Ich glaube, wenn man Borges richtig liest, dann kann man ihn nur gleichzeitig lieben und hassen, ihn einerseits verehren und bewundern und auf der anderen Seite zur Hölle wünschen. Was er geschrieben hat, giert geradezu danach, dass man seiner Genialität huldigt, gleichzeitig erschüttert er einen in den Grundfesten der eigenen Lesegewohnheiten.
Dass Borges eine literarische Revolution auslöste, wie es auf dem Klappentext heißt, kann man sich sehr gut vorstellen. Mich amüsiert auch wahnsinnig, was er im Vorwort schreibt: Es sei »mühseliger und strapazierender Unsinn«, 500-Seiten-Bücher zu schreiben, wenn man den Kerngedanken in einem Gespräch innerhalb von wenigen Minuten ausdrücken könne. Besser wäre es, »so zu tun, als gäbe es diese Bücher bereits und ein Résumé vorzulegen«. Diese Überzeugung lebt er definitiv aus!
Ich denke, für manche seiner Geschichten hat er über zehn solcher 500-Seiten-Bücher erfunden, um sie zu stützen oder voranzutreiben. Und das funktioniert einfach wunderbar. Man merkt oft nicht, dass man in einer Erzählung steckt, bis fast zum letzten Absatz. Bis dahin wirkt alles nur wie trockene Theorie.
Er benutzt den Leser dabei als aktiven Teil seiner Geschichten. Er erzählt auf eine Art und Weise, dass man nur folgen kann, wenn man aufmerksam liest, darüber nachdenkt und sich darauf einlässt. Manche Erzählungen sind zugänglicher als andere, aber insgesamt folgen sie alle einem gewissen Muster. Dabei hat mir auch gefallen, dass es keine Aneinanderreihung verschiedener Erzählungen ist, wie man meinen könnte, sondern dass diese Erzählungen zusammengehören, denn oft tauchen Elemente aus einer früheren später wieder auf.
Der Titel Fiktionen ist auch sehr passend, denn irgendwie startet Borges immer in einem sehr realen, nüchternen Bereich und endet dann irgendwo in einer fantastischen Fiktion.
Ich bin eigentlich auf Borges gestoßen, weil einige meiner Lieblingsbücher deutlich darauf hinweisen, dass ihre Autoren Borges gelesen haben. Und ich wollte diesem Ursprung einmal auf den Grund gehen. Das fand ich wirklich sehr interessant und ich werde definitiv noch mehr von ihm lesen.
4,5 Sterne





















