Jáchymov

von Josef Haslinger 
4,2 Sterne bei18 Bewertungen
Jáchymov
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Auch Sportler sind vor der Rache des Systems nicht gefeit

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Die beklemmende Suche einer Tochter nach dem Schicksal ihres Vaters

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Inhaltsangabe zu "Jáchymov"

Sie begegnen sich zufällig: der Verleger und die Tänzerin. Er sucht Heilung im alten Kurhotel von Jáchymov und stößt dabei auf das Grauen dieses Ortes. Die Tänzerin beginnt ihm eine Geschichte zu erzählen, die sie ihr Leben lang begleitet hat. Es ist die Tragödie ihres Vaters. Als Eishockeytorwart der tschechoslowakischen Nationalmannschaft seit den 1930er Jahren ein Star, glaubte er, seine Erfolge würden ihn vor der Willkürherrschaft des kommunistischen Regimes schützen. Dann wurde er verhaftet. Man deportierte ihn unter anderem in die Arbeitslager von Jáchymov, einem Uranbergwerk in einem Tal des Erzgebirges. Nach fünf Jahren wird er amnestiert und als Todkranker entlassen. Seiner Familie bleibt nichts, als ihm beim langsamen Sterben zuzusehen. Die Tochter wird zur Chronistin einer ungewissen Erinnerung, der sie nicht mehr entkommen kann.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783596186525
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:272 Seiten
Verlag:FISCHER Taschenbuch
Erscheinungsdatum:13.12.2012

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    WinfriedStanzickvor 6 Jahren
    Rezension zu "Jáchymov: Roman" von Josef Haslinger

    Er heißt Anselm Findeisen (ein Name der auch von Martin Walser stammen könnte) und er ist Verleger. Er leidet unter fortschreitendem Morbus Bechterew und wird von seinem alkoholkranken Arzt Dr. Wachsmann zu einer Kur in das tschechische Radonbad Jachymov geschickt. Dort begegnet er im alten Kurhotel einer Frau, die in dem Roman fortan "die Tänzerin" genannt wird. Sie erzählt ihm von der dunklen und verbrecherischen Geschichte dieses Ortes, an dem während der kommunistischen Diktatur nach dem Krieg Tausende von politischen Gefangenen zur Zwangsarbeit verurteilt waren dabei starben oder, vor der Strahlung ungeschätzt, ihre Gesundheit ruinierten. Der Vater der Tänzerin, ein tschechischer Eishockeystar, der schon vor dem Krieg und auch danach als Nationaltorwart Welt- und Europameisterschaften gewann, hatte, nachdem er politisch in Ungnade gefallen war, lange Zeit dort in den Stollen arbeiten müssen.

    Anselm Findeisen ist von der Geschichte der Tänzerin sehr berührt, zumal sie ihn dazu zwingt, eigene Erfahrungen in der DDR zu reflektieren, bevor er floh und will sie davon überzeugen, ihre Geschichte aufzuschreiben, damit er sie veröffentlichen kann. Die Tänzerin ist zurückhaltend, doch der Leser weiß schon bald, dass sie an einem solchen Manuskript schreibt, denn Haslinger fügt es immer wieder in die aktuelle Handlung ein.

    Und so wird die Lebensgeschichte von Bohumil Modry erzählt, dem berühmten und in der Bevölkerung vor und nach dem Krieg beliebten Torwart der tschechischen Eishockeynationalmannschaft. Es ist nicht nur eine Geschichte des tschechischen Eishockeys, sondern vor allem eine literarische Abrechnung mit einem unterdrückerischen System, das nicht nur in der CSSR Menschen in Lager steckte, die in ihrer Unmenschlichkeit den Lagern der zuvor besiegten Nazis nicht nachstanden.

    Man spürt dem Roman auf fast jeder Seite ab, dass Josef Haslinger hier eine authentische und wahre Geschichte erzählt, die ihm die leibliche Tochter Bohumil Modrys schon vor vielen Jahren erzählt hat, als er sie traf. Es ist ein Roman, der berührt, der wütend macht und der zeigt, dass die literarische Auseinandersetzung mit den diktatorischen Regimes des 20. Jahrhunderts noch lange nicht zu Ende ist. Warum viele Schriftsteller in der letzten Zeit nicht mehr mit der Kennzeichnung wörtlicher Rede arbeiten und ihre Lektoren ihnen das durchgehen lassen, bleibt mir allerdings unverständlich.

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    rkuehnes avatar
    rkuehnevor 6 Jahren
    Rezension zu "Jáchymov" von Josef Haslinger

    Ich konnte mich lange nicht entscheiden, ob ich hier nun 3 oder 4 Sterne geben soll, rein vom literarischen bin ich eher zur 3 tendiert, vom Erkenntnisgewinn eher zur vier und am Ende hab ich dann fünfe Grade sein lassen.

    Obwohl in der DDR aufgewachsen und in Nachwendezeiten von allen Seiten mit allerlei totalitaristischen Unmöglichkeiten konfrontiert, hab ich doch bisher nie was von der tschechoslowakischen Diktatur, ihrer Willkür und Brutalität gehört. Obwohl das Land so nah liegt, ging ich bisher nicht davon aus, dass es in Prag in den Nachkriegsjahren so brutal zuging. Für diese „Weiterbildung“, Herr Haslinger, vielen Dank.

    Ansonsten ist „Jáchymov“ eine, wie ich finde würdige Sportlerbiografie, eine Liebeserklärung an das Eishockey und mit ihr mal wieder an den Torwart, der wohl sportartübergreifend die literarisch am meisten interessante Figur zu sein scheint. Die Form, die Haslinger wählt, die Tochter des Eishockeytorwarts Bohumil Modrý alles erzählen zu lassen, ergänzt von den Geschichten, in denen sie sich nach seinem Tod zu ihrem Vater schrieb ist legitim, lässt manchmal ein wenig die Stringenz fehlen und erlaubt dem Leser so manche Abschweifung. Trotzdem: Ein lesenswertes Buch.

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    Frau_Hemingways avatar
    Frau_Hemingwayvor 6 Jahren
    Rezension zu "Jáchymov" von Josef Haslinger

    Seit ungefähr 2 Jahren beschäftige ich mich näher mit dem Thema Jachymov und dem Uranabbau. Und da war ich ganz gespannt die Thematik in einem Roman lesen zu können. Leider enttäuschte mich die Umsetzung etwas, manche Kapitel zogen sich unnötig in die Länge, es gab auch keinerlei neuen Zusammenhänge für mich. Da Herr Haslinger lediglich mir schon bekannte Quellen verwendete. Für jemanden, der sich nicht sehr mit der Materie auskennt, gibt es sicherlich Denkanstöße. Aber für mich war der Roman nur durchschnittlich..

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    goldmaries avatar
    goldmarievor 7 Jahren
    Rezension zu "Jáchymov" von Josef Haslinger

    Eine zufällige Begegnung im alten Kurhotel von Jáchymov bringt eine grausame Vergangenheit ans Licht: Blanka Modra, Tochter des Eishockeystars Bohumil Modry, erzählt dem Verleger Anselm Findeisen die Lebensgeschichte ihres Vaters. In den 1950er Jahren holt der Torwart mit der tschechischen Eishockey-Nationalmannschaft zwei Weltmeistertitel und eine olympische Silbermedaille. Wenige Jahre später wird er vom kommunistischen Regime verhaftet, des Hochverrats beschuldigt, verurteilt und ins Arbeitslager von Jáchymov gebracht, wo er zum Uranabbau in den Minen gezwungen wird. Modry stirbt letztlich an den Folgen der Verstrahlung – nur wenige Jahre nachdem er schließlich zu seiner Frau und seinen Kindern zurückgekehrt ist.

    Jáchymov erzählt von der Hilflosigkeit einer tschechischen Familie vor der politischen Willkür eines kommunistischen Regimes, von der Machtlosigkeit des Einzelnen, von Wut, Angst, Hoffnung und Verlust. Josef Haslinger arbeitet in seinem neuen Roman eine wahre Begebenheit auf: die Geschichte einer Tochter, die das Schicksal ihres Vaters und die Erinnerung daran nicht loslassen.
    Ein weiteres interessantes Thema, das in Jáchymov aufgearbeitet wird, ist die Erkrankung des Verlegers Findeisen: Morbus Bechterew, eine rheumatische Wirbelsäulenerkrankung, die den Bewegungsapparat stark einschränkt. Die Kur des Verlegers im ehemaligen Jáchymov ist ein guter und schlüssiger Ausgangspunkt für die Geschichte.
    Der Roman ist interessant erzählt und weist trotz der berichtähnlichen, sachlichen Sprache keine Längen auf. Einzig die traumhaften Sequenzen der Tänzerin empfand ich zum Teil als verwirrend und konnte den Bezug zur Geschichte nicht ganz herstellen. Lieber hätte ich noch mehr über ihre Persönlichkeit erfahren und davon, wie das Leben ihres Vaters ihr eigenes geprägt hat. Außerdem ist es mir ein Rätsel, warum viele Autoren / Verlage meinen, eine direkte Rede nicht als solche kennzeichnen zu müssen. Das erschwert den Lesefluss enorm!

    Abgesehen davon: Ein gelungenes Buch, das schockierende, vergessene Ereignisse mit einem sensiblen Roman verknüpft.

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    WinfriedStanzickvor 7 Jahren
    Rezension zu "Jáchymov" von Josef Haslinger

    Er heißt Anselm Findeisen (ein Name der auch von Martin Walser stammen könnte) und er ist Verleger. Er leidet unter fortschreitendem Morbus Bechterew und wird von seinem alkoholkranken Arzt Dr. Wachsmann zu einer Kur in das tschechische Radonbad Jachymov geschickt. Dort begegnet er im alten Kurhotel einer Frau, die in dem Roman fortan „die Tänzerin“ genannt wird. Sie erzählt ihm von der dunklen und verbrecherischen Geschichte dieses Ortes, an dem während der kommunistischen Diktatur nach dem Krieg Tausende von politischen Gefangenen zur Zwangsarbeit verurteilt waren dabei starben oder, vor der Strahlung ungeschätzt, ihre Gesundheit ruinierten. Der Vater der Tänzerin, ein tschechischer Eishockeystar, der schon vor dem Krieg und auch danach als Nationaltorwart Welt- und Europameisterschaften gewann, hatte, nachdem er politisch in Ungnade gefallen war, lange Zeit dort in den Stollen arbeiten müssen.

    Anselm Findeisen ist von der Geschichte der Tänzerin sehr berührt, zumal sie ihn dazu zwingt, eigene Erfahrungen in der DDR zu reflektieren, bevor er floh und will sie davon überzeugen, ihre Geschichte aufzuschreiben, damit er sie veröffentlichen kann. Die Tänzerin ist zurückhaltend, doch der Leser weiß schon bald, dass sie an einem solchen Manuskript schreibt, denn Haslinger fügt es immer wieder in die aktuelle Handlung ein.

    Und so wird die Lebensgeschichte von Bohumil Modry erzählt, dem berühmten und in der Bevölkerung vor und nach dem Krieg beliebten Torwart der tschechischen Eishockeynationalmannschaft. Es ist nicht nur eine Geschichte des tschechischen Eishockeys, sondern vor allem eine literarische Abrechnung mit einem unterdrückerischen System, das nicht nur in der CSSR Menschen in Lager steckte, die in ihrer Unmenschlichkeit den Lagern der zuvor besiegten Nazis nicht nachstanden.

    Man spürt dem Roman auf fast jeder Seite ab, dass Josef Haslinger hier eine authentische und wahre Geschichte erzählt, die ihm die leibliche Tochter Bohumil Modrys schon vor vielen Jahren erzählt hat, als er sie traf. Es ist ein Roman, der berührt, der wütend macht und der zeigt, dass die literarische Auseinandersetzung mit den diktatorischen Regimes des 20. Jahrhunderts noch lange nicht zu Ende ist. Warum viele Schriftsteller in der letzten Zeit nicht mehr mit der Kennzeichnung wörtlicher Rede arbeiten und ihre Lektoren ihnen das durchgehen lassen, bleibt mir allerdings unverständlich.

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    Bellis-Perenniss avatar
    Bellis-Perennisvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Auch Sportler sind vor der Rache des Systems nicht gefeit
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    Bellis-Perenniss avatar
    Bellis-Perennisvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Die beklemmende Suche einer Tochter nach dem Schicksal ihres Vaters
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    hannipalannivor 4 Jahren
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    Anja_Levvor 4 Jahren
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    Maldororvor 4 Jahren

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