch herausfinden. Diese Zerrissenheit macht Foer noch einmal an dem Bibelbild der Opferung Isaaks deutlich.
Für Alle die damit gar nichts anfangen können, hier noch einmal in aller Kürze: Abraham wird von Gott angewiesen seinen Sohn Isaak zu opfern. Als Abraham Gott Ansicht sagt dieser ‚Hier bin Ich‘. Als Issak bemerkt das etwas ganz und gar nicht stimmt, spricht er seinen Vater Abraham an und auch dieser antworten ‚Hier bin ich‘.(Mos. 1,22) 
Der Wunsch voll und ganz für Alles, Jeden und sich dazu sein zieht sich durch das gesamte Buch. Daraus entstehen nur allzu oft Situationen, die unseren heutigen Normen und Werte sehr gut wieder spiegeln. 
Die Dialoge die sich entspinnen sind sehr oft sehr witzig, gleichzeitig tiefsinnig und regen zum Nachdenken an. Einige dieser Dialoge könnten auch so bei meiner Familie am Esstisch geführt werden.
Ich mag es, wenn dem Leser ein Mikrokosmos präsentiert wird, der dann noch mal in einzelne Facetten und Stimmungen aufgeschlüsselt wird. In aufschlüsseln und Atmosphäre schaffen ist Jonathan Safran Foer ein wahrer Meister. Dazu muss man wissen der Roman ist in acht Teile unterteilt. Und auch wenn man in dem einen oder anderen Teil denkt, was soll das jetzt, warum erzählt mir das der Autor? So merkt man doch am Ende jedes Teils, momentmal ich habe mich grade genau so gefühlt wie die Figuren in der jeweiligen Handlung. So gibt es eine Situation in der Jacob zum Warten verdammt ist und wirklich nicht viel geschieht. Ich dachte jetzt wird es aber doch etwas langwierig. Am Ende dieses Kapitels merkte ich, das diese Stimmung wohl vom Autor so gewollt war. Dieses Erlebnis hatte ich fasst immer. 
Dabei ist der Schreibstil sehr einfach zu lesen, dabei aber nicht blöd sondern eher gehoben, mit vielen großen und kleinen Anspielungen, auf das Judentum, Israel, Politik und die schöne neue Welt. Dieser Facettenreichtum hat den Roman zu einem besonders intensiven Lesegenuss gemacht, von dem es mir bis jetzt schwerfällt mich zu verabschieden.

‚Hier bin Ich‘ ist sicherlich nicht für jeden Leser die richtige Wahl, aber wer großartige Dialoge, ein intensives Leseerlebnis und großartige Figuren mag, mit denen der Leser einen Spiegel vorbehalten bekommt, der wird das Buch lieben.

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    Buecherschmauss avatar
    Buecherschmausvor 2 Jahren
    Hier bin ich!

    „Hier bin ich“ heißt der neue Roman, den Jonathan Safran Foer nach langer Pause veröffentlicht hat. Sein bisher dritter.

    „Hier bin ich“. So antworten die Stammväter in der Bibel, nachdem Gott sie gerufen hat. Sie sind ganz für ihn da. Ohne Vorbehalte, ohne Bedingungen. Sei es Abraham, der seinen Sohn Issak als Brandopfer darbringen soll, sei es Moses vor dem brennenden Dornbusch.

    „Hier bin ich“ – diese Zusage zu bedingungsloser Solidarität seiner Eltern wünscht sich der 13 jährige Sam, als ihm wegen rassistischer und unflätiger Schmierereien droht, von der bevorstehenden Bar Mizwa, jener großen jüdischen Tradition an der Schwelle zum Erwachsensein, ausgeschlossen zu werden. Für seine Eltern eine mittlere Katastrophe, nicht nur weil schon alle Vorbereitungen inklusive der Anreise der israelischen Verwandtschaft abgeschlossen sind. Nein, obwohl nicht sonderlich religiös, hängt ihr jüdisches Selbstverständnis doch sehr an solchen Traditionen.

    Womit eines der zentralen Themen des Romans angesprochen ist: das jüdische Selbstverständnis, zumal in der säkularen Umgebung Washington DCs. Es ist ein immer wiederkehrendes Thema jüdischer, zumal US amerikanisch-jüdischer Autoren. Wie umgehen mit dem oft schweren Erbe, den unzähligen Opfern, der Sprachlosigkeit der Überlebenden, den Anfeindungen in der Gegenwart. Woran diese spezielle jüdische Identität festmachen, wen der Glaube bröckelt: an der Kultur, einer speziellen Erziehung, an der Positionierung gegenüber dem Staat Israel oder so etwas lapidarem wie dem jüdischen Humor? Ein Thema, das auch in diesem Text immer wieder durchdringt, besonders als im weiteren Verlauf ein schweres Erdbeben die Nahost-Region heimsucht, viele Todesopfer fordert, aber vor allem auch sämtliche Infrastruktur zerstört. Israel, Palästina, Syrien, Jordanien sind betroffen, bald brechen Seuchen aus und die feindlichen arabischen Staaten nutzen die „Gunst der Stunde“ um Israel den Krieg zu erklären. Eine wahrhaft gigantische Katastrophe, die die der bedrohten Bar Mizwa natürlich komplett in den Schatten stellt. Werden doch alle wehrfähigen Männer der Diaspora aufgerufen, zur Verteidigung der Heimat anzutreten. Ein Aufruf, dem auch Jakob, Sams Vater zusammen mit dem israelischen Cousin, der gerade auf Besuch ist, beinahe gefolgt wäre. Beinahe! Denn diese ferne Katastrophe bleibt irgendwie in weiter Ferne im Text. Ihr weiterer Verlauf wird eher lapidar und wie nebenher berichtet. Dient vielleicht nur der Kontrastierung zu den eigentlich kleinen, für ihn aber doch so existentiellen Sorgen des Jakob Bloch.

    "Alle glücklichen Morgen gleichen einander, wie auch alle unglücklichen Morgen., und dass sie so furchtbar unglücklich sind, hat folgende Ursache: Das Gefühl, dass man ein solches Unglück schon einmal erlebt hat, dass alle Bemühungen, ihm vorzubeugen, das Gegenteil bewirken oder die Sache sogar noch verschlimmern, dass sich das Universum aus irgendeinem rätselhaften, überflüssigen, unfairen Grund gegen die harmlose Abfolge von Kleidern, Frühstück, Zähnen und nervigen Haarwirbeln, Rucksäcken, Schuhen, Jacken und Abschieden verschworen hat."


    Zunächst plagt dieser sich aber weniger um den Skandal in der Synagoge – er glaubt seinem Sohn, dass er unschuldig ist, leistet Schadensbegrenzung -, sondern mehr um seine Ehe mit Julia. Diese ist in die Jahre gekommen, drei Kinder wurden großgezogen, nicht nur die Leidenschaft, sondern auch Nähe, Gemeinsamkeiten und Gesprächsstoff abhandengekommen. Es ist dieser nicht zwangsläufige, aber doch so häufig eintretende Fall, unzureichend als Midlife Crisis beschrieben. Dass Foers Protagonisten noch nie davon gehört haben, darf ausgeschlossen werden. Und doch ist es für sie die große Katastrophe, verschärft dadurch, dass Ehefrau Julia ein Handy ihres Mannes mit einem heftigen Sex-SMS-Verkehr mit einer Kollegin findet. Julia will die Trennung, Jakob hofft auf Aufschub.

    "Der Anschein von Glück. Könnten sie diesen Anschein aufrecht erhalten - nicht gegenüber Außenstehenden, sondern gegenüber sich selbst - dann käme er echtem Glück vielleicht so nahe, dass alles funktionierte."
    Aber auch Jakobs Großvater Isaac sieht einer persönlichen Tragödie entgegen.

    „Zu Beginn der Zerstörung Israels überlegte Isaac Bloch, ob er sich umbringen oder ins jüdische Seniorenheim gehen sollte.“

    So genial und kraftvoll lauter der erste Satz des fast 700 Seiten starken Romans.

    Auch hier vermisst zumindest Sam das „Hier bin ich“ seiner Familie, das Einstehen auch für familiäre Verantwortung gegenüber dem – quasi – Stammvater der Familie, der nur knapp den deutschen Vernichtungslagern entronnen, versteckt im Wald, in einem Erdloch die Befreiung erlebte und in Amerika ein neues Leben begann. Nun soll er, zu „seinem eigenen Besten“ natürlich, sein Leben im Altersheim beenden. Jakob plagen zwar Gewissensbisse, aber er ist zu sehr mit der eigenen Identitätsfindung beschäftigt, als für seinen Großvater einzustehen. „Hier bin ich“ kann nur jemand sagen, der weiß, wer dieses „Ich“ überhaupt ist.

    „Er war ein Vater für seine Söhne, ein Sohn für seinen Vater, ein Ehemann für seine Frau, ein Freund für seine Freunde, aber wer war er für sich selbst?“


    So elaborieren alle Mitglieder dieser Familie Bloch an ihren eigenen großen und kleinen Katastrophen. Erwähnt sei noch Jakobs Vater Irving, Zionist und scharfzüngiger Betreiben eines vielgeschmähten politischen Blogs. Sie alle reden, quasseln, diskutieren, streiten miteinander, durcheinander, aneinander vorbei – der Roman ist sehr dialoglastig. Das ist überwiegend sehr geistreich und witzig, gelegentlich auch anstrengend und ein wenig unglaubwürdig. Besonders die drei Söhne erscheinen wenig altersgemäß zu denken und zu sprechen. Entweder man nimmt das so hin, oder man schlägt auf alle Alter ca. fünf Jahre drauf – dann stimmt es wieder.

    Gelegentliche Längen sind bei derart umfangreichen Werken selten zu vermeiden. Insgesamt gelingt es Jonathan Safran Foer aber ausgesprochen gut, diese (nicht nur jüdische) Identitätssuche in unserem Zeitalter der ständigen Überforderung, dieses fast biblische Ringen um den Platz im Leben und in der Gesellschaft und nicht zuletzt in der Familie und einer Partnerschaft genauso authentisch darzustellen wie das Leben in der Familie und den Zerfall einer Ehe. Wie die einst Jakob vom Krankenhaus mitgegebenen "Zehn Gebote zur Fürsorge für ein Neugeborenes".

    "Doch das zehnte Gebot erschütterte Jakob. Du sollst nicht vergessen: Es wird nicht von Dauer sein."


    Er erzählt dabei eher konventionell, mit gelegentlichen Vorgriffen, nur wenigen formalen Experimenten. Dabei besitzt der Roman, obwohl eigentlich recht wenig passiert in diesen wenigen geschilderten Wochen, doch viel Rasanz, was vor allem den Dialogen geschuldet ist, viel Witz und auch eine ganze Portion Weisheit. Foer schreckt dabei auch von dem einen oder anderen, fast wie Sinnsprüche anmutenden Satz nicht zurück. Mir hat das sehr gefallen. Ich war berührt von der tiefen Traurigkeit des Buches, aber auch von der Hoffnung, die in ihm steckt.

    "Zwischen zwei Geschöpfen, egal welcher Art, liegt eine unüberbrückbare, jeweils einzigartige Kluft, eine Freistatt, die andere nicht betreten können. Sie kann die Gestalt des Alleinseins annehmen. Sie kann die Gestalt der Liebe annehmen."


    Es ist sicher kein perfektes Buch, vielleicht noch nicht einmal ein sehr gutes, vielleicht steckt ein wenig zu viel eigene Ehe- und Scheidungsgeschichte Foers mit drin, aber es ist trotzdem ein großartiges Buch. Denn es macht etwas mit dem Leser, der es sicher nicht unbeteiligt zu schlägt. Und wenn es auch nur ein klein wenig gerüttelt hat, an unserem eigenen Denken und Fühlen, uns die Welt wieder ein winzig kleines Stück anders sehen lässt, dann hat es das getan, was großartige Literatur tun soll, auch mit kleinen Schwächen.

    Kommentare: 1
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    ralluss avatar
    rallusvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Vielschichtiger, rasanter Roman über unsere alttäglichen Kommunikationsprobleme
    Abrahams Erben

    „Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde“

    Bibel 1.Mose Kapitel 22

    „Abraham sagt nicht ‚Was willst Du?‘ Er sagt nicht ‚Ja?‘ Stattdessen antwortet er mit einer Feststellung ‚Hier bin ich.‘ Was auch immer Gott will oder braucht, Abraham ist ganz für ihn da, ohne Vorbehalte, Bedingungen, Einschränkungen oder das Bedürfnis nach Erklärungen.“

    Genau dieses uneingeschränkte Hier-sein vermisst Sam. In seinem Leben, in seiner Familie. Sam ist der älteste Sohn von Jacob und Julia und bereitet sich auf seine Bar Mitzwa vor. Jacob und Julia sind seit zwanzig Jahren verheiratet, haben drei Söhne und sind Anfang vierzig. In Ihrer Ehe verstehen sie sich zwar blendend, doch ist ihr Liebesleben zerrüttet und es wird heikel, als Julia ein Geheimhandy von Jacob findet, auf dem sie eine pikante Konversation von Jacob mit einer Unbekannten lesen kann. Für die Bar Mitzwa reist auch die jüdische Verwandtschaft aus Israel nach Amerika. Gerade in Amerika angekommen erschüttert eine Naturkatastrophe den Nahen Osten, die den Fortbestand Israels in Frage stellt.

    Doch zuerst geht es um Jacob und Julia. Sehr einfühlsam beschreibt Foer die Nähe der Ehepartner aus der Sicht von Jacob. Die Nähe, das Kennenlernen und das allmähliche Erlahmen der sexuellen Spannung, das Aufreiben im Alltag:

    „So viele Tage, ihres gemeinsamen Lebens. So viele Erfahrungen. Wie hatten sie es geschafft, sich die letzten sechzehn Jahre hindurch voneinander zu entfremden? Wie hatte aus all der Anwesenheit Abwesenheit werden können?“

    Jacob und Julia verstehen sich immer noch gut. Sie haben eine Art der Konversation gefunden, bei der mich Foer anfangs wirklich gefordert hat beim Lesen. Sehr rasant und immer um zwei Ecken weiter. Sehr vertraut, sehr nahe, aber im Grunde doch Lichtjahre entfernt. Sex findet nicht mehr statt, die Kindererziehung ist im Good Cop, Bad Cop erstarrt. In Erinnerung an ihre Hochzeit bringt es Julia auf den Punkt, können solche Gemeinsamkeiten, solch eine Nähe erhalten bleiben? Die Tradition, eine Glühbirne bei der Trauung zu zertreten, wird zur Allegorie der Ehe:

    „Also manche Leute meinen, er solle uns an all die Zerstörungen erinnern, die die Voraussetzung unserer größten Glücksmomente sind. Manche Leute halten es für ein Gebet: Lass uns glücklich sein, bis sich die Scherben der Glühbirne wieder zusammengesetzt haben. Manche halten es für ein Symbol der Zerbrechlichkeit. Aber die naheliegendste Interpretation habe ich nie gehört: So sind wir. Wir sind brüchige Individuen, die in einer brüchigen Welt eine brüchige Verbindung eingehen.“

    Auch der offensichtliche Ehebruch, der zu Tage tritt, als Julia das Handy mit der sexuellen Konversation findet, dient nicht zum Dampf ablassen, es bleibt gesittet, Teller werden nicht geworfen, es ist nur ein weiterer logischer Schritt zum Abgrund. In weiteren Kapiteln kommen die Kinder zu Wort. Sam als Ältester hadert mit seiner nicht gewollten Bar Mitzwa, Max, der Mittlere, weiß nicht, wohin er sich wenden soll, zum Älteren oder zu Benji, dem Jüngeren, der schon sehr altklug wirkt und der Situation und seinen Eltern durch seinen kindlichen Blick eine andere Sichtweise vermittelt.

    Eingebunden ist dieser Mikrokosmos in Washington D. C., in die große Welt, die aber bei näherer Betrachtung auch nicht anders abläuft als der Ehealltag. Da ist der Großvater von Jacob, der ins Altersheim soll, aber nicht will und dann kurz vorher stirbt. Die Verwandten aus Israel reisen an. Auch hier war Nähe da, ist aber wieder verschwunden. Bei der wirklich wunderschönen Grabrede des Rabbiners bringt es dieser auf den Punkt.

    „Jemandem nahe zu sein, ist leicht, jemandem nahe zu bleiben aber fast unmöglich. […] Nähe kann man nur auf eine Weise erhalten; indem man festhält, was einem nahe sein soll. Damit kämpft. Es zu Boden ringt wie Jakob den Engel und sich weigert, loszulassen. Liebe ist nicht die Abwesenheit von Ringen. Liebe ist Ringen.“

    Foer lässt den Nahen Osten noch sein Armageddon erleben, doch im Grunde ringen hier seine Hauptfiguren um Nähe um das Beieinandersein. Interessantes erfahren wir noch über jüdische und amerikanische Juden. Der verzweifelte Versuch, die Welt zu verstehen, wird nur noch überschattet von dem Versuch, den Anderen zu verstehen. Doch im Endeffekt heißt es ‚Hier bin ich – und kann nicht anders‘ wie Thursdaynext in Ihrem wunderschönen Beitrag schrieb. Dieses Verständnis ist im Grunde der Schlüssel:

    „Wir ziehen nicht weg.
    Dachte ich mir schon.
    Wir hatten es vor. Rivka war fast so weit. Aber jetzt ist die Sache vom Tisch.
    Was hat sich verändert?
    Alles. Nichts.
    Verstehe.
    Wir sind nun mal, wer wir sind. Dieses Eingeständnis stellt die Veränderung dar.
    Daran arbeite ich auch.“

    Jonathan Safran Foer hat einen großen, unterhaltsamen, rasanten und sehr jüdischen Roman geschrieben. Der Leser wird wechselseitig im Mikro- und Makrokosmos hin- und her geschüttelt und muss aufpassen, den Faden nicht zu verlieren. Foer packt so viele Themen in sein Buch, dass es fast platzt. Teilweise konnte ich mich nicht mehr losreißen von diesem Buch, so manches Mal musste ich niederknien vor Foer, manches Mal hat mich die bis in die Spitze geschilderte Unentschlossenheit und Diskussionsbereitschaft in den Wahnsinn getrieben. Ein großartiger Roman mit klarer Leseempfehlung.

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