Wie wir wurden und wer wir sind
Am Anfang steht eine einfache Beobachtung der letzten Jahrzehnte. Nach Beendigung des kalten Krieges war nicht nur die Welt im Taumel, sondern auch Reichholf sacht optimistisch, dass Liberalität, Freiheit, Kooperation, die Prinzipien der Menschenrechte (Freiheit sollte über die globale Vernetzung auch in autoritäre Systeme „einsickern“, was z.B. im „arabischen Frühling“ ja auch genauso geschah), insgesamt also „goldene Zeiten“ anbrechen würden.
„Das Erschrecken kam schnell“!
Umgehend lösten eine Vielzahl und in der Zahl sich ständig steigernde globale Konflikte den „kalten Krieg“ mehr als ab, bis hin zur Gegenwart, in der sich die „Weltmächte“ in verschiedenen, teils neuen Konstellationen in einer Weise gegenüberstehen, die einen umfassenden Krieg mit unabsehbaren Folgen wieder in gefährliche Reichweite haben gelangen lassen.
Aber warum ist das so? Und was folgt daraus?
Dem geht Reichholf Schritt für Schritt nach, „entzaubert“ dabei idealisierte Vorstellungen von „dem Menschen“, der eben keineswegs „edel und gut“ ist (und auch nicht, ehrlich gesagt nach der Lektüre des Buches) auch nur „werden könnte.
Denn zuallererst, so Reichholfs Setzung, ist der Mensch ein „biologisches Wesen“ und kein „Geist-Wesen“. Und auf dem Weg der (biologischen) Evolution ist die Entwicklung dieses Wesens durchaus klar zu erkennen und somit ist eines der Ergebnisse des Werkes, dass die Grundhaltung von Auseinandersetzung, Kampf um Ressourcen, Jagen und Sammeln und alles andere dazu über zigtausende von Jahren nicht „aufgelöst“, sondern sich jeweils bestmöglich den Zeiten nur „angepasst“ hat. Mithin, dass das, was Zivilisation genannt wird, nur eine Form der „Tünche“ über das Wesen des Menschen gelegt ist.
Mit drei Kernthesen, die Reichholf im Werk verfolgt, argumentiert und mit den Erkenntnissen der Evolutionsbiologie durchaus nachvollziehbar begründet.
Es gibt nicht „den Menschen“.
Die „Natur des Menschen“ ist wirkmächtiger als „der Geist des Menschen“ (wie Paulus schon treffend bemerkte: „Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach“. Und das Fleisch „gewinnt“. Weitgehend immer).
Die Gegenwart ist ohne die Vergangenheit nicht zu verstehen und daher kann und ist die Zukunft auf längere Sicht grundlegend nicht planbar.
Natürlich mag man anmerken, dass Reichholf als Zoologe ebenfalls nur eine subjektive Perspektive einnimmt (was er nicht bestreitet). Oder auch, dass manche Momente im Buch doch ein stückweit hergeholt oder in eine bestimmte Richtung argumentativ gezwungen werden, dennoch legt Reichholf eine zu bedenkende Sicht auf den Menschen vor, die über weite Strecken mehr dessen erklärt, was an auch destruktivem Verhalten im Kleinen und im Großen zu sehen ist, als es humanwissenschaftliche Betrachtungsweisen aktuell überzeugend zu fassen vermögen. Mitsamt der doch nicht breit bekannten Erkenntnis, dass die Evolution zwar ständig verändert bis in Gene hinein eingreift, dies sich aber ohne „größeren oder übergeordneten Plan“ vollzieht.
Das alles verfasst Reichholf in gut lesbarem, bildkräftigem Stil ohne ständige Abstraktionen. Mit Blicken auf das Wesen des Menschen, dass diesen erkennbar werden lässt. Aber eher nicht in „guter“ Richtung, sondern im Gegenteil. Was den Menschen unter anderem von so gut wie allen Bereichen der Tierwelt unterscheidet (mit Ausnahmen, schaut man manche „Affen-Spiele“ mit kleineren Tieren an). Denn Töten, Morden, Foltern, all jene Unmenschlichkeiten, die täglich und überall sich Bahn brechen, sobald Menschen unter Druck stehen oder es einfach „können“ (für den Augenblick „straflos“), sind tatsächlich „einmalig“.
Doch das alles ist am Ende nicht hoffnungslos. Sondern, wie so gut wie alles, ja durchaus veränderbar.
Wäre da nicht die Neigung, ebenfalls aus evolutionärer Entwicklung und beruhend auf dem starken „natürlichen“ Drang, „Dazuzugehören“ und in dieser Hinsicht manipulierbar zu sein, fundamentalistische, jede auf sich die komplexe Welt vereinfachende, „Religionen und Ideologien“ von Beginn der kulturellen Entwicklung der Menschheit an schon (und bis heute ungebrochen) federführend gewesen.
Eine hochinteressante Lektüre.





















