Joris Luyendijk

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Rezension zu "Unter Bankern" von Joris Luyendijk

Informativ, unterhaltsam und unglaublich
Wassollichlesenvor 3 Jahren



Nach der Finanzkrise 2008 blieben vor allem Fragen wie "Wie konnte es soweit kommen?" oder "Wieso gibt es Boni-Zahlungen in Millionenhöhe, obwohl der Steuerzahler die Bank gerettet hat?" oder "Was sind das eigentlich für Typen, diese Yuppies?" in den Köpfen der meisten von uns zurück.Joris Luyendijk macht sich in seinem Werk auf, besonders die letzte meiner Fragen zu beantworten und begibt sich auf eine Forschungsreise, ganz der Ethnologe, was diese Spezies "Banker" ausmacht. Hierzu begibt er sich in das europäische Zentrum der finanziellen Macht: nach London, in die "City".Er trifft sich zwischen Sommer 2011 und Herbst 2013 mit ca. 200 Insidern aus dem Bankenbusiness, natürlich alle anonym, und stellt die Interviews auf seinem Blog online. Luyendijk arbeitet als Journalist für den Guardian. 200 Insider?? Wow, das klingt nach verdammt vielen Interviews und vielen verschiedenen Typen. Aber 200 Banker sind in London weniger als 0,1 % der Banker in der "City". Nichtsdestotrotz hat es Luyendijk geschafft, die Spezies in verschiedene Arten von Bankern zu unterteilen.Er macht beispielsweise "Masters of the Universe" aus (danke Tom Wolfe) oder "Die Abgebrühten", "Die Neutralen", "Die Zähneknirscher" oder "Die Seifenblasenbanker". All diesen verschiedenen Typologien werden ganz eigene Persönlichkeitsmerkmale zugeordnet. "Geltungssucht" ist hierbei mehr ein Thema, als die reine Gier. 
""Solange die Musik spielt, wird getanzt.""
Aber der Ethnologe Luyendijk bringt auf seiner zweijährigen Expedition noch mehr interessante Dinge ans Licht. Zum Beispiel über die Lebens- bzw. Arbeitsbedingungen des gemeinen Bankers in der City:Kündigungsschutz?? Kündigungs what?? So etwas gibt es nicht. Von einen Tag auf den anderen kann alles vorbei sein. Und alle wissen es. Führt zu Motivation und Arbeiten bis zum Umfallen. Freizeit und Familie?? Wird überbewertet. 20 Stunden Schichten und Bereitschaftsdienste?? Klingt irgendwie nach Krankenhaus. Klingt so, als würden Magengeschwüre und dieses Burnout auf der Tagesordnung stehen. Aber hey, Banker sein ist halt nichts für Weicheier. Führt aber auch dazu, dass alle Banker furchtbar abstumpfen und mehr an Söldner erinnern, denen es egal ist, wer sie bezahlt. Apropos bezahlen: London ist eine teure Stadt, no doubt about that, aber kommt schon.. womit sind diese unfassbaren Gehälter und vor allem unfassbaren Bonuszahlungen gerechtfertigt?? Naja, einem geschenkten Gaul usw.. Dass Geld an Bedeutung verliert, steht außer Frage. Ebenso, dass die Gewinne, die der einzelne Banker erzielt, gewissen Risiken und moralischen Konflikten gegenüberstehen könnte.Das Buch zeigt aber auch an einigen (wenigen) Beispielen, was der Beruf aus den Menschen, die ihn jahrelang ausgeübt haben, gemacht hat und wie sie "den Absprung" geschafft haben.
""Banker sind extrem klug, aber das begreifen sie nicht. Ihr ganzes Leben sitzen sie im Büro, obwohl Zeit das einzig Wertvolle ist. Mehr Geld verdienen kann man immer, aber mehr Zeit bekommst du nicht.""
Das klingt alles ein bisschen übertrieben?? Das ist genau das, was die anonymen Banker und Insider Joris Luyendijk erzählt haben. Luyendijk macht aus diesen Interviews und Gesprächen eine unterhaltsame Dokumentation, über das Leben als Banker und versucht gleichzeitig zu ergründen, ob eine Finanzkrise wie 2008 jederzeit wieder stattfinden kann, wie man eine solche Krise verhindern könnte und was dafür getan wird.
Fazit
Was Luyendijk auf seiner Exkursion in das Reich der Banker alles erlebt ist schier unglaublich. Viele Klischees aus diversen Büchern und Filmen scheinen sich zu bewahrheiten. Aber es gilt wie immer: man kann nicht alle Personen über einen Kamm scheren. Informativ und unterhaltsam!!

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Rezension zu "Unter Bankern" von Joris Luyendijk

Sehr verständlicher Einblick
michael_lehmann-papevor 3 Jahren

Sehr verständlicher Einblick

Was tun, wenn man als Journalist natürlich mitbekommt (wie der ganze Rest der Welt), dass das Finanzsystem in der Lage wäre, die komplette ZHivilisation aus den Angeln zu heben und eine Art Super GAU herbeizuführen, der 2008 nur gerade so zumindest „offiziell“ vermieden worden konnte.

Was ist das für ein System, wer arbeitet auf dem „Planeten Finanzen“, warum sagen so viele der Interviewpartner im Buch, dass sie nun wirklich nichts mit dem Zusammenbruch der Lehmann-Bank zu tun gehabt haben können und warum klingt das sogar (bis zu einem gewissen Punkt im Buch“, so glaubhaft?

„Die Verantwortlichen sitzen überall, aber die überwältigende Mehrheit der Finanzwelt hatte tatsächlich nichts mit den Ursachen der Krise zu tun“.

Front Office, Middle-Office, Backoffice, das sind internen Strukturen auf dem „Planeten Finanz“, der durch die „Kontinente“ Versicherer, Vermögensverwalter und Banken regiert wird und zudem von „vielfältigen Inselgruppen“ gesäumt wird.

Wie nun Luyendijk das alles ins ehr verständlichen Worten und oft sehr eingängig bildkräftig vor Augen führt, den Weg zu seinem Buch und die erst zaghafte, dann größer werdende Bereitschaft zum Gespräch mit ihm erläutert. Wie er zudem die einzelne typische Vertreter der Geschäfts- und Funktionsbereiche immer auch als corporate identity differenziert dem Leser nahe bringt, das ist sehr interessant und, vor allem anderen, überaus verständlich zu lesen.

Wobei Luyendijk verdeutlicht, dass es kaum, wenig, eigentlich gar keinen Grund für irgendeine Beruhigung gibt. Schon allein die Arbeitsbedingungen, der Kündigungsschutz („Zero“), der Umgangston und der Tunnelblick, der nicht bei allen, doch aber bei der Mehrheit der in der „City“ arbeitenden Banker ausgeprägt scheint, führt zu dem Schluss, dass die Lockerung bis hin zur Aufhebung ehemaliger Regulationssysteme eine Meute von der Leine gelassen hat, die seitdem nicht mehr eingefangen, oft noch nicht einmal mehr „gesichtet“ werden kann.

Akribisch und überzeugend arbeitet Luyendijk dabei heraus, dass das Kernproblem der Zeit die „Risikoträgerschaft“ ist.

Durch die, in früheren Zeiten gängige, Verbindung zwischen Geldgeber und Risikoträgerschaft war ein „vernünftiges Wirtschaften“ aufgrund der persönlichen Haftung quasi systemisch vorgegeben, durch den Zustand nun (hohe Risikobereitschaft auf der einen Seite und nach außen verlegte Risikoträgerschaft bei Aktionären und Steuerzahlern statt Haftung der Partner) sind Rahmungen kaum mehr zu erkennen und ein Verhalten möglich, für das man selber nicht zur Rechenschaft gezogen wird in den meisten Fällen.

„Russisches Roulette mit den Köpfen anderer Leute“, so eines er treffenden geflügelten Worte im Buch.

Wobei von vorne bis hinten, als hintergründiger roter Faden auch im Buch, gilt: „Das wirklich alarmierende ist ja nicht, dass es zu einem Crash gekommen ist, sondern gerade die Tatsache, dass niemand im Sektor die Risiken erkannt hat“.

Warum das so war, wie das aktuell so ist und was geändert werden könnte und was müsste, das liest der Leser mit hohem Interesse aus dem sehr flüssig und griffig dargestellten (und dennoch fundiertem) Buch mit hohem Informationsgewinn heraus.

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